"Dackel und Direktoren"
(Berliner Zeitung, 26.07.03)
 
Mit "girlfriends" begann ihre Karriere. In der nächsten Staffel verlässt Mariele Millowitsch die Serie

Was, bitte schön, ist das für ein Mensch, der von sich sagt: "Alles Positive in meinem Leben ziehe ich aus der Normalität"? Was, wenn dieser Mensch von Harald Schmidt als "eine der erfolgreichsten Schauspielerinnen Deutschlands" und von Reinhold Beckmann als "eine der beliebtesten Seriendarstellerinnen Deutschlands" bezeichnet wird? Und was, wenn dieser Mensch auch noch Millowitsch heißt? Wie viel Raum bleibt da für Normalität?

Immerhin passt es ganz gut, dass das Fernsehteam, das an diesem wunderbar böigen Sommertag vor dem Hamburger Dorint-Hotel seine Kameras aufgebaut hat, langmütig in die Sonne blinzelt - und auf Wolken wartet. Auf Normalität eben. Gedreht wird eine Szene für die ZDF-Erfolgsserie "girlfriends", genauer gesagt, der Abschied zweier Hauptdarsteller: Draußen vor der Lobby des Hamburger Dorint-Hotels, das fürs ZDF seit 1995 als zentraler "girlfriends"-Drehort fungiert, steigen Hotelchef Ronaldo Schäfer und seine Frau Marie Malek, beklatscht vom versammelten Personal, in einen Kleinwagen und fahren auf Nimmerwiedersehen davon. So steht's im Drehbuch. Cut.

Mariele Millowitsch ist seit der ersten Folge als Marie Malek dabei. Eigentlich ist es ihre Serie. Einerseits, weil "girlfriends" lange Zeit die Geschichte vom Aschenbrödel Marie aus dem Provinznest Hitzacker erzählte, das im "Schreibpool" eines Hamburger Hotels von der Tippse zur Chefsekretärin aufsteigt, den Hoteldirektor heiratet und so weiter. Andererseits, weil die Serie für sie der Durchbruch als Schauspielerin war. Mit 40. Vor über einem Jahr erklärte sie schließlich, dass sie die Serie verlassen werde. Da lief bereits ihre Sitcom "Nikola" sehr erfolgreich auf RTL, und zwei Serien auf einmal, das ist halt schwierig.

Wenn die mittlerweile 47-jährige Mariele Millowitsch in der Hotellobby auf ihren nächsten Auftritt wartet, sieht das aus, als wenn eine Frau in einer Hotellobby bloß ganz normal auf ihr Taxi wartet. So eine ist das. In der Drehpause lächelt sie freundlich. Auf eine Art, dass man gar nicht unterscheiden kann, ob das Lächeln echt ist oder professionell. Vielleicht ist da etwas Hartes um die Mundwinkel. Von sich aus spricht sie von ihren Falten. Gleich im dritten oder vierten Satz. Dass sie damit kein Problem hat und mit dem Älterwerden auch nicht. Sätze, die sie so ähnlich schon anderswo gesagt hat, in der "Frau mit Herz" zum Beispiel, in "Heim und Welt", "Glücksrevue" und "frau aktuell" - überall dort also, wo für gewöhnlich die Mariele - Millowitsch - Berichterstattung stattfindet.

Dort erklärt sie dann immer wieder, dass sie nicht mit ihrem vier Jahre jüngeren Freund Alexander Isadi, dem Geschäftsführer der Produktionsfirma DoRo, in eine gemeinsame Wohnung ziehen, nicht unbedingt heiraten, keine Kinder will und dass sie mit Walter Sittler, mit dem sie auch in der RTL-Sitcom "Nikola" eine Art TV-Traumpaar spielt, wirklich nur befreundet ist.

Diese Frau hat keine natürlichen Feinde, scheint es. "Neider", sagt sie, "gibt es überall." Eine Verlegenheitsantwort. Dann lächelt sie wieder. Selbst Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine und taz sind, wenn sie die Millowitsch zum Thema machen, wohlwollend. Warum auch nicht? Im deutschen Fernsehen gibt es, weiß Gott, Schlimmeres als die Serien und gelegentlichen TV-Movies, in denen Mariele Millowitsch mitspielt.

"Girlfriends"-Autor Christian Pfannenschmidt nennt Millowitsch "eine der professionellsten am Set", ihr Partner Sittler sitzt neben ihr und stimmt zu. Keine Diva, weder beim Dreh noch privat. Bloß eine, die weiß, was sie kann. Und eine, die eigentlich keine Interviews und Talkshows mag, aber trotzdem hingeht - zu "Boulevard Bio" und "Beckmann", in die "NDR- Talkshow", "Johannes B. Kerner-Show" und alle Jahre wieder zu Harald Schmidt. Und wenn ihr die Gastgeber schließlich "weiterhin viel Erfolg" wünschen, klopft sie - "toi-toi-toi" - mit mageren Fingerknöcheln auf Holz. Oder auf den eigenen Kopf. So eine ist sie eben.

Doch auch bei Kerner & Co (und wahrscheinlich auch heute Abend um 20.15 Uhr in der von Bärbel Schäfer moderierten WDR-Sendung "Ein roter Teppich für ... die Millowitschs") sind die Gesprächsthemen stets dieselben: a) ihr Vater Willy, für den sie bereits mit sieben Jahren auf der Bühne seines legendären Kölner Boulevardtheaters stand und der sehr selten zu Hause war; b) ihr "Fluchtversuch" (immer heißt es "Fluchtversuch"), als sie 1977 nicht, wie geplant, am Salzburger Mozarteum Schauspielunterricht nahm, sondern stattdessen in München ein Tiermedizinstudium begann. Sie promovierte schließlich sogar - über "perkutane, partielle Diskektomie als alternative Behandlungsmethode beim Bandscheibenvorfall des Dackels"; und c) ihre Hunde Hans-Günther und Zoppo trump. Das war's eigentlich. Vielleicht gibt es nicht mehr.
Zu Hause und mit sich allein schmeißt sie vor Wut schon mal "mit Sachen", sagte sie. Als Kind war sie "laut und grässlich" und hat mit dem Namen Millowitsch angegeben. Auch das hat sie schon mehrfach erzählt.

Draußen, vor der Lobby des Dorint-Hotels, wird es bewölkter, die Zeit drängt: Raucher oder Nichtraucher? "Nichtraucher," sagt sie. Rot- oder Weißwein? "Beides", sagt sie und ergänzt: "Gern einen guten Rotwein." Und dann, schon im Gehen, weil die Aufnahmeleitung sie wieder an den Set gerufen hat, sagt sie schnell noch: "... aber auch mal ein Schnäpschen!"

Mariele Millowitsch lacht, lächelt nicht, lacht. So ein Mensch ist das also, denkt man, und findet sie endlich sympathisch.

© 2003, Berliner Zeitung; Christoph Schultheis