|
Mariele: Wirklich? Haben Sie nicht ein kleines bisschen darauf
gewartet?
L. Brandt: Na gut. Wer will sich davon ganz frei machen. Aber
im Großen und Ganzen bin ich davon ausgegangen, dass wir uns in
verschiedenen Welten bewegen. Dabei waren wir gerne zusammen. Wir sind
viel zusammen verreist, er nahm mich oft auch auf offizielle Auslandsreisen
mit. Später habe ich mehrere Jahre lang nebenbei Texte für
ihn geschrieben und Reden entworfen. Das ging nur, weil ein Draht zwischen
uns da war.
Haben Sie mit ihm diskutiert?
L. Brandt: Natürlich, wir haben uns auch gestritten. Aber
auch in diesen Auseinandersetzungen ist einiges an Vertrauen entstanden.
Deswegen habe ich immer gewusst, auch zu den Zeiten, als ich den Kontakt
zu ihm abgebrochen hatte, dass das Vertrauen nicht wirklich weg war.
Wie kam es, dass der Kontakt mehrere Jahre unterbrochen war?
L. Brandt: Wir konnten nur miteinander auskommen, wenn wir unsere
Unterschiedlichkeit achteten und einander mit einem gewissen Fingerspitzengefühl
behandelten. Das nahm leider irgendwann ab. Den Anlass zum Bruch gab
mir dann ein für sich genommen nicht übermäßig
gewichtiges Interview, in dem er es an Takt mangeln ließ und glaubte,
seinen Söhnen nachsagen zu dürfen, manchmal seien sie einverstandener
mit ihm als er selbst. Jedenfalls habe ich ihm einen Brief geschrieben
und mich von ihm losgesagt.
Haben Ihre Väter Ihnen einen Glauben oder eine grundsätzliche
Haltung zum Leben vermittelt?
Mariele: Bei uns zu Hause war, wie auch bei Ihnen, immer ein buntes
Völkchen, alles was Rang und Namen hatte in unserer Branche. Mir
wurde mitgegeben: "Jede Jeck is anners", und dass man Menschen
tolerieren muss. Das habe ich besonders von meiner Mutter gelernt. Mein
Vater war sehr bodenständig und hat mir vermittelt, dass die Schauspielerei
ein Beruf wie jeder andere ist, man hart für ihn arbeiten muss und
sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen darf.
L. Brandt: Die Vorstellung, Widersprüche müssten immer ausgeräumt
werden, ist letztlich totalitär. Das hat mit dem zu tun, was ich
mit meinem Vater erlebt habe. Woraus eine andere Einstellung zum Widerspruch
resultiert: Dass man den Widerspruch nicht als etwas sieht, was man unter
allen Umständen ausräumen muss, sondern dass man damit leben
kann. Dass Widersprüche dem Leben Zunder geben.
Aber wollen Eltern nicht ihre Kinder lenken, ihnen eine Richtung zeigen?
L. Brandt: Mein Vater war nicht der Typ des Patriarchen, der darauf
achtet, dass seine Leute irgendwo unterkommen. Ich bin ganz froh darüber.
Als ich mit 16 Jahren nach Bonn kam, lebte ich schon in großer Unabhängigkeit.
Ich hatte ein Zimmer, weit abgelegen im Haus meiner Eltern, ein eigenes
Telefon, ein eigenes Badezimmer. Es herrschte durchaus eine gewisse Freundlichkeit.
Aber man musste damit klarkommen, dass es aus der Perspektive meines Vaters
um andere Sachen ging. Den hat es wirklich nicht inte-ressiert, wenn ich
für die Schule eine Unterschrift brauchte.
Man denkt, wenn in der Familie etwas Dringendes anliegt, ginge das vor
Weltpolitik oder Premieren.
L. Brandt: So hab ich meinen Vater nicht erlebt.
Mariele: Nein, ich auch nicht. Für mich war er ein bisschen Dr.
Jekyll and Mr. Hyde, auf der Bühne Willy Millowitsch und zu Hause
mein Vater. Die beiden hatten miteinander nicht viel zu tun.
War er als Vater nicht so lustig?
Mariele: Eher nicht. Wenn es um Noten ging, war er allerdings sehr
nachsichtig. Ich werde nie vergessen, wie ich zwei Fünfen im Zeugnis
mit nach Hause brachte. Die Mutter hatte ihn aufgestachelt, dass er uns
lang macht. Ich stand oben an der Treppe, der Vater brüllte von unten:
"Wir sprechen uns noch!" - dabei zwinkerte er mir heimlich zu.
Schulausbildung fand er nicht so wichtig. Er selber hatte auch keine besondere.
Mein Vater hat von Kindesbeinen an hart gearbeitet. Wenn mein Vater zu
Hause war, wurde versucht, ein Familienleben "hinzustellen".
Meine Mutter setzte uns an einen Tisch, möglichst gleich angezogen.
Alles hatte sich um Willy zu drapieren. Da höre ich mit Freuden,
dass Sie mehr Luft für sich hatten.
L. Brandt: Ja, schon. Aber es gab auch gewisse Vorstellungen. Sonntags,
wenn mein Vater da war, gab es etwas Gutes zu essen.
Mariele: Bei uns gab es immer das grauenhafte Frühstück
um halb elf. Da mussten alle da sein.
L. Brandt: Wir haben zusammen zu Mittag gegessen. Aber es hielt sich
in Grenzen. Mein Vater war nicht dafür gemacht. Wenn der keine Lust
hatte, dann redete er einfach nicht. Dann saß er da und grummelte
vor sich hin...
Mariele: Das konnte meiner auch.
Für Ihre Väter waren Theater und Politik ihr Leben. Sie hingegen
sind nicht ans Millowitsch-Theater gegangen, Sie nicht in die SPD eingetreten.
Mariele: Bei mir war ein Bruder dazwischengeschaltet. Mein Vater hatte
noch die Erbhofmentalität, unter der ich eine Zeit lang sehr gelitten
habe, weil ich als Frau dieses Theater nicht bekommen hätte. Wenn
ich ein Mann gewesen wäre, hätte mein Bruder nicht in die Fußstapfen
des Vaters treten müssen. Jetzt hat er seinen Weg gemacht, aber anfangs
hatte er es schwer.
Hätten Sie das Theater gern übernommen?
Mariele: Es gab eine Phase, da hätte ich das sehr gern gemacht.
Aber mir war schon damals klar, dass ich nicht vom Vater als Vorgesetztem
zum Bruder als Vorgesetztem wechseln würde. Es war hart für
mich zu begreifen, dass für meinen Vater Frauen
eine Stufe unter den Männern stehen. Da konnte ich mich noch so anstrengen.
Dieses Messen mit zweierlei Maß hat mich seitdem immer aufgeregt.
Und tut es heute noch.
L. Brandt: Manchmal frage ich mich, was sich unsere Generation zugutehalten
kann. Das kann sie: In der Gleichberechtigung von Frau und Mann ist einiges
erreicht worden. Hätte Ihr Vater Ihnen das Theater vererben können,
gehörte es ihm?
Mariele: Das Haus gehört uns leider nicht. Aber den Namen und
die Institution Millowitsch-Theater konnte er weitergeben.
L. Brandt: Woran mein Vater bei dem Laden, dem er vorstand, nicht
denken konnte. Aber er hätte die Vorstellung haben können, dass
man sich in dem Milieu orientiert. Hat er aber nicht gehabt. Mir waren
Parteien - auch seine - kein Bezugspunkt. Für mich zählten nur
Einzelne, die etwas miteinander erleben. Meine ganze Lebenserfahrung läuft
darauf hinaus, dass immer alles von einzelnen Leuten abhängt.
Sie haben in Ihrem Buch "Andenken" einzelne Momente aus dem
Leben mit Ihrem Vater zu einem Mosaik zusammengefügt. Kennzeichnet
das Ihre künstlerische Arbeit?
L. Brandt: Das Buch hat diese Struktur, weil ich nach einer Form gesucht
habe, die Widersprüchlichkeit - in der Person meines Vaters, in mir
selber und in unserem Verhältnis zueinander - nicht zu übertünchen.
Ich wollte das Gebrochene in die Struktur des Textes hineinkriegen.
Es gibt darin einige Wortschöpfungen, die hängen bleiben, etwa
"menschliche Knauserigkeit". Da benennen Sie ein Defizit Ihres
Vaters.
L. Brandt: Es steht im Zusammenhang mit einem Geschenk, das ich meinem
Vater zu seinem Geburtstag am 18. Dezember gemacht hatte, ein Buch von
Brecht mit einer Widmung. Zu Weihnachten kriegte ich das Buch als Geschenk
zurück. Er erinnerte sich offensichtlich nicht mehr daran, dass er
das Buch von mir bekommen hatte, die Widmung hatte er nicht gesehen.
Ziemlich achtlos.
L. Brandt: In letzter Instanz bin ich zu der Auffassung gelangt, dass
dieses Geschenk schon von meiner Seite aus gedankenlos war. Es sah aus,
als ob es ein überlegtes persönliches Geschenk wäre, aber
das war es in Wahrheit nicht. Ich hätte nicht erklären können,
was ich ihm damit sagen wollte. Insofern ist mir recht geschehen.
Menschliche Knauserigkeit, wie stand es damit bei Millowitsch?
Mariele: Mein Vater hatte ein Riesenherz. Wenn er von mir ein Buch
bekommen hätte, wäre er's zumindest durchgegangen und hätte
die Widmung gesehen. Der Theaterregisseur Jürgen Flimm hat mal was
Schönes über ihn gesagt: Vor lauter Angst, dass man ihn nicht
lieb haben könnte, ist er so auf die Leute zugegangen, dass die gar
nicht mehr anders konnten, als zurückzulieben. Ganz und gar ohne
Berechnung. So war der einfach, ein Gefühlsmensch.
Sie spielen Frauen, die sich einfach nicht unterkriegen lassen. Typisch
Millowitsch?
Mariele: Weniger Millowitsch als Mariele. Ich musste einige Talsohlen
durchschreiten. Ich habe gelernt, dass man wächst an solchen Zeiten
der Unsicherheit. Ich habe für mich die Erfahrung machen dürfen,
dass es weitergeht. Das hat mit mir zu tun, das ist mein Leben.
Ihre Väter hatten trotz hohen beruflichen Engagements eine große
Familie, Sie beide nicht.
Mariele: Es hat sich zeitlich nicht ergeben, in dieser Beziehung hatte
ich ein schlechtes Timing.
Sind Sie sich selber treu geblieben?
L. Brandt: Ich mache das, was ich will, machen muss, und bin auch
bereit, dafür zu zahlen. Bin auch bereit, daran zu verdienen (lacht).
Mariele: Wenn's sich nicht vermeiden lässt.
© 2007 chrismon; Hedwig Gafga und Reinhard Mawick
|