| Ausschnitte aus "Heiter währt am längsten"
(Willy Millowitschs Autobiografie, 1988) |
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| Die Autobiografie basiert auf Tonband-Protokollen, die
Willy Millowitsch mit " fragender Unterstützung" vieler andere
Menschen, darunter auch Mariele, aufgenommen hat. Hin und wieder wird die
eigentliche Erzählung durch aktuelle Gespräche / Kommentare auf
diesen Tonband-Aufnahmen unterbrochen... (siehe unten) Die Erinnerungen sind nicht chronologisch aufgeschrieben, werden hier - was Marieles eigene Biografie angeht - aber der Übersichtlichkeit halber so "zitiert". aus dem Kapitel "Kinder wie die Orgelpfeifen", Seite 224-226 Als sich unser viertes Kind anmeldete, da konnten wir bereits hoffnungsvoller in die Zukunft schauen. Das nämlich hatte nicht nur ich erkannt: Mit mundartlichem Volkstheater, mit Kölschen Schwänken, bekommt man Zuschauer auch vor die Bildschirme. Viele sogar. Unglaublich viele...Horrende Gagen zahlten die TV-Leute zwar nicht gerade, aber sie reichten zumindest, das Millowitsch-Theater zu erhalten. Das vierte Kind war übrigens das schwerste von allen: Elf stolze Pfund wog die Dame. Sie kam am 23. November 1955 zur Welt - und brachte mich schon von Anfang an in Verlegenheit. Lange zuvor nämlich hatte ich meinen alten Freund Willy Schneider, den "frohen Sänger aus dem Rheinland", als Paten verpflichtet. Und da war nun wieder ein Mädchen... Glauben Sie mir: Von meinem Stammhaltervorurteil hatte ich mich längst befreit. Ich nahm's gelassen. Zum Teufel mit dem Unterschied. Also rief ich Willy Schneider an. Achtmal übrigens. Und jedesmal vergeblich. Doch ich blieb stur an der Strippe, und endlich hatte ich ihn: "Willy, alter Freund", sagte ich. "Würdest du's auch für ein Mädchen tun?" "Blöde Frage. Für 'n Mädchen tu ich doch alles!" "Auch den Patenonkel spielen?" Willy lachte: "Soll das heißen, dass du schon wieder eine Tochter hast?" "Jjja." "Sag mal: Willst du ein Kloster gründen?" "Willste oder nicht?" "Mir ist es recht. Und wie. Ich bin doch lieber noch Pate einer Millowitsch-Tochter als überhaupt keiner." |
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Sie sollte Marie Luise heißen. Im Theater hat man's eilig,
und so einigten sich alle bald auf die Abkürzung "Mariele". In ihrer Montessori-Schule
in der Gilbertstraße gab's kaum einen wilderen Jungen als Mariele. Ständig
in Lederhosen, Torwart der Klasse (sogar in ihrem Zeugnis ist es nachzulesen:
"...Fußball - sehr gut..." steht da). Unangefochten, von den Klassenkameraden
gleich welchen Geschlechts bewundert, genoß Mariele den Ruf des Enfant terrible.
Nicht einmal der Religionsunterricht vermochte sie zu stoppen. Dort wurde wieder einmal über die Frömmigkeit der Eltern gesprochen. Und was tat Mariele? Sie springt auf, schmettert in die Klasse: "Meine Eltern gehen nie in die Kirche! Die sind aber trotzdem hochanständige Leute!" Als sie gerade fünf Jahre alt war, fragte ich sie so nebenher: "Was möchtest du denn später einmal werden?" Schon kam wie aus der Pistole geschossen die Antwort: "Schauspielerin - und Hundedoktor!" Hat sie dann auch geschafft... |
| aus dem Kapitel "Die Familien-Krankheit", Seite 25-26
Und da ist schließlich Mariele, die Kleinste. Ausgebildete Tierärztin ist sie. Und mit ihrem Temperament nicht nur meinem Herz, auch meinen Gedanken so nah. Wenn irgendeine Rolle auch nur im Ansatz zu ihr paßt - schon steht sie neben mir auf der Bühne. Das alles reichte also nicht? Auch Mariele wollte im neueren, dem "ganz anderen" Volkstheater der Schwester spielen. Was ist es, was da zum Vorschein kommt? Dass die Kinder andere, modernere Darstellungsformen suchen - gut so. Aber dass ihnen das immer noch nicht reicht...? [....] Theaterblut? Ein sehr verschwommener Begriff für mich. Die "Jugendprägung" von der Mariele redete? [....] Eines Tages klebten am "Theater im Bauturm" Plakate. Handzettel wurden in der Stadt verteilt: My Fair Pygmädsche stand auf dem Programm. Die Kinder, meine Mädchen, hatten wieder mal zugeschlagen. Und in bester Millowitsch-Tradition mit einer Parodie! Schon im Titel war beides drin: die moderne My Fair Lady und der Stoff, aus dem sie stammt, das Pygmalion von Bernard Shaw. und nun die Sensation: Die Vorstellungen waren allesamt ausverkauft. Davon hatte ich nichts gewusst - und war entsprechend überrascht, als ich den Zuschauerraum mit seinen 99 Sitzen betrat. Er war proppevoll. Das tat mir deshalb ungemein wohl, einfach weil ich's nicht erwartet hatte. Bei so viel Improvisation, hatte ich mir gesagt, wie soll das gutgehen? Kostüme und Bühnenbild, das erledigen die einfach mit links? Weitere kurze Ausschnitte aus den Tonband-Gesprächen mit Mariele aus dem Kapitel "Der Zauberer" [...] Und was nun geschah, könnte wirklich aus einem der tragischen Kitschromane stammen, die man um diese Zeit [vor über 100 Jahren] so schrecklich gerne las: Eine leibhaftige Fürstin, die Fürstin von Braunfels, erscheint auf der Szene. SIe hatte Gefallen an der fahrenden Puppenspielerfamilie gefunden und so versprach sie der Mutter auf dem Sterbelager, sie werde sich um den jungen Wilhelm kümmern... Tonband-Aufzeichnungen Mariele, meine Tochter, ist da anderer Ansicht. Sie schüttelt nur mitleidig den Kopf: "Und das glaubst du natürlich?" "Was soll das denn heißen?" "Was das heißen soll? Dass es sonnenklar ist, dass sie an ihm Gefallen gefunden hat. So, wie der aussah. Und dann noch mit seinen knackigen sechzehn oder siebzehn Jahren." "Aber hör mal. Es ist doch erwiesen, dass er ins Försterhaus des Fürstlich Braunfelsschen Rentenamtes aufgenommen wude und dass die Fürstin ihn dann immer zu ihren Abendgesellschaften eingeladen hat. Klavier spielen konnte er. Und singen... So was wie ein Gesellschafter wurde er, das habe ich alles nachgelesen. Der wurde richtig gebildet, der Wilhelm." "Und ob der gebildet wurde. Von ihr. DIe hat sich einfach in ihn verknallt!" "Wer? Die Fürstin?" "Wer denn sonst?" "Das kannst du doch nicht einfach so sagen, Mariele. Wir wissen ja gar nicht, wie alt die Fürstin war." "Das spielt keine Rolle. Ich könnt's ja rauskriegen - aber es ist wirklich nicht wichtig. Selbst wenn sie sechzig war - so ein netter Junge, der Stücke rezitieren kann und sich inzwischen von den alten Griechen bis zu Moliere auskennt, und der dazu noch blendend aussah, der Typ..." "Typ...? Du, es handelt sich um deinen Urgroßvater!" "...da ist es doch egal, ob die Fürstin nun sechzig oder dreißig war." "Ich schließe die Augen. Mir geht das alles zu schnell. Und zu weit... Aus dem Kapitel "Mein Lieblingsfach: Nix tun" Tonband-Aufzeichnungen "Was war denn dein Lieblingsfach?" Sie guckt mich an. Sie fragt es im Ernst - Mariele mit iherm abgeschlossenen Studium. "Hast du denn kein Lieblingsfach gehabt?" Ich nickte. "Ja. Nix tun..." © 1988 Willy Millowitsch, Hestia Verlag GmbH, Bayreuth |
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