"Soll ich mich etwas beklagen?"
(Hörzu, 22.05.03)
 
Mariele Millowitsch spielt Serie, Comedy, Komödie, Krimi. Mit riesigem Erfolg. Und ist in allen Rollen immer die Frau, die man sich als beste Freundin wünscht
 
Auf besonderen Wunsch der Hauptdarstellerin ist "Nikola" heute mal leise. So leise, dass es gefährlich klingt. Wenn es um Aufrichtigkeit geht, hört der Spaß eben auf im Haushalt von Mutter und Sohn. Frau Millowitsch, Ihr Einsatz bitte: "Du belügst mich, trickst deine Freundin aus, schiebst einen kleinen Jungen ab, alles nur für ein kleines bisschen Sex. War's das wert?" Ein Satz, wie ein Pfeil. Präzise gezielt, punktgenau abgeschossen - wer da mithalten will, muss sein Handwerk verstehen.

Studio 37 im Gewerbegebiet von Köln, siebte Staffel der Erfolgs-Comedy von RTL. Dies ist nicht das Biotop für Diven, aber Frau Millowitsch gibt ohnehin lieber die Mutter der Kompanie. Pause bis zur nächsten Szene. Im Büro schrillt das Handy, die Dackel kläffen.

Der Star hat alles im Griff: Der Hund kriege einen Knochen, Partner Walter Sittler einen Kuss, der Rest der Belegschaft wird mit Scherzen bei Laune gehalten: "Jetzt male ich mir wieder meinen Schmollmund", ulkt der Star und signalisiert: Den Wettlauf um den größten Sexappeal nehmen wir hier bitte nicht so ernst. "Den männermordenden Vamp nimmt mir eh keiner ab." Wechsel in die Garderobe: "Das ist wohl frisch gewaschen", grinst der Star und zwängt sich ein enges T-Shirt über den Leib. Augenzwinkern: "Das sage ich immer, wenn wieder was kneift".
Mariele
   
Mariele Millowitsch ist die Frau, die sich jeder zur Freundin wünscht: "Man denkt, man guckt ihr beim Leben zu", sagt Christian Pfannenschmidt, Autor der ZDF-Serie "girl friends", durch die sie zum Publikumsliebling wurde. Man denkt noch mehr: etwa, dass die Millowitsch beweist, dass das Glück nicht für Prinzessinnen reserviert ist, sondern auch auf Krankenschwestern ("Nikola") und Hotelkauffrauen "(girl friends") wartet. Demnächst spielt sie wieder ein Aschenputtel, das zu guter Letzt noch den Sechser im Lotto gewinnt. Ein Damenmärchen, wie es ihr gefällt: "Claudia Schiffer und Linda Evangelista brauchen keinen Sechser im Lotto, die kriegen auch so, was sie wollen."

Marie-Luise Millowitsch, großgeworden im Dunstkreis des Volkstheaters in Köln, packt das Leben bei den Hörnern. Vergiss alles, was du je über zickige Stars gelesen hast, diese Frau braucht weder Handkuss noch Double und zimmert notfalls auch die Kulissen selber zusammen. Gelernt ist gelernt: "Ich war so oft mit meinem Vater auf Tournee - da hab ich manchmal den Spiegel von der Wand geschraubt, damit wir uns in der Garderobe schminken konnten."

Mariele Selbst wenn allerweltsbeste Freundin einen Seitensprung als Kommissarin wagt, wie in "Die Stimmen", bleibt sie patent. Halt eine, die sich mag, wie sie ist. Mit wachsendem Erfolg: So wie's aussieht, wird die Kommissarin Seiler eine weitere Facette in der Endlosschleife beherzter Frauenrollen. "Ich bin eine Sympathieträgerin, soll ich mich da beschweren?" Da blitzt die Macherin durch, die ihren Einfluss durchzusetzten weiß. M.M., die graue Eminenz.

Beispiele: Eine Millowitsch engagiert sich für Partner ihrer Wahl. Attraktive Männer, darunter tut sie's nicht. Walter Sittler (50) gibt den Oberarzt in "Nikola" und den Ehemann in "girl friends", Miroslav Nemec (48) spielt den Hauptgewinn in "Lottoschein ins Glück". Ihr persönlicher Beitrag zu mehr Chancengleichheit: "Warum ist es nicht möglich, dass ein toller Mann mal eine gleichaltrige Frau an seiner Seite hat?" Da kann sie richtig stur sein. "Eine Rolle, in der ich die Freundin eines sehr viel älteren Mannes spielen sollte, hab ich mal abgelehnt. Dieses doofe Klischee wollte ich nicht bedienen."
Lieber schöpft sie aus dem vollen Frauenleben. Beispiel "girl friends": Ihre Marie Malek hat panische Angst vor dem Fahrstuhl und vor jedem Blick in die Tiefe. "Höhenangst" nannte Autor Pfannenschmidt eine Folge und räumt ein: "Ich wusste bis dato wenig über die Alltagsängste von Frauen".
 
Ehrensache, dass Mariele Millowitsch auch das Drehbuch vom "Lottoschein ins Glück" mit hausgemachten Wahrheitstropfen adelt: "Wenn das Dach über dir zusammenbricht, kannst du die Sterne sehen". Ihr Lieblingssatz, mehrfach am eigenen Leib erprobt. Die Zuschauerinnen werden sie wieder lieben dafür.

© 2003 Hörzu; Angela Meyer-Berg