"Ich tauge nicht zum Guru"
(SAT.1 Presse, März 2000)
 
Gibt es irgend jemanden, der Sie Marie-Luise nennt?
Ich sage das manchmal zu mir selbst, wenn ich sauer auf mich bin. Aber schon auf den Geburtskarten steht ,Mariele'. Die Luise war wohl nicht so ernst gemeint, ein tribut an meine Großmutter.

Das heißt, Sie haben nie am "Steffi Graf"-Syndrom gelitten?
Über eine Verniedlichung in meinem Zusammenhang kann man diskutieren, aber ändern wollte ich den Kosenamen nie. Mariele bleibt.

Sie haben in den vergangenen Jahren einen gewaltigen Karrieresprung gemacht. Ärgert es Sie, dass der Riesenerfolg erst so relativ spät kam?
Nein, da bin ich absoluter Fatalist, alles hat seine Zeit. Mit zwanzig konnte ich mich einfach noch nicht für eine Richtung entscheiden, habe erstmal Tiermedizin studiert. Ich hadere überhaupt nicht mit dem Schicksal.

Welche Vorteile haben Sie gegenüber einer 20jährigen, die diesen Rummel um sich erlebt?
Ich habe schon sehr früh die Kehrseite der Medaille gesehen. Berühmte Schauspieler - Persönlichkeiten saßen total verzweifelt und vereinsamt bei uns zu Hause, weit weg vom Glamour. Ich dachte: "So endest Du nicht, Mariele!" Damit hängt auch der Fluchtversuch über die Tiermedizin zusammen.

Tiermedizin als reiner Fluchtversuch - das hat Niveau.

Das fiel mir damals eben zuerst ein, außerdem war die Liebe zu Tieren immer da. Schon mein Cousin war Zoodirektor in Caracas. Da hat sich genetisch irgendwas durchgemendelt.

Was haben diese Rollen, für die die Leute Sie so lieben?

Einen hohen Grad an Normalität. Das sind keine Heldinnen, sondern Figuren mit Ecken und Kanten, manchmal verletzbar, weinerlich und selbstgerecht, aber auch leicht zugänglich.

Sind Sie gerne Vorbild für andere Frauen?

Ich tauge so gar nicht zum Guru. Mir ist erst in den letzten zwei Jahren klargeworden, was den Leuten meine Figuren bedeuten. Wenn mir Frauen schreiben: "Sie haben mir weitergeholfen", dann wird mir diese Riesenverantwortung bewusst. Nach vorne spielen würde ich mich damit trotzdem nicht: "Hört her, was ich alles weiß. Ich verändere jetzt die Welt durchs Fernsehen."

Glauben Sie, dass sich viele Frauen - gemäß dem Titel des Films - einen Mann kaufen würden, wenn sie könnten?
Ja, das halte ich auch für legitim. Die Zahl der Frauen wird zunehmen, die sich auch mal einen Mann just for fun nehmen, dem sie sagen können, wie weit es geht und wann Schluss ist. Man sollte das aber nicht auf die sexuelle Ebene beschränken. Frauen haben andere Bedürfnisse, wollen mal mit jemandem reden, der zuhört, der da ist. Das ist ja selten genug.

Im Film kauft sich Helen einen Mann. Wird man Ihnen, Mariele Millowitsch, das übelnehmen?

Das kann ich mir nicht vorstellen. Andererseits: Bei "girl Friends" hatte Marie anfangs einen sehr viel jüngeren Freund, und da bekam ich relativ viel Post von Frauen, die das nicht in Ordnung fanden. Die jahrhundertealte Erziehung sitzt tief.

Sind Sie je so abserviert worden wie Helen von ihrem Mann?

Nein, noch nie, ich klopfe auf Holz. Natürlich hat mir schon mal jemand gesagt: "Es langt!" Aber nicht in der Form. Das ist megabitter. Und dann verteidigt sie ihn auch noch - das ist typisch Frau. Wir tun uns schwer damit, einfach zu sagen: "Der Kerl ist ein Arsch!"

Welche Bedeutung hat Jans Tod für die Geschichte?

Helen ist selbst darüber erstaunt, wie wenig sie nach dem Tod ihres Mannes fühlt. Sie glaubt, alles müsste jetzt vorbei sein, aber im Gegenteil. Sie fragt sich: Warum breche ich jetzt nicht zusammen?

Die Helen war Ihre erste Rolle nach dem Tod Ihres Vaters. Hat das Ihr Spiel beeinflusst?
Ich wusste anfangs nicht so ganz, wie ich das hinkriege. Habe ich überhaupt die Kraft, jeden Tag vor der Kamera zu stehen? Es ging aber ganz gut. Dass Vater nicht mehr da ist, reißt eher ein privates, für mich nicht füllbares Loch. Es ist schlimm, dass ich nicht mehr mit ihm reden, ihn in den Arm nehmen kann.

Für Helen bringt der Koffer voller Geld neue Möglichkeiten. Was würden Sie mit so einem Koffer anstellen?
Im Moment ist das ein heikles Thema: Schwarzgeld in geheimnisvollen Koffern. Davon abgesehen: Ich würde mir erstmal eine schöne Reise leisten - nach Australien. Ich habe mich bei einem "Traumschiff" - Dreh total in Sydney verliebt. Eine schräge Stadt! Whale watching in den USA wäre auch nicht schlecht.

Sind Sie wirklich fest entschlossen, Ihre Fähigkeiten aus dem Tiermedizinstudium für immer ruhen zu lassen?

Man soll nie nie sagen. Wenn mich niemand mehr sehen will, könnte ich mir vorstellen, meine Freunde aus der Tiermedizin anzurufen, um ein halbjähriges Praktikum zu bitten, um dann selber was aufzumachen.

Vom Mauerblümchen zur Kämpferin. Ist das die Rolle Ihres Lebens?
Es scheint so. An den Rollenangeboten sehe ich, dass mir das zugetraut wird: Eine Frau traut sich was und lernt dazu. Da sagen viele: Das muss die machen.

© 2000 SAT1, Jörg Kanzler