DAS!
(NDR, irgendwann 1997)
 
R. Münchenhagen: Mariele Millowitsch ist heute abend mein Gast, mit der unter anderem zu klären sein wird, ob ihre privaten Freunde von DER Mariele oder von DEM Mariele reden. Aber das klären wir später. [....] Jetzt will ich Mariele Millowitsch sehen.

Gezeigt wird eine Ausschnitt aus Rudi’s Tagesschau von 1986.
DAS! 1

DAS! 2 Mariele und Rudi Carell sitzen in einer Art Telefonzentrale. Mariele nimmt einen Anruf entgegen, sagt "Ja bitte?" und dann etwas genervt "Nein, nein. Das geht doch jetzt wirklich nicht! Ja, also gut."
Sie legt den Hörer weg und sagt zu Rudi Carell "Rudi, da ist jemand, der sagt, er findet Willy Millowitsch im Fernsehen besser als dich." Rudi Carell antwortet: "Ja, das ist eine Geschmackssache, ne?"
Mariele nimmt den Hörer wieder auf und fragt "Zufrieden? Ja, Tschüß Papa!"
 
R. Münchenhagen: Nicht schlecht die Nummer. 1986, wir haben’s drunter geschrieben. Wann haben Sie zuletzt mit Ihrem Vater telefoniert?

Mariele: Ja, das war nicht ’86, das war gestern.

R. Münchenhagen: Gestern?

Mariele: Jaja.

R. Münchenhagen: Wie lange hat’s eigentlich gedauert, dass er Ihnen verziehen hat, dass Sie sozusagen als Tochter dieser Theaterfamilie von der eigenen Bühne in Köln gegangen sind?

Mariele: Es hat ein bisschen gedauert, aber als er dann sah, dass ich so meinen Weg gehe und dass es klappt und dass das, was ich vorhatte, auch funktioniert, dann war’s dann schon gut. Also jetzt ist der Krieg begraben.

R. Münchenhagen: Jetzt wieder ein Herz und eine Seele.

Mariele: Aber ja.

R. Münchenhagen: Ihr Vater ist, darf man sagen, ist 88. Haben Sie sich jemals Gedanken gemacht, ob Sie in dem Altern und wenn, was Sie dann spielen wollen?

Mariele: (lacht) Die Julia nicht mehr. Aber ... ja, wenn ich fit bin, möchte ich gern spielen. Weiterhin.

R. Münchenhagen: Durchaus?

Mariele: Ja klar.

R. Münchenhagen: Könnte ich mir auch vorstellen, Sie haben sich so wenig verändert, mit 88 sehen Sie wahrscheinlich auch nicht viel anders aus.

Mariele: Oh vielen Dank. (lacht) Hör ich gerne.

[.....]

R. Münchenhagen: Mariele und ich sind gewarnt. Gehen jetzt nicht mehr zu Jagd und mähen unseren Garten auch nicht mehr elektrisch. (Mariele lacht) Wogegen sind Sie nicht versichert?

Mariele: Gegen was bin ich nicht versichert? Gegen dumme Fragen. Und ...

R. Münchenhagen: Soll ich sie zurückziehen?

Mariele: (lacht) Nein! Was könnte ... ich bin gegen vieles nicht versichert. Ich mein, man kann ja nicht... Immer dieser Sicherheitswahn in diesem unserem Lande, dem kann man auch nicht immer gerecht werden.

R. Münchenhagen: Aber mal losgelöst von dem eigentlichen Begriff der "Versicherung". Wenn man einen so bekannten Namen trägt wie Sie, also den, der ja nun über Generationen einer ist. Ist ein Name in Ihrem Beruf auch eine Art Versicherung?

Mariele: Nee, ganz sicherlich nicht. Die Neugier ist damals schon entstanden, als ich sagte, ich möchte jetzt schauspielern oder ich mach’s jetzt Ernst. Aber letztendlich muss man ein bisschen zeigen, was man kann. Dann nur auf dem Namen ausruhen, Der Schuss kann dann auch wirklich nach hinten losgehen. Dass es dann heißt: Papi mag zwar drüber schweben, aber sie kann es nun mal nicht. Und da werden die Leute vielleicht noch viel eher ungeduldig und grantig, wenn man dann Mist abliefert, um’s mal salopp zu sagen.

R. Münchenhagen: Mariele, können Sie sich zufällig erinnern, was Sie zuletzt richtig intensiv verunsichert hat?

Mariele: (überlegt kurz) Ja, immer mal wieder verunsichert es mich, wenn mein Text nicht kommt. Also wenn ich da sitze und muss eine lange Einstellung machen und die ersten fünf, sechs, sieben Sätze schaffe ich dann und ich merke "Nee, nee, nee, nee!" Die nächsten zwei gehen noch und dann kommt das große Loch und es kommt dann auch. Und dann verstolpert es sich und ganz kurz vor Schluss kommt dann ein Hänger und dann muss man das Ganze noch mal machen. Da kriege ich dann immer ... (deutet Herzrasen an) großes Herzflattern.

[....]

R. Münchenhagen: Das ist toll, wie alte Leute sich freuen können.

Mariele: (freut sich) Ich find das klasse!

R. Münchenhagen: Macht einem Mut zum Alter.

Mariele: (zustimmend) Ja, ja, absolut, ja!

R. Münchenhagen: Und man stellt auch fest, also zumindest, was die Mode angeht: auf vieles, was man glaubt, muss man gar nicht verzichten. Haben Sie ‘ne Vorstellung - also ich sag mal so bei fortgeschrittenem Alter 60er, 70er, 80er - worauf würden Sie freiwillig verzichten, was Sie heute für selbstverständlich halten?

Mariele: Auf nichts möchte ich verzichten müssen, nur weil ich zu alt bin! Ich würde jetzt nicht mehr im Bikini irgendwo am Strand, das mach ich aber eh schon nicht mehr. Aber nee, ich weiß nicht, was uns da vorenthalten werden sollte, wenn wir mal so alt sind. Seh ich gar nicht ein.

R. Münchenhagen: Nehmen wir’s mal umgekehrt. Können Sie sich vorstellen, dass Sie im Verlauf des Alters irgendwas machen können und sich leisten können, was Sie heute nicht können?

Mariele: Ich denke und ich hoffe, sagen wir mal so, dass man gelassener wird. Und dass man sich einfach leistet, sich Zeit zu lassen. Dass man Geduld kriegt. Da warte ich ja immer noch drauf. (lacht) Sehnsüchtig. Vielleicht wird’s noch mal was.

R. Münchenhagen: Dabei wirken Sie so wundervoll und souverän, wie Sie hier sitzen. Noch ruhiger dürfen Sie beinahe nicht werden. (Mariele lacht immer noch) So wie Sie sind, habe ich Sie gerne hier.

[....]

R. Münchenhagen: Wenn man sich an Köln erinnert und wir haben beide unsere Kölner Zeit, dann weiss man, was die großen Persönlichkeiten der Stadt betrifft. Es gibt ja mehrere, aber zwei der großen Namen waren Willy Millowitsch, Ihr Vater und Werner Höfer. Haben Sie Werner Höfer mal über Ihren Vater kennengelernt?

Mariele: Er war mal bei uns zu Hause, aber nie so, dass wir uns so unterhalten hätten. Die Gelegenheit ergab sich nicht, aber es ist natürlich, wenn ich gerade jetzt die Musik von "Hier und Heute" höre ...

R. Münchenhagen: Das ist altvertraut.

Mariele: ...das ist Kindheit. Oder "Internationaler Frühschoppen" das war vollkommen klar, das wurde bei uns gesehen. Ich bin immer dabei gesessen, hab nicht wirklich viel verstanden, aber immer dabei gehockt. Und dann langsam der Übergang von Schwarz-Weiß in Farbe, das ist eine wunderbare Zeit.

R. Münchenhagen: Was so Kontakte mit Prominenz betrifft: Haben Sie den größten Teil bekannter Menschen, sage ich mal, eigentlich eher durch Ihren Vater kennengelernt oder schon in Ihrer selbstständigen Zeit?

Mariele: Viel durch die Familie, viel durch zu Hause, also durch Vater, die Leute die uns besuchen kamen. Ich erinnere mich an eine wunderbare Nacht: Zarah Leander war bei uns zu Hause und da wurden wir natürlich... ich war klein, ich war 10 oder 11 Jahre alt, wurde früh ins Bett geschickt. Und irgendwann sind wir so nach und nach, wir vier Kinder, wach geworden durch Singen, Gesang. Also irgendwas war komisch und wir sind alle runter gegangen. Saß Zarah da, werde ich nie vergessen, in ihrem roten Samtkleid, tief ausgeschnitten, mit dieser tiefen Stimme und hat uns dann Kinderlieder nachts noch vorgesungen. Ach, das war SO genial! Das sind auch so Dinge, die ich nie vergessen werde.
Und da gibt’s so einige Erinnerungen für mich. So ... sagen wir mal, ich hab so eine Toleranz auch erlebt, die bei uns im Hause einfach gelebt wurde und ich habe das übernommen. Und hab natürlich auch viel von der Kehrseite der Medaille gesehen. Also die Künstler, die großen berühmten, die bei uns saßen und dann sieht man die sitzen. Trinken gerne ein Gläschen zuviel, sind sehr gerne traurig, sehr gerne deprimiert und erzählen dann von ihrem tollen, diesem glamourösen Beruf und dann merkt man als Kind "na so doll scheint das nicht zu sein."

R. Münchenhagen: Nein, aber ingesamt klingt das, was Sie erzählen, gerade nach einer schönen, runden und zufriedenen Kindheit.

Mariele: Ja, die war ok!

[....]
   
DAS! 3 R. Münchenhagen: Aber jetzt wird’s kompliziert. Was ich am Anfang angekündigt habe: Was sagen die Freunde und Bekannte? "Die Mariele" oder "das Mariele"?

Mariele: (lacht) Die sagen "die Mariele". Im Schwabenland sagt man "das Mariele", aber das liegt bei mir ja nun nicht nah als Kölnerin...

R. Münchenhagen: In Köln könnte man sagen "et Mariele".

Mariele: "Dat Mariele" oder "et Mariele", ja kommt auch vor, aber eigentlich "die Mariele".

R. Münchenhagen: Haben Sie Ihren Eltern das mal übelgenommen, dass Sie diese Verkleinerungsform des Namens gekriegt haben? Die hätten doch Ihren Bruder auch "Peterle" nennen können. Haben sie auch nicht getan.

Mariele: (lacht) Peter ist nun noch etwas kompakter als ich und dann wird’s irgendwann nicht mehr tragbar. Nee, ich find’s wunderbar. Mariele ist erstmal gar nicht so häufig. Und es passiert mir auch immer mehr in der Presse, das es heißt "Mariele". Einfach nur, der Nachname ist weg, weil man dann weiß wer’s ist. Also in der Kölner Presse passiert’s alle Nase lang.

R. Münchenhagen: Bei Ihrem Vater hätte ich auch eher angenommen, Sie "Marieschen" zu nennen und nicht "Mariele".

Mariele: Ich glaube, das war mehr Mutter’s Ressort mit den Namen.

R. Münchenhagen: Mit den Namen? Und die hat dann gesagt...

Mariele: (unterbricht ihn) Also eigentlich heiße ich "Marie-Luise".

R. Münchenhagen: Aha!

Mariele: Jaja, aber auf den Geburtsurkunden stand auch schon "Mariele" drauf.

R. Münchenhagen: "Mariele". Und die Redaktion ist durcheinander gekommen: Marielle haben einige gesagt.

Mariele: Ach da gibt’s zig Varianten von "Marille" über "Mareile" bis "Mariéle".

[....]

R. Münchenhagen: Mariele, wohin gehen Sie, wenn’s zu kalt wird?

Mariele: Da wo’s warm ist!

R. Münchenhagen: Gut, dann erübrigt sich die nächste Frage...

Mariele: Irgendwo Südsee, oder so was. (sie lacht) Irgendwo, wo die Sonne ganz viel scheint. Singapur ist ‘ne gute Gegend.

R. Münchenhagen: Und wohin gehen Sie, wenn’s wider Erwarten doch zu warm wird?

Mariele: Das gibt’s bei mir nicht.

R. Münchenhagen: Tatsächlich?

Mariele: Ja, ich bin das Verfrorenste, was rumläuft, ich hab schon bei 25 Grad ‘nen Pullover an.

R. Münchenhagen: Und bei 35 Grad geht’s Ihnen gut?
   
Mariele: Da geht’s mir gut!

R. Münchenhagen: Und wohin gehen Sie, wenn es in Deutschland so bleibt oder wenn alles noch viel schlimmer wird?

Mariele: Was? (mit leicht verzweifeltem Lachen) Alles?

R. Münchenhagen: Alles!

Mariele: Irgendwann wird’s soweit kommen. Ich weiß nicht, ich hab keinen Plan, ich weiß nur, auf Dauer bleibt es nicht so.
DAS! 4

R. Münchenhagen: Was Sie, liebe Zuschauer, nicht wußten im Zweifelsfall: Mariele Millowitsch allen Ernstes ist eine brilliante Schauspielerin, ABER eine fertig ausgebildete Tierärztin. Inklusive Promotion, Frau Doktor!

Mariele: (lacht) Ja das stimmt.
   
DAS 5 R. Münchenhagen: Mit Schlangen würden Sie in der Praxis selten zu tun haben, aber mal generell gefragt: Dies ist eine wahrhaftige und lebende Boa Constrictor. Und der Besitzer hätte sie uns gebracht und sagt, dass Tier fühlt sich nicht wohl. Es ist irgendwo so ein bisschen apathisch, lethargisch. Wo würden Sie anfagen zu untersuchen?

Mariele: Ich würd erst mal nur gucken, was sie so macht und ob sie wirklich so rumliegt und dann würde mir wirklich nicht mehr viel dazu einfallen.

R. Münchenhagen: Wenn ich jetzt sagen würde, wir gucken mal, wie sie reagiert und machen einfach "Buh!" Würden Sie sagen, das könnte einen Sinn machen oder bei Schlangen eher nicht?
 

Mariele: Ich weiß nicht, ob man sie erschrecken soll, wenn sie nicht gut dran sind. (und lacht)

R. Münchenhagen: Schlangen hören doch nicht, Frau Doktor!

Mariele: Ja gut. (lacht) Ich weiß nicht, ich würd passen. Ich würde zu einem Fachmann gehen. Ich habe keine Ahnung. Bei "Schl..." hab ich gefehlt.

R. Münchenhagen: Praktiziert haben Sie nie?

Mariele: Nein, nein, nein. Das war gleich beendet, nachdem ich das 3. Staatsexamen gemacht hab, rief Kay Lorentz an und damit war ich am Düsseldorfer Kom(m)ödchen.

R. Münchenhagen: Ganz theoretisch, wenn es dazu käme: Könnten Sie heute anfangen zu praktizieren? Oder muss man auf dem Laufenden bleiben?

Mariele: Nee, ich hab so viel nicht mitbekommen, was an mir vorbei gegangen ist, da müsste ich mich erst schlau machen. Aber dann schon.

R. Münchenhagen: Gut. Aber gegen den eigenen Husten oder so , wissen Sie noch, was zu tun ist?

Mariele: Ja, na klar!

R. Münchenhagen: Und für Ihr gesamtes Wohlbefinden auch?

Mariele: Jaaa!

R. Münchenhagen: Dann wünsche ich, dass Sie dafür alles aufbringen, was Ihr Wohlbefinden erhält. Es war ein Vergnügen mit Ihnen.

Mariele: Danke sehr.
DAS! 6
   
© 1997 NDR