"Seine Hände waren so kalt wie die von Vater"
(FAZ, 06.05.03)
 
Einen stolzen Unterton kann sie denn noch nicht vermeiden. Theatralisch verdreht sie die Augen, wenn sie den Umstand kommentiert, dass SAT.1 heute abend ausgerechnet einen alten Millowitsch-Film zeigt, während sie bei RTL mit dem Krimi "Die Stimmen" als Kommissarin debütiert. Mariele Millowitsch weiß um den Vorzug und um den Ernst dieser Lage: Wer als Schauspieler zum Profil eines Senders beiträgt, wird Teil der Marketingschlacht. Und wenn es ihm oder ihr dann auch noch gelingen sollte, das "Fach" zu wechseln und die Palette der schauspielerischen Möglichkeiten zu verbreitern, wird es noch interessanter.
   
Mariele Millowitsch spielt heute abend in einer Romanverfilmung nach Christa von Bernuth die Kommissarin Mona Seiler. Und dabei gelingt es ihr recht schnell, frühere Serienrollen vergessen zu machen. Die Kommissarin Seiler muss sich in einer feindlichen Männerwelt behaupten. Das vermag sie mit ausgesprochener Zurückhaltung. Mit den Augen rollt sie nur in den Szenen mit ihrem Freund, einem Ex-Ganoven.
Mariele Millowitsch ist bewusst, dass die große Frage, die dieser Krimi aufwirft, nicht den Fall betrifft, der hier gelöst wird: Will der gemeine RTL-Zuschauer eine solche Kommissarin sehen? Eine, die nicht komödiantisch übertreibt und auch nicht - dafür wäre der Regisseur Rainer Matsutani wohl kaum zu haben gewesen - durch Actionszenen prügelt.

Mariele Millowitsch ist von Mona Seiler überzeugt. "Das ist eine schöner Gegenentwurf zu 'Nikola' und 'girl friends', das ist eine herbere und ernstere Figur, die sich auch mal festbeißt und auch mal danebenliegt. Selbst wenn sie wie eine gräßliche Ziege auftreten sollte, ich würde sie spielen."
   
Mariele Millowitsch ist 47. In ihrem Alter haben andere Schauspielerinnen schon so manche Verpuppung hinter sich, die sie noch vorhat. "Ich habe in einem Alter Karriere gemacht, in dem andere Kollegen schon wieder aufhören", sagt die gelernte Tierärztin. Sie stand zwar schon als Siebenjährige im vom Vater geführten Millowitsch-Theater in dem Schwank "Drei kölsche Jungs" auf der Bühne. Doch in der Folge sah es danach so aus, als verlaufe ihre Karriere zwischen dem Düsseldorfer Kom(m)ödchen und dem Landestheater Neuss, Rollenbeschreibung: Tochter eines übermächtigen Vaters. Erst 1994 mit der ZDF-Serie "girl friends" und zwei Jahre darauf als "Nikola" bei dem Jugendwahn-Sender RTL etablierte sich Mariele Millowitsch mit Frauenfiguren, ob deren patent-widerborstigen Auftretens die Männer nicht umhinkommen, ihnen zu Füßen zu liegen. Dafür gab es sogar Preise - den "Goldenen Löwen" und die "Goldene Rose" von Montreux.

Wenn man Mariele Millowitsch am Set besucht, muss man Geduld mitbringen. Sie hat nämlich selbst auch sehr, sehr viel Geduld. Sie hat ein Ohr für die Sorgen des Kameramannes. Sie beantwortet in aller Ruhe die Fragen einer Komparsin und sie berücksichtigt selbstverständlich jeden der Wünsche von Hans-Günther. Hans-Günther ist ihr ständiger Begleiter: ein kleiner, frecher Dackel, der die Vorgänge am Drehort aber immerhin so verinnerlicht hat, dass er tatsächlich nur in den Drehpausen bellt und dafür im Gegenzug auch nur ein bisschen Aufmerksamkeit seiner Gebieterin verlangt.
Mariele Millowitsch ist - ein Vorzug vieler Spätkarriertisten - kein bisschen prätentiös. Im Gegensatz zu manchem Jungstar muss sie keinen tross von Hofschranzen um sich haben. Dafür ist sie um so direkter, präsenter und offener. "Vor Projekten wie den 'Stimmen' fühle ich einen ungeheuren Druck. Dann sage ich mir: Vielleicht ist das dein letzter Film. Was, wenn du dann den Einbruch hast? Genauso muss ich daran denken, dass ich irgendwann ins Altersloch falle. Aber da lande ich sowieso irgendwann. Und warum soll ich mich schon jetzt verrückt machen?"
Die Vielfalt ihrer Figuren will sich Mariele Millowitsch auf jeden Fall bewahren. "Ich würde nie hingehen und den Bonus verspielen, den ich bei den Zuschauern habe. Warum sollte ich nicht mehr spielen, als was die Leute mich sehen wollen, nämlich die Sympathieträgerin?" Sie wolle eben nur nicht auf diese eine Schiene festgelegt sein. Die Liebe des Publikums kann eben auch erdrückend sein. Vor allem aber die berechnete Zuneigung der Sender, die in der Klasse der Millowitschs und Fischers (Ottfried) nicht gerade überbesetzt sind.

Zwischen ihren einzelnen Projekten braucht Mariele Millowitsch, wie sie sagt, jeweils "vier Wochen Luft". Sonst werde sie aggressiv gegen sich selbst und sei "nicht geschmeidig genug" für die Rollen. Erstaunlicherweise rankt sich das Gespräch mit der Fernsehfrachfrau für gute Laune immer wieder um den Umgang mit der Aggression. Sie füge sich ein ins Team, sagt Mariele Millowitsch und sie sei die letzte, die am Maskenbildner ihr Mütchen kühlen wolle. Es sei alles nur eine Frage der Selbstkontrolle. Mariele Millowitsch probiert, wovon sich heute abend jeder überzeugen kann, also die Gratwanderung. Sie will die bekannte Sympathieträgerin bleiben, die Fähigkeit zu dunkler Anspannung aber nun endlich unter Beweis stellen. Als Star fühle sie sich nicht, sage sie, und ihr Verhalten scheint ihr in jeder Nuance recht zu geben. Es sei schließlich ein jeder ersetzbar. "Wenn ich es nicht mehr bin, ist es eine Frau Schnurzlipurzli, die meine Rolle übernimmt. Deswegen würde ich auch nie für ein ganzes Jahr aussteigen. Könnte doch passieren, dass ich wirklich weg vom Fenster bin."
Wie viele Schauspieler haben schon das Glück, unter einen Hut zu bringen, was viele in diesen Beruf zieht: Geltung, Anerkennung und Sicherheit auf der einen, Ungebundensein, Freiheit und das Leben der Boheme auf der anderen Seite? Man möchte Mariele Millowitsch wünschen, dass sie der "Stimmen", die sie heute abend ruft, Herr wird. Nur Hans-Günther, so verrät sie, sei Zeuge, was geschieht, wenn es nicht so läuft und bei ihr zu Hause Blumenvasen und kleinere Accessoire zu Bruch gehen, weil anders der Druck aus dieser hochgeladenen Frau nicht entweichen kann. Womit der stets noch "als Energie" präsente, verstorbene Vater Willy Millowitsch nicht wenig zu tun hat. Bei den Dreharbeiten zu "Die Stimmen" sagt Mariele Millowitsch, sei er ihr in einer Szene ganz nah gewesen: "Die Hände von Rudolf Wessely sahen genauso aus wie die von Vater - und waren auch genauso kalt."

© 2003 FAZ; Michael Seewald