| Papas langer Schatten (DIE ZEIT, Dezember 1997) |
| Mit zwei Fernsehserien hat sich Mariele Millowitsch
aus dem Kölner Familienclan herausgespielt
Wer seinen Anrufbeantworter mit so viel Drive in der Stimme bespricht, der muß vom Schauspielfach sein. Hören wir schnell mal rein: "Einen wunderschönen guten Tag ... Falls Sie mir ein nettes Fax schicken wollen ... Ansonsten freu' ich mich natürlich wie immer ganz besonders über ein paar liebevolle Worte auf meinem Band ..." Wow! Das schwingt durch den Hörer! Diese muntere Frische, garniert mit warmem Timbre und, ja, einem Hauch von Ironie, kriegt man doch normal gar nicht hin. So was will gelernt sein. Oder es steckt, wie bei der Millowitsch, direkt im Blut: sechs Generationen Volkstheater, seit 1896 mit Stammsitz in Köln. Der Name, o ja. Sein Bekanntheitsgrad reicht an den von 4711 locker heran. Und im selben Maße, in dem der Stern von Vater Willy, 89, altersbedingt zu sinken begann, stieg der seiner jüngsten Tochter Mariele, 42, am Fernsehhimmel hoch und höher. Gleich mit zwei Serien ist sie in diesem Herbst auf den abendlichen Bildschirmen präsent: dienstags im ZDF mit den netten "girl friends - Freundschaft mit Herz", und freitags auf RTL mit der noch steigerungsfähigen Krankenhaus-Comedy "Nikola". Im ersten Fall fünfeinhalb, im zweiten Fall viereinhalb Millionen Zuschauer sehen Woche für Woche die Millowitsch in ihren Hauptrollen - was man in jedem Fall einen großen Erfolg nennen muß. Kollege Walter Sittler ist auf beiden Sendern mit von der Partie. Denn bevor Mariele Millowitsch den Part der schlagfertigen Stationsschwester zusagte, hatte sie Sittler beharrlich in die Rolle des smarten Nikola-Gegenspielers Dr. Schmidt lanciert. Kein Wunder, daß die Regenbogenpresse Mariele und Walter gleich zum neuen Fernsehtraumpaar zusammenstrickte. In Wahrheit verbindet die beiden schlicht eine funktionierende Arbeitsfreundschaft. "Uneitel, fair, überaus diszipliniert" nennt Mariele Millowitsch ihren Filmpartner. "Sie ist eine sehr gute Schauspielerin, und wir vertragen uns extrem gut", sagt Walter Sittler über sie. Dreharbeiten zur vierten Staffel der "girl friends": Auch an diesem Tag stehen er (als der sanfte Hotelier Ronaldo Schäfer) und sie (als die geliebte Sekretärin Marie Malek) gemeinsam vor der Kamera. Es kriselt zwischen Marie und Ronaldo, weil ... Das muß geheim bleiben. Nur soviel: Wir befinden uns im Filmhotel "Hansson Palace" - im richtigen Leben ein fast fertiger Bürohausneubau an der Kehrwiederspitze im Hamburger Hafen. Vom siebten Stock aus geht der Blick weit über den Fluß auf Kähne und Riesenpötte. Seit zwei Jahren lebt Mariele Millowitsch in Hamburg. "Ich liebe diese Aussicht", sagt sie und verschwindet gleich wieder aus ihrem winzigen Aufenthaltsraum. Sie muß sich umziehen. Szene 38/40: wollweißer Anzug samt Kamelhaarmantel plus Schal. Sekunden später weht sie, noch in Strickjacke, mit zwei Espresso wieder herein: "Sehnse mal, was isch uns da geschossen hab', den kriegen hier nur handverlesene Gäste." Spricht's in köllschem Singsang, zieht mit schnellem Lächeln die Nase kraus und ist schon wieder weg. Die Zeit drängt. Bis zum Nikolaustag müssen die Aufnahmen aus dem "Hansson Palace" im Kasten sein. Nach einer Szene aus Folge 44 schließt heute direkt eine aus Folge 38 an - nicht leicht, im Kopf immer den Anschluß zu wahren. Mariele Millowitsch notiert sich in ihren sorgfältig vorbereiteten Textbüchern - "meine Hausaufgaben" - vorsichtshalber auch die Stimmung, in der sich Marie Malek im späteren Kontext gerade befindet: "Abgenervt, aber freundlich" steht da zu lesen. "Sonst spielt man immer dasselbe", erklärt sie. Mariele. Marie. Will uns der Autor damit sagen, daß die beiden nicht so sehr weit auseinanderliegen? Christian Pfannenschmidt hat der Millowitsch die Rolle auf den Leib geschrieben. Aber es war Produzentin Katharina Trebitsch, die frühzeitig gewittert hatte, daß die Schauspielerin zum Serienstar taugt. Tatsächlich brachten die "girl friends" 1994 den Durchbruch für die Vierzigjährige. Offenbar finden viele Zuschauerinnen in den alltagsnah erzählten Büro- und Liebesgeschichten ihre weibliche Perspektive wieder: Eklige Chefs, Mobbing, Sckicksalsschläge, Gefühl und Härte - es ist ja auch alles dabei, um sich abends im Sessel mal so richtig schön zu identifizieren. Und war die Marie Malek aus Hitzacker nicht anfangs eine ängstliche Landpomeranze, die nun zur chicen Mitchefin gereift ist? Aber das Herz immer noch am rechten Fleck! Na also, das macht Mut! Ist doch alles zu wuppen! Nach dem ganz großen Erfolg sah es im Leben der gelernten Tierärztin
Dr. Mariele Millowitsch lange Zeit nicht aus. Auch sie brauchte Umwege
und stolperte in manches Loch, bevor sie die eigene Richtung fand. Der
Familienclan hat sie lange festgehalten. Um Vaters Arbeit, Vaters Tourneen
drehte sich alles im Hause Millowitsch. Der Boß pfiff, und die
anderen sprangen. So war das. Als jüngstes von vier Geschwistern
gab das Mariele mit neun Jahren im Schwank "Drei Köllsche
Jungs" das "Karlemännchen". Ein kleines, dickes,
kurzhaariges Monster sei sie gewesen, das laut und kräftig "nach
unten deklamierte". Von dieser kindlichen Unbefangenheit wünscht
sie sich manchmal noch ein Zehntel: "Ich fand mich klasse damals."
Allerdings habe sie in der Schule so laut mit ihren Rollen geprahlt,
daß sie bald keiner mehr leiden konnte, erzählt sie. "Gib
bloß nicht an!" Diesen Satz hat sie oft gehört. So oft,
daß es ihr heute schwerfällt, sich mal selbst zu loben. Vieles in ihrem Leben kam spät, lief parallel oder auch im Zickzack: mit knapp 22 das Abitur, Studium in München, zwischendurch heim nach Köln ans Theater, diesmal als Karlemännchens Mutter. Dann zurück "zu den Stieren und Hengsten", Staatsexamen, anschließend als Kabarettistin am Düsseldorfer Kom(m)ödchen. Private Fehlschläge. Eine Jahre dauernde Doktorarbeit über "Alternative Behandlungsmethoden beim Bandscheibenvorfall des Dackels" Radiomoderationen, Talkrunden, die sie über Wasser hielten. Erst 1991, nach der Promotion, waren auch die tiefen Krisen und Unsicherheiten überwunden. Mit dem Titel in der Tasche fühlte sie sich frei, sich letztlich doch fürs Fernsehen und die Schauspielerei zu entscheiden: nunmehr auf eigenes Risiko und nie wieder im gemachten Nest. Über die Familie spricht sie heute gelassen und mit Zuneigung. Vom Vater, betont sie, habe sie auch viel gelernt über Rhythmus und das Setzen von Pointen. "Wenn das Timing nur ein bißchen danebenliegt, lacht kein Mensch mehr." Das zeigt sich auch bei "Nikola". Die großen Emotionen zu spielen sei viel leichter, als die Leute zum Lachen zu bringen, seufzt sie. Der Mittagsauslauf mit Hans-Günther steht an. Aber heute tobt der Sturm ums Haus und darf der drehfertig gestylten Marie nicht die Haare zerwehen - ob vielleicht jemand aus dem Produktionsbüro ...? Na klar, läuft schon. Für solche Nettigkeiten gibt "die liebe Mariele" als Dank an die Kollegen gern mal eine Kiste Aldi-Champagner aus. Außerdem kann es vorkommen, daß sie Roger Daute, dem Aufnahmeleiter, gleich zweimal an einem Tag spontan um den Hals fällt: Er sei sowieso "der beste Aufnahmeleiter aller Zeiten"! Sie wird "die Tocher von" bleiben, bis sie ins Grab geht,
das weiß sie. Aber inzwischen kann sie selbstbewußt damit
leben. Es läuft ja auch gut im Moment: Erfolg im Job, eine neue
Liebe. Und jede Menge Lebensweisheiten ("Der Weg ist das Ziel"),
auf die sie zurückgreifen kann, falls es mal wieder dicker kommen
sollte. Ihr Lieblingsspruch? Da legt Mariele Millowitsch die Stirn in
Dackelfalten und guckt ganz warm aus diesen großen grün-braunen
Augen: "Wenn das Dach über dir zusammenbricht, kannst du die
Sterne wieder sehen." Oder sprach da jetzt Marie Malek? |