"Die allerbeste Freundin"
(Die Woche, 19.12.97)
   
Mariele Millowitsch Ihr Lächeln sitzt in den grünbraunen Augen - sie knipst sie an wie zwei Scheinwerfer. Erst umspielt es den Mund, dann klettert es über die Nase, schließlich lacht das ganze Gesicht. So eine möchte man zur Freundin haben, bei der man in schlechten Stunden anrufen und sich ausheulen kann. Diesem Lächeln verdankt sie viel.  

Mariele Millowitsch ist der Star der ZDF-Serie "girl friends". Sie spielt eine Frau Mitte 30, die noch mal von vorn anfängt, vom Land in die Stadt zieht und Sekretärin in einem Hamburger Hotel wird. Dienstags ab 19.25 Uhr verfolgen bis zu 6 Millionen Zuschauer das Schicksal der Marie Malek. Fans sind vor allem Frauen, denn als Marie verkörpert Mariele Millowitsch einen neuen Typ des working girl im Fernsehen: erfolgreich, ohne perfekt zu sein, dabei sympathisch und glücklich verliebt. Sie ist nicht auffallend sexy, sondern guter Durchschnitt, kein Vamp, sondern Kumpel - die ideale Freundin.

Die Grenzen zwischen Rolle und Person sind fließend: Die TV-Marie hat ihr der Hamburger Drehbuchautor Christian Pfannenschmidt auf den Leib geschrieben:  "Mariele ist normal, herzlich und praktisch - deutsche Tugenden, die vor allem beim weiblichen Publikum gut ankommen," Vielen Männern, so weiß Pfannenschmidt aus Briefen, ist sie zu patent. Die mögen eher Tamara Rohloff, die ihre Freundin Ilka spielt. Denn sie wirkt eleganter, unnahbarer und erotischer.
 
Wenn die Millowitsch den Set betritt, ein zum Hotel umgebautes Bürogebäude am Hamburger Hafen, ist das wie ein kleiner Auftritt: Mit wehendem Mantel und Hans-Günther an der Leine kommt sie aus dem Fahrstuhl, begrüßt jeden und verteilt Küsschen. Hans-Günther, mit "th und Bindestrich", ist eine wollige Mischung aus Yorkshire und Rauhaardackel mit Knopfaugen. Ein Kameramann hat ihn ihr im September geschenkt. Da hieß er noch Jerry. Zu langweilig, fand sie und taufte ihn um.
Der kleine Hund ist ihr einziger ständiger Begleiter. Eine eigene Familie hat sie nicht: "Meine Freunde sind meine Familie", sagt sie. Dazu zählen vier Freundinnen, ihr Kollege Walter Sittler und ihr neuer Lebensgefährte Alexander Isadi, Generalsekretär bei RTL in Köln, mit dem die Neu-Hamburgerin eine Wochenendbeziehung führt. Kinder haben sich "bisher nicht ergeben".

Früher hat es sie geärgert, wenn ihr nachgesagt wurde: Die macht Karriere, weil sie einen berühmten Vater hat. "Dabei hat Willy nie irgendwas geschraubt", betont sie. Mariele ist die jüngste Tochter von Willy Millowitsch, dem legendären Kölner Volksschauspieler. Auch wenn in ihrem Taufschein Marie-Luise steht, wird sie seit der Geburtsanzeige Mariele genannt und sie hat nie ernsthaft versucht den Kosenamen abzulegen. Die beiden großen Schwestern waren hübsche Mädchen mit langen Haaren, der Bruder sollte in die Fußstapfen treten, ihr der Kleinen, blieb die Rolle des Familienclowns. Sie war das Pummelchen mit der frechen Klappe, ein Rebell war sie nicht. Eher eine Spätzünderin.
Als Kind stand sie wie alle Geschwister beim Vater im Kölner Millowitsch-Theater auf der Bühne. Nach dem Abitur studierte sie Tiermedizin und begann eine Promotion über Bandscheibenprobleme bei Dackeln. Sie wehrte sich gegen die Familie, die seit sechs Generationen am Theater ist. "Das Studium war Flucht vor der Schauspielerei, ich wollte unbedingt etwas Eigenes auf die Beine stellen". Dann kam ein Anruf von Kay Lorentz' Düsseldorfer Kom(m)ödchen, dann zum Vater.
Mit Anfang 30 kam sie in eine Krise, die vier Jahre dauerte - "das große Fragezeichen", wie sie es nennt. Eine Zeit, über die sie nicht gerne spricht. Die Auseinandersetzungen häuften sich. "Nach und nach spürte ich, wenn ich zu mir finden will, muss ich da weg", sagt sie. "Weg vom Millowitsch-Clan." Sie stieg aus und schrieb ihre Doktorarbeit zu Ende. "Vorm Computer hatte ich meine Ruhe und musste keine Erwartungen erfüllen, weder meine noch die von anderen", sagte sie. "Jetzt findet Vater es okay. Damals war er sauer". Sie ist eine Kämpfernatur, weder zerbrechlich noch labil. "Sonst hätte ich diese eklige Zeit wohl nicht überstanden." Ihr Motto trägt sie am Finger, eingeritzt in einen dicken Silberring: "Alles wird gut". Sie schaut nicht gern zurück: "Das hält nur auf."

Nach der Promotion ging sie 1991 zum Fernsehen, weil sie erkannte, dass sie als Tierärztin "in einer Praxis verschwinden würde" und sie die Öffentlichkeit, das Rampenlicht und den Applaus braucht: "Ich bin nicht eitel, was mein Äußeres betrifft, was meinen Erfolg angeht, schon." Nach einigen "Tatort"-Episoden und der Serie "Heidi und Erni" kam 1995 mit "girl friends" der Durchbruch; vergangenes Jahr bekam sie dafür als beste Serien-Schauspielerin den Goldenen Löwen. Inzwischen ist sie fast prominenter als ihr Vater: Beim Fantreffen neulich sagte eine Frau: "Willy Millowitsch - das ist doch der Vater von Mariele."

Sie hat an sich gearbeitet, "muss man wohl auch bei einem solchen Vater", und sich akzeptiert. "Jahrelang habe ich ständig Diäten ausprobiert und bin in Fitnessstudios gelaufen, bis ich gemerkt habe, dass meine Beine dadurch nicht länger werden und ich in 100 Jahren nicht aussehe wie Linda Evangelista", sagt sie. Selbstzufrieden ist sie nicht. Das findet sie gräßlich, das würde ja Stillstand bedeuten. Der Erfolg gibt ihr Sicherheit: "Es ist einfacher für mich am Spiegel vorbeizulaufen." Die Zeit des Neides und die Angst, sie könnte etwas verpassen, sind vorbei.

Und sie steht zu ihrem Alter: "Ich bin 42 - jetzt ist es raus", sagt sie mit gespieltem Entsetzen und wird gleich wieder ernst. "Am Älterwerden bedauere ich den Verlust der Unbekümmertheit, dass man nicht durch das Leben kommt ohne andere zu verletzen und selbst verletzt zu werden". Menschen nicht zu nahe zu treten ist ihr sehr wichtig - eine Folge der Wutausbrüche ihres Vaters. "Er war früher ein furchtbarer Choleriker und wir sind als Kinder oft von ihm blamiert worden, weil er uns vor Publikum zusammengeputzt hat. Für mich war klar: So möchte ich nicht mit Menschen umgehen und mich schreit auch niemand mehr an."
Morgens um acht wirkt Mariele Millowitsch ausgeschlafen und gut gelaunt, trotz Kopfschmerzen. "Ich versuche immer eine gute Miene zu machen. Es ist keine gute Teamarbeit, wenn jeder seiner Laune nachgibt. Ich versuche immer die Mundwinkel hochzuziehen", bekennt sie, "meist gelingt mir das." Während sie geschminkt wird, springt Hans-Günther auf ihren Schoß und bekommt Käsebrötchen. "In einem späteren Leben möchte ich mal Hund bei mir sein." Ohne Tiere kann sie nicht leben - und die nicht ohne sie: Ihr Hängebauchschwein Elvira hat die Trennung vor zwei Jahren, als Mariele Millowitsch von Köln nach Hamburg zog, nicht überlebt. Die Sau ging an Gastritis ein. "Ein typisches Zeichen von Streß bei Schweinen".

Heute ist ein Drehtag, wie sie ihn hasst: Sie hat nur einen Satz. Das ist ihr zu wenig. Sie lernt schnell, das hat sie vom Vater. Genauso wie ihr Talent zur Komik. Auch ihre zweite Serie, die Comedy "Nikola", die bis 12. Dezember freitags auf RTL lief, ist ein Erfolg: 4,5 bis 5 Millionen Zuschauer. Ab Januar dreht Mariele Millowitsch 6 neue Folgen. Beide Rollen lassen sich ihrer Meinung nach nicht vergleichen, weil es bei der Krankenschwester Nikola vor allem auf Timing ankomme, damit die Pointen sitzen. Aber auch als Krankenschwester ist sie wieder die selbstständige, patente und bodenständige Frau.
Nur einen Satz zu sprechen, das bedeutet den halben Tag zu warten. Mariele Millowitsch zieht sich in ihren Raum zurück: "Ich habe nichts gegen Menschen - aber ich brauche auch viel Zeit für mich." Zeit, um die Batterien fürs Nettsein wieder aufzuladen. Endlich kommt ihr Satz. Mariele Millowitsch reißt die Tür auf und ruft energisch in die Kamera: "Elfie, kann ich dich mal kurz sprechen!" Zwei, drei Einstellungen und Aufnahme ist im Kasten.
Wie ein kleines Mädchen streckt sie der Regisseurin die Zunge raus und sagt: "So ihr Lieben, ich gehe jetzt. Es war so ein langer Tag und ich kann nicht mehr." Alle lachen. Alle mögen sie. Dabei träumt Mariele Millowitsch davon, eine durchgeknallte, abgründige, böse Frau zu spielen, die dem Puplikum Angst einjagt. Aber so weit ist sie noch nicht. Neulich hat ihr eine befreundete Regisseurin gesagt: "Du kannst vor laufender Kamera einen Hund umbringen und bleibst immer noch sympathisch".

© 1997 Die Woche; Catrin Boldebuck