"Vom Roman zur Rolle (vorwärts) für Mariele Millowitsch"
(ZDF Redaktion Fernsehspiel, 01.03.05)
 
"Roos war tot, und ich wusste nicht, was ich anziehen sollte. Wenn es doch Winter wäre, dachte ich, dann würde ich meinen schwarzen Mantel anziehen. Wer stirbt denn auch im Sommer?", so lauten die ersten, geheimnisvoll-heiteren Sätze von Maarten 't Harts besonderem Roman "Die Sonnenuhr oder Das geheime Leben meiner Freundin Roos", der 2002 im niederländischen Original und bereits 2003 in deutscher Übersetzung (Arche Verlag) erschien.

Es sind bekanntlich nicht die schlechtesten Filme, die sich einer begeisterten Lektüre verdanken. In diesem Fall - es gibt eben doch keine Zufälle! - war die Leserin niemand Geringeres als die leidenschaftlichste und sympathischste ZDF-Fachfrau für Lektürefragen, Elke Heidenreich ("Lesen!"). Aber noch bevor sie ihr begeistertes Lob der Qualitäten dieses Romans in ihrer Sendung vor einem Millionen-Publikum ausbreiten konnte, erzählte sie ihrer Freundin und Kölner Nachbarin Mariele Millowitsch von dem Lesevergnügen der besonderen Art.
Die Schauspielerin tat wie ihr geheißen, las das Wertin einem Zug, war begeistert und entdeckte darin noch etwas Neues, das selbst ihrer befreundeten Literaturexpertin entgangen war - einen guten Filmstoff. Und das Beste dabei: in dessen Mitte funkelte eine große, schöne und ungewöhnliche Hauptrolle, wie geschaffen für eine Schauspielerin wie Mariele Millowitsch.

Bis zu diesem Punkt gelangen manche Lesevergnügen mit traumwandlerischer Sicherheit, um dann viel zu oft an den nüchternen Realitäten der Frage nach den Rechten für die Verfilmung des Stoffes zu zerschellen. Auch hier standen die Chancen nicht gerade gut, denn der Autor Maarten t' Hart war schon lange kein Geheimtipp mehr, sondern - spätestens seit seinem famosen Roman "Das Wüten der ganzen Welt" - ein in viele Sprachen übersetzter Erfolgsautor, der, was ja selten ist, stets auch noch hohe Auflagen mit wunderbaren Kritiken vereinte.
Und das Schlimmste: von ihm war wohl bekannt, dass er Verfilmungen seiner Romane sehr kritisch bis ablehnend gegenübersteht. Ein kleines Wunder also, dass die literaturliebende und -kennende Hamburger Network Movie Produzentin und Ex-Rowohlt-Lektorin Jutta Lieck-Klenke, die von Mariele Millowitsch gezielt auf den Roman angesprochen wurde, dann relativ mühelos die Verfilmungsrechte für das ZDF erwerben konnte.

Was wie ein Happy-End klingen mag, markiert für unsere Arbeit im Auftrag der Verfilmung allerdings erst den Anfang: denn nun stellte sich die Frage, wer aus einem mitreißenden über dreihundertseitigem Roman, der von skurillen Parodien, wunderbaren Beschreibungen und seiner Genremixtur lebt, ein dramturgisch funktionierendes Drehbuch für einen genau neunzigminütigen Film macht? Un geht das überhaupt? Antwort: Die kreative Schweizer (erste!) Garde musste ran! Die Eidgenossen Walter Weber und Charles Lewinsky bauten die vielfältige Struktur für ein anspruchsvolles Fernsehpublikum um und fanden den richtigen Dialog-Ton zwischen Krimi, Geheimnis und hintergründiger Komödie.
Und Walter Weber, der sich als Autor und Regisseur in der Komödie und im Krimi zuhause fühlt, übernahm auch die sensible Regie - ihm ist zu verdanken, dass sich der Film auch in der Umsetzung zwei Besonderheiten bewahrt hat, der sich auf den ersten, flüchtigen Blick vielleicht ausschließen könnten: es ist ein veritabler Maarten 't Hart-Film und ein wunderschöner Mariele-Millowitsch-Film gleichzeitig geworden.

Ohne, dass die beiden sich je begegnet sind, könnte man fast von einer Wahlverwandtschaft zwischen der beliebten Schauspielerin und dem Romanautor sprechen. Beide, 't Hart und Millowitsch, lassen sich nicht in das beliebte deutsche Raster der Unterscheidung zwischen E und U stecken. Beide wollen in erster Linie ihr geneigtes Publikum unterhalten und zufrieden stellen und sind sich nicht zu schade, dafür hart zu arbeiten. Dass in dem, was sie auf diesem Weg erarbeiten, immer auch ein Stück große Kunst liegt, ist kein Selbstzweck, sondern ein schöner Nebeneffekt - nicht mehr und nicht weniger.
Deshalb empfindet Mariele Millowitsch, die doch so treffende Bezeichnung "Volksschauspielerin" auch wie eine besondere Auszeichnung - als berühmte Tochter eines berühmten Vaters, der dieses Wort für sein Publikum lange Zeit verkörperte, weiß sie nämlich um den hohen Respekt vor der Kunst, die in diesen Begriff eingearbeitet ist. Ihr erster feiner Instinkt bei der Lektüre trog sie nicht: die Rolle der wunderbar feinsinnigen Leonie aus diesem Roman, eine überforderte Alleinerbin dreier Katzen, konnte ihr passgenau auf den Leib geschrieben werden...

© 2005 ZDF; Daniel Blum
   
Ausschnitt aus dem Interview mit Jürgen Vogel
   
Wie war die Zusammenarbeit mit Mariele Millowitsch?
Wir hatten vorher noch nie zusammen gearbeitet und es war Klasse. Sie ist ein sehr netter, angenehmer, toller Mensch.

© 2005 ZDF; Claudia Maxelon