Auf der Spur meiner Ahnen
(ZDF, 18.07.07)

Mariele: Ich werde Schauspielerin und Tierärztin. Das hab ich wohl schon von Kindesbeinen an gesagt, das hat mir meine Mutter immer erzählt. Für Vater war es wohl wichtig, so wie er das erlebt hatte, dass immer die ganze Familie mit auf der Bühne stehen sollte. Das war für ihn das Allerschönste. Als ich dann weggegangen bin, war das mein Versuch zu sagen, ich mach jetzt was Eigenes, in das mir keiner reinquatschen kann. Ich merkte bei allem Drang da wegzukommen, aber auch wieder, wie es so an mir gezogen hat. Und ich hab dann 1983 nach dem 3. Staatsexamen SOFORT nicht Tiere behandelt, sondern bin gleich auf die Bühne gegangen.
Man hält alles für selbstverständlich und man hält die Eltern für unsterblich und dann kommt der Tag X und dann denkt man: "Ja, jetzt räume ich hier das Haus aus und finde alte Bilder." Und dann kommen die ganzen Fragen, die man hätte stellen sollen. Also das war bei mir der Anstoß, dass ich gesagt habe: "So, jetzt gehe ich los und gucke, warum bin ich so, wie ich bin..."

Mariele Millowitsch

Mariele und Willy 1966

Off: Die Familienbühne in Köln. Die Millowitschs sind eine legendäre Schauspieler-Dynastie. Mariele, Willy Millowitschs Jüngste, ist schon mit sechs Jahren ein Star. Starke Frau mit viel Humor. Solche Rollen haben sie zum Publikumsliebling gemacht. Die ZDF Serie "girl friends" brachte ihr den Durchbruch.

Mariele: Runterzugucken auf den Stammbaum und zu sagen: "Wow, das sind jetzt 150 Jahre und wir die sechste Generation mit den Fähigkeiten zum Tanz, zum Gesang" das finde ich beeindruckend.

Off: Mariele trifft sich mit ihren Schwestern Katarina und Susanne. Wo fängt man mit der Ahnenforschung an? Am besten bei den Eltern. Vater Willys Familienfilme sind der Start einer Zeitreise in die Vergangenheit. (es werden alte private Filmaufnahmen gezeigt, die von den drei Schwestern kommentiert werden)

K. Eisenlohr: Das war ja schon mutig von den Frauen so viele Kinder zu kriegen.

Mariele:
Naja, das gehört ja auch ein bisschen zum Image, zur Imagepflege, heile Familie, das hatte man damals.

Mariele, Katarina & Susanne

 


Mariele als Kind an Weihnachten

K. Eisenlohr: Vor allen Dingen Weihnachten. Da mussten wir immer gestiefelt und gespornt und schön angezogen der Reihe nach antreten. Und dann wurde auf Familie gemacht.

Mariele: Aber solange die Eltern da sind, ist alles so selbstverständlich und dann sind die weg und dann hat man keine Chance mehr zu reden. Da haben wir die Fahrräder geschenkt gekriegt und ein paar Wochen später lagen die, glaube ich, irgendwo auf der Straße im Dreck und der Vater hat geschimpft. War unser Vater wütend. Weil er immer so hart arbeiten musste für sein Geld und wenn wir Kinder so lax im Umgang waren mit Werten ist er ausgerastet.

K. Eisenlohr: Er ist irgendwie in einem Internat gewesen in St. Goarshausen und ist da abgehauen, weil er so Heimweh hatte und von da an hat er immer im Theater mitgearbeitet, aber als Mädchen für alles. Der hat geputzt und alles, alles was man machte.

Mariele: Genau, Vater hat alles gemacht, das hat er auch erzählt.

K. Eisenlohr: Auch gespielt, aber im Zentrum erst später. Der wollte Ingenieur werden, der ist von seinem Vater praktisch gezwungen worden das Theater zu übernehmen, der hatte überhaupt keine Lust dazu.

Mariele: Nee, ist das wahr? Das wusste ich nicht.

K. Eisenlohr: Doch, der hatte doch im Keller diese Apparaturen, die wir immer kaputt...

Mariele: ...diese Glas-Dinger? Nee, da war ich zu klein.

S. Millowitsch: Der Vater fummelte ja auch unglaublich gerne, das war seine Leidenschaft.

K. Eisenlohr: Der wollte viel lieber was Technisches machen. Eigentlich... war es so selbstverständlich, dass das Theater immer in der Familie blieb und zwar immer an die Söhne weiter ging und so war das selbstverständlich, dass der Sohn das Theater übernahm. Das war so selbstverständlich, dass noch nicht mal die Idee einer Hinterfragung aufgetaucht war. Ob der Willy da drunter gelitten hat, ob das für den auch selbstverständlich war, oder ob der wirklich gequält wurde mit der Idee, das Theater weiter zu machen, ich weiß es nicht.


Off: Marieles nächste Verabredung: ihr Bruder Peter. Peter hat das Erbe als Theaterdirektor angetreten. Weiß er ob diese Familientradition für Vater Willy in jungen Jahren eine Last war?

Mariele: Und wie ist für dich so das Gefühl, wenn du hier stehst und sagst: "Ja, früher hier klein angefangen und jetzt hier und der Chef" Und ist da nicht der Druck, dass du sagst, du musst jedes Jahr die Leute hier reinbringen und deine Stücke selber schreiben...

P. Millowitsch: Mariele, den Druck haben alle vor mir auch gehabt.

Mariele: Das heißt, du bist davon ausgegangen, dass du gar keine andere Chance hast als das hier zu übernehmen?

Peter und Mariele

P. Millowitsch: Schwierig. Schwierig war das mit Willy, weil Willy ein Willy-zentrisches Weltbild hatte und alles was darüber hinaus ging war schwierig. Aber er konnte auch nicht anders, weil es bei seinem Vater genauso war.

Mariele:
Der Vater ist doch dann weg, der hat doch dann Front-Theater gemacht alleine, oder?

P. Millowitsch:
Weil Peter so krank war. Peter war so krank, dass Willy alleine die Tourneen fahren musste, die Wehrmachts-Tourneen. Und das ist auch der Grund dafür, dass Willy, wenn er ein oder zwei Gläser zu viel getrunken hatte, immer mit gläsernen Augen und strahlendem Blick von diesen Wehrmachts-Tourneen erzählte. Weil es das erste Mal war, dass er unter der Fuchtel seines Vaters weg war.


Peter und Mariele

Mariele: Wie ist er denn überhaupt dahin gekommen zu diesen KdF-Tourneen?

P. Millowitsch: Ja, wie man dazu hinkam...

Mariele: Der hat, glaube ich, einen Fahrbefehl erhalten....

P. Millowitsch
: Nee, KdF das war doch, nicht gerade eine Lizenz zum Gelddrucken, aber das war doch eine todsichere Sache. Wenn du den Spielplan des Millowitsch-Theaters vor 1933 siehst, dann stellst du fest: die haben Stücke für 10 oder 14 Tage gespielt und dann gab's schon wieder ein neues, dann war schon wieder Feierabend. Und nach 1933 hört das mit einem Schlag auf und die haben richtig lange Spielzeiten. Da wurden nämlich die Vorstellungen vom KdF gekauft.

Mariele: Aber wie ist der Vater da dran gekommen, hat der sich da vorgestellt oder haben die ihn gebeten zu fahren?

P. Millowitsch: Gebeten ist gut! (Mariele schmunzelt) Die wurden requiriert, einfach eingespannt, Feierabend.


Off: 1936 eröffnet der Großvater sein Theater in der Aachener Straße als Heimatbühne Millowitsch. Kraft durch Freude. KdF. Unter diesem Motto kurbelte die NS-Organisation den Theaterbetrieb durch Subventionen an und setzt das Ensemble zur Truppenbetreuung ein. Gibt es Akten über die Zusammenarbeit des Vaters mit den Nazis? Auskunft bekommt sie im Kölner NS-Dokumentationszentrum.

Millowitsch Theater

Mariele

Mariele: … Ich hatte letzte Woche schon mal angerufen, Sie erinnern sich? Genau, ob Sie Unterlagen haben über meinen Vater Willy Millowitsch. Ist Ihnen da irgendetwas aufgefallen, in die Hände gekommen, wie auch immer? Nichts? Gut...

Off: Mariele kennt den Theaterwissenschaftler Winfried Bonk. Er hat für seine Doktorarbeit Interviews mit Willy aufgenommen. Haben die beiden auch über das Front-Theater gesprochen?

W. Bonk: Das war lange Zeit ein Tabu-Thema, der wollte auch mir gegenüber über diese ganze KdF Geschichte nur sehr ungern reden.

Man hörte eine alte Ton-Aufnahme


Willy Millowitsch: Sie gingen vor nach dem Motto, was ihnen ja auch sehr lag: immer Lachen, immer Frohsinn, Kraft durch Freude. Kraft durch Lachen, Kraft durch Theater. Kraft durch Lachen, das war ja auch für die gut, ich war ja auch da am Front-Theater ständig gefragt mit der Bühne. "Wir müssen den Millowitsch haben! Wir müssen den Millowitsch haben!" Normalerweise hätten die mich in Nürnberg auch an die Wand stellen müssen, hätten sagen müssen: "Sie haben die Kampfkraft gefördert! Sie haben die Leute zum Lachen gebracht, Sie haben ihnen Lust gegeben zum Kämpfen." Normalerweise..

W. Bonk: Das ist aber doch keine Argumentation.

W. Millowitsch: Natürlich nicht...

alte Aufnahmen von Willy

Mariele: Weißt du, was der hatte, was das war?

W. Bonk: Das weiß ich nicht. Das hat der Willy mir auch nie erzählt. Aber es war so, dass er von heute auf morgen rein springen musste in die Rollen, die sein Vater gespielte hat, hier in Köln in der Aachener Straße...

Mariele:
...und er ist ausgebuht worden.


W. Bonk: ...und er ist ausgebuht worden. Weil er einfach an seinen Vater nicht heranreichen konnte. And dessen Humor, an dessen Persönlichkeit, an die Liebe, die das Publikum auch für den Vater entwickelt hatte. Und dann begann ja 1939 im Herbst der Krieg und relativ bald kriegten die das Angebot über die Kraft durch Freude Organisation, mit denen sie ja als Besucher Organisation im Theater schon zusammengearbeitet haben, eben für die Westwall Arbeiter zu spielen und das war dann Willys große Chance. Das war Willys große Chance als Schauspieler zu spielen außerhalb von Köln für Leute, die ihn nicht kannten, denn da konnte er sich seine Meriten ganz alleine verdienen und konnte sich erproben und konnte in die Rollen reinwachsen.

Also ich glaube, dass weder deine Großeltern, also Peter und Käthe, noch Willy Nazis gewesen sind. Dafür gibt's keine Hinweise. Die waren Theaterunternehmer, die waren Schauspieler und die wollten mit ihren privaten Unternehmungen, dass es ihnen gut geht. Und dass die Nazis zu dieser Zeit das unterstützten, war ihnen natürlich recht.


Off: Köln gleicht einer Geisterstadt als Marieles Vater im Januar 1944 mit seiner Frontbühne zum letzten Mal nach Frankreich aufbricht.

Mariele: Die Eltern beide nicht ganz gesund, sowohl Käthe als auch Peter. Das Theater hat er übernommen. Es war selbstverständlich, dass er das übernimmt und sich darum kümmert, das wurde ja auch nie in Frage gestellt. Er hatte ja auch nie wirklich eine Wahl diesbezüglich. Was hätte er tun sollen? Er hat ein Ensemble gehabt, die dann das erste Mal in diesem Zusammenhang, also beim Front-Theater, Geld verdient haben. Es war ausgesorgt, ich denke mein Vater hat auch bestimmt viel besorgt für seine Eltern an Lebensmitteln und sie so auch unterstützt, nicht nur finanziell. Ich wüsste nicht, was er sonst hätte machen sollen. Er kann doch nicht einfach verschwinden und nach Amerika auswandern und sagen: "Jetzt macht euren Scheiß doch alleine!" Das geht einfach nicht, das hat er nicht machen können.

Mariele

Mariele zeigt ihren Schwestern Film-Aufnahmen aus der Zeit des Front-Theaters


Susanne, Mariele, Katarina

Mariele: So die kennt ihr ja noch gar nicht die Bilder.

K. Eisenlohr: Nee, da bin ich jetzt gespannt

Mariele: Das ist Front-Zeit.

K. Eisenlohr: Ich weiß noch, wie er immer erzählt hat, sie hätten literweise Cognac immer gehabt von den Soldaten und dass muss ziemlich feucht-fröhlich gewesen sein. Aber so ist er natürlich drum rumgekommen eingesetzt zu werden.


Mariele: Das ist am Atlantik schätze ich mal tapfer, oder?

K. Eisenlohr: Ja, klar.

Mariele: Guckt euch mal das Bomben-Arsenal da an, Wahnsinn.

K. Eisenlohr:
Davon können wir uns gar kein Bild machen.

Mariele: Nein, das können wir uns nicht vorstellen.

K. Eisenlohr:
Ich möchte mir darüber auch kein Urteil erlauben oder so, das fände ich hochmütig.


Mariele: Weiß einer von euch was über den Bruder von der Käthe, unserer Großmutter, der Steffi in Wien in dem Zusammenhang?

K. Eisenlohr: Ja, da waren wir doch ein paar Mal, da warst du aber noch sehr winzig. Der war doch Geschäftsführer in so einem großen...

Mariele: Der war Direktor vom "Imperial", das weiß ich. Das ist Steffi, guck mal wie gut der aussah...

K. Eisenlohr: Ja, da waren wir doch ein paar Mal, da warst du aber noch sehr winzig. Der war doch Geschäftsführer in so einem großen...

Mariele: Der war Direktor vom "Imperial", das weiß ich. Das ist Steffi, guck mal wie gut der aussah...

Stefan Plank

K. Eisenlohr: (liest aus einem alten Zeitungsartikel vor) "Nach den bisherigen Ermittlungen der Kriminalpolizei besteht der Verdacht, dass der ehemalige Verwaltungsrat dieses Unternehmens, der 61jährige Jude Samuel Schalinger, Stubenring 2, und über dessen Auftrag der 59jährige Direktor des Hotels Stefan Plank zum Nachteil des Unternehmens und dessen Angestellten teilweise falsche Buchungen vorgenommen haben. Da steht's. "Insbesondere erscheint die Verwendung einer Bonifikation von 440.000 Schilling einwandfrei nachgewiesen. Schalinger und Plank wurden dem Landesgericht für Strafsachen wegen des Verdachtes des Betruges eingeliefert."

S. Millowitsch: Das ist doch nicht zu fassen.

K. Eisenlohr: Das musst du rauskriegen!

Off: Marieles Urgroßeltern Franz Plank und seine Frau Luise leben in Wien. 1879 wird ihr Sohn Stefan geboren, zwei Jahre später die Tochter Käthe, Marieles Großmutter. Käthe wird Variete-Tänzerin und lernt Peter Millowitsch bei einem Gastspiel kennen. Die beiden heiraten und haben zwei Kinder: Tochter Luzie und Sohn Willy. War Onkel Stefan aus Wien, der Lieblingsonkel des Vaters wirklich kriminell? In Marieles Erinnerung ist er der liebe Steffi, der mit ihnen als Kinder in den Prater ging. Ihre Nachforschungen führen sie in die Wiener Justizanstalt.

Mariele:
Ich möchte brennend rausbekommen, was dahinter steckt. War Onkel Steffi wirklich ein Betrüger? War er keiner? Was sind die Hintergründe? Das finde ich sehr spannend.

Off: Der stellvertretende Leiter der Justizanstalt Hofrat Dr. Zimmermann hat das alte Eingangsbuch herausgesucht.

Dr. Zimmermann: Das ist nicht alphabetisch sortiert, aber DA haben wir ihn gefunden.


Mariele in der Justizanstalt

Mariele: Das ist spannend. Aber hier ist er noch mal. War der zwei Mal hier?

Dr. Zimmermann: Ja, zwei Mal, am 2.7.38 ist er hier eingeliefert worden...

Mariele: und am 8. wieder raus.

Dr. Zimmermann: Und am 8.7. ist er entlassen worden. Aber ich sehe hier oben, dass er hier ins Strafbezirksgericht 2 zurück überstellt worden ist.

Mariele: Was kann das bedeuten?


Dr. Zimmermann: Schwer zu sagen. Unsere Erfahrungen mit dem ordentlichen Strafvollzug, die gibt es erst, nachdem die Besatzungszeit zu Ende war. Leider kann ich Ihnen aufgrund diese wenigen Aufzeichnungen nicht mehr sagen.

Mariele: Was könnte ich da jetzt noch machen? Wo könnte ich noch was finden eventuell? Gibt es so ein großes Archiv irgendwo?
Dr. Zimmermann: Nein. Ich hoffe, das Gerichtsarchiv ist genau durchgeschaut worden, das war zumindest die Auskunft, die ich bekommen habe. Das Staatsarchiv wäre vielleicht noch eine Möglichkeit.

Off: Ob es im Staatsarchiv Akten über ihren Onkel gibt, konnte Mariele nicht sofort erfahren. Nach ihrem Anruf wird erst recherchiert. Wenn der Hoteldirektor für die Nazis wichtig war, könnte es eine Gau-Akte von 1938 geben. Wird sie den Fall von Onkel Steffi nach fast 40 Jahren noch klären können? Im noblen Hotel Imperial hat sich Steffi vom Kellner zum Chef hochgearbeitet. Warum seine Karriere endet als die Nazis an die Macht kommen scheint nach der Akten-Einsicht klar.


Mariele: Das war aufwändig da im Archiv, ich hab relativ lange auf die Akten warten müssen, aber es hat sich wirklich gelohnt. Denn was ich über den Stefan Plan, also meinen Onkel Steffi erfahren habe ist beeindruckend. Der ist zum Beispiel durch die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei beurteilt worden, also so eine Charakterbeschreibung von Onkel Steffi, da steht dann hier: "Plank war vor dem Umbruch klerikal und philosemitisch ausgerichtet. Er war ein absoluter Gegner der Bewegung, also NSDAP, asozial eingestellt und scheute selbst vor der Entlassung eines nationalsozialistisch eingestellten, lediglich seiner nationalen Ausrichtung wegen nicht zurück. Die Entlassung des Mannes ist angebracht und gerechtfertigt. Heil Hitler!" Irgendein Herr Kamber, Gau-Hauptstellen-Leiter. Und dauernd wurden solche Gutachten angefertigt über meinen Großonkel, in denen ihm immer wieder vorgeworfen wurde, dass er kein Freund der Partei sei und dass er es wagt sich mit Juden einzulassen. Und ihm ist dann auch der Prozess gemacht worden, möglicherweise ist ihm diese Unterschlagung unterstellt worden und die hat gar nicht stattgefunden.


Off: Wie es nach der Nazi-Zeit mit ihrem Onkel Steffi weiterging, weiß der Wiener Journalist Andreas Augustin, der ein Buch über das Hotel Imperial geschrieben hat.


A. Augistin

A. Augustin: Als Ihr Onkel nach dem Krieg wieder Generaldirektor des Imperial hier in Wien wurde, hat er etwas gemacht, was uns heute alle noch schmunzeln lässt. Er hat in den ersten Tagen der russischen Besatzung einen Teppich nach dem anderen zusammenrollen lassen, aus den Suiten und aus den Zimmern entfernen und beim Hinterausgang hinaustragen lassen. Und als ein russischer Wachoffizier darauf aufmerksam wurde, waren schon mal 50 Teppiche weg. Und auf die Frage, was mit den Teppichen passiert, hat Ihr Großonkel dann gesagt: "Die bringen wir in die Reinigung, die sind ja noch schmutzig von den Nazis. Das muss gereinigt werden." Das haben die Russen natürlich verstanden und so verließen insgesamt 120 Teppiche das Haus.

Mariele: 120? Ist das hier auch einer von diesen Teppichen?

A. Augustin: Ja, natürlich.

Mariele: Ich find's toll, dass jemand in der Familie ist, der halt nicht Regime-treu war und der gegen die Nazis war und sich aufgelehnt hat und offensichtlich sogar mit seinem Leben gespielt hat. Ich bin mir bis jetzt noch nicht darüber im Klaren, ob er der Onkel Steffi sich darüber im Klaren war, was er da eigentlich losgetreten hat. Ich glaube, der hatte viel mehr Glück als Verstand.

Mariele

Mariele

Off: Während Onkel Steffi gleich nach dem Krieg wieder Hotel-Direktor wird, muss Willy in Köln erst mal mithelfen den Schutt beiseite zu räumen. Doch schon im Herbst 1945 wird in der Trümmerstadt die Premiere von "Glücksmädel" gefeiert. Luzie und Willy Millowitsch treten das Erbe ihres Vaters an. Mit dem Besuch am Familiengrab stimmt sich Mariele auf die Spurensuche nach den Großeltern ein.

Mariele: Das Kriegsende hat mein Großvater Peter nicht erlebt. Der ist gestorben im Januar 1945 und zwar nicht in Köln, weil die Krankenhäuser voll waren, es war alles überbelegt. Sondern er wurde nach Remagen gebracht in ein Übergangs-Krankenhaus. Mein Vater und seine Schwester, Tante Luzie, kamen dann irgendwann in Remagen an und es war kein Vater Peter mehr da, Und sie haben ihn gesucht und den hatte man in so eine Abstellkammer geschoben zwischen verstorbene Säuglinge. Sie haben ihn dann aber auch aus Remagen wegbringen können, so dass er hier in Köln ins Familiengrab kommen konnte.

Off: Das Familiendomizil in Köln-Lövenich. Hier ist Mariele aufgewachsen. Ihre Großeltern Peter und Käthe haben sich die Villa 1914 gekauft. Damals prangte an der Eingangsfront in dicken Buchstaben Haus Käthe.


Villa Millowitsch

Villa Millowitsch

Mariele: Das Foto liebe ich sehr, das ist das alte Haus Käthe in Lövenich. Das steht es noch alleine, keine Nachbarn drum rum. Der schöne alte Zaun und es war völlig bewachsen von Efeu. Käthe und Peter haben sich in Dresden kennen gelernt. Und Käthe war bei dem Wiener Luft-Ballett. Da waren Damen in so Korsagen an der Bühne befestigt und schwebten elfengleich über die Bühne und waren wohl auch eine Sensation. Der Peter war vorher Opernsänger und hatte eine große Karriere vor sich. Er hat die Stimme verloren und musste dann letztendlich wieder zur väterlichen Bühne zurück.


Off: Nach dem Tod des Vaters wird Peter Star des Ensembles. Ihm geht's schon ziemlich gut, wenn man vergleicht wie hart seine Eltern anfangs kämpfen mussten. Der Urgroßvater Wilhelm Millowitsch wird 1854 in Köln geboren. Mit 25 Jahren heiratet er die Puppenspielerin Emma van Hau aus Düsseldorf. Die beiden tingeln mit einer Wanderbühne umher. Auch ihre Kinder spielen mit. Peter, der älteste ist Marieles Großvater.

Mariele:
Vom Wilhelm weiß ich, dass er relativ früh erblindet ist, weil diese Bühneschminke bleihaltig war und das war wohl sehr verbreitet, dass Schauspieler als Nebenwirkungen der Schminke oft erblindet sind. Und der ist 1909 ein paar Monate nach der Geburt meines Vaters wohl gestorben. Er konnte ihn nicht mehr sehen, hat ihn wohl brüllen hören, was mein Vater damals schon gut konnte (lacht) und hat dann gesagt: "Aus dem Jungen wird was, der hat eine gute Stimme."

Mariele

Mariele

Off: Wie haben die Urgroßeltern gelebt? Wo standen sie mit ihrer Bretterbühne bevor sie große Säle füllten? Die Spurensuche führt Mariele nach Düsseldorf.

Mariele: Hier auf dem Carlsplatz standen Wilhelm Millowitsch und seine Frau Emma mit ihrem Wagen und haben Puppentheater gespielt. Das war einer der ersten Plätze, auf dem sie mit ihrem Wagen standen und gespielt haben.

Off: Die Millowitschs ziehen in Düsseldorf mehrfach um bevor sie den Sprung nach Köln wagen. Mariele staunt. Zuletzt haben sie in einer Stadtvilla gewohnt.

Mariele: Wow, nicht schlecht für einen Puppenspieler.

Off: Emma und Wilhelm haben es mit den Puppen zu etwas gebracht. Anfangs sind es noch einfache Stab-Puppen. Solch ein Hänneschen - Theater hat im Kölner Raum Tradition. Schon Wilhelms Vater und Großvater haben mit diesem Gewerbe ihr Brot verdient.

Mariele: Schäl, Tünnes, Schnäutzerkowsky, Hänneschen und Bärbelchen. Also Wilhelm Millowitsch und Emma Millowitsch.

Mariele

Off: In der Theater-Sammlung Schloss Wahn trifft sich Mariele mit Dorothea Renkhoff. Sie hat Mitte der 90er Jahre eine Biografie über Willy geschrieben und viel mit ihm über seine Großeltern geredet. Wilhelm und Emma machen den Namen Millowitsch zum Markenzeichen. Sie lassen die Konkurrenz hinter sich und treten mit lebensgroßen Puppen auf. Da ist der Schritt zum Schauspieltheater nicht weit.


Mariele und D. Renkhoff

Mariele: Er hat ja dafür gesorgt, dass die Puppen verschwanden, dass die Personen auf die Bühne gingen. Dieser berühmte Spruch: "Wir wollen es euch bekunden, die Puppen sind verschwunden. Sie waren uns zu gewöhnlich, wir spielen jetzt persönlich." Das ist von ihm, oder?

D. Renkhoff: Wobei dieses "sie waren uns zu gewöhnlich, wir spielen jetzt persönlich", glaube ich, auch ganz wörtlich nehmen muss. Es war ihm wirklich zu gewöhnlich. Der wollte hoch hinaus, der wollte in eine andere Sphäre und das ist ihm damit dann ja auch gelungen.

Mariele: Und dann war es wohl ein Glücksgriff, dass er Emma kennen gelernt hat. Denn sie hat ja wirklich eine Riesen-Karriere gemacht als die Duse vom Rhein. So wurde sie bezeichnet, die kölsche Duse.

D. Renkhoff: Ja, was natürlich damit zusammenhing, dass er ihr die Stücke zum Teil auf den Leib geschrieben hat.

Off: Emma ist die Zugnummer des Ensembles. Statt Jahrmarktstheater gibt es nun die platt-kölschnische Volksbühne Millowitsch. Wilhelm schreibt raffinierte Schwenke und inszeniert große Ausstattungs-Possen. Woher hatte ihr Urgroßvater dieses vielseitige Talent?


D. Renkhoff: Der Wilhelm konnte sämtliche Stücke seiner Eltern auswendig und war überhaupt ein hochintelligentes Kind. Und da hat sein Vater etwas ganz Ungewöhnliches: er hat ihn zu einem Oberlehrer in Pension gegeben. Also Kinder von Puppenspielern sind damals eigentlich überhaupt nicht in die Schule gegangen. Und dann ist der Vater gestorben. Wilhelm ist dann sofort mit seinen 12 Jahren zu der Mutter und ist dann mit ihr herumgezogen. Und das Meiste weiß ich aus einer Festschrift, die es in eurem Familienarchiv gab.

Mariele: Ist die noch irgendwo zu sehen?

D. Renkhoff: Diese Festschrift müsste in eurem Archiv sein, ich bin seitdem nicht mehr drin gewesen.

Mariele:
Ok, dann muss ich da noch mal suchen.

Off: Woher kam bei Wilhelm dieser Drang nach gesellschaftlicher Anerkennung? Die Festschrift führt Mariele auf eine Spur. Eine Fürstin hatte sich seiner angenommen.

Mariele: (liest aus der Festschrift vor) "Dem Versprechen folgte die Tat und Wilhelm kam zu einem Oberförster zu seiner weiteren Ausbildung. Musikalisch und mit einer guten Stimme begabt war er bald der Mittelpunkt einer im fürstlichen Schlosse allabendlich veranstalteten kleinen Gesellschaft. Zur allgemeinen Belustigung improvisierte er während derselben ein Hänneschen - Theater und verstand so die auserlesene Gesellschaft auf Angenehmste zu unterhalten."


Mariele auf Schloss Braunsfels

Off: Der Urgroßvater beeindruckte mit guten Manieren, beherrschte Konversation und Klavierspiel. Hat er das auf Schloss Braunsfeld erlernt? Graf Opperdorfs-Solms-Braunsfeld empfängt Mariele in den Räumen des Schlosses.

Graf: Die Zeit, in der Ihr Urgroßvater hier im Haus Braunsfeld gewesen, ist sehr wahrscheinlich die unserer damaligen Fürstin Ottilie gewesen, die hier gelebt und regiert hat. Und sie war verheiratet mit dem Ferdinand.

Mariele: Wie kann das wohl vonstatten gegangen sein, dass Ottilie sich als Fürstin des kleinen Wilhelms angenommen hat? Weiß man da noch von mehr Geschichten außer Wilhelm, dass sie auch Kindern oder Menschen angenommen hat...?

Graf: Das weiß man ganz sicher. Sie war eine sehr mildtätig eingestellte, gute, gläubige und fromme Frau und es gab zu der Zeit hier auch eine freie Küche für besonders Bedürftige...

Mariele: Dann kamen die Menschen hier aus dem Umfeld, die nichts hatten, hierher zum Mittag oder...

Mariele

Graf Braunsfels

Graf: ...das hatten die beiden eingerichtet. Die beiden hatten keine Kinder und haben sich dann dieser Dinge und dieser Menschen angenommen.

Mariele: Und Willy wird dann hier gewohnt haben, also Wilhelm...

Graf: Ich würde sagen Platzmangel haben wir normalerweise keinen.

Off: Im fürstlichen Archiv könnte es noch Zeugnisse von Wilhelms Aufenthalt geben. Herr Friedrich, der Archivar, durchforscht für Mariele die Akten dieser Zeit.

H. Friedrich: Ich hab mir große Mühe gemacht, aber leider nichts Konkretes gefunden.


Mariele: Schade.

H. Friedrich: Das ist ein Angestellten-Verzeichnis, ein Diener-Verzeichnis...

Mariele: Und da ist er auch nicht drin, so dass man sagen könnte, er war vielleicht hier angestellt?

H. Friedrich: Auch nicht, nein. Aber dann hab gesucht nach einem Anhaltspunkt von der Fürstin Ottilie. dass vielleicht Millowitsch erwähnt wurde in der Korrespondenz oder so aber auch nicht. Ich schließe nichts aus, weil es doch einiger Zeit bedarf bis man dann 100% fündig wird.

Mariele im Schloss Archiv

Off: Der Aufenthalt auf Schloss Braunfels hat das Weltbild des Puppenspielers Wilhelm verändert. Das ist Mariele jetzt klar.


Mariele

Mariele: Ein Multitalent war mein Urgroßvater auf jeden Fall. Also er konnte nicht nur schreiben, er war auch handwerklich begabt, ich glaube, der hat alles gemacht. Und was mich an dem Mann fasziniert ist, dass er irgendwie gebrannt hat. Total. Der hat vor allen Dingen auch den Drang gehabt, dem Beruf des Schauspielers eine gesellschaftliche Anerkennung zu geben. Dass es nicht nur dies fahrende Volk ist und sozusagen so ein Underdog, sondern dass man gesellschaftlich eine Stellung erreicht. Und das ist denen auch gelungen, also wenn man die verschiedenen Adressen sieht, in denen gewohnt wurde, die werden immer ein kleines bisschen besser. Und ich glaube, es war ihm ein ganz großes Anliegen auch dahin zu kommen. Und das hat er wirklich geschafft. Ich weiß gar nicht, ob der Mann überhaupt mal geschlafen hat.


Off: Die Leidenschaft fürs Spiel beginnt mit Urururgroßvater Franz Andreas, geboren 1797. Bevor er Puppenspieler wird, handelt er mit Gerbereiabfällen, Lohkuchen zum Düngen. Sein Sohn Johann Kasper ist Wilhelm Millowitschs Vater. Wo wohnte dieser Franz Andreas überhaupt? Die alten Adressbücher geben Auskunft.

Mariele: Millowitsch, Franz. Puppentheater-Besitzer. Katharinengraben. Dann haben wir den Franz, Tagelöhner, Alte Mauer am Bach.

Mariele

Mariele

Off: Das Haus von Franz Andreas kann Mariele nicht mehr finden, es wurde im Krieg zerstört.

Mariele: Alte Mauer am Bach. Hier soll Franz Andreas Millowitsch aufgewachsen sein und zwar in Hausnummer 5. Und er wurde in den Adressbüchern an dieser Stelle noch geführt als Lohkuchen-Händler und Tagelöhner, mal so, mal so.

Off: Der Urururgroßvater darf in Köln nicht als Puppenspieler auftreten, weil es bereits ein Hänneschen-Theater gibt. Dr. Schwering weiß mehr, sein Spezialgebiet ist kölnische Geschichte. Auch über Franz Andreas hat er viel geforscht.


Dr. Schwering: Hier hat er gestanden, von hier aus hat er nach Köln rübergeguckt und hat ja nicht nur geguckt, sondern er wohnte ja auch in Köln.

Mariele: Also kann ich davon ausgehen, dass hier Franz Andreas stand...

Dr. Schwering: Ja, etwa...

Mariele: ... und hier mit den Puppen gespielt hat.

Dr. Schwering:
Hier auf dieser Seite auf jeden Fall. Die "schäl Sick" gehörte nicht zu Köln, er durfte nicht nach Köln, also hat er halt hier gespielt, denn das war außerhalb von Köln. Mit großem Selbstvertrauen hat er hier gestanden und unter seinem langen Mantel die Puppen herausgeholt.

Mariele

Mariele: Obwohl die Leuten Brückengeld zahlen mussten, um jetzt hier rüber zu kreuzen, kann ich mir vorstellen, ist trotzdem das Publikum hierhingekommen um Franz Andreas dann zu sehen?

Dr. Schwering: Ja, ja, in jedem Fall, in jedem Fall, die warteten ja da drauf.

Mariele: Also Geld bezahlt für die Brücke plus Franz Andreas was in den Hut getan, weil sie ihn so gut fanden.


Mariele und Dr. Schwering

Dr. Schwering: Ja, weil sie ihn so gut fanden. Er schreibt hier "...Bitte zur Anlegung eines Puppentheaters in einer gewissen zu bestimmenden Entfernung von hiesiger Stadt Köln mit wohl Erwogenheit zu genehmigen. So lange ich lebe, werde ich diese hohe Gnade in der innigsten Dank und Ehre halten"

Mariele: Wieso wollte die Stadt Köln denn partout nur einen Puppenspieler haben? Wieso konnte man keine zwei vertragen?

Dr. Schwering: Weil Puppenspieler um diese Zeit oft/auch verdächtig sind immer gegen die herrschende Politik, gegen die Herrschenden überhaupt, ihr Theater spielen zu lassen.

Mariele: Volkes Mund hätte durchaus noch einen vertragen, oder?

Dr. Schwering: Durchaus, ach die Kölschen war da sehr tolerant, das sind sie bis zum heutigen Tag. Schließlich auf all die Bitten hin haben sie dann die Lust verloren sich mit den beiden rumzuzanken und dann hat er anfangen zu spielen und dann hatte er auf einmal die Konzession.


Mariele: Bemerkenswert finde ich so, dass Franz Andreas ja eigentlich als Lohkuchenhändler so mit diesem Beruf gar nichts zu tun hatte und dann in sich spürte und das finde ich so toll wie ein Segen von oben oder wie eine Erleuchtung: er will Puppenspieler werden. Für uns über die Generationen, Peter und ich sind dann die sechste dann hat das natürlich auch irgendwas mit uns zu tun, das hat mich schon beeindruckt, dass jemand so an sich glaubt, er wusste es einfach, er kann's.

Off: Im Elternhaus stand die Familiengeschichte der Schauspieler-Dynastie immer im Mittelpunkt. Über die Vorfahren der Mutter hingegen weiß Mariele kaum etwas. Ihre Mutter Gerda, geborene Feldhoff, organisierte das Familienleben und hielt ihrem Mann den Rücken frei.

Mariele

Mariele: Meine Mutter, die war wirklich sehr organisiert und sehr fleißig, was das betraf.

Off: Als Willy der 24-jährigen den Heiratsantrag macht, bricht sie ihre Doktorarbeit in Sozialkunde ab. Von da an widmet sie sich ausschließlich der Familie.

Mariele: Meine Oma konnte den Vater nicht leiden, also die Mutter meiner Mutter. Die hat immer gesagt: Der widerliche Schnäutzerkerl kommt mir nicht ins Haus (Kölsch! Sie übersetzt selbst) Nachher waren die aber ein Herz und eine Seele, meine Oma und mein Vater. Und die Omi fand ich wunderbar, die konnte ich immer besonders gut leiden und die hat hier auch das Geschäft hier hintendrin und da roch es auch immer so schön.

Off: Die Großmutter eröffnet in den 20er Jahren einen Wäsche-Laden. Den führt heute die Enkelin. Marieles Tante Magda, eine Schwester der Mutter, lebt in dem Haus, dass die Großeltern Luise und Otto Feldhoff bauten.


Mariele und ihre Tante Magda

Magda Feldhoff: Also für uns waren es die Eltern, also auch beispielsweise wenn bei uns das Essen aufgetragen wurde. Der Vater nahm die Schüssel und gab zuerst der Mutter. Das war also, und dann der Vater und dann kamen wir dran. Er hatte jeder seine Rolle. Die Mutter, die als Frau, sie war natürlich dominant, aber niemals hätte sie jetzt gesagt, dass irgendwie, nee unser Vater war der Vater und bei uns war das einfach Respektpersonen.
Mariele: Der Großvater interessiert mich noch: Otto, dein Papa, wo kam der eigentlich her?

M. Feldhoff: Aus dem Katzenloch in Frielingsdorf.

Mariele: Was ist das Katzenloch?

M. Feldhoff: Das Katzenloch ist der elterliche oder urgroßelterliche, der Hof der Familie den einer immer wieder von dem anderen übernommen hat. Gab's das damals schon das Erbhofrecht, oder...? Jedenfalls der Älteste übernahm und die anderen gingen. Und ich nehme an der Großvater war dann Gutsverwalter nachher, was er die erste Zeit gemacht hat, weiß man nicht

Mariele: Was hat der beruflich eigentlich gemacht?

M. Feldhoff: Der war am Schlachthof, nun frag mich nicht was. Ich hab immer in Erinnerung, dass er unheimlich viel von Vieh verstand und die Käufer zu ihm kamen, weil er hervorragend klassifizierte. Mariele, kennst du so was hier?


Mariele: Ja, die Totenzettelchen kenne ich, klar.

M. Feldhoff: Hier, dass ist jetzt die Schwester von Opa und das ist schon die nächste Generation, mehr hab ich da leider nicht. Aber was hier die sind, dass weiß ich leider nicht.

Mariele: Meinst du es macht Sinn da mal hinzufahren?

M. Feldhoff: ich weiß nicht, was da heute ist...

Mariele und ihre Tante Magda

Off: Marieles Ururgroßvater Johann Peter Feldhoff ist 1802 geboren. Durch die Heirat mit Elisabeth Hofstadt wird er Gutsbesitzer. Ihr Sohn Johann Karl ist Ottos Vater. Unterwegs mit Schwester Katarina nach Frielingsdorf. Sie erinnert sich noch gut an die Ferien auf dem Hof der Feldhoffs.


Katarina und Mariele

K. Eisenlohr: Das ganze Leben findet eigentlich in der Küche statt, mit so einem alten Herd, ein mit Kohlen beheizter Herd, auf dem immer ein große Kanne Kaffee stand, den ganzen Tag.

Off: Heute leben keine Verwandten mehr auf dem Gehöft im Bergischen Land. Mariele sieht das Anwesen zum ersten Mal.

K. Eisenlohr: Ich glaube, hier ging man in die Küche rein und irgendwie war daneben gleich der Kuhstall. (Mariele lacht)


Off: Ungewöhnlich für einfache Bauern. Ihre Ururgroßeltern haben sich mit einem Denkmal verewigt.

Mariele und Katarina: Errichtet von Feldhoff Hofstatt im Jahre 1857.

Mariele und Katarina

Katarina und Mariele

Off: Auf so einem Hof zu leben, war Marieles Kindheitstraum.

Mariele: Ja, eigentlich wollte ich das ja auch immer haben. Bauernhof mit Viechern, viereinhalbtausend Kinder.

K. Eisenlohr: Träum weiter, Kleine.

Mariele: (lacht) Die Zeit ist ja nun auch vorbei...

K. Eisenlohr: Nie Ferien...

Off: Wiesen, Wald und Felder gehörten zum Familienbesitz. Welche Stellung hatten die Feldhoffs in dieser Gegend? Im Gemeindearchiv in Lindlar hat die Historikerin Gabriele Emmerich für Mariele geforscht. Das Ergebnis? Überraschend. Die Feldhoffs sind nicht irgendwer, haben sogar eine gewisse Machtposition. Johann Peter Feldhoff zu Frielingsdorf.

Mariele: Mein Ururgroßvater, das ist natürlich toll.

G. Emmerich: Genau, der hat an der ersten Sitzung schon teilgenommen.

Mariele und G. Emmerich

Mariele: Das heißt, der saß im Gemeinderat und war hier ein wichtiges Tier, das heißt der hat Beschlüsse mitgestaltet sozusagen.

G. Emmerich: Ja und ich hab deswegen die ganzen Schnipsel hier drin, die ganzen Lesezeichen, ich hab ihn bis zum Jahr 1863 gefunden, dass er also hier im Gemeinderat gesessen hat.

Mariele: Und steht da auch dabei, was er dann beschlossen hat oder um was es da ging?

G. Emmerich: Es steht so einiges da drin, klar, was die da gemacht haben im Gemeinderat und hier finden Sie unter anderem auch seine Unterschrift mit dem vollen Vornamen.

Mariele: Das hat er selber geschrieben?

G. Emmerich: Das hat er selber geschrieben. War vielleicht nicht nur das eigene Interesse weswegen man im Gemeinderat oder auch er jetzt speziell im Gemeinderat saß, sondern es war schon ein Stück weit auch das Eintreten für diese Gemeinde, für die Bürgermeisterei Lindlar.

G. Emmerich: Was ich dann noch gefunden habe ist Johan Peter, den wir ja eben schon in den Gemeinderatprotokollen hatten, der hatte also eine ganze Menge Geschwister und zwar hatte der noch fünf Brüder, die ich also nachweisen konnte.

Mariele: Und wo haben wir jetzt die Eltern von Johann Peter?


Mariele und G. Emmerich

G. Emmerich: Die Eltern, die stehen hier, die habe ich jetzt recherchiert aufgrund der Kirchenbucheintragungen. Johannes Feldhoff und Sibylla Katharina Niemands. Ich hab dann auch die Sterbeurkunde zu ihm gefunden, zu Johannes Feldhoff und die geben halt an, dass der Johannes Feldhoff, der Ehemann der Sibylla Katharina Niemands verstorben ist. Und es stehen seine Eltern drin. Das ist natürlich dann ganz spannend, denn die hießen Johann Adolf Feldhoff und Elisabeth Gertrud Linde.
Ich würde an Ihrer Stelle mal nachschauen, ob es bei dieser großen Sippschaft Feldhoff nicht eine Verbindung zu einem prominenten Feldhoff geben könnte, wie eventuell, was mir jetzt so einfällt, der Domprobst Norbert Feldhoff.

Off: Den Domprobst Norbert Feldhoff kennt Mariele schon lange. Sie sind gemeinsam im Dombauverein. Aber verwandt?


Mariele: Also, es ist nämlich so, dass diese Vorfahren von mir irgendwas mit der Pfarrei oder wie immer man das nennt in Gimborn zu tun hat

N. Feldhoff: Ja, meine auch.

Mariele:
Jahaha, und da sagte jetzt heute jemand, die Frau Emmerich, die in Lindlar dieses Archiv leitet und sehr recherchiert hat, die sagte, es würde sich lohnen mal mit Ihnen zu sprechen, ob wir da fündig werden, ob es da eine Übereinstimmung gibt. Sie hatten uns nämlich mal einen lieben Brief geschrieben, ich glaube, das war zum Tod meiner Mutter, dass wir miteinander eigentlich gar nichts zu tun haben, aber vielleicht...

Mariele und N. Feldhoff

N. Feldhoff: ... könnte es ja doch stimmen?

Mariele: Wer weiß? (lacht) Was haben Sie denn da zu bieten an Vorfahren?

N. Feldhoff: Also, die ältesten sind : Lindlar, eine Johannes Feldhoff, geboren am nicht angegeben, getauft in Gimborn...

Mariele: Steht da ein Taufdatum dabei oder irgendwas?


Mariele und N. Feldhoff

N. Feldhoff: Das steht da nicht. Und der Vater ist Johannes Adolf Feldhoff.

Mariele: Ja, da kommen wir doch weiter. Guck mal hier, getauft am 1765. Johannes Adolf, 1765. Gucken Sie mal hier, was ich hier zu bieten hab.

N. Feldhoff: Na, da sind wir doch verwandt.

Mariele: Wir sind verwandt. Wie cool ist das (sie lachen) Jetzt merke ich es auch gerarde..

N. Feldhoff: Cousinen 125. Grades (lachen)


Mariele: Ich kannte ihn ja vorher schon und hatte zu ihm eigentlich immer einen ganz guten Draht, insofern freut mich das, dass wir mit dem Domprobst, dem Herrn Feldhoff zu tun haben, finde ich schön. Finde ich gut. Kann durchaus sein, dass ich dann, wenn ich mal einkaufen gehe, an Verwandtschaft vorbeilaufe und weiß das nicht.

Off: Die Zeitreise in die Vergangenheit hat vieles über ihre Ahnen zutage gebracht. Hat Mariele dabei auch Neues über sich selbst erfahren?


Mariele: Ja, schon so ein bisschen ne Erkenntnis, was mich selber betrifft. Auch so, weil ich sage, ich bin davon überzeugt, dass wir in unseren Genen ganz viel mit rumschleppen, was auch schon über Jahrhunderte vorbei ist, also das sind alles so kleine Abdrücke, so kleine Stempel, die hinterlassen werden in unserem Genmaterial, davon bin ich überzeugt. Und jetzt habe ich das ein bisschen besser kennenlernen können und kann auch jetzt bei mir so Charaktereigenschaften, weiß ich jetzt einzuordnen, kann mir vorstellen, dass vielleicht ein Großvater oder Urgroßvater oder Großmutter vielleicht ähnlich dickschädelig waren, ähnliche Kämpfernaturen zum Beispiel oder auch Liebe zur Natur, Liebe zu den Tieren, das kommt dann auch irgendwoher und ich finde das ganz spannend, das rausgekriegt zu haben.

© ZDF 2007

Mariele