Da der Zuschauer (leider *g*) nicht zu sehen bekam, was nun genau zwischen
Küche und Schlafzimmer und zwischen Hanna und Robert passiert ist,
hab ich meine Vorstellung davon einfach mal zu Papier gebracht. Vielleicht
lief's ja so ab...
[....]
"Den besten Sex der Welt haben", beendete Robert seine Aufzählung.
Nur für den Bruchteil einer Sekunde hielt Hanna in ihren Bewegungen
inne. Wusste ich es doch, dachte sie zufrieden. Seit er am Mittag im Büro
ihre Hand genommen und ihr versichert hatte, dass er oft an sie denke,
wusste sie ziemlich genau, was er im Schilde führte. Immerhin kannte
sie ihn besser als sonst einen Menschen auf der Welt. Doch obwohl diese
Gedanken sie den ganzen Nachmittag beschäftigt hatten, wusste sie
selbst noch immer nicht, wie sie reagieren sollte.
Ihr Verstand riet ihr, ihm spätestens jetzt hier in der Küche
deutlich zu sagen, dass sie sein erbärmliches Spiel durchschaut hatte
und er sich seine weiteren Mühen sparen könne. Sie würde
ihrer Meinung über die Schwarzgeld-Kasse unter gar keinen Umständen
ändern.
Ihr Gefühle jedoch rieten ihr zu etwas anderem. Denn auch wenn sie
es sich nur schwerlich eingestehen wollte, hatte dieser Moment in ihrem
Büro noch etwas anderes in ihr ausgelöst. Widerwillig hatte
sie feststellen müssen, dass sie Robert vermisste. Seine Nähe.
Die Gespräche mit ihm, so wie gerade jetzt heute Abend. Einfach als
Familie zusammen sitzen und reden. Sie setzte sich zu ihm an den Küchentisch
und sah ihn an. Sie vermisste auch den Sex mit ihm. Aber nach allem was
passiert war, konnte sie doch nun wirklich nicht...
Robert zog fragend die Augenbrauen hoch und um noch ein bisschen Zeit
zu gewinnen, fuhr Hanna damit fort den Tisch abzuräumen. Als sie
die Gläser in der Spülmaschine verstaut hatte und sich wieder
umdrehte, stand Robert direkt vor ihr und sie zuckte erschrocken zusammen.
Bevor sie etwas sagen konnte, nahm er ihr Gesicht zärtlich in beide
Hände und gab ihr behutsam - so als wolle er nichts falsch machen
- einen Kuss. 'Robert, tu das nicht!' dachte sie. Und im gleichen Moment
dachte sie: 'Hör nicht auf damit, bitte!' Robert sah ihr in die Augen,
lächelte, hielt ihr Gesicht noch immer in beiden Händen und
küsste sie ein zweites Mal. In diesem Moment legte sie ihm ihre Hände
auf die Brust, schob ihn von sich fort und ging zur Tür.
"Hanna, entschuldige, ich dachte..."
Sie dreht sich zu ihm um und sah mit leichter Genugtuung, dass er sie
verwirrt anstarrte.
"Charlotte wird nicht vor zehn wieder hier sein", sagte sie,
verließ die Küche und stieg die Treppe zu ihrem Schlafzimmer
hinauf. Sie war sich sicher, dass er ihr früher oder später
folgen würde. Und in den paar Minuten, die ihr blieben, versuchte
sie, das Gefühlschaos, das sie schon seit Stunden beschäftigte
zu entwirren.
In ihrem Schlafzimmer stellte sie sich ans Fenster und starrte in die
Dunkelheit des Gartens hinaus, während sie Roberts langsame Schritte
auf der Treppe hörte. Sie dachte an all die unzähligen heißen,
leidenschaftlichen Nächte, die sie mit Robert hier in diesem Zimmer
erlebt hatte. Sie dachte an seine Nähe, seine Küsse, seine Berührungen.
Sie dachte an die ausgeräumte Kanzlei. An Bettina. An 780.000 Euro
in einem geheimen Bankschließfach. "Du bist ja verrückt!",
sagte sie leise zu dem Gesicht, die sich in der Fensterscheibe spiegelte.
Und auch nur in der Reflexion des Fensters sah sie, wie Robert hinter
sie trat. Sie dreht sich nicht zu ihm um, sondern schaute seinem Spiegelbild
unverwandt in die Augen. 'Vergiss es!' hörte sie eine strenge Stimme
in ihren Kopf. Und noch während sie versuchte zu verstehen, ob sie
das zu sich selbst sagte oder ob es das war, was sie zu Robert sagen wollte
oder genauer gesagt spätestens in diesem Moment hätte sagen
müsste, begann er zärtlich ihren Hals zu küssen. Sie schloss
die Augen und dachte nur noch daran, wie gut er ihren Körper kannte.
Dachte nur noch daran, was jetzt gleich noch alles geschehen könnte,
wenn sie es zuließe. Und als sie im nächsten Moment spürte,
wie sich seine Hand unter ihre Bluse schob, hatte sie ihre Entscheidung
getroffen. Sie würde es zulassen. Sie konnte gar nicht mehr anders.
Sie drehte sich zu ihm um und küsste ihn mit einer Leidenschaft,
die sie beide überraschte.
Als Hanna später erschöpft, verschwitzt und - wie immer in
einem solchen Moment - wunschlos glücklich neben ihm lag, kam es
ihr vor, als seien die letzten Wochen nur ein böser Traum gewesen.
Alleine das hier war die Wirklichkeit. Lächelnd dachte sie daran,
dass er gleich - wie immer in einem solchen Moment - seinen Arm ausstrecken
und sie an sich ziehen würde und...
Sie spürte, wie sich ganz allmählich eine Eiseskälte in
ihr ausbreitete. Nein, er würde sie nicht an sich ziehen und sie
würden auch nicht eng aneinander gekuschelt einschlafen. Sie würden
überhaupt nicht gemeinsam einschlafen. Sondern er würde irgendwann
aufstehen, sich anziehen und nach Hause gehen. Zu Bettina. Er würde
neben Bettina einschlafen und vielleicht sogar mit ihr... Sie wagte gar
nicht, diesen Gedanken zu Ende zu denken. Aber es war zu spät. Alles,
was sie in der letzten Stunde so erfolgreich aus ihren Gedanken verbannen
konnte, stürmte nun auf sie ein. Die Vorstellung, dass er Bettina
auf die gleiche Weise küsste. Dass er sie auf die gleiche Weise berührte.
Dass er in den letzten zehn Jahren sicher unzählige Male aus Bettinas
Bett zu ihr nach Hause gekommen war, so wie er heute aus ihrem Bett zu
Bettina zurückkehren würde. DAS war die Wirklichkeit. Und neben
der Kälte spürte sie, wie eine unbändige Wut in ihr empor
stieg.
Sie merkte dass er sie betrachtete und drehte sich zu ihm um. Er lächelte.
Und je länger er sie einfach so anlächelte, desto wütender
wurde sie. Ohne noch ein Wort zu sagen stand sie auf und verschwand im
Badzimmer. War es das wirklich wert? fragt sie ihr Spiegelbild, dem ihre
Wut, ihre Enttäuschung und ihre verletzte Gefühle viel zu offensichtlich
ins Gesicht geschrieben standen. Sie warf sich eine Ladung Wasser ins
Gesicht. Sie hatte Robert gegenüber an diesem Abend schon viel zu
viel Gefühle offenbart. Diese sollte er ihr jetzt nicht auch noch
ansehen.
"Hanna?"
"Mmmh?" antwortete sie nur und schlüpfte in ihren Bademantel.
In keinem Fall wollte sie ihm nun auch noch nackt unter die Augen treten.
"Ich hab die Selbstanzeige gemacht", hörte sie ihn im Schlafzimmer
sagen. "Jetzt tu mir bitte den Gefallen und pfeif deinen Drachen
zurück."
'Schau an', dachte Hanna nur und kehrte ins Schlafzimmer zurück.
"Hatten wir deswegen Sex?"
"Nein, natürlich nicht", versicherte Robert eilig,
"Sie ist meine Anwältin und sie ist gut", erwiderte Hanna
kurz angebunden und verschwand wieder im Bad.
"Gerade eben hatte ich das Gefühl, dass du vielleicht nicht
mehr so böse bist auf mich."
Hanna war froh, dass er ihr Gesicht in diesem Moment nicht sehen konnte.
Sie atmete tief durch, drehte sich um und blieb in der Badezimmertür
stehen.
"Mehr als ein Hühnerfrikasse ist mir der Sex mit dir nicht wert."
Sie sah förmlich, wie Robert die Kinnlade herunterfiel.
"Bitte?" stammelte er verständnislos.
"Ja, ich hab das auch nicht verstanden", fuhr sie leichthin
fort,"als du heute Mittag meine Hand genommen hast, fand ich es ganz
verlockend mit dir ins Bett zu gehen." Und das ist noch nicht mal
gelogen, gestand sie sich im Stillen.
Mit großer Genugtuung stellt sie fest, dass die Fassungslosigkeit,
die sich jetzt gerade auf seinem Gesicht breit machte, ihre momentane
Enttäuschung mehr als wett machte. "Und jetzt solltest du Bettina
nicht so lange warten lassen." Ohne ihn noch eines Blickes zu würdigen,
verschwand sie wieder im Bad und dieses Mal schloss sie die Tür hinter
sich.
© April 2006, S. Dippel
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