| "Eine Schamschranke, doch, die musste
ich überwinden" Gespräch mit Doris Kunstmann |
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| Blondes Haar und die Stimme wie angerauhter
Samt. Das gehört zu Doris Kunstmann. Wie Schleierblick, tot-chices Outfit
und die träge Eleganz der Bewegung. Nur die Fingernägel passen nicht. Die
sind an diesem Tag wie Klauen, dick lila lackiert, dazu mit kleinen glitzernden
Silbersternchen darin. Und sie steckt sie rasch weg: "Gucken Sie nicht hin!
Die kommen morgen weg. So gehören sie noch zu meiner Rolle" - die der Andrea
in "Meine beste Feindin". Diese Andrea ist rauh und ein bisschen vulgär und immerzu schlagfertig. Die unterhält einen Bums irgendwo auf dem Kiez und steht dort in gewaltigen Fummeln auf der Bühne, singt im Takt des Mädchens von Piräus "Ich bin die Schlampe von St. Pauli". Und eine große Liebe hat sie auch, neun Jahre nun schon, und dass er verheiratet ist, na und? Irgendwann wird er schon kommen, so sicher wie das Schiff im Piräus-Song der Mercouri. Er kommt nicht. Er ist tot. Statt seiner erscheint seine Witwe Johanna, und in der stürzen gleich zwei Welten zusammen. Nicht nur, dass der Entschlafene sie betrog, nein, seine Mätresse ist nicht einmal eine Frau. Andrea, die Schöne dort vom Kiez in ihrer wogenden Glitzerpracht: Die ist ein Mann. "Mein Horst war doch nicht schwul!" kann Johanna gerade noch stammeln. War er auch nicht. Hatte Andrea immer für eine Frau gehalten. Und das ist sie in gewisser Hinsicht auch. Ein im falschen Körper geborenes Wesen, das sich nichts sehnlicher wünscht, als endlich in den "richtigen" Leib zu schlüpfen. "transsexuell" nennt man das wohl. "Ich hätte nie gedacht, einmal als transe besetzt zu werden", lacht Doris Kunstmann. Und eine kleine Schamgrenze, nun ja, "die hatte ich schon zu überwinden." Obwohl sie schon einmal ein Mann gewesen ist. Damals in den 70-ern in der Verfilmung des Carl Sternheim-Dramas "Oscar Wilde" als Freund der schwulen Dichterdiva, und die bildhübsche Doris Kunstmann hatte sich in einen bildhübschen Burschen verwandelt. Goldener Lockenkopf, Bärtchen, knabenhaft schlaksiger Gang. Diesmal hatte sie das nicht nötig gehabt. Denn diese Andrea hier "ist schon so sehr Frau, dass sie alles auch nur angedeutet Männliche längst abgelegt hat." Das Schicksal transsexueller hat sie berührt, sie hat alles darüber gelesen, sich Filme angesehen, war im Hamburger travestie-Dorado "Pulverfass", und einige transsexuelle waren auch am Set gewesen, einer hatte gesagt: "Was du da sprechen musst in deiner Rolle, könnte wörtlich von mir stammen." Und sie weiß von einem in allen standesamtlichen Ehren getrauten, seit Jahrzehnten miteinander in Liebe verbundenen Ehepaar, wo "er" eine Frau ist, eigentlich, und nur den einen Wunsch hat, einmal als Frau zu sterben: "Sowas rührt einen doch stark an. Das hat doch sowas wie Tragik." Genauso wie in ihrem Film. Doch der ist nebenbei auch heiter, eine Komödie, und für Doris Kunstmann "einfach ein Riesenspaß". Denn solche Rollen liebt sie. Wo sie komisch sein kann und ein bisschen deftig, der Clown und voll Lust an der Verwandlung wie schon in Internatstagen, wo Mit-Zögling und beste Freundin Christiane Krüger, Tochter vom blonden Hardy, mit backfischhaftem Zartgefühl unkte: "Für eine Schauspielerin bist du viel zu langweilig." Doris Kunstmann ist es dennoch geworden. Mit einem Weg voller Höhen und gelegentlichen Tiefen und allen Chancen für eine Weltkarriere, nachdem sie erstmal an der Seite von Alec Guiness als Hitler die Eva Braun in "Die letzten zehn Tage" gewesen war. Doch mit dem internationalen Aufstieg wollte es denn doch nicht richtig klappen. Sohn Marc wurde geboren, "zwei große Filme musste ich absagen", und nach Amerika "wäre ich sowieso nie gegangen". Zu deutsch ist sie dafür, zu häuslich auch, gern daheim, die gute Köchin, leidenschaftliche Gastgeberin, mit großer Liebe zu Natur, Blumen, Katzen und Hunden. Das Tourneegeschäft ist seit den 80ern ihre künstlerische Heimat geworden. Viele hundert Mal hat sie dort Hauptmanns Rose Bernd, die Elektra in Sartres "Fliegen", zuletzt die Callas in "Meisterklasse" gespielt. Anstrengend ist das, wenn auch sehr lukrativ. Doch hinderlich fürs Fernsehgeschäft: "Die besten Angebote kommen oft sehr plötzlich, und eine Tournee liegt immer schon zwei Jahre vorher fest." Also hat sie es denn fast wie ein Geschenk genommen, zwischen zwei Stationen ihrer "Meisterklasse"-Tournee diese "Beste Feindin" einschieben zu können, "eine so schöne Rolle in einem schönen Film." Sie stockt kurz: "Ich hoffe jedenfalls, dass er schön geworden ist". Dreimal klopft die Hand mit den Silberklauen aufs Holz. Denn ein bisschen abergläubisch ist sie auch. © 2000 NDR Presse; Paul Barz zurück zu "Meine beste Feindin" |
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