SAT.1 - Interview
(SAT.1 Presse, Dezember 2000)
 
Im Film fliegen zwischen Ihnen und Ihrer 16-jährigen Tochter ganz schön die Fetzen, während Sie in der Realität wohl eher friedlich mit Mann und Hund leben. War es schwer, sich in die Situation von Eltern hineinzuversetzen, die von ihren pubertierenden Kindern manchmal schier um den Verstand gebracht werden?
Nein, auch wenn ich selbst keine Kinder, sondern nur drei Neffen habe, von denen die beiden Großen relativ harmlos waren. Der "Kleine", mein Patenkind, geht jetzt mit Riesenschritten auf die Pubertät zu. Aber ich erinnere mich noch an meine eigene Jugend. Ich glaube schon, dass die Pubertät eine Zeit des Machtkampfes und tatsächlich sehr schwierig ist. Die Kinder können einen dann sicherlich zur Weißglut treiben - aber umgekehrt auch! Keine einfache Phase, bis man dann als Jugendlicher weiß, wo man hinwill.

Können Sie kurz beschreiben, wie Sie in dem Alter waren, in dem man gewöhnlich aufbegehrt?

In diesem Sinne richtig aufbegehrt habe ich nicht. Na klar, ich hatte auch Haare bis auf die Schultern und versuchte, anders zu sein - was man trotz allem nicht war. Natürlich musste auch ich diese ganz engen Jeans haben, die man Anfang der 70er trug. Die konnte man kaum anziehen. Man lag auf dem Rücken, zog den Reißverschluss mit Stielkamm zu und dann lag man da wie so eine Schildkröte und musste jemanden rufen, der einem aufhalf. Die Dinger waren so eng, hatten aber dafür diesen wunderbaren Schlag. Und dann diese Plateau-Schuhe, die waren auch total in. Meine Mutter hat das alles mit Fassung getragen. Die Toleranzgrenze lag früher allerdings viel niedriger als heute. Ich kann mich daran erinnern, wie wir mit ein paar Freunden in die Kneipe gegangen sind. Wir hatten alle schulterlange Haare, auch die Männer, da hat man uns einfach rausgeschmissen, mit der Begründung: Langhaarige wollen wir hier nicht!

Das sind äußere Faktoren. Aber wie fast jeder hatten doch sicherlich auch Sie eine Phase, in der Sie sich von zu Hause lösen mussten...?

Ich war früh ins Theater eingebunden, hab' ja bereits 1973 angefangen, fest im Haus zu spielen. Dadurch war ich relativ früh in viele Geschichten involviert, hatte wenig Spielraum. Es gab keine Möglichkeiten, abends nicht ins Theater zu gehen. Wir haben an sechs Tagen der Woche gespielt. Dann hieß es für mich: Antreten und dasein! Klingt hart, aber war eine gute Lehre in Sachen Disziplin. Insofern konnte ich nicht wirklich revolutionär sein. Was ich mir geleistet habe, war nach dem Abitur bis morgens um drei oder vier Uhr durch die Kneipen zu ziehen und bis mittags zu pennen. Das ging aber nur solange, bis mein Studium anfing.

Zu dem, was Eltern heute ängstigt, gehört, dass Teenager in diesem Alter erste Erfahrungen machen - neben Sex eben auch mit Drogen, Rauchen und Saufen. Hatten Sie solche Phasen auch?

Durchs Theaterspielen konnte ich nicht so mit mir umgehen, dass ich abends nicht fähig gewesen wäre zu spielen. Das wäre nicht gegangen - mein Vater hätte da nicht mitgespielt, ich hätte es auch nicht gewollt. Drogen vertrage ich nicht. Klar habe ich mal einen über den Durst getrunken, das kam mal vor. Je älter man wird, desto mehr lässt man so etwas natürlich. Heute mache ich es nicht mehr, die Kater-Symptome werden immer schlimmer, je älter man wird.

"Liebe auf den ersten Blitz" ist ein Spiel mit vertauschten Identitäten. Wieviel Spaß macht das?

Ich nehme ja Rollen nur an, wenn sie interessant sind oder ich daran Spaß habe. In diesem Fall fand ich einfach diesen Körper-Tausch witzig, fand es sehr reizvoll, eine 16-Jährige spielen zu können. Vor allen Dingen, weil die Mutter am Ende dazulernt. Weil sie einfach merkt, was es bedeutet, in diesem Alter zu sein. Dass das alles nicht ganz einfach ist und dass auch der gesellschaftliche Druck, dem Kinder in der Schule ausgesetzt sind, ein Problem ist. Ich als Film-Mutter lerne einfach dazu und verändere mich. Und das macht mir Spaß.

Wie war die Zusammenarbeit mit Friederike Kempter?

Hervorragend! Sie ist eine unglaublich disziplinierte Kollegin, die textsicher war, die wusste, was sie wollte, mit der man reden konnte. Es war ganz toll, was für einen klaren und guten Zugang sie zur Schauspielerei hat. Sie ist überhaupt nicht abgedreht. Es gab keine Schwierigkeiten, die Chemie zwischen uns stimmte einfach.

Für wen war es eigentlich schwerer: für Sie, die 16-Jährige zu spielen, oder für Friederike Kempter, eine Frau um die Vierzig darzustellen?

Das war für Friederike sicherlich ungleich schwieriger als für mich. Denn ich erinnere mich gut an die Zeit, in der ich so alt war, und was es bedeutet, eine Körperhaltung anzunehmen, die Ablehnung spiegelt oder ein Gesicht zu machen. Eben, wie man sich überhaupt mit 16 verhält. Für sie war es doch sehr viel komplizierter, die innere Haltung einer 40-Jährigen zu entwickeln. Nun haben wir diese Mutter auch ein bisschen spröde angelegt, mit wenig Bewegung im Körper. Für Frieda, die selbst gern ihren Körper benutzt, war es nicht so einfach, in dieser spröden Figur zu bleiben. Deswegen musste ich sie, musste sie sich selbst immer mal wieder an ihr Alter und ihre Haltung erinnern.

Sie spielen die 16-Jährige und dürfen weiter aussehen, wie Sie nun mal aussehen. Wie bringt man das rüber?

Das Kostüm half mir natürlich, das heißt, ich hatte so eine Hüfthose mit weiten Beinen an, kurze Sachen oben rum, eine enge Jeansjacke usw. Dazu solche Waldbrand-Austreter, diese Riesenschuhe. Und die Tochter hatten wir in meine Sachen gesteckt. Ich musste dann eine laxe Haltung annehmen und eine etwas verschmierte Sprache, nicht so deutlich. Diese Jugendsprache ein wenig rauszuarbeiten, ohne sich anzubiedern, denn das finde ich immer peinlich in den Jugendfilmen, wenn dann alle so reden, nach dem Motto: "Wir sind jetzt ein rasend jugendlicher Film." Wir haben einen Mittelweg gesucht und hoffentlich gefunden.

Was sind die nächsten Projekte, an denen Sie arbeiten?

Ich arbeite zur Zeit an "Nikola", bis Anfang nächsten Jahres. Danach kommen relativ übergangslos 15 Folgen "Girl Friends", dann wieder 16 Folgen "Nikola". Dann sind wir schon bei Juli 2002.

© 2000 SAT.1 Presse, Helga Hörnle