München an einem grauen, verregneten Montagvormittag im November:
Nicht gerade die ideale Wohlfühlbasis für ein gut gelauntes Interview,
denkt man sich. Und dann klagt die so eben aus Köln eingeflogene Schauspielerin
Mariele Millowitsch bei der Begrüßung auch noch über eine
aufkeimende Erkältung ... Einen Augenblick später sind die Bedenken
weggewischt: Die 54-jährige Tochter des Kölner Volksschauspielers
Willy Millowitsch sprüht fast trotzig vor guter Laune und Energie,
sagt über die Grippe im Anflug nur: "Da denkt man am besten gar
nicht drüber nach!" und stürzt sich voller Elan ins Gespräch.
Genau die sympathische Power, die sie auch in ihren aktuellen TV-Rollen
zur Schau stellt: Mariele Millowitsch spielt in der Komödie "Heute
keine Entlassung" (Montag, 14.12., 20.15 Uhr, ZDF) eine Krankenschwester
zum Verlieben, und im neuen Fall ihrer Kölner Reihe "Marie Brand
und das mörderische Vergessen" (Mittwoch, 16.12., 20.15 Uhr, ZDF)
zeigt sie einmal mehr, dass TV-Kommissarinnen keine kühlen Ermittlungsmaschinen
sein müssen.
Frau Millowitsch, zwei Hauptrollen binnen drei Tagen - ist die geballte
Präsenz Zufall oder Ausdruck eines Karrierehochs?
Ich denke, ich habe einfach Glück mit den Angeboten. Es macht mich
auch ein bisschen stolz, dass man mir zutraut, so verschiedenartige Rollen
spielen zu können. Herrlich, mit so einer großen Spielfläche
zu arbeiten!
Gab es auch Zeiten, in denen das anders war, in denen Sie etwas bitterer
auf Ihren Beruf blickten?
Überhaupt nicht. Ich habe einen guten Stern über mir. Es dauerte
nur lange, bis es richtig losging - aber das war auch meinem jahrelangen
Zickzackkurs zwischen der Schauspielerei und der Tiermedizin geschuldet.
Als ich mich dann fürs Spielen entschieden hatte, war für bittere
Blicke keine Sekunde mehr Zeit. Ich war schon 39 Jahre alt, als ich Mitte
der 90-er die Rolle der Marie Malek in der ZDF-Serie "Girl friends
- Freundschaft mit Herz" übernahm. Auf einmal ging es richtig
ab.
Sehnen Sie sich manchmal nach etwas mehr Ruhe und Zeit für sich?
Ich habe ja Ruhe. Ich habe im September aufgehört zu drehen und nun
Pause bis Januar. Das mag von außen anders aussehen. Dass jetzt
das ZDF die beiden Filme "Heute keine Entlassung" und "Marie
Brand und das mörderische Vergessen" im Abstand von zwei Tagen
zeigt, ist natürlich nicht so glücklich aus meiner Sicht - man
muss halt immer ein bisschen aufpassen, dass die Leute nicht irgendwann
genug haben von einem und sagen: "Ach, die schon wieder!" Aber
ich bin zum Glück nicht das ganze Jahr omnipräsent (lacht).
Die Krankenschwester, die jeder mag, in "Heute keine Entlassung",
die einfühlsame Kommissarin in "Marie Brand ..." - wie
viel finden Sie in solchen Rollen von sich selbst wieder?
In beiden steckt ein großes Stück Mariele, das finde ich auch
in Ordnung. Die empathische Marie Brand oder auch die Krankenschwester,
das ist ein Teil von mir. Wenn ich das spiele, muss ich nicht lang in
meinem Innersten suchen. Eigentlich müssten Sie da bei meinen Freunden
nachfragen - aber es stimmt: Ich habe nicht den Ruf, besonders kaltblütig
zu sein oder wegzuschauen, wenn Einsatz für andere oder Mitgefühl
gefragt sind.
Ist die in Köln spielende "Marie Brand"-Reihe mehr
als nur ein Heimspiel für Sie?
Ja, klar. Es ist absolut meine Figur! Auch wenn ich selbst gar nicht so
großartig daran gebastelt habe - Drehbuchautor Alexander Adolph
(unter anderem "Unter Verdacht", d. Red.), der das erste Buch
geschrieben hatte, hatte sie schon wunderbar auf den Weg gebracht. Der
Rest passiert dann beim Drehen.
Kann man sagen, Ihnen wurde die Rolle auf den Leib geschrieben?
Ich glaube schon. Jedenfalls kam man zuerst auf mich zu mit der Frage:
"Hättest Du nicht Interesse, mal ne Kölner Kommissarin
zu spielen?" Ich hatte erst ein wenig Bedenken, weil ich ja schon
mal für RTL als Kommissarin im Einsatz war - aber das war lange her.
Und in München ...
Köln ist schon etwas anderes, oder?
Natürlich. Es ist himmlisch, wenn man zu Hause dreht. Hotelzimmer
sind toll, aber daheim ists eben am schönsten. Klasse für mich
- blöd für Hinnerk, aber er ist ja noch so ein ganz junges Ding,
damit muss er zurechtkommen (lacht)!
Ist es für Sie so etwas, wie die Erfüllung eines Traumes?
Wie ein Sechser im Lotto!
Dass man mit so einer Rolle schnell zum Inventar einer Stadt wird ...
..., stört mich überhaupt nicht! Ich würde gerne zum Inventar
meiner Stadt gehören. Da reihe ich mich dann ein - zwischen dem Kölner
Dom und meinem Papa (lacht). Wie wunderbar!
Die Kölnerin mit Leib und Seele. Können Sie erklären,
was das Besondere an den Domstädtern ist?
Dass sie sich gegenseitig sein lassen. Jeder Jeck ist anders, heißt
es bei uns. Das heißt so viel, wie: "Jeder hat sowieso ne Meise,
na und?!" Ich mag einfach das Lockere an der Stadt. Ein schlauer
Mensch hat mal gesagt, Köln sei die nördlichste Stadt Italiens.
Genau!
Wenn Sie in Köln ins Taxi steigen, werden Sie sicher sofort erkannt
...
Meistens, ja.. Aber das finde ich okay. Dem Kölner ist das relativ
wurscht. Wenn ich zum Beispiel mit Elke Heidenreich in der Kneipe sitze,
dann wird kurz gesagt: "Ooch, guck mal, da sitzen die zwei",
aber mehr passiert nicht.
Träumen Sie nicht trotzdem mal vom Ausbruch, vom Domizil auf der
Sonneninsel, vom Leben im Ausland oder in einer anderen Großstadt?
Überhaupt kein Thema. Ich suche gerade mit Freunden zusammen etwas
auf dem Land, am liebsten im Oberbergischen - aber ich will Köln
nicht den Rücken kehren, sondern nah dran sein an der Stadt, sodass
ich mindestens einmal pro Woche hinfahren kann. Aber im Moment zieht es
mich wirklich raus - auch weil wir viele Tiere haben wollen. Im Moment
habe ich nur meinen alten Dackel Hans-Günther, meine Freunde haben
zwei Pferde. Aber wie ich mich kenne, wird das schnell ein richtiger Zoo,
wenn wir erst mal unseren Bauernhof haben!
Ihre neue Lust aufs Landleben passt gut zu Ihrem Kollegen Hinnerk Schönemann,
der sich in Mecklenburg-Vorpommern bekanntlich einen alten Schweinestall
umgebaut hat. Sie beide scheinen sich ohnehin zu mögen!
Oh ja. Er hat sich da wirklich etwas Wunderbares aufgebaut. Ich habe die
Bilder gesehen - ein Traum, ich beneide ihn! Überhaupt ist er ein
wunderbarer Kollege, ich habe ihn von Herzen gern, und er ist wirklich
eine Freude in meinem Leben geworden. Wir haben so viel Spaß bei
der Arbeit!
Das merkt man Marie Brand und ihrem jungen Kollegen Simmel an ... Die
Filme leben von der Chemie zwischen den beiden.
Richtig. Die einzelnen Figuren wären, jede für sich, vielleicht
gar nicht so spannend. Aber die Spiegelung, die Kombination ist es: Simmel
und sein Hang zum Wahnsinn - man fasst sich ja manchmal ans Hirn, was
der so bringt - und die bodenständige Marie: Das macht die Tiefe
aus. Sie ist der Kopf - er der Körper. Sagt Simmel immer (lacht)!
In "Marie Brand und das mörderische Vergessen" geht
es am Rande um das sehr ernste Thema Demenz und die ersten Alarmzeichen
einer solchen Erkrankung. Wurde Ihnen da auch ein bisschen mulmig?
Nein, das nicht. Ich denke am besten gar nicht so viel darüber nach.
Fakt ist, die Demenz ist ein Problem, das auf uns als Gesellschaft zukommt.
Wenn die Leute 90, 95 Jahre alt werden, ist eben auch davon auszugehen,
dass bei vielen dann das Kurzzeitgedächtnis nicht mehr so mitmacht.
Was mich erstaunt hat, ist, dass es diese Behandlungsmethoden mit Stents
in Gehirngefäßen gibt, was wir im Film auch anreißen
... Uns beriet der Leiter der Beta- Klinik in Bonn, Prof. Dr. Jürgen
Reul, der im Film auch eine kleine Rolle spielt. Ich habe auf jeden Fall
einiges dazugelernt, aber man darf sich nicht verrückt machen.
Wie trainieren Sie Ihr Gedächtnis?
Die beste Gripsgymnastik ist, Texte zu lernen. Klar, manchmal fühle
ich mich wie einer dieser chinesischen Jongleure, die auf ihren Stecken
20 Teller gleichzeitig drehen lassen und ständig von einem Stick
zum anderen spurten, damit nur ja kein Teller ausdreht und runterknallt.
Ich habe kürzlich übrigens mit dem Klavier spielen begonnen
- da scheint es noch mal ganz andere Vernetzungen im Gehirn zu geben:
Da merkt man, wie ellenlang der Weg vom Gehirn zur Hand ist. Außerdem
mache ich viel Sport. Und das ist es dann, basta! Mehr kann man nicht
tun.
Wie sportlich sind Sie denn?
Sehr! Ich steige jeden Tag auf den Crosstrainer. Und ich liebe Trampolin
springen - dann mach ich mir ne wüste Musik an und tobe eine halbe
Stunde auf dem Ding herum. Herrlich! Ich gehöre zu den Leuten, die
sich einmal am Tag so richtig auspowern müssen. Ich habe eben ziemlich
viel Dampf!
Wo kommt der denn her?
Bestimmt angeboren. Aber ich kann schon auch entspannen, so ist es nicht
...
Auch beim Fernsehen?
Unbedingt! Besonders mit amerikanischen Serien, für die ich eine
große Schwäche habe. Nicht alles, was die Amerikaner machen,
ist gut - aber die prämierten Produktionen, "Six Feet Under",
"Sopranos", "24", "The Shield", "Desperate
Housewives" und so weiter, die sind großartig ... Ich guck
die gerne im Original, habe alle zu Hause. Amazon lebt praktisch von mir!
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