| Am Donnerstagabend startet das ZDF um 20.15 Uhr eine Krimi-Reihe mit der
Kölner Schauspielerin: In "Marie und die tödliche Gier"
spielt sie an der Seite von Hinnerk Schönemann die Ermittlerin Marie
Brand. Im Interview spricht sie über ihre neue Rolle.
Frau Millowitsch, die Rolle der Marie Brand ist Ihnen wie auf den
Leib geschneidert. . .
Der Autor Alexander Adolph hatte bei unserem ersten Treffen bereits ein
dickes Paket voller toller Ideen dabei. Da war schnell klar, wo es hingeht
und es lief mit meinen Vorstellungen konform.
Kennen Sie Maries Ich habe alles falsch gemacht-Gefühl?
Nein, das ist mir Gott sei dank noch nicht passiert, dass ich mit dem
Rücken zur Wand stand. Marie Brand ist so empfindlich, wenn sie nicht
auf ihre Instinkte und ihren Bauch hört, dann geht etwas schief.
Aber man kann es auch so sehen: Es gibt keine Fehler, es gibt nur Erfahrungen.
Wobei das Macho-Getue von Jürgen Simmel alias Hinnerk Schönemann
einigermaßen gewöhnungsbedürftig ist.
Der guckt zu viel CSI: Miami. Und er hört nicht richtig
hin. Aber dafür hat er die Kollegin an seiner Seite, die aufpasst.
Er schafft es ja auch nicht, sie zu verprellen, obwohl er sich richtig
viel Mühe gibt. Marie sagt zu ihm: Sie können machen was
Sie wollen, tief innen drin sind Sie ein guter Mensch.
Marie zieht dann blitzschnell Schlüsse aus ihren Beobachtungen.
Wie steht's da mit Mariele Millowitsch?
Ich bin nicht so flott im Analysieren und habe auch keine gute Menschenkenntnis.
Ist leider so.
Als Marie können Sie mit beiden Händen gleichzeitig Formulare
ausfüllen. Wie geht das denn?
Daran habe ich lange gearbeitet.
Und sie liebt Zahlen...
Primzahlen, das ist ihre Meditationsebene, dort kommt sie zur Ruhe.
Ist das Fernsehen wirklich so schlecht wie Marcel Reich-Ranicki meint?
Irgendjemand hat einmal gesagt: Das Fernsehen macht Kluge klüger
und Dumme dümmer. Ich glaube, das stimmt. Die Klugen müssen
nur leider immer lange aufbleiben.
Wobei das Internet inzwischen neue Möglichkeiten des Fernsehkonsums
bietet...
Da ist ein Umbruch im Gange. Ich bin aber kein intensiver Internet-Nutzer.
Mails sind ganz praktisch, aber nach einer halben Stunde surfen habe ich
genug und nehme mir ein Buch. Ich bin ein Bücher Freund
Sie lieben Frauen, die hellsehen können, analytisch denken und
sich nicht einschüchtern lassen.
So wäre man doch selbst gerne. Ich finde Menschen toll, die alles
mitkriegen. Im Alltag geht einem doch so viel durch die Lappen.
Es fällt auf, dass immer mehr ältere Schauspielerinnen und
Moderatorinnen auf dem Bildschirm zu sehen sind.
Ich glaube, weil man gemerkt hat, dass eine Schauspielerin, die ein paar
Jahre mehr auf dem Buckel hat, auch mehr zu erzählen hat. Und man
hat wohl endlich festgestellt, dass die Erde keine Scheibe ist und Frauen
gar nicht so blöd sind. Aber es gibt immer noch einen Unterschied
zu Männern zum Beispiel was die Bezahlung angeht. Da sind wir noch
weit weg von Emanzipation.
Wie gelingt es Ihnen, als bekannte und viel beschäftigte Schauspielerin
im Kontakt mit normalen Menschen zu bleiben?
Ich bin seit elf Jahren mit dem Anwalt Alexander Isadi zusammen und habe
ein wunderbares Privatleben. Vor Kurzem hat mich die Leiterin eines Altenheims
gefragt, was eigentlich ein Regie-Assistent beim Film macht und im Gegenzug
hat sie mir erklärt wie die Arbeiter-Wohlfahrt funktioniert. Das
sind für mich Helden des Alltags.
Sie haben über Ihren Vater Willy Millowitsch gesagt, dass er
im Grunde seines Herzens von großen Versagensängsten getrieben
worden sei. Kennen Sie diese von sich selbst?
Die haben wir Schauspieler alle. Davon bin ich überzeugt. Das ist
der Motor. Ich glaube nicht, dass man gut sein kann, wenn man keine Angst
davor hat, es nicht zu sein. Das Paket schleppt man mit sich rum. Da können
Sie auch andere Kollegen fragen. Das ist die Kehrseite der Medaille. Und
manche greifen deswegen auch zu vermeintlichen Hilfsmitteln
wie Alkohol oder ähnlichem.
Bei Bühnen-Schauspielern scheint das nicht anders zu sein.
Armin Mueller-Stahl hat kürzlich bei Beckmann gesagt,
er sei am Anfang seiner Karriere nicht gut gewesen, weil er Angst hatte,
sich zu blamieren. Wenn es Szenen gibt, in denen man sich bloß stellt,
nackte Angst oder Demütigungen zeigen muss, ist das sehr schwer.
Es ist nicht so einfach zu sagen: Hier, bitte guckt in meine Seele.
Danach braucht man jemanden, der einen in den Arm nimmt.
Woher beziehen Sie Ihr Selbstbewusstsein?
Keine Ahnung, ich hab's einfach. Glück gehabt. Ich habe kein so tolles
Selbstwertgefühl, das ist bei uns Frauen ja häufig so. Wir können
uns so schlecht verkaufen. Aber es wird immer besser.
Ist das einer der wenigen Vorteile des Älterwerdens?
Absolut. Die Gelassenheit nimmt zu, das kann ich nur unterschreiben.
Zurück in die Vergangenheit: 1983 waren Sie ein Jahr lang im
Ensemble des Düsseldorfer Kom(m)ödchens.
Von Kay Lorentz habe ich viel gelernt. Aber es war auch ein ziemlicher
Druck, auf einer Kabarett-Bühne zu stehen. Ich wollte da ganz besonders
gut sein.
Da kommt es wie in einer guten Comedy auf präzises Timing an.
Der Rhythmus muss sitzen. In einem Krimi hat man etwas mehr Spielraum.
Mein Lieblingsspruch ist: Der Hänger ist die Schwester des
Ausdrucks. Im Ernst: wenn man in einem dramatischen Moment plötzlich
den Text vergisst, kann man drei bis vier Sekunden intensiv gucken bis
man weiter weiß und es fällt nicht auf. Das gibt es bei der
Comedy gar nicht.
Ganz schwere Frage: wozu sind wir auf der Erde?
Dass Sie mich das fragen. Da müssten Sie zu einem Philosophen gehen.
Das weiß keiner. Aber es gibt einen schönen Witz: Treffen sich
zwei Planeten. Fragt der eine: Wie geht's? Sagt der andere:
Mir geht's ganz schlecht, ich hab' Homo sapiens. Antwortet
der: Kein Problem, das gibt sich. Vielleicht sind wir ja eine
Hautkrankheit für unseren Planeten.
Sind Sie gläubig?
Wenn da oben jemand ist, der einen Plan hat, dann verstehe ich ihn nicht.
Vielleicht ist es ja so, dass wir uns selber ausrotten und eines Tages
ist Ruhe.
Sie haben erzählt, dass Sie sich seit dem Tod Ihres Vaters immer
wieder mit ihm unterhalten.
Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde als wir uns träumen lassen.
Die Naturwissenschaften haben auch noch nicht das Gegenteil bewiesen.
© 2008 Kölner Stadt-Anzeiger; Marianne Kolari
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