"Wie bringst du Gott zum Lachen?"
(Journal für die Frau, 27.05.03)
 
Sie ist die Quoten-Queen des deutschen Fernsehens und dennoch zauberhaft unverbogen und natürlich. Journal traf Mariele Millowitsch in Hamburg
   
"Abstand halten, die Bazillen fliegen..." flachst Mariele Millowitsch, als sie das Hamburger Atlantik-Hotel betritt. Fester Händedruck, strahlende Augen unter den blonden Haaren. Man merkt der 47-jährigen nicht an, dass ihr noch immer eine Erkältung zusetzt. Nur hören kann man es. Die Stimme ist rauer und tiefer, als man sie aus ihren Erfolgsserien "girl friends" und "Nikola" kennt, und ab und zu schütteln sie Husten-Attacken.

Doch da Interview deshalb ausfallen zu lassen, wäre für Mariele Millowitsch nicht in Frage gekommen, Disziplin und Professionalität hat sie schon als kleines Mädchen gelernt. Schließlich stammt sie in sechster Generation aus einer Gaukler-Familie und hat bereits als Kind auf der Bühne des Millowitsch-Theaters in ihrer Heimatstadt Köln gestanden.
Sie hat eine Rose geschenkt bekommen, und als die in einer Vase auf den Tisch gestellt wird, strahlt die Schauspielerin. Es kann losgehen, obwohl... einer fehlt: Hans-Günther (ein Dackel-Yorkshire-Mischling, trägt ein Niki-Tuch um den Hals), der sonst immer zu ihren Füßen liegt.
Mariele Millowitsch
   
Wo haben Sie Hans-Günther gelassen?
Für einen Tag hin- und zurückfliegen ist für den Hund zu anstrengend. Hans-Günther ist ein älterer Herr und hat zugenommen, seit ich ihn habe kastrieren lassen - der will gar nichts mehr tun außer fressen und schlafen. Er ist zuhause bei meinem Lebensgefährten und Zoppo trump. Da liegt er gut.

Wer ist denn Zoppo trump?
Hans-Günther hat sich vervielfältigt. Zoppo trump ist ein quicklebendiger, schlauer junger Hund, benannt nach dem König der Ermännchen aus "Kalle Wirsch". Ich kannte den Namen auch nicht, aber mein Lebensgefährte hat darauf bestanden.

Legen Sie als ausgebildete Tierärztin bei Ihren Hunden noch selbst Hand an?
Zecken oder Zahnstein entfernen, Ohren sauber machen, das kriege ich selbst hin. Vielleicht auch mal einen Zahn ziehen. Aber größere Operationen traue ich mir nicht mehr zu.

In Ihrem neuen Film, der ARD-Komödie "Lottoschein ins Glück", spielen Sie die Kantinen-Mitarbeiterin Astrid, die eine Pechsträhne hat: sechs Richtige im Lotto, aber der Schein ist futsch. Was würden Sie eigentlich mit einem Millionengewinn machen?
Ich weiß gar nicht, ob ich so viel Geld gewinnen möchte. Ich glaube wirklich, Geld verdirbt den Charakter. Wenn es wurscht wäre, obi ch eine Rolle bekäme oder nicht, würde ich leicht abheben. Ein bisschen Druck braucht der Mensch. Eine Million wäre natürlich schön für die Altersvorsorge. (Sie überlegt einen Moment) Also, ich möchte viel lieber einen Lottogewinn, der als sichere Rente ausgezahlt wird. Das wäre cool!

Können Sie sich ihr Geld gut einteilen?
Ich kann nicht gut mit Geld umgehen. Im Moment habe ich Glück, dass es gut läuft. Aber wer weiß, was die Zukunft bringt...

Sie sind so erfolgreich und haben dennoch Existenzangst?
Angst nicht, aber ich weiß, es ist ein dünnes Eis, auf dem wir uns bewegen. Man kann nichts planen, das ist sowieso meine Devise. Mein Lieblingssatz: "Wie bringst du Gott zum Lachen? Du erzählst ihm deine Pläne." Wenn man Pläne macht und sich festlegt, bremst das einen aus und macht unflexibel. Lieber abwarten, was der Tag bringt.

Sie wirken immer so zupackend-optimistisch. Fallen Sie auch mal in "schwarze Löcher"?

Selbstverständlich. Ich muss dann raus, in die Natur. Pech ist, wenn es ein Üssel-Tag ist, also grau in grau. Dann mache ich eine Kerze an, schnapp' mir ein Buch und zwing' mich zu lesen.

Ist Ihrer Familie dann für Sie ein sicherer Halt, wie für Astrid in "Lottoschein ins Glück"?
In der Form nicht, weil ich ja keine eigenen Kinder habe. Mein Halt, das sind meine Freunde und meine beiden Schwestern.

Sie sind mit drei Geschwistern aufgewachsen, das wir sicher turbulent...
Es war ein geordnetes Chaos. Wir hatten immer ein offenes Haus und viele Gäste. Das Wochenende, wenn Vater kam, wurde ein bisschen was organisiert, damit Willy ein "anständiges Zuhause" hatte - da standen wir dann immer wie die Orgelpfeifen.

Wären Sie manchmal lieber große Schwester statt Nesthäkchen gewesen?

Manchmal schon, weil man gegen die Großen nicht ankam. Die konnten einem, außer der Mutter, nämlich auch noch sagen, was man zu tun und zu lassen hatte. Das fande ich superblöd. Ich habe mich mit Rumschreien und Nerven gerächt. Meine große Schwester konnte mich eine Zeitlang überhaupt nicht leiden, weil ich ihr zu laut war.

Hätten Sie sich jemals vorstellen können, wie Ihrer Mutter für einen Mann Familie und Haushalt zu schmeißen?
Niemals. Für mich war immer klar: Ich gebe meinen Beruf nicht auf. Ich respektiere Frauen, die ihre Kinder erziehen und nebenbei nicht berufstätig sind, weil ich glaube, dass das sehr anstrengend ist. Das kann ich aber nicht, da ist es besser, ich habe keine Kinder. Meine Mutter war das wandelnde Beispiel, dafür was ich nicht haben will: Zurücktreten. Nur für die Kinder da sein. Und wenn Vater dann abends um elf aus dem Theater anrief, er komme noch mit Leuten zum Essen, und meine Mutter sich aufraffte und die Küche anwarf, da habe ich nur gedacht: Das kann doch nicht sein.

Das haben Sie aber nicht zu Ihrer Mutter gesagt?
Als ich in die Pubertät kam, habe ich angefangen gegen das vermeintliche Sklaventum der Hausfrau zu opponieren. Ich fand' das ungerecht.

Und wie war es, als Sie älter wurden?
Wir haben nie von der Mutter zu hören gekriegt, dass wir ihren Weg einschlagen sollten. Sie hat sogar sehr darauf gedrungen, dass wir Berufe erlernen. "Nur"-Hausfrau stand nicht zur Diskussion. Gut, gegen Vater aufzubegehren, war schon schwierig, aber dass mein Bruder zu Hause auch noch in sein Fahrwasser glitt, das passte mir gar nicht. Ich finde es heute noch nicht in Ordnung, wenn mit zweierlei Maß gemessen wird.

Leben Sie mit Ihrem Lebensgefährten auch deshalb in zwei getrennten Wohnungen, um diesem alltäglichen Haushaltskram aus dem Weg zu gehen?
Ja, ich finde es ganz angenehm meine vier Wände für mich zu haben. Ich brauch' das.

Nervt es nicht, wenn man den Partner immer "besuchen" muss?
Überhaupt nicht, wir leben ja in einem Haus, es liegt nur eine Treppe dazwischen.

Wollen Sie heiraten?
Ich habe keine Kinder, und ich bin nicht abhängig von einem trauschein. Außerdem ist das ja auch keine Garantier fürs Glück.

Hatten Sie nie den Traum, ganz in Weiß vor dem Altar zu stehen?

Ich bitt' Sie, in meinem Alter! Ich hätte schon bei der Kommunion lieber einen Anzug getragen. Ich war ein kräftiges Kind, und es gab nur Mikrobenschnitte für die schmalen Kinderchen. Das war fürchterlich! Ich habe meine Mutter angefleht, sie solle mir einen Anzug kaufen. Früher im Karneval wurde ich bei den Funkenmariechen auch als Mann eingesetzt, die hatten schon genug Mädchen. Ich gefiel mir als Mann viel besser, mit der Strumpfhose, den Stiefeln und der kurzen Jacke, und dachte, das muss doch bei der Kommunion auch gehen! Es ging aber nicht. Na gut, das Kleid war ein bisschen eng, aber in Ordnung.

Karneval, Funkenmariechen - sind Sie eine "rheinische Frohnatur"?
Ich weiß gar nicht, was eine rheinische Frohnatur ausmacht. Ich habe eine ziemliche Portion Humor und kann auch mal über mich selber lachen. Das muss man auch, denn ich kann rasend wütend werden, wenn ich mich verzettele. Ich werde dann sauer auf mich selber, und das ist der schlimmste Zustand, in den ich geraten kann. Wenn ich mich selbst nicht leiden kann, funktioniert gar nichts mehr. (Mariele hustet, hält die Hände vor den Mund, dabei fällt mir ihr großer goldener Siegelring auf.)

Ein Familien-Erbstück?
(Sie betracht den Ring nachdenklich) Er ist von Willy. Meine Schwestern haben gesagt, ich darf ihn haben. Ich trage ihn immer bei mir, er ist mein Glückbringer.

Das Showbiz reicht in Ihrer Familie über 200 Jahre zurück. Schon 1792 taucht der erste Millowitsch in den Kölner Chroniken auf, ein Puppenspieler. War Ihnen diese Tradition immer bewusst?
Mein Bruder und ich sind in die sechste Gauklergeneration, dadurch hat sich ein eigenes Gefühl für Tradition bei mir entwickelt. Ich denke, das steckt in den Genen - vielleicht hat auch mein Freiheitsdrang damit etwas zu tun. Ich finde es spannend zu wissen, dass eine Riesenkette von Menschen existiert, die ähnlich gedacht haben, die einen Spaß daran hatten, Künstler zu sein - un das unter schlechten Bedingungen, denn als Puppenspieler haben sie damals von der Hand in den Mund gelebt.

Wird diese Freiheit durch Ihre Popularität eingeschränkt?
Ich werde oft erst auf den dritten Blick erkannt, und dann bin ich schon vorbei. Bei Willy war es so, dass ihm auch auf die Schulter geklopft wurde, weil man ihn als Volkseigentum betrachtete. Das würde ich nicht wollen.

Sind Sie durch diese Erfahrung mit Ihrem Vater vorsichtiger im Umgang mit Menschen geworden?
Ich bin kein misstrauischer Typ. Ich öffne mich aber nicht so schnell, weil ich nicht weiß, ob es um micht geht, oder um den "Promi". Ich sage immer: Als Menschenkenntnis verteilt wurde, war ich nicht da. (sie lacht). Früher war ich vertrauensselig, blauäugig. Dennoch möchte ich nicht nochmal 25 sein. Lieber wäre es mir, die Uhr jetzt anzuhalten - am besten zehn Jahre.

Hat Älterwerden nicht auch Vorteile?
Man wird gelassener, kommt mehr zu sich selbst. Ich rege mich nicht mehr über Dinge auf, über die ich mich mit 25 aufgeregt habe. Ich nehme nicht mehr alles persönlich, muss auch nichts mehr beweisen. Ich möchte abends in den Spiegel gucken und sagen können: "Du bist durch diesen Tag gekommen, ohne rechts und links verbrannte Erde zu hinterlassen, ohne Menschen wehzutun." Das ist mir wichtiger, als zu zeigen, was für ein toller Hecht ich bin.

© 2003 Journal für die Frau; Sabine Weiß