| Geduld und Ruhe fernab der Großstadt RTL geht für die Dreharbeiten zu einem Psychothriller in die Provinz (Teleschau, 2002) |
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| Früher brauchten Krimis großstädtisches Ambiente.
Psychothriller sowieso. In Berlin, Köln und selbst im vergleichsweise
beschaulichen München ließen sich Morde besser und spektakulärer
durchführen und aufklären als in Hintertupfing. Das hat sich ganz
offensichtlich geändert. Die Gründe dafür scheinen vielfältig.
Zum einen sind sie finanzieller Natur - auf dem Land ist der Dreh billiger
als in der Stadt, das beginnt schon bei den Hotelkosten für die Crew.
Aber man brauchte einfach auch mal etwas Neues, der Hamburger Hafen musste
schon für viele Filme als Kulisse herhalten. Das wird mit der Zeit
langweilig. Für den RTL-Thriller "Die Stimmen" suchte die
Produktionsfirma Engram Pictures etwas Originelleres - und wurde fündig.
Der Weg zu den Dreharbeiten führt von München über Rosenheim in das winzige Örtchen Neubeuern am Inn. Dort den Berg rauf. Weit rauf. Durch viel Grün und auf einer engen Straße. Oben angekommen, steht man vor einem alten Schloss. Schloss Neubeuern eben, das 1925 in ein Internat umgewandelt wurde. Es ist die Idylle pur. Vom Internats-eigenen Garten, der eher einem Park gleicht, blickt man bei gutem Wetter bis zu den Alpen. Heute ist gutes Wetter. Aber alles wirkt auch ein bisschen verschlafen. Hier passiert nicht viel. Es sei denn, RTL kommt vorbei. Dann geschieht ein Mord. Die Geschichte des Films stammt aus der Feder der Romanautorin Christa von Bernuth und wird von Rainer Matsutani ("666 - traue keinem, mit dem du schläfst") inszeniert. Im Mittelpunkt der Story stehen Ermittlungen rund um ein über Jahrzehnte ungesühntes Verbrechen, dem zwei Kommissare (Mariele Millowitsch und Max von Thun) auf den Grund gehen. Es sei eine "sehr dichte, komplexe Handlung, die aus drei Ebenen erzählt wird", erklärt der Regisseur, der Schauspieler, Komparsen und Techniker am Set gleichermaßen mit Anweisungen und konstruktiver Kritik betreut und dabei sehr konzentriert wirkt. "Es ist selten genug, dass RTL sich traut, so einen Film zu drehen." Das Publikum sei inzwischen stark an massentauglichen und damit seiner Meinung nach eher langweiligen Produktionen interessiert. Allein die Tatsache, dass Matsutani die Akteure einer 30-Sekunden-Szene mindestens zehn Mal proben und drehen lässt, zeigt, dass hier ein Perfektionist und Verfechter des Besonderen am Werk ist. Er ist erst dann zufrieden, wenn jeder Schritt, jede Einstellung, jeder Ton so kommt, wie er es gerne hätte. Und das kann dauern. Laut wird er dabei nie. Wer ungeduldig ist, scheint fehl am Platz. Filme machen heißt auch warten können. Auf den nächsten Einsatz, die nächste Pause. Auch auf das heiß ersehnte Mittagessen, das dann stattfinden kann, wenn der Chef mit der Arbeit fertig ist. Besonders die jungen Schauspieler wie Ludwig Blochberger ("Die Manns") stürzen dann die knarrenden Internatstreppen hinunter in den Speisesaal. Hauptdarstellerin Mariele Millowitsch nutzt die freie Zeit, um sich ihrem Dackel Hans-Günther zu widmen. "Hier ist es natürlich besonders nett, auch für Hunde", erklärt sie, die sich über ihre erste Zusammenarbeit mit Matsutani freut. "Ich mag diese schrägen Sachen, die er macht, sehr gerne." RTL plant eine Ausstrahlung des Films für 2003. An der Wahl der Location war Matsutani übrigens nicht ganz unbeteiligt, verrät er und gesteht, dass sie so ganz neu denn auch gar nicht mehr sei. Sequenzen aus dem Kinofilm "Crazy" wurden auch schon auf Schloss Neubeuern gedreht, und die gefielen ihm sehr gut. "Allerdings", so berichtet Matsutani, "hatten viele andere Internate, die wir in die engere Wahl genommen hatten, nicht zuletzt wegen der Ereignisse in Erfurt auch Bedenken, ihre Schule in einem Zusammenhang mit Mord und Vergewaltigung zu sehen, auch wenn es ihn nur im Film gibt." © 2002 Teleschau; Stefanie Thyssen |