| Lesen! (ZDF, 07.02.06) |
| Vielen Dank an Sonja R. fürs Abtippen | |
| [....] Elke Heidenreich: Ich habe auch heute wieder einen Gast in der Sendung. Der Gast ist eigentlich Tierärztin, aber das wollte sie nicht werden, sondern Schauspielerin, das ist sie inzwischen mit ganz eigener Kunst und Ausstrahlung. Sie ist auch Tochter eines berühmten Vaters, hat sich von all dem aber gelöst und macht ihr eigenes wunderbares Ding. Und mir persönlich ist sie eine ganz besonders nahe und liebe Freundin, weil sie auch hier in Köln lebt. Und jeden Ostermontag trinken wir beide zwei Flaschen Eierlikör zusammen. Dann ist uns immer enorm schlecht, aber wir lachen immer sehr sehr viel und reden über schöne Dinge und auch über Bücher. Ich freue mich, dass sie heute hier ist: die großartige Mariele Millowitsch. |
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Mariele kommt mit einem großen Paket in der Hand auf die Bühne
und wird herzlich von Elke umarmt. |
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Elke: Ich hab was für dich, aber... Mariele: Ich hab noch den Konturenstift von meiner Maskenbildnerin geklaut um "Elke" drauf zu schreiben. Elke: Muss ich das auspacken in der Sendung? Nee, nachher, oder? |
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| Elke: Nachher. Ich danke dir. Mariele: Bitte sehr. Elke: Sie ist so unglaublich großzügig. Ich sehe Mariele nie ohne, dass sie... Du hast ja Samt an! Hab ich dich etwa auch auf den Samt gebracht? Mariele: Dir zu Ehren, ja sicher. Elke: Oh, das ist aber schön. Mariele: Ja, die ist aus dem Jahre "10 vor" und ich dachte, ich mach dir eine Freude. |
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Elke: Man trägt jetzt auch endlich Samt. Ich
trag ihn seit 20 Jahren, jetzt endlich ist er in. Ich kann die Mariele nie
sehen, ohne dass sie mir was schenkt. Also wann immer ich Mariele sehe,
sagt sie: "Guck mal, ein Pinguin. Mit Halstuch. Ich hab was für
dich gesehen. Guck mal dies, guck mal das." Und da ich das wusste... Mariechen: Kannst du Ostermontag? (sie stellt eine Flasche Eierlikör auf den Tisch) Ich hab schon mal eine mitgebracht. Nimm mit, stell die schon mal warm und mach wieder Schokoladenpudding. (Mariele öffnet die Flasche) Komm, jetzt nicht, jetzt nicht. Mariele: (genießerisch) Nur mal riechen. Vielen Dank. |
| Elke: Ich danke dir. Ich packe das nachher aus, das
ist mir zu peinlich jetzt. Wer weiß, nachher ist das wieder so ein
Pinguin-Kissen oder so. Mariele: Das ist auch peinlich wahrscheinlich, ja, so eine Scheußlichkeit. Ich lass den Eierlikör hier stehen. Elke: Aber es bleibt bei Ostermontag, ne? Mariele: Ja. |
| Elke: Gut. Wo kommst du her? Hast du gerade Drehpause?
(zum Publikum) Ich hab sie wirklich lange nicht gesehen. Mariele: Ich tu gar nichts im Moment, was ganz ganz wunderbar ist. Elke: Hast du mal 'ne Pause? Mariele: Ich hab Pause. Ich hab nichts zu tun und finde es herrlich. Elke: Dann kannst du ja lesen. Mariele: Ich hab großen Spaß gehabt das auch zu lesen, denn irgendwie kommt man beim Drehen nicht dazu. Man schafft gerade die Tageszeitung und sonst nix. Und deswegen war das so schön, dass ich jetzt die Zeit hab, da mal ein bisschen in Büchern zu stöbern. |
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Elke: Und es ist nichts abgesprochen hier mit den
Gästen, ich überlasse es ihnen wirklich, was sie lesen wollen,
ich rede da nicht rein. Außer es ist ein Buch, was wir schon mal hatten
oder so. (Marieles Mimik soll eher das Gegenteil signalisieren) Nöööö,
hab ich dir reingeredet?
Mariele: (grinst) Nein, hast du nicht! Hast du nicht, Schatz. |
| Elke: Im Dezember rief sie an: "Nee, das nehmen
wir doch nicht, wir nehmen jetzt Jurek Becker." Hab ich gesagt: "Jurek
Becker ist prima." Hab's noch mal gelesen. Nach Weihnachten rief sie
an und sagte: "Nee, jetzt hab ich was..." Da hab ich gesagt: "Kannst
du vielleicht mal freundlicherweise..." Und dann hat sie gesagt, sie
will... ich stelle den Eierlikör jetzt weg hier, wie sieht das aus
?!?!
Mariele: Ja, die Wahrheit muss ans Licht, Elke. |
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Elke: Dann hat sie gesagt: "Hans-Ulrich Treichel."
Da hab ich gesagt: "DAS ist gut. Den wollte ich immer schon mal lesen,
wie heißt das Neueste?" Und dann sagte sie: "Menschenflug."
Das war sein neuestes, sein letztes Buch. Von Hans-Ulrich Treichel. Und
dann hab ich auch gleich das davor gelesen: "Der Verlorene". Und
du hast mir eine große Freude gemacht. Es sind wunderbare Bücher! Mariele: Macht Spaß, oder? Elke: Suhrkamp Verlag. Erzähl du bitte, warum du das ausgesucht hast. Mariele: Ich denke, da geht es dir wie mir, weil... |
| Elke: Guck mal, was hier [in den Notizen] steht... Mariele: Was hast du da geschrieben? Elke: "Elke! Lass Mariele ausreden!" Mariele: Ehrlich? (sie schaut sich die Notizen an und dann zum Publikum) Da steht wirklich: "Nicht unterbrechen". Elke: Also: Mach! |
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| Ich hab ein ganz großes Faible für tragisch-komische
Geschichten und tragisch-komische Menschen. Die Kategorie "Traurige
Clowns", die immer irgendwas Gutes wollen, es aber nicht hinbekommen.
Und in sich selber gefangen sind und sich immer was Gutes vornehmen, es
aber funktioniert nicht. Und ich fang jetzt an mit dem "Verlorenen",
denn mir war nicht wirklich klar, dass man, wenn man den "Verlorenen"
nicht gelesen hat, etwas Wesentliches verpasst für den "Menschenflug",
also... Elke: Trotzdem kann man ihn alleine gut lesen. Mariele: Man kann ihn alleine lesen, kein Thema. Schöner, runder wird das Bild, wenn ich vorher das Buch "Der Verlorene" gelesen hab. Dann weiß ich, worum es bei "Stephan" geht, auf den wir dann gleich kommen. Elke: Erzähl! |
| Elke: Das verlorene Baby. Mariele: Absolut. An nicht verarbeiteter Vergangenheit... Arnold ist riesig! Und der Junge beschreibt also, dass seine Eltern auch einen Suchantrag stellen und was das mit ihm als Sohn macht. Der spielt nur eine Nebenrolle, er ist eine Ersatzfigur, er hat überhaupt keine Wurzeln in dieser Familie. Und er hat den dick, den Arnold, er wünscht ihm Pest und Galle an den Hals und... Elke: Es ist ja viel schwerer ein Geschwister zu haben, das nicht da ist, als so wie du drei, da kann man sich definieren, aber... |
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| Mariele: Der hat schon einen Heiligenschein, bevor der überhaupt irgendwo... Der sieht auf jedem Foto besser aus als er. Dieses Kind ist einfach ein Traum, wirklich ein Traum der Eltern auch. Ein Trauma, das die zum Lebensinhalt gemacht haben. Und er schreibt auch, um den loszuwerden, hätte er ihm am liebsten den dritten Weltkrieg gewünscht, damit dieses Kind endlich verhungert. Wo steht denn das, ich fand das auch so herrlich. |
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Ich wollte niemandem ähnlich sein, schon gar nicht
meinem Bruder Arnold. Die angeblich verblüffende Ähnlichkeit hatte
die Wirkung, dass ich mir selber immer unähnlicher wurde. Jeder Blick
in den Spiegel irritierte mich. Ich sah nicht mich, sondern Arnold, der
mir zusehend unsympathischer wurde. Wäre er doch auf der Flucht verhungert!
Stattdessen mischt er sich in mein Leben ein. Und in mein Aussehen. Und um ihn doch noch verhungern zu lassen, wünschte ich mir den dritten Weltkrieg. Doch der dritte Weltkrieg kam nicht |
| Mariele: Und das ist das Drama, weil die Eltern suchen
und suchen und es gibt dann auch ein Findelkind mit der Nummer 23-07 und
jetzt geht eine Odyssee der Eltern und des Jungen los um nachzuweisen, dass
dieses Findelkind womöglich der verlorene Sohn sein könnte. Erbbiologische
Vermessungen... Elke: DNS hatte man noch nicht, ne? Mariele: Nee, aber da wurden dann so Kopfhöcker vermessen, Fingerbeeren-Abdrücke verglichen, Fußabdrücke in Gips... Elke: Grausig. Mariele: Grauenhaft. Es hatte so ein bisschen so einen rassenkundlichen Beigeschmack, also der Nationalsozialismus kam mir wieder ein bisschen hoch mit Rassenkunde und so. Elke: Sag mir, ob sie ihn in Buch 2 finden? Mariele: Haha, jetzt geht's los. Stephan... Elke: ...denn das war ja eigentlich unser Buch. Mariele: Das war eigentlich das Buch. Stephan, dieser Stephan, unser Protagonist in "Menschenflug" hat ein Buch geschrieben über seine Kindheit, die er nicht hatte. Zack sind wir beim "Verlorenen". Er hat also versucht, seine nicht vorhandene Kindheit und sein eigenes Trauma zu verarbeiten, indem er das Buch "Der Verlorene" schreibt. Alles lieb gemeint, aber er hat nicht wirklich bei sich gegraben. Er dachte, er kann diesen Bruder in das Buch verbannen und er ist diese ganze Vergangenheit quitt und basta. Das geht aber nicht, denn dieses Buch wird in mehrere Sprachen übersetzt, ist sehr erfolgreich und jetzt kommen immer mehr Menschen, die glauben, sie wären der Verlorene. |
| Elke: Bei jeder Lesung kommt einer und sagt: "Ich
bin's! Dein Bruder, ich bin auch verloren." Und er denkt immer... Mariele: "Wahnsinn!" Und er wird es nicht los. Elke: Kleine dicke Herren kommen und sagen: "Darf ich Ihnen meine Briefmarkensammlung schenken? Sie sind mein Bruder." Also sehr komisch. Mariele: Ganz furchtbar. Und er hatte diese beiden Begriffe; ich muss die nachgucken, ich kann mir nix merken - ich bin Schauspieler. "Vergangenheitsarthrose und Geschichtsrheumatismus." Elke: Das ist schön, ja. |
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| Mariele: Das war es, was es mit ihm machte. Und er
hat gehofft, er kann mit diesem Buch also alles loswerden, diese Schuldgefühle
und diese Phantomschmerzen. Wie gesagt: Nein, das geht nicht. Es kommen
Menschen, die behaupten, sie wären der Verlorene. Es kommt ein Wilhelm.
Und Wilhelm geht ihm tierisch auf den Senkel, denn Wilhelm ist lamoryant,
denn er hat eben das Schicksal, ein Verlorener zu sein. Und er will Wilhelm
abhängen, was ihm auch gelingt, er behandelt ihn auch richtig schlecht.
Aber mehr und mehr zwickt in Stephan der Bilanzbedarf. Zwischenbilanzbedarf, denn er merkt: irgendwas läuft hier schief, ich muss was verarbeiten, weiß aber irgendwie noch nicht wie. Und dann kriegt er plötzlich so einen Flash und da denkt man: "Stephan, ja du bist auf dem richtigen Weg." Er sagt, er fährt jetzt nach Wolhynien und macht einen Reisebericht. Elke: Wo die Eltern her sind. Mariele: Wolhynien ist heutige Ukraine, da wo die Eltern damals herkamen und flüchten mussten. Ok, also er nimmt sich das fest vor und man denkt: "Ja Stephan, guter Weg." Und dann sieht er in einer Bücherei irgendwo, dass es schon Bücher darüber gibt. "Reise nach Wolhynien". SEIN Buch! Und wie man das bei sich selber kennt: man nimmt sich was vor und der kleinste Anlass reicht, um zu sagen: "Ja, ich wollt ja, ich wollte es, tut mir leid, ich kann's nicht machen." Elke: Und was macht er? Bucht 'ne Pauschalreise nach Ägypten. Mariele: Er haut erst mal ab. Elke: Fängt was an mit einer Archäologin. |
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Mariele: Er haut ab nach Ägypten, fängt
was an mit einer Archäologin, was ich auch sehr schön finde, weil
man auch da wieder sieht, dass er nicht in der Lage ist, den Augenblick
zu genießen. Und dieser Spruch, den er bei sich am Schreibtisch hängen
hat von Goethe: "Der Augenblick nur allein entscheidet über das
Leben des Menschen und dessen Geschicke..." Elke: (auf kölsch) ...werd' ich zum Augenblicke sagen: "Verweile doch, du bist so schön!" Dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zugrunde geh'n." Mariele: Aber der Augenblick, den er gern hätte, der verweilt nicht und er kann nichts draus machen. Dieser Mann ist SO eine arme Socke. |
| Elke: Er ist zerrissen. Er ist wirklich "Der
Verlorene". Sein Leben ist durch diesen verlorenen Bruder völlig
aus dem Ruder geraten. Mariele: Ja, aber wissend, er kann nicht ewig warten. Der Mann ist 52, sein Vater ist mit 54 gestorben. Elke: Er denkt, er ist bald dran. Mariele: Über ihm schwebt das Damoklesschwert des baldigen und nahenden Todes. Also er ist praktisch für sich selbst der Nächste. Elke: Und weißt du was? Trotzdem ist es ein komisches Buch, es ist traurig, aber... Mariele: Es ist saukomisch geschrieben. Elke: Es ist traurig, aber ich hab so viel gelacht. Mariele: Es ist aber nie - und Elke da wirst du mir zustimmen - nie lustig. Es ist wahnsinnig komisch und so tragisch. Elke: Ja, aber weißt du was? Ich glaub, die wirklich Komischen haben immer eine ganz große Tiefe, die sind nicht albern. Deswegen kann ich über die meisten Comedians nicht lachen, aber über Hape Kerkeling, der ein kluger, ernster Mensch ist, über den kann ich mich kaputt lachen. Es muss unten Tiefgang haben, sonst ist es oben nicht witzig. |
| Mariele: Und der Tiefgang bei der Komik ist das Tragische.
Und es ist einfach, dann wird's lustig. Das sind die traurigen Clowns. Elke: Wie du es ganz am Anfang gesagt hast. Mariele: Das ist das, was mich fesselt, also was mir eine große Freude macht, zu lesen. Sicher kann man einen tragischen Vorgang auch tragisch beschreiben und sagen, das ist jetzt so, dann nehm ich das zur Kenntnis und sage: "Ja, das ist furchtbar." Ist es aber so portioniert oder so verpackt, dass es einen Humor hat, dann erwischt es mich, dann trifft's mich. Also das Lachen im Halse stecken bleibt einem bei diesem Buch ja nicht, aber das Schmunzeln gefriert einem so im Gesicht und das find ich ganz toll. |
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| Elke: Dieser Bruder, der fehlende Bruder ist so eine
seelische Amputation, so eine Art Phantomschmerz in seinem Leben. Mariele: Absolut. Elke: Ich hab ja vorhin schon mal den Walter von Rossum - du kennst ihn ja auch, unseren klugen Walter - zitiert und der schreibt einfach wunderbar über Bücher. Er hat auch über dieses geschrieben. Und ich hab mir wirklich dieses aus der Kritik heraus geschrieben. Der Rossum sagt über dieses Buch: |
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"Wer bei dieser Lektüre dieses gekonnt gewollt unauffälligen Romans nicht von Herzen lacht, dem ist auf Erden mit Humor nicht zu helfen." Mariele: Genau. "Wer bei der Lektüre dieses spöttisch melancholischen Buches nicht die Phantomschmerzen verspürt, der ist einmal zu viel amputiert." Elke: Man kann's wirklich nicht schöner sagen. Mariele: Schön, dass du das rausgesucht hast. |
| Elke: Ich möchte noch was zu dem Treichel sagen,
weil wir hier in der Oper sitzen. Der Treichel ist nicht nur Schriftsteller
und Literaturprofessor in Leipzig. Mariele: Der hat auch Libretti geschrieben. Elke: Weißt du das, dass er Libretti geschrieben hat? Mariele: Ja klar. Man beschäftigt sich ja mit dem... Elke: Ach so, das hast du gelesen? Mariele: ...im Vorfeld einer solchen Sendung sollte man das tun. Elke: Brav! 100 Punkte! Mariele: Dankeschön. Elke: Noch eine Flasche Eierlikör! Mariele: Oh ja, gerne. |
| Elke: Also, er ist der Librettist von Hans Werner
Henze. Hans Werner Henze hat viele Opern geschrieben und zu mindestens zweien
davon - das weiß ich - hat Treichel die Libretti geschrieben: "Venus
& Adonis" und "Das verratene Meer". Hier im Opernhaus
laufen "Die Bassariden" von Henze. Und der Henze hat in seiner
Autobiographie mit Treichel die erste Begegnung so geschildert, 1978: Jens Brockmeier stellte mich unserem Landsmann Hans-Ulrich Treichel vor, einem heimlich dichtenden Germanisten. Er trabte in Tennis - Schuhen und Jeans durch Friedenau, wie ein junges Ross oder mehr wie ein erwachsenes Füllen. Das damalige Füllen ist heute ein Ross, er ist 54 Jahre alt. |
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| Mariele: 52, mach ihn nicht älter! Elke: Oder 52. Ja, 52? Mariele: Nee, der ist 54! Der ist '52 geboren. Elke: 54! Wer ist hier der Moderator? Mariele: Hat übrigens am gleichen Tag Geburtstag wie meine älteste Schwester Katarina - am 12.8. Elke: Was weiß denn ich, wann deine Schwestern Geburtstag haben. Ich weiß grad mal deinen: 23. November, richtig? Mariele: Ja, bitte, ist schon mal was. Elke: Guck mal, den weiß ich. Mariele: Jetzt kannst du dir auch den 12.8. merken. Elke: Das gehört doch jetzt gar nicht hier hin. Mariele: Ich find das spannend. Elke: Sehr, sehr schöne Bücher. |
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Mariele: Weißt du, was das [auf dem Umschlag]
für ein Bild ist? Elke: Nein. Mariele: "Der Menschenflug" Elke: Ist das Lilienthal? Mariele: Das Denkmal von Otto Lilienthal, genau! Das hab ich mir nämlich aufgeschrieben, das ist der kleine Flugapparat. Der kleine Schlagflügelapparat von 1893. Ist das nicht herrlich? Fotografiert 1894 von einem Fotografen namens Ottomar Anschütz. |
| Elke: Wunderbar. Also wir haben beide mit großer
Freude, wie Sie sehen, diese Bücher von Hans-Ulrich Treichel gelesen.
Es gibt noch mehr "Der irdische Amor" ist noch eins. Aber die
sind wirklich großartig und ich danke dir, dass du das vorgeschlagen
hast. Mariele: Ja, ich hoffe, es wird gelesen. Es macht Spaß. Elke: Sag mal, kannst du dich noch erinnern an Willy Brandt? War er dir nah? Hast du irgendwie ein Gefühl? Mariele: (überlegt kurz) So nah wie einem ein Politiker sein kann. Man weiß, dass er Oberbürgermeister war von Berlin, man weiß, dass... Elke: Er war mal Bundeskanzler, Herzchen! Mariele: ...Bundeskanzler, jaja, selbstverständlich von 69 - 74. Man weiß, dass er Ost-Politik betrieben hat... Elke: Das hat uns ja immer gut gefallen. Mariele: ...er hat diesen Kniefall gemacht, das machte ihn einem auch sympathisch. Und dann ist er gestolpert über diese Affäre mit seinem persönlichen... Elke: ...mit dem blöden... Mariele: ...Sekretär oder was auch immer, Herr Guillaume. Und dann hat er die Konsequenzen gezogen, was ja auch nicht immer normal ist. Elke: Er hat 3 Söhne, soviel ich weiß, ne? Also einer ist... Mariele: Peter, Lars und... Elke: Peter, Lars und Matthias. Mariele: ...Matthias. Elke: Einer ist Schauspieler, bist du dem schon mal begegnet, Matthias? Mariele: Aber Lars auch... Elke: Und Lars schreibt. Ist der auch Schauspieler? Mariele: Ja, ich glaube auch, dass er spielt. Elke: Also ich habe ein Buch hier von einem Sohn von Willy Brandt: Lars Brandt. Du hast es auch gelesen, ich hab dich drum gebeten. Das Buch heißt "Andenken", es ist im Hansa-Verlag erschienen und "Andenken" ist Andenken an Willy Brandt, aber auch eine "Person an-denken", die so schwierig ist, die sich so entzieht. Es ist ja immer interessant, wenn Söhne über ihre eigene Kindheit, über ihre Väter schreiben, oder Kinder überhaupt über ihre Eltern. Aber das ist kein Buch, "wie mein Vater war" und "was ich als Kind mit ihm erlebt habe", sondern er nähert sich ganz distanziert diesem distanzierten Mann. Mariele: Ja, es ist schon auch was er erlebt hat. Diese engen Erlebnisse beim Angeln oder so, da rückt er ihm ja ganz nah, da ist er plötzlich Vater, aber das ist so schnell vorbei, das ist nicht zu halten. Elke: Aber das sind die nächsten Momente. Mariele: Diese Momente sind ja nicht zu halten. Elke: Und ansonsten ist es eine Kindheit mit Bewachung vor der Tür, mit Chauffeuren und alldem. |
| Mariele: Jaja, klar. Elke: Er beschreibt auch, wie Menschen sich von Willy Brandt immer tief enttäuscht fühlten, weil der ein Mann war, der Emotionen weckte und dann Nähe nicht zulassen konnte. Der sich immer zurückzog, der Wärme nicht haben konnte. Das ist ein Buch in ganz kleinen Absätzen, also Mosaiken fast nur, so Blitzaufnahmen für den Moment. Das Bild von Willy Brandt bleibt auch nach diesem Buch fragmentarisch und doch begreifen wir diesen verschlossenen Mann besser, wenn wir das gelesen haben, weil der Sohn ihn so liebevoll beschreibt. Er sagt:"er hat das Buch nicht geschrieben, um Neuigkeiten über Willy Brandt zu bieten, sondern um zu jenem Teil der Wirklichkeit über sich und den Vater vorzustoßen, den nur er erzählen kann". Das find ich einen schönen Satz. Du hast auch einen berühmten Vater. Bist du je auf die Idee gekommen, darüber zu schreiben? |
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Mariele: Nein, nein noch nicht irgendwie. Weil es
auch viel ist, mit dem man sich auseinandersetzen muss. Genau das, was du
sagst, diese kleinen Fragmente, die immer wieder aufblitzen. Und da ist
es sicherlich ein guter Weg zu sagen: ich mach auch nicht mehr, als das,
was mir einfällt. Kleine Bildchen. Und das leg ich hin und lass die
Leute was draus machen. Aber so weit hab ich's noch nicht. Bei mir ist es immer so: ich denk immer, ich muss dann so viel machen und dann stockt's mir einfach schon im Gedanken. Dann bleib ich hängen. Elke: Aber so wie er's macht... Mariele: ...ist es ein guter Weg, absolut. |
| Elke: Einfach so Splitter: was hab ich selbst gefühlt?
Was mag es für ein Mensch gewesen sein? Großartiges Buch, sehr
kühl, sehr distanziert... Mariele: Das ist es. Elke: ...aber unglaublich berührend und bewegend. Ich hab es wirklich sehr bewegt an einem Nachmittag gelesen. Mariele: Ich hab's auch in einem Rutsch durch. Elke: Turin. Olympiade. Guckst du? |
| Mariele: Weiß ich noch nicht. Elke: Bisschen... Mariele: Mal gucken. Elke: Was weißt du sonst noch von Turin? Mariele: Nicht viel. Elke: Aha, das wird sich gleich ändern. Mariele: Ich weiß, dass ich mal mit betrunkenem Kopf morgens über die Piazza gesaust bin mit irgendwelchen Italienern. Es ist lange lange her und ich war sehr besoffen, das weiß ich noch. |
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| Elke: Auf dieser Piazza wird jetzt ein Gebäude
stehen - ein hässliches, das hinterher wieder weg kommt - in dem die
Preisverleihung - wie nennt man das? - die Siegerehrungen sind. Also in
Turin ist jetzt, das wissen Sie, Winterolympiade und alle Eislaufsachen,
alles was mit Eisschnelllauf, Eishockey, Eiskunstlauf zu tun hat, findet
da statt. Aber Turin ist immer auch eine Stadt der Literatur gewesen. Das
ist nicht nur Fiat und Agnelli, da ist der große Einaudi-Verlag. Turin,
das sind Namen wie... na? (sie stupst Mariele an) Mariele: Du kannst mich jetzt schubsen, bis der Arzt kommt, ich hab keine Ahnung. Elke: ...Italo Calvino, Cesare Pavese, die beiden Zausel, Fruttero & Lucentini, die immer zusammen geschrieben haben, weißt du noch? Mariele: Ach, das ist Turin? Elke: Ja, alles Turin. Nietzsche hat in Turin das Pferd umarmt, das so geschlagen wurde und hat dabei geweint und kam für den Rest seines Lebens in eine Irrenanstalt. Also Turin ist eine große, interessante Literaturstadt und der wunderbare Wagenbach-Verlag hat in seiner Reihe "Salto" in rotem Leinen eine literarische Einladung nach Turin herausgegeben. Das sind Erzählungen, Erinnerungen, Texte, Bilder über ein Turin, das wir jetzt während der Olympiade nicht sehen, das es aber danach, wenn die Olympiade vorbei ist, auch noch gibt. Italo Calvino schreibt am schönsten, obwohl er nur Wahl-Turiner ist und Cesare Pavese hat mit einem einzigen Bild - das find ich so schön - beschrieben, was ihm an Turin Heimat ist. Ich weiß, wohin in einer bestimmten Stunde das Sonnenviereck auf den Backsteinboden fällt. Übrigens, die erste Schokolade wurde in Turin gemacht. Da kam irgendein Herzog mit Kakaobohnen. Haben wir noch Zeit auf das Lexikon hinzuweisen? Haben wir nicht - ich tu's aber trotzdem, ganz schnell. Es gibt ein Lexikon des frühen 21. Jahrhunderts, das hat die Süddeutsche Zeitung herausgegeben. Da stehen wir drin! "Lesen!" steht drin: erfolgreiche Lesen-Sendung, die befiehlt zu lesen! So ist es! Und dass wir da drin stehen, habe ich Ihnen zu verdanken, weil Sie immer so fleißig zugucken. Tun Sie das bitte auch weiterhin. Ich sage Ihnen jetzt was nach uns kommt: Die Sendung "37° - Eltern allein zu Haus, wenn die Kinder ausziehen". Freuen Sie sich doch, wenn die Kinder ausziehen, dann haben Sie endlich Zeit zum Lesen. |
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Mariele: (lacht) Das stimmt. Elke: Uns sehen Sie das nächste Mal wieder am 4. April und dann ist unser Gast Hellmuth Karasek. Dankeschön fürs Zugucken und bitte denken Sie dran, Damen lesen jetzt Anne Tyler, Herren lesen John Updike Mariele: Warum machst du es nicht umgekehrt? Elke: Danach dann umgekehrt - die will das dann schon lesen, wart mal ab! Alle lesen Treichel. Dann lesen wir natürlich Lars Brandt, wenn wir in der Eisenbahn sitzen und melancholisch sind und Turin lesen wir sowieso, während Olympia läuft. Dankeschön und bis zum 4. April. Auf Wiedersehen und Tschüss. Mariele: Tschüss. |
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