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In loser Folge stellt die "Welt am Sonntag" Persönlichkeiten
vor, die sich Hamburg als Wahlheimat ausgesucht haben. Heute: Die Schauspielerin
Mariele Millowitsch
Der Name fällt, und schon meint man Alaaf-Geschrei und den Glockenklang
vom Kölner Dom zu hören. Millowitsch. Mehr als eine Familie.
Ein Programm. Vom Rhein so wenig wegzudenken wie der Rosenmontagszug.
Da könnte für eine Millowitsch die Abwanderung an die Elbe auch
wie eine Flucht vor diesem Namen erscheinen.
Nein, dementiert Millowitsch-Tochter Mariele energisch, keine Flucht.
Sie habe sich nur, vor Jahren schon "in Hamburg verknallt".
Und als feststand, dass sich die Aufnahmen zur ZDF-Serie "girl friends"
länger hinziehen würden, hätte sie die Gelegenheit ergriffen
und sei nach Hamburg gezogen. "Ich wohne nun mal ungern möbliert."
Im Übrigen: "Ich brauche Wasser, Wind und etwas Weite."
Was sich eben in Köln, der "nördlichsten Stadt Italiens"
nicht findet.
Eher eine Flucht sei die Entscheidung gewesen nach dem Abitur nicht auf
die Schauspielschule zu gehen, sondern Tiermedizin zu studieren. Eine
schöne, erfüllende Aufgabe. Schon dacht sie an ein Leben als
Frau Dr. Mariele Millowitsch. Doch dann bot ihr "Kommödchen"
- Chef Kay Lorenz an, in sein Kabarett-Ensemble zu wechseln. Sie musste
nicht lange überlegen. Die Schauspielerei hatte Mariele Millowitsch,
die schon als Kind auf Vaters Bühne stand, wieder.
Bei der Tierliebe, auch Tradition im Hause Millowitsch, blieb es allerdings.
Und das Schmerzlichste am Hamburg - Umzug war, dass sie ihre drei Hunde
sowie ein Hängebauchschwein zurücklassen musste. Für diese
Menagerie war in der Altbau-Wohnung kein Platz mehr, die sie in Hamburgs
Mitte bezog. Doch sonst, sie zeigt ihr rasches Lächeln, sei sie rundum
zufrieden. "Ein paar Schritte sind es bis zu Planten un Blomen, bis
zum Abaton, in dem meine Lieblingsfilme laufen, bis zu den Kammerspielen..."
Aber viel Zeit diese Angebote zu nutzen, blieb ihr bisher nicht. Denn
kaum hatte sie sich etabliert, ging es wieder fort. Ein halbes Jahr lang
zur Serienarbeit - in Köln, der Heimatstadt. Wo sie so leben musste,
wie sie es eben nicht hatte haben wollen, "auf Zimmer" möbliert.
In einem Millowitsch - Schwank würde eine solche Szene als "typische
Untertreibung" angekreidet.
Doch nun hat sie die Wahlheimat an der Elbe fürs erste wieder. Und
zögernd, wenn die Arbeit es erlaubt, beginnt sie, diese Heimat zu
entdecken. Hat, klar, die Hafenrundfahrt schon hinter sich. Noch nicht
den Michel-Aufstieg. Auch nicht den Besuch im Ohnsorg-Theater, dessen
Fernsehübertragungen einst ihr Hamburg - Bild prägten. "Schon
daher wusste ich, dass die Hamburger gar nicht so dröge - nüchtern
sind, wie ich immer hörte. Und dass einem nicht jeder gleich auf
die Schulter haut, empfinde ich als angenehm." Auf dem Kiez war sie
schon, hat in einer Disco auch mal "bis in die Puppen" getanzt,
aber ein tiefinneres Bedürfnis ist ihr das nicht. "Ich bin kein
großer Ausgehmensch, brauche keinen Stammtisch, keien Stammkneipe,
habe meine Freunde lieber bei mir zu Hause zu Gast."
Wieder das geschwinde Lächeln. Sehr gerade, sehr blond, sitzt sie
mir in der kleinen Eppendorfer Cafeteria gegenüber, könnte sehr
wohl eine Hamburger Deern sein. Sie schwärmt von der Alster: "Ich
fahre über die Lombardsbrücke, weiß nicht, wohin ich zuerst
schauen soll - auf die
hafte Außenalster oder diese Häuserfront an der Binnenalster."
Doch am liebsten sind ihr die Seitenarme vom Isekai bis hinauf zum Ohlsdorfer
Friedhof. Mit dem Kanu an den Weidenzweigen, die im Wasser hängen
vorbeipaddeln, unter den Brücken hindurch, von denen es in Hamburg
mehr als in Amsterdam und Venedig gibt. "Das ist dann wie mein Urlaub
am Orinoko, gleich könnten Piranhais im Wasser schwimmen..."
Das ist das "schöne Hamburg". Das andere, das häßliche
gibt es auch, das weiß sie sehr wohl, auch wenn "ich noch nicht
in Wilhelmsburg war." Auch noch nie in der Süderstraße.
Weil dort das Tierheim ist, und "wenn ich dort erst einmal bin, käme
ich mindestens mit einem Hund zurück." Sie hält inne, denkt
kurz nach. "Doch irgendwann werde ich hingehen. Und dann suche ich
mir den häßlichsten, struppigsten Hund aus, den ich finden
kann, Einen, den kein anderer haben will."
© 1997 Welt am Sonntag; Paul Barz
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