"Den Vamp kann ich noch mit neunzig spielen"
(NDR Presse, März 2000)
 
Der wache Blick, das rasche Lächeln, eine angenehme, nicht zu sanfte, zu süße Stimme. Gar nicht einfach, Mariele Millowitsch, diese so patente, weltzugewandte, uneitle Frau nicht sympathisch zu finden. Und darunter müsste sie nun schrecklich leiden, müsste stöhnen: "Warum gibt man mir immer nur die lieben Rollen? Wann darf ich endlich bös und zickig sein?"
Sie denkt gar nicht daran. Im Gegenteil. Sitzt ruhig da, nippt am Cappucino, zuckt nur zuweilen leicht zusammen, wenn sich wieder mal die Espressomaschine am tresen der kleinen Eppendorfer Cafeteria mit zischendem Gedröhn ins Gespräch einbringt, und findet es "eigentlich recht angenehm", von den Menschen gemocht zu werden. Von den meisten jedenfalls: "Das ist ja auch sowas wie eine Verantwortung. Die muss man pflegen."

Und den Erfolg hat es ihr schließlich auch gebracht. Der kam im großen Stil mit der ZDF-Serie rund um die "Girlfriends", von denen die eine Mariele Millowitsch war, die Marie Malek, Landpomeranze aus Wunsiedel. Die Provinz, aus der sie nun im NDR-Film "Meine beste Feindin" kommt, heißt Bienenbüttel. Die liegt, der Name lässt es ahnen, in tiefster Heide, und Johanna Stauding - so heißt sie in ihrer Rolle - fühlt sich ganz wohl darin. Hat dort etwas aufgebaut, eine Schnellreinigung, hat Mann, den Horst, sowie Tochter, die Camilla. Heile Welt zwischen Schnucken und blau blühender Erika.

Zu heil, um lange wahr zu sein. Schon geht sie entzwei. Horst, der Brave, stirbt. Und schaudernd stellt seine Witwe fest: Offenbar hat er ein Doppelleben geführt. Hier im biederen Bienenbüttel. Und gleich noch einmal dort draußen in der bösen, weiten Welt, wo eine andere seiner geharrt hat, eine von recht einschlägigem Ruf. Witwe Johanna muss sich fragen: "Was ist das für eine Ehe, die ich jahrelang führte? Was habe ich vom anderen überhaupt gewusst?" Wozu dann ihre Darstellerin etwas melancholisch mit den Achseln zuckt: "Ist das nicht in jeder längeren Verbindung die Frage, die sich jeder irgendwann mal stellt?" Die Johanna Stauding bricht auf zum Kiez, um dort vielleicht doch eine Antwort zu finden. In eine Welt, auf die privat Mariele Millowitsch so neugierig nicht ist: "Einmal, naja, bin ich dagewesen, in einer Disco, um mich mal richtig auszutanzen..."

"Ihr" Hamburg, das sie in den "Girlfriend"-Jahren lieben gelernt hat, findet die studierte Tierärztin und leidenschaftliche Naturliebhaberin mit ihrer Passion für Hunde, Pferde sowie ein leider aus ihrem Lebenskreis wieder entschwundenes Hängebauchschwein jedoch woanders. Im üppigen Grün der Elbe-Stadt. Am Wasser, in den Seitenarmen der Alster, wo sie sich im Paddelboot "wie auf Expedition irgendwo an den Quellen des Orinoko" fühlt. Und die Hamburger also, "die sind gar nicht so drög, wie man sagt, naja, vielleicht nicht ganz so munter wie die Leute in Köln." Dorthin, in ihre Heimatstadt, ist sie zurückgekehrt, "aus privaten Gründen" und nicht ohne kleine trauer um die liebgewonnene Hamburger Wahl-Heimat.

Um so lieber ist sie für die "Beste Feindin" nach Hamburg gekommen. Zumal sie als Provinzpflanze Johanna viele verschiedene Facetten ihres Könnens präsentieren konnte. Bebrillt, im guten Kostüm fürs Besondere, ganz graue Maus. So steht sie dort neben der Rüschen- und Federpracht ihrer von Doris Kunstmann gespielten Rivalin Andrea. Verschreckt, aber auch mutig, wenn es ums Ganze geht. Schon bekommt der miese Schutzgelderpresser eins quer über den Schädel. Dann nichts wie weg! Zusammen mit der Rivalin geht es auf gemeinsame Flucht. Wir ahnen bald: So fängt eine wundervolle Freundschaft an. Und irgendwann wird schon zusammenwachsen, was denn doch irgendwie und um Ecken herum zusammengehört. Kiez und Provinz. Biedersinn und kesse Lebensart.

Eine Bombenrolle jedenfalls für die Tochter des Super-Komödianten Willy Millowitsch. Eine von der Art, wie sie Mariele Millowitsch auch mal wieder ganz gern auf dem Theater spielen würde. Vielleicht im heimatlichen Köln bei Schwester Katharina in deren FKK (Freie Kölner Kammerspiele) oder beim Bruder Peter im Millowitsch-Theater.
Dort mal wieder auf den Brettern zu stehen, kann sie sich durchaus vorstellen. Und getrost so sympathisch, wie sie nun mal ist. Nicht als Vamp, als Femme fatale: "Sowas kann ich noch mit siebzig spielen." Sie hält ein, denkt kurz nach, wieder das rasche, gescheite Lächeln: "Nein, sagen wir: mit neunzig. Das ist noch länger hin."

© 2000 NDR Presse; Paul Barz