| Heidenreichs Kindheitsmuster - "Das Grauen
inTüten" (Stern spezial Biografie, Februar 2004) |
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| Ob sie ein hübsches Kind war, fragt Elke Heidenreich die "girl friends" und "Nikola" Darstellerin Mariele Millowitsch. Nee, sagt die, zu dick mit Topfschnitt. | |
| Schon immer nenne ich sie Marie oder Luise oder Marie-Luise,
denn das ist ja ihr richtiger Name, und natürlich habe ich sie als
erstes gefragt: "Warum bist du mit 48 Jahren noch immer das Mariele?" "Nicht das", sagt sie, "sondern die Mariele, ich war immer die Mariele, schon in der Geburtsanzeige. Der Name blieb." Auf meinen Einwand, dass man doch irgendwann erwachsen wird und die Kinder-Kosenamen nicht mehr mit sich rumschleppen will, zuckt sie die Schultern. "Ich mag den Namen, ich bin das. Ich bin Mariele." Nach Katarina, Peter und Susanne war Mariele das vierte und letzte Kind von Gerda und Willy Millowitsch, und das letzte hat es immer etwas leichter, wenn es darum geht, den Anforderungen der Eltern gerecht zu werden. Im Hause Millowitsch war es vor allem Peter, der Sohn, der als Vaters Nachfolger in der Theaterdynastie Millowitsch erzogen wurde. |
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| "Die Mädchen machen die Küche, hieß
es immer, und der Peter saß mit Willy im Wohnzimmer." Mariele
lacht. "Das fand ich nicht in Ordnung, und als ich Messdiener werden
wollte, hieß es: Das können Mädchen nicht." So hat
sie früh gemerkt: Das stimmt etwas nicht bei der Rollenverteilung,
und an ihrer Mutter sah sie es im Grunde auch. Wenn Willy abends nach der Vorstellung anrief und sagte: "Ich bring noch Freunde mit!", dann band sich Gerda um elf Uhr noch die Schürze um und kochte Suppe und machte Schnittchen. Dieses Hausfrauenmuster wollte Mariele für ihr Leben nicht haben. "War denn die Ehe deiner Eltern glücklich?", frage ich, und zum ersten Mal braucht sie, die sonst so schnell redet und antwortet, eine lange Pause. "Als wir Kinder waren - bestimmt", sagt sie. Später ist ihr aufgefallen: man muss im Leben immer Kompromisse eingehen, und meistens sind es die Frauen, die diese Kompromisse machen müssen. Das ist vielen in unserer Generation so gegangen: dass wir am Beispiel der eigenen Eltern gemerkt haben, was Emanzipation ist, dass wir bestimmte Muster in unserem eigenen Leben nicht wiederholen wollten. Mariele Millowitsch ist nicht verheiratet, hat keine Kinder - das mag mit Kindheitserfahrungen zusammenhängen. Wenn sie von ihm, dem Familienpatriarchen redet, sagt Mariele "Der Vater" oder "Willy". Er war der, um den sich alles drehte, und die Mutter, sagt sie, stand letztlich auch näher bei ihm als bei den Kindern. Aber wenn es ans Strafen ging, etwa für schlechte Zeugnisse oder andere kleine Katastrophen, dann war es Gerda, die streng war. Willy brüllte ein bisschen herum, um Eindruck zu machen und zwinkerte seinen Kindern heimlich zu: alles halb so wild. Er konnte gewaltig brüllen, Theaterdonner, aber sie hat sich als Kind oft dafür geschämt und sich vorgenommen, nie so zu werden, nie Leute vor anderen anzuschreien. War Willy ein Vater, der spürbar war, der gespielt hat mit den Kindern, war er ein zärtlicher Vater? "Er war großzügig", erinnert sich Mariele. "Wir durften alles, wir konnten ihn um den Finger wickeln." Aber gespielt? Nein. Willy war der Mittelpunkt der Familie, der Mann, der jeden Abend auf der Bühne stand. Und am glücklichsten war er, wenn seine Kinder mit ihm im Theater waren - und sie waren es alle. Mariele war sieben Jahre alt, als sie das Karlemännchen in "Drei kölsche Jungs" spielte, laut, lustig, selbstbewusst, ohne die Ängste und dieses Lampenfieber, die ihr später zu sehr zu schaffen machten. Was ist da passiert? "Mit sieben", sagt sie, "kennst du ja das Wort Versagen noch nicht. Du kennst keine Blamage. Das kommt mit dem Älterwerden, mit dem Bewusstsein und dann ist es aus mit der Unbekümmertheit." Sie lehnt sich zurück uns seufzt: "Hach, das müsste man heute noch mal haben!" Aber schon Heinrich von Kleist hat geschrieben, "welche Unordnungen, in der natürlichen Grazie eines Menschen, das Bewusstsein anrichtet." Da war es dann auch vorbei mit Oscar-Dankesreden, laut in der Badewanne geübt. Mariele hat das gemacht. Als das Nachdenken einsetzte, die Selbstreflektion - "Spät genug", sagt sie, "ich war immer ein Spätzünder" - da mochte sie endgültig nicht mehr auf der Bühne stehen. Die Unsicherheit darüber, ob dieser Weg der richtige für sie war, wurde im Laufe der Jahre immer stärker, die Auseinandersetzungen mit dem Vater nahmen zu. Alle drei Töchter haben sich nach und nach dem Theater entzogen, den Vater muss das geschmerzt haben. Aber da war ja Peter, der Nachfolger, und für Peter blieb gar keine Wahl: der Weg des Sohnes war vorbestimmt. "Erbhofmentalität", sagt Mariele, "die sechste Generation." Sie bewundert ihn dafür, dass er durchgehalten hat und trotz des übermächtigen Vaters seinen eigenen Weg gegangen ist, das Theater gut und in seinem Sinne geleitet hat und noch leitet. |
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Und sie, die Jüngste? Brach nach dem Abitur zu Hause
aus. Im Grunde war erst die Abwanderung nach München zum Studium der
Tiermedizin das Ende der Kindheit. Und erst nach dem Studium dachte sie
wieder an die Schauspielerei, nahm Unterricht, legte eine glänzende
Karriere hin. Hat Willy das noch mitbekommen? "Ja", sagt sie,
"er hat sich alle Folgen Nikola' damals hintereinander angesehen
und dann den Daumen gehoben." Den Daumen gehoben? Das war alles? Konnte er nicht loben? "Nein, konnte er nicht, Wenn er nicht den Kopf schüttelte war das schon ein Lob." Aber war stolz auf seine Tochter. Das tut ihr gut, man spürt es, wenn sie darüber spricht. Willy Millowitsch ist 1999 gestorben, Gerda Millowitsch ist nach einem Schlaganfall schwer krank, der lange Abschied hat längst begonnen, bald wird Mariele niemandes Kind mehr sein, wie es uns allen in diesem Alter ergeht. "Ich hätte sie und Willy viel früher viel mehr fragen müssen", bedauert sie. |
| Was wüsste sie denn gern? Mehr über die Familie,
über Oma Emma zum Beispiel, die stattlich durch Köln stolzierte,
den Boxerhund neben sich, der im Maul die Theatereinnahmen trug. Über
die andere Oma, Mutters Mutter, die so warmherzig, so kinder- und tierlieb
war und die so einen qualvollen Tod sterben musste, dass Gerda Millowitsch
danach mit ihrem Gott haderte und auf die religiöse Erziehung der Kinder
nicht mehr so streng achtete. An ihre Kommunion erinnert sich Mariele noch: Eben jene Omi schenkte dem kleinen Mädchen, das damals so zornig ein weißes Kleidchen statt der sonst üblichen Lederhosen tragen musste, eine Fußballausrüstung des FC Köln. Ansonsten wurde das mit den Kirchgängen eher lax gehandhabt - "Die Morgenmesse war sowieso zu früh, bei der Zehn-Uhr-Messe haben wir noch gefrühstückt und bei der Neunzehn-Uhr-Messe gab es Abendessen." Mit dem Bodenpersonal der Kirche, sagt Mariele, hat sie so ihre Schwierigkeiten, aber an eine Energie, die von uns bleibt und weiterwirkt, glaubt sie. Sie muss enorm viel Energie gehabt haben als Kind - eigens für dieses Kind schloss die Mutter eine Haftpflichtversicherung ab. Da gab es wilde Spiele in der ländlichen Umgebung am Stadtrand Kölns, es gab Unfälle, Prügeleien. "Was haben wir getobt!", erinnert sie sich und bedauert die heutigen Kinder, die ganze Tage vorm Computer sitzen und nicht mehr wissen, wie Kartoffeln am Lagerfeuer und erste, aus Gras selbst gedrehte Zigaretten schmecken. Und es gab immer Tiere. Tante Lucy hatte zwei Schäferhunde, Vetter Karl-Peter war Zoodirektor in Caracas, Kinder und Hunde tobten durch das Millowitsch-Haus in Lövenich, und alle Freunde durfte man mit heimbringen. Das Haus war immer voller Gäste, und einmal war Zarah Leander da und hat russische Kinderlieder gesungen. War es etwas Besonderes, eine Millowitsch-Tochter zu sein? "Ja", sagt Mariele und gibt zu: "Ich habe in der Schule damit angegeben." Irgendwann merkte sie, dass man sie für dieses Angeben nicht liebte. So wie sie irgendwann merkte, dass sie auf der Bühne versagen kann und das das peinlich ist. Seitdem die Angst, die Unsicherheit, das Lampenfieber, auch eine gewisse Menschenscheu: Mariele mag nicht erkannt und angesprochen werden, deswegen fährt sie nicht Bus oder Straßenbahn. Willy kannte jeder. Als er zu Grabe getragen wurde, standen die Kölner in der Aachener Straße vor seinem Theater, hatten ein Fässchen Bier aufgemacht, prosteten dem trauerzug zu und sangen: "Ich bin ne kölsche Jung" in Moll. Und Mariele weinte. Heute weiß sie, dass Willy auch Existenzängste hatte, ein Volkstheater ist eine unsichere Sache, aber in ihrer Kindheit hat sie davon nichts gespürt. Sie hatte alles, was sie sich wünschte, und vor allem: Freiheit. |
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| War sie eigentlich ein hübsches Kind? Wunderbar, wie
sie da loslacht. "Ich war das Grauen in Tüten." Zu dick,
zu kräftig, mit unmöglichem Topfschnitt. Tanzstunde? Nicht dran
zu denken. "Ich hätte einen bestechen müssen, damit er mit
mir tanzt." Die Mutter nannte sie damals "Dickedull", nach
einer Märchenfigur, und der Vater hat ihr das Tanzen beigebracht. Wir suchen in alten Fotokisten nach dem "Grauen in Tüten" neben den zwei hübschen Schwestern und können gerade dieses Bild leider nicht mehr finden, nur noch ein Passbild aus der Zeit. Mariele findet sich darauf grässlich, ich sehe ein vergnügtes kleines Mädchen auf den Bildern und eine immer elegante Mutter. |
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| "Sie war zerissen", sagt Mariele, "sie liebte
uns natürlich, aber sie stand immer mehr bei Willy, und ein eigenes
Leben hatte sie im Grunde gar nicht." Manchmal las die Mutter den Kindern
vor, aber die lachten nur darüber - nach Vaters Talenten waren die
der Mutter wohl eher kläglich. Gelesen hat Mariele viel als Kind, Kästner
hat sie geliebt und ein Buch das "Blauvogel" hieß und von
einem Jungen handelte, der bei Indianern aufwuchs. Eine ihrer beiden Käthe-Kruse-Puppen
hieß Günther, so heißt heute noch einer ihrer Hunde. Dies war kein liebes kleines Mädchen, dies war ein wildes Kind voller Fantasie, und wo Fantasie ist, ist immer auch Schrecken, in jedem Schatten, in jeder Geschichte. Wenn Susanne abends im gemeinsamen Kinderzimmer Schauergeschichten erzählte, musste Mariele heulen, weil sie sich sofort alles so und noch viel schlimmer vorstellen konnte. War sie ängstlich? "Ja, ich war ängstlich, aber ich hatte immer so einen Instinkt, wie weit ich gehen kann. Deshalb bin ich auch nie wirklich abgestürzt, in jedem Sinn." Einmal war ihre Mutter mit ihr bei einem Psychologen. Damals, lacht sie, kam "analysieren Sie Ihr Kind", in Mode. Der Psychologe hatte Mariele Bilder gezeigt, zu denen sie Geschichten erfinden sollte. Die Geschichten waren derart düster und verwegen, dass er der besorgten Mutter sagte: "Mit dem Kind werden Sie noch richtig Probleme kriegen." Er sollte sich irren, auch wenn in der Pubertät ganz normal der trotz durchbrach. |
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Mit siebzehn Jahren stand Mariele Abend für Abend neben
ihrem Vater auf der Bühne, und oft hat sie vor Zorn "an der Garderobe
gerüttelt" - alle Freunde unternahmen etwas, sie musste spielen,
aber das hielt sie noch durch. Disziplin - das hat sie vom Vater gelernt:
Wenn man nicht im Sterben liegt, steht man Abend für Abend auf der
Bühne. Zu Hause, bei den Besuchen befreundeter Schauspieler aus dem Theater oder aus dem Fernsehen sah sie oft genug, wie diese Disziplin im Beruf privat zur Zerrüttung führte, zu kaputten Verhältnissen, zum Alkohol. Bei Willy funktionierten sie, bei Gerade weinten sie sich aus. Und Mariele ahnte immer mehr: Mein Weg ist das nicht. |
| Aber es sollte noch lange dauern, bis ihr auch endgültig klar wurde: Peter wird der Nachfolger, da muss ich mich nur wieder der nächsten männlichen Autorität unterordnen, es wird höchste Zeit, den eigenen Standort zu bestimmen. "Ich musste mich neu sortieren", sagt Mariele. "Ich musste meinen eigenen Platz finden, und zwar im Leben, nicht in der Familienstruktur." | |
| Erst als ihr das wirklich gelungen war, wurde das Verhältnis
zum Vater entspannt. In der Regel brennt man durch, um zum Theater zu gehen
- hier war es umgekehrt. Mariele rannte vor dem Theater davon. Die Mutter
fand es gut, dass die Töchter andere Lebenswege einschlugen, als sie
selbst. Katarina und Mariele promovierten, Susanne wurde Buchhändlerin,
Peters Weg als Nachfolger war ungleich schwieriger. Einmal, als der sechs Jahre ältere Bruder schon beim Militär und Mariele noch ein Schulkind war, da wurde sie im Urlaub zu dem, was sonst Peter sein musste oder durfte: Willys rechte Hand, der Kumpel, mit dem man ein Boot überführen oder gefährliche Ausflüge machen konnte. Sie schwärmt heute noch davon, man spürt, wie gern sie diesem Vater mehr gewesen wäre, wie ein Sohn gewesen wäre - aber das ist alles lange her. Jede Kindheit schlägt Wunden, und das Patente, was Mariele Millowitsch heute in ihren Rollen so überzeugend darstellen kann, wurde vielleicht damals diesem Vater zuliebe eingeübt. |
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| Hat sie ihn je gefragt, warum er sie nie gelobt hat? "Ja",
sagt sie, "und er hat geantwortet: 'Ich hab immer gedacht, du brauchst
das nicht' " Ach, jeder braucht es, aber es ist zu spät und Mariele
Millowitsch hat zwar durch ihre großen Erfolge ein Selbstbewusstsein
bekommen und muss heute nicht mehr gelobt werden, aber, gibt sie zu, "mit
dem Selbstwertgefühl hakt es noch immer gewaltig." Mit der Presse auch. Mariele ist freundlich, aber sie lässt keine Journalisten in ihre Wohnung und in ihr Privatleben - vielleicht, weil Willy damals die Fotografen bis unter den Weihnachtsbaum gebeten hatte, die Kinder nett aufgestellt, die Mädchen in gleichen Kleidchen, Familienidyll. Mariele scheut sich davor Auskunft zu geben oder auch nur erkannt zu werden. Aber wenigstens fragt sie seit Willys Tod niemand mehr, wie es ist, Millowitschs Tochter zu sein |
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War ihre Kindheit glücklich? Sie denkt lange nach und
sagt dann zögernd: "J-ein. Einerseits hatte ich so viel Freiheit,
ich durfte so viele Dinge tun, die mir Spaß machten, ich wurde nicht
kontrolliert. Andererseits - es lang immer ein Druck auf uns Kindern, vom
Vater her sowieso, so eine Erwartungshaltung. Aber auch unserer Mutter erwartete,
dass wir etwas leisteten."Was soll ein Kind denn leisten? "Gut
sein. In der Schule, in der Gesellschaft. Eine Millowitsch sein." Wir schweigen, das Gespräch ist zu Ende, da sagt sie: "Doch. Meine Kindheit war glücklich. Deshalb bin ich wohl auch Schauspielerin geworden, denn das ist ja kein Beruf für wirklich erwachsene Menschen." |
| © 2004, Stern spezial Biografie; Elke Heidenreich | |