"Ich bin eine Kitsch-Jule"
(Westfälische Rundschau, 17.12.08)
 
Mariele Millowitsch wird zum zweiten Mal TV-Kommissarin - diesmal fürs ZDF. Als Marie Brandt klärt sie ab Donnerstag, 20.15 Uhr, Fälle in Köln. Jürgen Overkott verriet sie, was sie an ihrer Heimatstadt liebt, wie ist ihr Hund "Hans-Günter" drauf ist und warum sie nie als Tierärztin gearbeitet hat

Woody Allen hat einmal gesagt, er müsse nicht verreisen, in New York liege die ganze Welt vor der Haustür. Gilt das auch für Köln?
Selbstverständlich. Natürlich in etwas kleinerer Version. Aber tatsächlich hat Köln eine ganze Menge zu bieten.

In welcher internationalen Ecke der Stadt halten Sie sich denn am liebsten auf?
Kommt drauf an. Das ist stimmungsabhängig. Ich bin auch gern mal draußen auf dem Land. Aber ich würde nie die Stadt missen wollen, um irgendetwas zu unternehmen. Jetzt in dieser Jahreszeit sind die Märkte herrlich, zum Beispiel der Weihnachtsmarkt am Dom. Ich mag es gern, wenn’s blinkt - ich bin eine Kitsch-Jule. Wenn es leuchtet, geht’s mir gut - gerade bei dem Üssel-Wetter. Im Sommer bin ich gern am Wasser. Ich mag fließendes Wasser, weil alles in Bewegung ist. Ich bin einfach gern draußen.

Sie mögen es, wenn’s blinkt. Mögen Sie denn auch Weihnachtsbeleuchtung?
ch muss beichten: ja! Normalerweise hole ich alles aus dem Keller, was noch heile ist. Nur dieses Jahr Weihnachten habe ich keine Beleuchtung, weil ich nicht da bin - zum ersten Mal (betont) seit langer Zeit.

Wie lange halten Sie es ohne Köln aus?
Eine Weile schon. Man lernt ja das, was man kennt, besonders zu schätzen, wenn man eine Weile weg war. Aber ewig hielte ich es nicht aus. Ich habe Filme in Berlin gedreht und war (betont) wirklich froh, als ich wieder hier war.

Was war denn die längste Zeit, die Sie ohne Köln ausgehalten haben?
Ich habe acht Jahre in München studiert, dann war ich vier Jahre in Hamburg. Hamburg liebe ich sehr. Das ist eine wunderschöne Stadt. Hamburg ist bei schönem Wetter nicht zu toppen. Aber: Die Stadt ist eben nicht (kleine Pause) Köln.

Es gibt ja Leute, die sagen, Köln ist ein Lebensgefühl. Was macht denn dieses Lebensgefühl aus?
(ganz weiche Stimme) Ach, die Menschen. Man kommt so leicht in Kontakt. Wenn ich in meiner kleinen Ecke in der Südstadt einkaufen gehe, nur für ein paar Teile, brauche ich eine Stunde. Ich quatsche mich gnadenlos in den Geschäften fest. Das finde ich klasse, das gefällt mir. Das finden Sie in keiner anderen Stadt.

Apropos Studium. Sie sind promovierte Tierärztin.
Sie haben es mit einer Dr. vet. med. zu tun - die nie in einer Praxis gestanden hat.

Ich vermute, dass Tiere immer noch Ihr Leben begleiten.
Ja, ich habe einen sehr alten Hund, den “Hans-Günter”, der 14 ist. Aber ich kann nicht mehr Tiere haben, wegen meiner Arbeit. Da rollt mir eine kleine Träne runter. Eigentlich möchte ich immer noch den Bauernhof, mit allem, was die Ohren hängen lässt.

Glauben Sie, dass Sie irgendwann diesen Traum realisieren können?
Wer weiß. Eine liebe Schauspielerkollegin sagt immer, ich muss anhäkeln. Mal sehen, ob ich das auch kann.

Was stellen Sie denn mit “Hans-Günter” an? Ist das Ihr Laufpartner?
Nein. Der kann gar nix mehr. Der will in Ruhe gelassen werden. Der will auch nicht mehr mit zu Dreharbeiten - obwohl er früher immer dabei war. Da hat er immer die Leute anproletet.

“Hans-Günter” war in seiner Jugend also laut, ein richtiger Bello.
Oh, das war ein schlimmer Wadenbeißer; der war richtig link. “Hans-Günter” wartete immer, bis jemand vorbeikam, dann hat er sich umgedreht und die Wade erwischt.

Ist er denn auf seine alten Tage ruhig geworden?
(entschieden) Nein! Er schnappt immer noch - vorzugsweise nach mir, wenn ich ihn ärgere. (betont) Das ist ein richtig alter, schlecht gelaunter Mann.

Wie halten Sie das aus?
Ich lach mich kaputt über ihn. Wenn er nach mir schnappt, kriege ich einen Lachkrampf.

Ist “Hans-Günter” nachtragend?
Nein, überhaupt nicht. (Pause) Ich auch nicht. Dabei hätte ich mehr Grund, beleidigt zu sein.

Sie haben Tiermedizin studiert, sind aber letzten Endes doch bei der Schauspielerei gelandet. War das ein unausgesprochener Familienauftrag?
Weniger Auftrag. Da liegt eher etwas in den Genen, dem man nicht entkommen kann. Man sagt, zum Theater brennt man durch. Das gilt sicher für Leute, die nicht beim Theater groß werden. Wenn man aber beim Theater groß geworden ist, wird man eher vom Theater fliehen - wie ich das gemacht habe. Aber irgendwann haben sich die Gene durchgesetzt.

Haben Sie als Kind schon Theater gespielt?
Ja! Ich habe mit 10 schon auf der Bühne gestanden.

Ist Ihr Vater auf Sie zugekommen und hat gefragt, hast Du nicht Lust mitzuspielen?
Nee, nee, soweit ich mich erinnere, habe ich ihn so lange genervt, bis er mir die Rolle gegeben hat. Das Stück hieß “Drei kölsche Jungs”, und ich wusste, dass da ein Kind in meinem Alter mitspielt, ein Junge allerdings. Na ja, und dann wurde etwas in den Text reingeschrieben, was eigentlich nicht da reingehörte: Im dritten Akt gab es die Auflösung des Verwechslungsspiels, nämlich dass ich ein Mädchen bin.

Sie haben also im zarten Alter von 10 Jahren schon Einfluss auf die - sagen wir mal - Drehbücher genommen. Machen Sie das immer noch?
(lacht) Ja, klar, wenn’s sein muss. Aber: Das ist gar nicht so häufig der Fall. Gerade jetzt meiner neuen Krimi-Rolle, der Marie Brandt, hat der Drehbuch-Autor Alexander Adolph gleich ein großes Paket an Ideen mitgebracht. Wir haben die Rolle eigentlich nur miteinander erarbeitet, und ich habe noch am wenigsten zu der ganzen Sache gesagt. Ja, und den Feinschliff gibt es bei den Lesungen vor der Dreharbeiten. Da lesen die Kollegen die Texte miteinander. Beim Lesen stellt man fest, was passt und was nicht, zum Beispiel wenn das Timing nicht stimmt. Aber: Grundsätzlich bin ich der Typ fürs Miteinander. Ich bin niemand, der in einem Drehbuch herumschmiert.

Was ist Ihnen bei der Kommissarin, bei Marie wichtig?
Ich will nicht das große, große Elend im Hintergrund. Ich will, dass Marie ein Privatleben hat - und zwar ein gut funktionierendes. Sie ist glücklich verheiratet. Stachel im Fleisch ist der Tod des Vaters, der als Kommissar bei der Mordkommission erschossen wurde. Deshalb wollte Marie eigentlich gar nicht mehr zur Mordkommission zurück. Aber (betont) eigentlich ist die Mordkommission genau das Richtige für Sie, tüfteln, überlegen, zwischen den Zeilen hören und lesen, herausbekommen, wo hier einer trickst.

Vielleicht erwarten Sie oder befürchten sogar die Frage: Wie viel “Klefisch” (Krimi-Serie mit Willy Millowitsch; Red.) steckt in der neuen Serie?
Gar nichts. Das hat nichts miteinander zu tun. “Klefisch” war für einen älteren Mann geschrieben - und Marie (lacht) für eine junge Frau.

Hat Sie das schauspielerische Erbe Ihres Vaters belastet oder beflügelt?
Zuerst hat es mich belastet, sonst hätte ich nicht versucht, es zu lassen. Ich habe es mal leicht, mal schwer. Ich habe oft genug gehört, Millowitsch - mit dem Nachnamen nehmen wir die nicht. Aber ich möchte das alles gar nicht hören, was die Redakteure und Produzenten über uns Schauspieler sagen. Ich glaube, das ist oft nicht nett. Aber das hat Katharina Trebitzsch damals bei den “Girlfriends” nicht gestört. Sie hat an mich geglaubt, und das war der Durchbruch. Dabei war ich schon Ende 30. Ich habe ein tierisches Glück gehabt.

Beim Fernsehen hat sich auch was verändert. Früher hieß es, gerade für Frauen, nach 30 kommt nichts mehr. Heute fängt es eher mit 30 an.
Das Verhältnis zu älteren Gesichtern hat sich verändert. Man sieht es auch in der Kosmetik-Werbung, wo man inzwischen auch ältere Damen sieht. Das ist ein guter Weg.

Wie fühlen Sie sich denn?
Das kommt darauf an. Wenn ich nach dem Drehen fertig bin, dann fühle ich mich nicht besonders jung. Aber an guten Tagen spüre ich eine unglaubliche Energie - dann kann ich Klaviere verrücken. Es geht mir gut. Ich habe viel Kraft.

Wo nehmen Sie die her?
Die habe ich. Auftanken muss ich in der Natur. Ich bin viel draußen. Die Farbe grün tut gut.

Meditation spielt auch eine Rolle?
Nö, wenn ich draußen bin, ist das wie Meditation, wenn ich an der frischen Luft bin. Das Oberbergische ist besonders schön. Das ist für mich mit seinen Hügeln die rheinische Antwort auf die Toskana.

© 2008 Westfälische Rundschau; J. Overkott