| "Ich bin eben ein Spätzünder" (Brigitte, Dezember 1995) |
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| Sie hat Tiermedizin studiert und einige Krisen überwinden
müssen, bis sie sich endgültig für die Schauspielerei entschieden
hat. Mit 40 Jahren ist die Tochter des Kölschen Originals Willy Millowitsch
jetzt erstmals in einer großen Fernseh-Rolle zu sehen. Claudia Hinkhofer
traf sie bei den Dreharbeiten zu "girl friends" in Hamburg. Vor 33 Jahren stand sie zum ersten Mal auf der Bühne, und den Text kann sie noch heute auswendig: "Der Ewert, der Pott, der Regh, der Benthaus, Wilden, Sturm, Thielen, Schäfer, Müller, Overrath, Hornig." Wie bitte? Es handelt sich um die Mannschaft des 1.FC Köln im Jahre 1962. Damals war das Mariele sieben Jahre alt und spielte in dem Schwank "Drei Kölsche Jungs" - natürlich im Theater ihres Vaters Willy Millowitsch. Klein und dick soll sie auf der Bühne gestanden und ihre Sätze ins Publikum trompetet haben. "Von dieser Unbekümmertheit hätte ich gerne was zurück", sinniert sie. "Heute habe ich vor jedem Auftritt Lampenfieber. Je älter man wird, desto mehr denkt man darüber nach, was man da eigentlich macht und wie sehr man sich blamieren kann." Von Blamage kann bislang bei Mariele Millowitsch nicht die Rede sein. Außer das sie mal bei einer Anmoderation einer Show ihren ganzen Text vergessen hatte und kein Wort über die Lippen brachte. Aus "dem" Mariele, Vaters kleinster Tochter, ist "die" Mariele geworden. Sie hat lange Theater gespielt, Shows moderiert ("Techtelmechtel" und "Stargeflüster" im WDR), und jetzt kommt sie im Fernsehen groß raus: Hauptrolle in der neuen Serie "girl friends", die am zweiten Weihnachtstag im ZDF anläuft und dann 24 Wochen lang jeden Dienstag gesendet wird. Die Dreharbeiten dauern noch an. |
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Bei "girl friends" geht es um Freundinnen, ums Büro, um ein Hotel, um Liebe, Karriere und Konkurrenz. Und vor allem um Marie Malek, Angestellte aus dem Provinznest Hitzacker, die einen Neuanfang in Hamburg wagt. Die Geschichte ist unterhaltend, es macht Spaß zuzusehen - wenn auch am Anfang das Sekretärinnen- Klischee (hohe Absätze, kurzer Rock, Karriere übers Bett und jede Menge Mobbing) etwas ausgewalzt ist. |
| Es ist Mariele Millowitschs erste große TV- Rolle.
Komisch nicht? In der Branche, in der "neue Gesichter"- jedenfalls die weiblichen
- in der Regel Anfang 20 und nicht Ende 30 sind? "Ich bin eben ein Spätzünder",
sagt sie und sieht darin vor allem die Vorteile. "Die Kollegen, die von
null auf hundert geschossen werden, kriegen Schwierigkeiten. Was ich bis
jetzt gelernt und erlebt habe, damit kann ich arbeiten. Das macht ja vielleicht
eine andere Qualität aus, eine Sensibilität den Figuren gegenüber.
Meine ganzen Krisen und Umwege waren richtig." Krisen in ihrer Schauspielerkarriere tauchten alle paar Jahre auf. Sie beschreibt sie mit Formulierungen wie "Da war Chaos in mir" oder "Ich war in Panik" oder "Ich hatte das Gefühl, ich stehe auf der Stelle - da musste was passieren". Dann hat sie immer die Flucht angetreten. Das erstemal nach dem Abitur, das sie "nach ein paar Ehrenrunden" mit Notendurchschnitt 3,4 absolvierte. Da sollte sie zum Schauspielunterricht aufs Mozarteum nach Salzburg. Ihr Bruder Peter war schon in Vaters Fußstapfen getreten ("dem blieb gar nichts anderes übrig als einziger Sohn"), die beiden älteren Schwestern, Susanne und Katarina, waren Buchhändlerin und Lehrerin geworden. "Es heißt ja immer, zum Theater brennt man durch. Aber wenn man mit dem Theater großgeworden ist, dann ist die Flucht in die andere Richtung nur konsequent". Mariele Millowitsch studierte Tiermedizin. Erst bis zum Physikum. Dann brach das Theatervirus wieder aus. Dann wieder Tiermedizin. Während des Staatsexamens rief der Kabarettist Kay Lorentz an, Chef des Düsseldorfer Kom(m)ödchens. "Ich war gerade dabei, Knoten für Geburtsstricke zu üben. Ich wußte erst gar nicht, wer das ist, und dachte immer nur an den mit den Gänsen, Konrad Lorenz...". Nach zwei schlaflosen Nächten sagte sie zu und machte Kabarett. Bis zur nächsten Krise. "Da war dann die Doktorarbeit der rettende Strohhalm. Perkutane partielle Disketomie beim Bandscheibenvorfall des Dackels. Irgendwie dachte ich immer, wenn du den Doktor hast, wirst du nicht an der Kasse bei Woolworth landen." Wir haben uns in einem Lokal für das gehobene Hamburg- Eppendorfer Publikum verabredet, gleich um die Ecke der Wohnung, in der sie während der Dreharbeiten für "Girlfriends" zur Untermiete lebt. Sie trägt einen schwarzen Chenillepulli, einen langen schmalen grauen Rock, flache schwarze Schuhe, Jeansjacke, dezente Goldkette. Wenn ihr Werdegang nicht der beste Beweis wäre, es fiele schwer, der Frau Dr. Millowitsch mit der dynamischen Kurzhaarfrisur ihre Zerrissenheit und Zauderlichkeit abzunehmen. Denn eigentlich wirkt Mariele Millowitsch ganz anders: gradlinig, schlagfertig und dazu auch noch unglaublich nett. dass sie fünf Minuten zu spät gekommen ist, ist ihr "wahnsinnig peinlich". Als ein Kellner ihr ein großes Glas Apfelsaftschorle bringt, versichert sie ihm mit dankbaren Augen, das sei ihre Rettung. Sie bestellt nicht einfach - sie würde sich "über ein Steak mit Salat sehr freuen". Sie erzählt von den Dreharbeiten. Und die Worte, die sie für ihre Kollegen findet, reichen von "entzückend" über "Gott sei Dank sehr appetitlich" (das gilt für die Männer, von denen sie im Laufe der Handlung etliche zu küssen hat) bis "zauberhaft". Vier Tage später sehe ich bei Dreharbeiten zu, in einer Wohnung im fünften Stock am Hafen. Eineinhalb Stunden Zeit zum Schminken und Frisieren, acht Proben und sechs Aufnahmen für eine Dialogszene, die 30 Sekunden dauern wird. Regisseurin Christine Kabisch und ihr Team arbeiten ruhig, konzentriert und freundlich - bis plötzlich die Stimmung explodiert: Die Kostüm- Leute haben die falschen Ohrringe herausgesucht, jetzt paßt der Anschluß an die nächste Szene (die schon vor Wochen im Freien gedreht wurde) nicht mehr. Die ganze Arbeit noch mal? "Ich kann schon verstehen, dass die Christine sich ärgert", sagt Mariele sanft, mit warmem Blick aus ihren grünbraunen Augen. Und sie? Sie hat für gelegentliche Wutausbrüche in ihrem Haus in Köln einen Sandsack im Keller, und manchmal fliegt auch eine Tasse an die Wand. "Ich kann schon Wut ablassen - aber nie an Menschen. Vielleicht bin ich instinktiv so harmoniesüchtig, weil ich das Echo nicht vertragen würde. Ich könnte es nicht aushalten, wenn jemand dann denkt: Mein Gott, ist die zickig." Jemanden vor Publikum bloßzustellen, "das finde ich so was von kacke. Ich denke dann immer: wie würde ich mich an seiner Stelle fühlen - und dann ist mir der Mund wie zugenäht." Eine Charaktereigenschaft, die sie nicht von ihrem Vater haben kann. Willy Millowitsch ist auch im hohen Alter noch berüchtigt für seine emotionalen Ausbrüche. "Der geht in die Luft, brüllt die Leute an, der platzt, wenn er will und wenn er kann. Ich hab’ mich wegen Vaters Impulsivität oft in Grund und Boden geschämt." |
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| Nicht einfach, als Tochter eines Schauspielers und Patriarchen
aufzuwachsen, der in seiner Heimat den Rang eines Wahrzeichens hat, wie
der Dom, der Karneval und das Kölnisch Wasser. Mariele Millowitsch spricht
sachlich über ihn, auch kritisch, aber nie nachtragend. "Ich verbinde aus
meiner Kindheit wenig mit ihm, dazu war er zu selten da." Als sie eine Zeitlang zusammen mit ihrer Schwester Katarina Theater spielte, und das auch noch ganz in der Nähe von Vaters Bühne - " da fand er das nicht wirklich toll. Den Erfolg hat er uns wohl nicht geneidet. Aber das wir nicht bei IHM auf der Bühne standen, das hat ihm wohl gestunken". Der Name Millowitsch ist ihr jedenfalls genausoviel Hilfe wie Last gewesen. "Ich hatte sicher Vorteile, weil die Leute einfach neugierig auf mich waren. Andererseits habe ich mir selber Druck gemacht: Wenn ich schon so heiße, muss ich auch besonders gut sein." Manche Rolle hat sie trotzdem nicht bekommen - gerade wegen des Namens; da denken viele eben nur an Kölschen Frohsinn und volkstümliche Schwänke. |
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| Mit der Tiermedizin hat sie damals angefangen, um Abstand
zu bekommen von allem, was mit Schauspielerei zu tun hat. "Das wichtigste
war: Ich habe normale Menschen kennengelernt. Bei den Studenten war es wurscht,
ob man Faltenrock anhatte oder Jeans. Schauspieler sind auf Eitelkeit, auf
Aussehen getrimmt." Sie selbst, meint sie, habe es da gut. "Ich bin ja nie
als Tausendschönchen verkauft worden, nie wegen meines Aussehens besetzt
worden. Nicht das ich mich häßlich finde. Aber ich bin auch nicht
das, was man vordergründig als schöne Frau bezeichnen würde.
Ich habe nichts zu verlieren, wenn ich ein paar Falten mehr bekomme, und
ich muss mich nicht furchtbar aufregen über einen Krähenfuß."
hat auch nichts zu verlieren, wenn sie - wie Marie Malek in den ersten drei
Folgen der "Girlfriends"- als unsichere Landpomeranze daherkommt. Um so
interessierter verfolgt man dann, wie sie sich zur selbstbewussten
Klassefrau wandelt. "Viel mehr Frauen sollten den Mut haben, mit Ende 30
durchzustarten, wenn sie in einer Situation stecken, die sie nicht mehr
haben wollen", sagt Frau Millowitsch über Frau Malek. Oder auch über
sich selbst? Gerade scheint sie wieder an so einem Punkt zu sein, wo etwas in ihr sagt: "Du musst was ändern." Diesmal nicht mit einer Flucht zurück in die Tiermedizin - aber mit einem Umzug nach Hamburg. Ulrich Schmissat, der Schauspieler und Regisseur, mit dem sie seit Jahren in Köln zusammenlebt, "ist zwar nicht begeistert, aber er ist klug genug, sich mir nicht in den Weg zu stellen". Elvira ist auch nicht begeistert. Elvira ist die Krönung von Marieles Schweinesammlung, ein vietnamesisches Hängebauchschwein, das sie vor sieben Jahren gekauft hat. "Sie stand im Kölner Stadtanzeiger unter der Rubrik ,Tierbörse’." Seitdem wohnte Elvira im Garten in Köln in einem Stall mit Infrarot-Licht, und einmal am Tag ging Frau Millowitsch mit ihr hinter den Reihenhäusern spazieren. "Aber ich habe einfach keine Zeit mehr für sie." Jetzt lebt Elvira in einem Wildpark nahe Hamburg, der sich auf seltene und alte Rassen spezialisiert hat. Und dann gibt es noch Sophie, die alte Dackeldame, die Mariele Millowitsch auf jeden Fall behalten will. Und Karl- Heinz, den Terrier, mit dem sich Sophie eingelassen hat, womit sie ihren "klopapierrollenlangen" Stammbaum versaut hat. Und Käthe und weitere sechs Welpen, die die Wohnung verwüsteten und immer auf das Riesenschwein aus Plüsch kletterten, um oben Pipi zu machen.... Drehbuchautor Christian Pfannenschmidt hat die Figur der herzensguten Marie Malek auf Mariele Millowitsch zugeschrieben. er sieht einen großen Unterschied zwischen den beiden: "Marie muss noch viel lernen. Mariele weiß sehr viel." Außerdem, sagt er, "ist Mariele wahnsinnig nett": Regisseurin Christine Kabisch schwärmt von der professionellen Arbeit am Set. "Man merkt, dass sie vom Theater kommt. Theaterleute verstehen ihr Handwerk besser, die wissen um jede Nuance." Und außerdem sei Mariele "wahnsinnig nett". Wunderschöne, tolle Augen habe sie, schwärmt ihr Maskenbildner Markus Sharping. "Und außerdem...." Ich frage eine, die um spitze Worte nicht verlegen ist, wenn es welche zu sagen gibt: Elke Heidenreich, BRIGITTE- Kolumnistin und knapp 80 Auftritte lang zusammen mit Mariele Millowitsch im Team der Rate- Sendung "Pssst". Elke: "Das war ‘ne schöne Zeit. Wir haben nur Quatsch gemacht, das war richtig anarchisch. Die Mariele - die ist wirklich unheimlich nett." Ach. "Aber wissen Sie was: Ein Lampenfieber hatte die! Vor den ersten Sendungen hat sie sich immer hundertmal auf kleine Zettel geschrieben: Alles wird gut. Ich hab’ dann einen Stempel machen lassen und ihr geschenkt: Alles wird gut." © 1995 BRIGITTE |
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