Fröhlich vor sich hinpfeifend tippte
Nikola die letzten Patienten-Daten in den Computer. Ihre Schicht war so
gut wie beendet und vor ihr lag ein freies Wochenende, das sie sich schon
in den schönsten Farben ausmalte, als ihr auf einmal jemand die Augen
zuhielt.
"Hey, was soll das?" Sie versuchte erfolglos die Hände abzuschütteln.
"Tim, das ist nicht lustig, ich bin hier noch nicht fertig."
Ihre Kollegin Silke, die nur wenige Schritte entfernt in der Besucher-Ecke
die Zeitschriften sortierte, drehte sich um. "Das ist nicht Tim...",
begann sie, aber der fremde Mann, der Nikola gerade die Augen zuhielt, grinste
sie so nett verschwörerisch an, dass sie nichts weiter verriet. Nikola
war zu gut gelaunt um sich ernsthaft über solche Spielchen ärgern
zu wollen und vorsichtig tastete sie die Hände ab. Das konnte doch
nicht...?
"Erik?"
Sie hörte sein so vertrautes Lachen, als er seine Hände von ihren
Augen und sie selbst in den Arm nahm. "Hallo Nikola!"
"Das ist ja ‘ne Überraschung", strahlte sie. "Was machst
du hier?"
"Ich bin mit Robert verabredet", grinste Erik, wohlwissend, dass
Nikola eher die Stadt gemeint hatte. Sie boxte ihn gegen die Schulter. "Blödmann!
Ich meine was machst du in Köln? Bist du länger in der Stadt?
Beruflich oder...?"
"Ich war hier ein paar Tage auf einer Fortbildung und bleibe jetzt
noch eine Nacht. Und Robert steht noch im OP", erklärte er. Er
warf einen Blick auf den PC-Bildschirm. "Störe ich bei der Arbeit?"
Nikola löste sich aus seiner Umarmung, gab in Sekundenschnelle die
letzten Daten ein und drehte sich wieder zu Erik um. "Jetzt nicht mehr!
Hab so gut wie Feierabend und muss nur noch auf die Spätschicht warten."
"Du hast also Zeit für ‘nen Kaffee?" Als Nikola nickte, legte
Erik den Arm um ihre Schultern und wie selbstverständlich gingen beide
ins Schwesternzimmer.
"Und...?" fragte Erik neugierig, als sie sich kurze Zeit später
auf dem Sofa gegenüber saßen.
"Und was?" fragte Nikola amüsiert zurück.
"Wie geht’s dir so?"
"Gut", antwortete sie. "Es hat sich einiges getan, seit
du das letzte Mal hier warst, aber sonst..."
"Ja, Robert hat mir davon erzählt."
Nikola verschluckte sich fast an ihrem Kaffee. Diese Sache hatte sie jetzt
eigentlich nicht gemeint. Und das konnte Schmidt Erik doch wohl auch nicht
erzählt haben, oder?
"Ähm, was genau hat er dir erzählt?", fragte sie vorsichtig,
als sie sich wieder einigermaßen gefangen hatte.
"Na ja, dass du hier gekündigt hast, dann in der Uni-Klinik
warst und oben auf der Entbindungs-Station und dann doch wieder hier gelandet
bist." Aus Eriks Mund klang das alles viel weniger dramatisch, als
Nikola befürchtet hatte.
"Mehr nicht?", fragte sie noch mal nach.
"Nee", erwiderte Erik. "Wieso? Was hätte er denn noch
erzählen sollen?"
"Nichts weiter", beeilte sich Nikola zu sagen. "Nur das
Übliche eben wie: Nikola hält sich nicht an meine Anweisungen,
Nikola ist so ein Dickkopf, Nikola ist eine Nervensäge..."
"Jetzt wo du’s erwähnst...", begann Erik und Nikola grinste,
weil sie sich sicher war, dass er den Satz beenden würde mit: "...doch
hat er". Aber Erik sagte stattdessen: "... nee, das hab ich
schon lange nicht mehr von ihm gehört. Seltsam."
Um zu verhindern, dass Erik darüber zu sehr nachgrübelte, fragte
Nikola: "Und selbst?"
Erik lächelte. "Auch gut. Sehr gut." Nach einer kurzen
Pause verkündete er: "Ich werde wieder heiraten. In sechs Wochen."
Nikola war sprachlos. Sie hatte ja mit einigem gerechnet, aber damit...?
"Eigentlich wollte ich es Robert zuerst erzählen, aber wenn
ihm seine OP wichtiger ist...", fuhr Erik fort. "Na ja, es ist
vielleicht auch ganz gut, wenn du es nicht von ihm erfahren musst."
"Das ist lieb von dir", erwiderte Nikola und nach kurzem Zögern
umarmte sie ihn. "Herzlichen Glückwunsch! Ich freue mich für
dich!"
"Wirklich?"
"Ja, klar! Somit kommt wenigstens einer von uns beiden doch noch
unter die Haube." Sie lächelte verlegen, da ihr die Erinnerung
an die geplatzte Hochzeit noch immer unangenehm war. Als ob er ihre Gedanken
lesen konnte, sagte Erik: "Und du brauchst endgültig kein schlechtes
Gewissen mehr zu haben, dass du mich damals so schmählich hast sitzen
lassen."
"Ich hab dich doch nicht sitzen lassen...", versuchte Nikola
zu protestieren, aber Eriks strafender Blick ließ sie verstummen.
"Ok, ich hab dich sitzen lassen. Im wahrsten Sinne", gab sie
zerknirscht zu. Entgegen ihrer Befürchtung grinste Erik sie jedoch
an. "Schon ok, ich hab’s ja überlebt."
Bevor Nikola ihn nun nach seiner Verlobten ausfragen konnte, öffnete
sich schwungvoll die Tür und Dr. Robert Schmidt hatte die Art von
Auftritt, die er immer so genoss. "Erik, alter Junge, hier steckst
du", sagte er und nach der freundschaftlichen Umarmung ließ
er einen abfälligen Blick durchs Schwesternzimmer schweifen. "Warum
bist du nicht zuerst zu mir gekommen?"
"Vielleicht weil Sie gerade im OP standen?" Nikola konnte sich
diese Bemerkung nicht verkneifen.
Schmidt tat, als hätte er dies überhört und bediente sich
ohne zu Fragen an der Kaffeemaschine. "Was gibt es denn so Dringendes
zu erzählen, dass du damit erst mal zu Nikola rennst?", wollte
er dann von Erik wissen. Bevor Nikola einen weiteren bissigen Kommentar
loswerden konnte, antwortete Erik schnell: "Ich werde wieder heiraten."
Diese Nachricht schien Schmidt ehrlich zu überraschen. "Erik,
hast du dir das gut überlegt? Ich meine: heiraten! Wer will denn
heutzutage noch heiraten? Der Mensch ist nicht für die Monogamie
gemacht, das solltest du wissen." Er ignorierte Nikola, die genervt
die Augen verdrehte.
"Das sagt mir jemand, der im letzten Jahr selbst Heiratspläne
geschmiedet hat?", fragte Erik amüsiert.
"Ach das...", versuchte Schmidt abzuwiegeln, aber Erik ließ
nicht locker. "Du hast mir bis heute noch immer nicht genau erzählt,
warum das damals auseinander ist."
Schmidt warf Nikola einen verwunderten Blick zu. "Nun ja, das hat
Nikola dir doch jetzt sicher schon..." Weiter kam er nicht, da Nikola
ihn in diesem Moment anrempelte, so dass sich der Kaffee über seinen
Kittel verteilte.
"Ach, Dr. Schmidt, das tut mir aber leid!", entschuldigte sie
sich übertrieben. "Warten Sie, ich helfe Ihnen." Bevor
er protestieren konnte, tupfte sie mit einem Handtuch an seinem Kittel
herum. "Wir beide?!?!?", zischte sie ihm leise zu und sein ratloser
Blick machte sie nur noch wütender.
"Entschuldige uns mal einen Moment", bat Nikola Erik und verschwand
ohne ein weiteres Wort aus dem Schwesternzimmer. "Äh, ja, ich...",
versuchte Schmidt zu erklären, aber dann gab er auf. "...bin
gleich wieder da", sagte er also nur und verschwand ohne Eriks Antwort
abzuwarten. Lächelnd sah Erik den beiden nach. Hier hatte sich anscheinend
wirklich nichts verändert.
"Sind Sie eigentlich von allen guten Geistern verlassen?!?!",
motzte Nikola, kaum dass sich die Tür der Abstellkammer hinter ihnen
geschlossen hatte.
"Das fragt mich ausgerechnet die Frau, die mir absichtlich den Kaffee
über den Kittel kippt?"
Nikola schüttelte fassungslos den Kopf. "Sie wollen Erik doch
wohl nicht erzählen, dass..." Sie machte nur eine vage Handbewegung
zwischen ihnen beiden hin und her, weil sie sich in seiner Gegenwart weigerte,
es auch noch auszusprechen.
Schmidts Gesicht hellte sich auf. "Ach... weiß er das etwa
noch gar nicht?"
"Also ICH hab’s ihm nicht erzählt. Und SIE werden das auch nicht
tun!" Drohend baute Nikola sich vor ihm auf, aber Schmidt ließ
sich davon nicht beeindrucken. "Erik ist mein Freund. Mein bester
Freund! Nennen Sie mir einen Grund, warum ich meinem besten Freund diese
– Gott sei Dank – nur kurze Beziehung verschweigen sollte?"
"Weil es keine Be-zieh-ung war!" Nikola betonte jede Silbe überdeutlich.
"Es war noch nicht mal..." Sie wusste nicht, wie sie diese eine
Nacht möglichst tief abqualifizieren könnte. "Es war überhaupt
nichts!"
"Wo ist dann also Ihr Problem?", fragte Schmidt provozierend.
"Ich hab Erik mal geliebt. Ich wollte ihn sogar heiraten."
"Ja, ich erinnere mich", sagte Schmidt gespielt nachdenklich.
"Und Sie haben ihn in letzter Minute sitzen lassen."
"Ja. Und wenn Sie ihm jetzt was erzählen, kommt er vielleicht
noch auf die Idee, dass...." Nikola hielt inne, weil sie diese Idee
selbst auch nicht weiter ergründen wollte.
Schmidt schien von dieser Vorstellung ebenso überrascht. "Soll
das etwa heißen, Sie haben damals meinetwegen...?"
"Nein!", unterbrach ihn Nikola vehement. "Das soll nur
heißen, dass ich nicht will, dass Erik aber genau das dann womöglich
denkt."
Schmidt versuchte sich nicht anmerken zu lassen, dass ihn diese Antwort
enttäuschte. "Schwester Nikola, ich glaube, Sie messen dieser
ganzen Sache zwischen uns viel zu viel Bedeutung zu."
"Es gibt da kein UNS!", stellte Nikola klar.
"Stimmt, es gibt mich und es gibt Sie!"
"In genau dieser Reihenfolge, richtig?", antwortete sie spöttisch,
wurde dann aber wieder ernst. "So kommen wir doch nicht weiter. Halten
Sie einfach nur Ihre Klappe und ersparen Sie uns die Peinlichkeit."
"Wieso Peinlichkeit?" fragte Schmidt irritiert und geriet ins
Stottern. "Also, die Nacht war doch...? Ich meine, es war doch...?
Was war denn....?"
Nikola wusste nicht, ob sie weinen oder lachen sollte, weil Schmidt diese
Geschichte anscheinend doch wieder nur auf Sex reduziert hatte. Sie entschied
sich erst einmal zum Gegenangriff. "Na ja, das kann man so oder so
sehen. Ich meine, mit Erik war es..." Sie ließ diese Andeutung
im Raum stehen und ihren Blick zu Decke abschweifen. Entrückt, so
als ob sie gerade in wundervollen Erinnerungen schwelgte.
"Soll das etwa heißen, mit Erik war es schöner?",
fragte Schmidt verblüfft. Nikola zwang sich zu einem Lächeln.
"Tja...", zuckte sie unbestimmt mit den Schultern und sah Schmidt
an, wie er mit sich kämpfte. "Also?", hakte sie nach. "Bleibt
die Sache unter uns?"
"Keine Sorge", sagte Schmidt beleidigt, "ich werd‘s ihm
nicht erzählen. Mir ist dieses Nichts nämlich mindestens genauso
unangenehm wie Ihnen!"
"Dann ist ja alles klar", antwortete Nikola kurz angebunden
und verließ die Abstellkammer ohne Schmidt noch eines Blickes zu
würdigen.
Als Erik am selben Abend das Haus betrat, um Schmidt zum Abendessen abzuholen,
traf er im Eingangsflur auf Tim, der offensichtlich zu einer Party unterwegs
war. "Hallo Tim! Heißes Outfit!" begrüßte Erik
ihn.
"Hallo Erik! Nikola hat mir schon erzählt, dass du in der Stadt
bist", antwortete Tim überschwänglich. "Na, wie steht
mir das?" Er vollführte eine kurze Drehung. "Meinst du,
es wird den süßesten Typen der Stadt beeindrucken?"
Erik hob anerkennend den Daumen. "Viel Glück!"
"Ich kann’s brauchen", sagte Tim. "Irgendwie hatte ich
ein bisschen Pech in der letzten Zeit. Im Gegensatz zu dir. Dir darf man
wieder gratulieren, wie ich gehört habe." Verschwörerisch
lächelte er Erik an.
"Danke. Sag mal Tim: wie sieht’s denn im Moment eigentlich in Nikolas
Liebesleben aus?" fragte Erik dann neugierig. "Gibt’s da jemanden?"
"Na ja...", Tim zuckte mit den Schultern. "Ein Date hier
und da, aber nie was Ernstes. Diese eine Nummer mit Schmidt im letzten
Jahr hat da wohl ihren Maßstab verdorben", plapperte er gut
gelaunt weiter.
"Diese eine Nummer mit Schmidt?" Erik glaubte sich verhört
zu haben. "Du meinst doch nicht etwa Robert und Nikola haben...?"
Er fand diese Idee so absurd, dass er sie nicht einmal aussprechen konnte.
"Ähm, ich muss dann jetzt wirklich los", stotterte Tim
und verließ in Windeseile das Haus, um nicht in Nikolas Nähe
sein, wenn sie erfuhr, was er da gerade ausgeplaudert hatte.
Nachdenklich bestieg Erik den Fahrstuhl und auch als er auf Schmidts Etage
angekommen war, wusste er noch immer nicht, was er von dieser Sache halten
sollte. Sein bester Freund und seine ehemalige Fast-Ehefrau? Die zwei
Menschen in seinem Leben, von denen er immer gedacht hatte, dass sie sich
überhaupt nicht leiden können? Auf einmal erinnerte er sich
daran, wie Nikola ihm ihren Kuss mit Schmidt gebeichtet hatte. Sollte
da vielleicht doch noch mehr gewesen sein, von dem er die ganze Zeit nichts
bemerkt hatte?
Schmidt verließ gerade seine Wohnung, als Erik auf den Flur trat.
"Tut mir leid, Erik", entschuldigte er sich, als er mit ihm
zusammen in den Fahrstuhl stieg. "Borstel hat noch mal angerufen.
Sie kann einfach keine Entscheidung ohne mich treffen."
"Du lässt sie keine Entscheidung ohne dich treffen, das ist
das Problem", versuchte Erik ein unverfängliches Gespräch
in Gang zu bringen.
"Ach du weißt doch wie sie ist...", redete Schmidt drauf
los und erging sich in Klagen über seine - wie er meinte - unfähigen
Assistenzärzte. Dabei entging es ihm, dass Erik neben ihm schwieg
und ihn einfach nur von der Seite musterte.
Als der Fahrstuhl im nächsten Stockwerk – Nikolas Stockwerk - hielt
und sich die Tür öffnete, riss Erik das aus seinen Überlegungen.
Nikola stieg ein und er sah ihr an, dass sie dies nur widerwillig tat,
als sie merkte, zu wem sie in den Fahrstuhl einstieg.
"Schwester Nikola, wie schön sie zu sehen", begrüßte
Schmidt Nikola übertrieben höflich, was Nikola misstrauisch
registrierte. Hatte er Erik womöglich doch schon alles erzählt?
Sie schaute Erik an und versuchte seinen Blick zu deuten. Aber sie wurde
aus ihm nicht schlau. "Hallo Erik", lächelte sie ihn an
und ignorierte Schmidt bewusst.
Als sich der Fahrstuhl in Gang setzte sagte keiner der drei ein Wort.
Kurz bevor die Stille zwischen ihnen unerträglich wurde, drückte
Erik kurzentschlossen den Notschalter, so dass der Fahrstuhl ruckelnd
stehen blieb.
"Erik, was soll denn das?" fragten Nikola und Schmidt wie aus
einem Mund und streckten gleichzeitig ihre Hand zum Notschalter aus. Als
sich ihre Finger dort kurz berührten, zuckten sie beide sofort zurück.
Nach einem Moment versuchte Nikola dann den Schalter wieder umzulegen.
Ohne Erfolg. Sie versuchte es noch einmal, aber nichts passierte.
"Lassen Sie mich mal!" Schmidt rüttelte wie wild an dem
Knopf. Es bewegte sich noch immer nichts.
"Der scheint kaputt zu sein. Ich fürchte jetzt stecken wir erst
mal fest", erklärte er nach mehreren vergeblichen Versuchen.
"Hat der Hausbesitzer vielleicht schon mal was von regelmäßiger
Wartung gehört?", fragte Nikola vorwurfsvoll.
"Sie hätten ja nicht einsteigen müssen!"
"Keine Sorge, kommt so schnell nicht wieder vor!" Genervt ließ
Nikola sich auf dem Boden nieder, während Schmidt sein Handy herauskramte,
die Wartungsfirma anrief und die Lage erklärte. "Was?"
schrie er nach kurzer Zeit ins Telefon. "Soll das etwas heißen...?"
Er beendete den Anruf, schüttelte frustriert den Kopf und drehte
sich um "Die Wartungsfirma meint, das wäre nur ein Wackelkontakt.
Und es geht von alleine irgendwann weiter." Dann setzte er sich widerwillig
neben Nikola auf dem Boden. Erik blieb stehen und betrachte die beiden
aufmerksam.
"Komm Erik", Nikola zog an seinem Ärmel. "Wer weiß
wie lang das noch dauert. Und im Sitzen ist es doch gemütlicher."
Sie sah Schmidt an und fragte provozierend: "Oder wollen Sie noch
mal Tarzan spielen?"
"Nur wenn Sie wieder mit dämlichen Kindergartenspielchen anfangen!"
gab Schmidt giftig zurück. Auf Eriks verständnislosen Blick
hin erklärte er: "Wir haben schon mal zusammen festgesteckt.
Ist aber schon ne Weile her und..."
"Das hab ich Erik schon mal erzählt", unterbrach Nikola
ihn, um zu verhindern, dass Schmidt weitere alte Geschichten zutage fördern
würde. Sie war sich nicht sicher, ob sie sich auf seine Verschwiegenheit
verlassen konnte. "Oder, Erik?" Erik schüttelte den Kopf.
"Dass muss ich dir erzählt haben", beharrte Nikola.
"Nee, haste nicht."
"Na, vielleicht hab ich dieses traumatische Erlebnis auch einfach
nur verdrängt."
"Du hast mir so einiges nicht erzählt", sagte Erik nachdenklich
und lehnte sich an die Wand. "Zum Bespiel, dass du im letzten Jahr
mit Robert geschlafen hast." Auffordernd blickte er von ihr zu ihm.
"Na klasse!" Nikola warf Schmidt einen wütenden Blick zu.
"Wie war das noch mit ‚Keine Sorge. Ich werd‘s ihm nicht erzählen.
Mir ist dieses Nichts nämlich mindestens genauso unangenehm wie Ihnen!‘"
"Glauben Sie mir, es gibt jede Menge Geschichten, die ich Erik weiß
Gott lieber erzählen würde..."
"Mit dem Unterschied, dass Erik an solchen Geschichten überhaupt
nicht interessiert ist. Aber ich hätte mir denken können, dass
Sie sich diese Chance trotz allem nicht entgehen lassen." Wütend
schlug sie auf Schmidt ein.
"Er hat’s mir nicht erzählt", unterbrach Erik Nikolas Wutausbruch.
Sie hielt inne und sah ihn fragend an.
"Sag ich doch!" Schmidt zupfte sich seine verrutschen Krawatte
zurecht und versuchte den größtmöglichen Abstand zwischen
sich und Nikola zu bringen.
"Aber wer dann?" wollte Nikola wissen.
"Es stimmt also?" fragte Erik ungläubig zurück.
Nikola wich seinem Blick aus und auch Schmidt schien sich in seiner Haut
nicht sehr wohl zu fühlen. Das war für Erik Beweis genug. "Tim
hat sich verplappert."
"IHR Freund!", sagte Schmidt mit Blick zu Nikola.
Nikola schwor sich, Tim diesmal endgültig die Freundschaft aufzukündigen.
Erik rutschte langsam an der Wand nach unten. "Ich glaube das einfach
nicht! Nikola!! Du? Mit ihm?"
Hey, was soll das denn heißen?", rief Schmidt beleidigt, aber
Erik redete unbeirrt weiter. "Ich dachte, du hasst ihn?"
Nikola seufzte. "Sagen wir mal, ich war da einfach kurzzeitig nicht
zurechnungsfähig."
"Warst du betrunken?" Erik drehte sich zu Schmidt und fragte
vorwurfsvoll: "Du hast sie betrunken gemacht um sie ins Bett zu kriegen?"
Schmidt setzte nun alles daran seinen Ruf retten. "Sie war nicht
betrunken! Sie war nüchtern und sie war FREIWILLIG mit mir im Bett!"
"Trotz allem war ich nicht zurechnungsfähig", beharrte
Nikola. "Und es war ein Fehler."
"Allerdings!" stimmte Schmidt ihr zu.
Erik war fassungslos. "Ich versteh das einfach nicht."
Beruhigend strich Nikola ihm über den Arm. "Da haben wir was
gemeinsam..." Bevor Schmidt sich einmischen konnte, sagt sie zu ihm:
"Und sagen Sie bloß nicht, Sie hätten es verstanden!"
Erik schüttelte immer noch den Kopf. "Aber irgendwie muss das
doch passiert sein? Also, ihr beide geht doch nicht einfach nur mal so
miteinander ..."
"Das ist ‘ne lange Geschichte", entgegnete Nikola, "die
erzähle ich dir ein anderes Mal."
Schmidt lachte verächtlich. "Na, ich kann mir vorstellen, was
das für eine Geschichte sein wird!"
"Ahja?", fragte Nikola. "Wäre Ihre Version denn anders?"
"Allerdings", behauptete Schmidt.
"Ok, war ne blöde Frage von mir. Wo IHRE Prioritäten in
der Erzählung liegen, kann ich mir denken!" antwortete Nikola
wütend. Sie hatte zwar keine Absicht Erik in Schmidts Gegenwart irgendwas
von dieser Nacht zu erzählen, aber Schmidt ärgern konnte sie
alle mal. "Also Erik, das war eigentlich gar nichts Be..." begann
sie, als Schmidt ihr direkt ins Wort fiel: "Erik, glaube ihr KEIN
Wort."
Nikola versuchte erneut Schmidt einen Schlag zu versetzen, aber Erik ging
rechtzeitig dazwischen. "Hey, Auszeit!" Wie ein Schiedsrichter
versuchte er die beiden zu trennen. "Jeder in seine Ecke!" Zu
seinem Erstaunen folgten sie ihm aufs Wort und die Absurdität der
ganzen Situation belustigte Erik aufs Äußerste. "Irgendwie
seid ihr beide echt bekloppt, wisst ihr das?" Bevor einer der beiden
protestieren konnte, fuhr er fort: "Geht miteinander ins Bett, schlagt
euch dann aber doch wieder die Köpfe ein und siezt euch sogar wieder?
Ihr seid doch echt nicht mehr normal!"
"Es gibt Männer, die haben mein ‚Du‘ nicht verdient!" war
der einzige Kommentar aus Nikolas Ecke.
"Und es gibt Frauen, die haben ganz andere Dinge nicht verdient",
Schmidt schüttelte den Kopf. "Wenn ich mir vorstelle, was wir
in dieser Nacht..."
"Ich glaube kaum, dass hier irgendwer an Ihrer Version dieser Nacht
interessiert ist, Dr. Schmidt", unterbrach Nikola ihn, um zu verhindern,
dass Schmidt nun doch irgendwas aus dieser Nacht ausplauderte. Bevor Schmidt
irgendwas entgegnen konnte, setzte sich der Fahrstuhl wieder in Bewegung.
Erleichtert sprang Nikola auf und stellte sich demonstrativ an die Tür.
Und als der Fahrstuhl wenige Sekunden später im Erdgeschoss ankam,
verschwand sie, ohne sich noch mal umzuschauen.
"Das ist ja echt ein Ding", sagte Erik zu Schmidt, als sie
langsam auf den Weg zu Schmidts Ferrari machten."Was war denn da
in den letzten Jahren sonst noch so zwischen euch? Ich meine außer
diesem Kuss auf dem Ärzteball damals und diesem "Fehler"
jetzt?"
"Was soll sonst noch gewesen sein?" fragte Schmidt pikiert und
blieb stehen. "Da war nichts weiter."
"Ach Robert, komm! Ich kenne dich und ich kenne Nikola. Sie ist doch
nicht so wie der Rest deiner Bettgeschichten!"
"Nikola ist auch nicht anders als andere Frauen", antwortete
Schmidt.
"Anders als die, die bisher in deinem Bett gelandet sind, schon!",
gab Erik zurück.
Schmidt hatte den Eindruck, dass sein bester Freund ihm in den Rücken
fiel. "Erik, dein Bild von dieser Frau ist einfach viel zu positiv.
Warum eigentlich? Immerhin hat sie dich sogar auf dem Standesamt sitzen
lassen."
"Genau das meine ich", erwiderte Erik. "Ich frage mich
nämlich jetzt gerade, ob das was mit dir zu tun hatte?"
Schmidt sah Erik an, dass er diese Frage ernst meinte. Allerdings hatte
er darauf wirklich keine Antwort. Und selbst wenn er sich vorstellen konnte
oder vorstellen wollte, dass Nikola seinetwegen die Hochzeit mit Erik
hatte platzen lassen, konnte er das seinem besten Freund doch auf keinen
Fall sagen.
"Spinnst du?", entgegnete er also empört. "Wir haben
doch gerade tausendmal gesagt, dass es nichts zu bedeuten hat und..."
"Jaja, ich hab’s gehört. Nur irgendwie glaube ich euch das nicht."
"Jaja, weil du uns beide ja so gut kennst", antwortete Schmidt
spöttisch.
Erik hatte auf einmal genug von Schmidts Spielchen. "Weißt
du was, Robert: vergiss es!", rief er genervt, drehte sich um und
ließ ihn stehen.
"Erik, wo willst du denn hin? Ich dachte wir wollten zusammen Essen
gehen und dann ..."
"Ich hab keine Lust mehr!" Erik ging zurück ins Haus, in
der Hoffnung, dass er wenigstens von Nikola eine ehrliche Antwort erhalten
würde. Die Tür schloss sich hinter ihm und ratlos blieb Schmidt
alleine auf der Straße zurück.
Als Nikola eine halbe Stunde später ihre Einkäufe die Treppen
hinaufschleppte, blieb sie perplex stehen, als sie Erik auf den Treppenstufen
vor ihrer Wohnung sitzen sah. Das hatte ihr gerade noch gefehlt.
"Erik, bevor du jetzt irgendwas sagst: Ich will nicht darüber
reden!", begrüßte sie ihn.
Erik stand auf, nickte einmal kurz zustimmend und nahm ihr wortlos die
Tüten ab.
"Ich meine das ernst!", bekräftigte sie, als sie nur einen
Moment später gemeinsam in der Küche die Einkäufe auspackten.
"Ja, klar", antwortete Erik kurz angebunden und räumte
ohne ein weiteres Wort die Lebensmittel in den Kühlschrank.
Nikola seufzte. "Erik..." Sie stellte sich ihm in den Weg.
"Was?"
"Ich hab doch gesagt, dass ich darüber nicht reden will."
"Aber ich sag doch auch gar nichts!"
"Dieses NICHTS sagst du aber ganz schön laut!" Nikola schüttelte
entnervt den Kopf. "Was willst du denn bitteschön von mir hören?"
Das immerhin verstand Erik als Signal, dass sie einem Gespräch gar
nicht so nicht abgeneigt war. "Ich weiß auch nicht..."
begann er zögerlich. "Es ist vielleicht albern, aber irgendwie
hab ich ein Problem damit, wenn DU mit meinem besten Freund ins Bett gehst!"
"Erik, wir sind schon seit über drei Jahren kein Paar mehr und
du heiratest demnächst wieder. Was soll denn das jetzt?" Nikola
flüchtete ins Wohnzimmer, wohin Erik ihr aber direkt folgte. Er nahm
all seinen Mut zusammen. "War Robert der Grund, warum du damals die
Trauung hast platzen lassen?"
Nikola zuckte zusammen. Dies war genau die Frage, von der sie gehofft
hatte, sie Erik nie beantworten zu müssen. Ihr war klar, dass sie
ihm eine ehrliche Antwort schuldig war. Das Problem war nur, dass sie
bis heute selbst nicht so genau wusste, welche Rolle Schmidt dabei für
sie gespielt hatte.
"Nikola? War er’s?" hakte Erik nach.
"Das kann man so nicht sagen", antwortete Nikola zögerlich
und wagte nicht, Erik anzusehen.
"Wie kann man es denn sagen? Hattet ihr damals etwa schon was miteinander?"
"NEIN!" Jetzt drehte Nikola sich doch zu ihm um. "Wir hatten
damals nichts miteinander und danach nicht und jetzt nicht! Und wir werden
auch in Zukunft nichts miteinander haben. Das Ganze war ein einmaliger
Ausrutscher!"
Von diesem Ausbruch war Erik überrascht. Aber ganz allmählich
bekam er eine Ahnung, warum Nikola bei diesem Thema wohl so heftig reagierte.
"Für einen einmaligen Ausrutscher beschäftigt dich das
aber noch ganz schön", bemerkte er. Nikola sah ihn fragend an.
"Na, du solltest dich mal hören", fuhr er fort. "Mit
welcher Energie du versuchst mir und vermutlich auch dir selbst einzureden,
dass das alles nichts bedeutet hat."
Nikola sah ihn einen Moment lang irritiert an. Sie hatte vergessen, dass
Erik sie leider doch sehr gut kannte. "Ach Erik...", seufzte
sie.
"Ist das jetzt ein ‚Ach Erik, du nervst!‘ oder ein ‚Ach Erik, du
hast ja recht‘ ", fragte Erik vorsichtig und Nikola musste trotz
der angespannten Situation lachen. "Beides!" Sie ließ
sich aufs Sofa fallen und signalisierte ihm, dass er sich neben sie setzen
sollte. Erik kam dieser Einladung ohne zu Zögern nach.
"Ich möchte einfach nicht, dass du glaubst, dass ich dich damals
wegen Schmidt nicht geheiratet habe. So war’s nämlich nicht. Wirklich
nicht!" erklärte Nikola mit Nachdruck. "Oder zumindest
war das nicht bewusst so", fügte sie nach kurzer Zeit nachdenklich
hinzu. "Es ist einfach alles so wahnsinnig kompliziert."
"Dann mache ich es vielleicht in einer Hinsicht schon mal einfacher",
erklärte Erik. "Ich habe mich echt lange gefragt, was ich falsch
gemacht hab, so dass du mich nicht mehr heiraten wolltest. Und es würde
mich jetzt doch irgendwie beruhigen, zu wissen, dass das eigentlich gar
nichts mit mir zu tun hatte. Und davon mal abgesehen... ich heirate demnächst
wieder, schon vergessen?" Er lächelte Nikola aufmunternd an
um ihr zu signalisieren, dass er ihr die geplatzte Hochzeit wirklich nicht
mehr übel nahm. Nachdenklich fuhr er fort: "Ich bin nur einfach
extrem überrascht, dass ihr beide... ich hatte nie den Eindruck dass
ihr euch überhaupt mögt, geschweige denn so was!"
"Ich hab doch gesagt, es ist kompliziert. Und es ist eine lange Geschichte."
"Ich hab Zeit", antwortete Erik. "Und Hunger hätte
ich auch", fügte er grinsend hinzu.
Ein improvisiertes, aber dennoch leckeres Abendessen und zwei Flaschen
Rotwein später, hatte Nikola Erik die ganz lange komplizierte Geschichte
von Schmidt und ihr erzählt. Angefangen von dem Kuss auf dem Ärzte-Ball
über die Nacht mit den Hasch-Keksen und dem darauffolgenden Date
im McDiner bis hin zu dem folgenreichen Moment vor Schmidts Wohnungstür.
"Und dann hab ich gekündigt, weil ich dachte, Nonstop Schmidt
zuhause UND in der Klinik halte ich einfach nicht mehr aus. Na ja, und
als wir dann genug Abstand hatten ist es eben einfach so passiert",
endete sie und lehnte sich nachdenklich auf dem Sofa zurück.
"Und?" fragte Erik nach einem Moment.
"Und was?"
Erik antwortete nicht, sondern sah sie nur neugierig an.
"Erik, du fragst jetzt nicht ernsthaft, wie’s war, oder?" Nikola
setzte sich abrupt wieder auf. "Ich hatte gehofft, du denkst da anders
als Schmidt!", fügte sie enttäuscht hinzu.
"Tue ich ja auch", protestierte Erik. "Es ist nur irgendwie...
Du und Robert. Miteinander. Im Bett... Also wenn ich mir das vorstelle..."
"Stell’s Dir lieber nicht vor!", unterbrach Nikola ihn. So gern
sie Erik immer noch hatte, manche Dinge musste und vor allem sollte er
als ihr Ex-Freund besser nicht wissen.
"Ok, aber wie ging’s dann weiter? Ihr seid am nächsten Morgen
zusammen aufgewacht..."
"... und er war nach fünf Minuten wieder der alte selbstverliebte,
unsensible, unerträgliche Dr. Robert Schmidt!", beendete Nikola
den Satz und seufzte. "Das Ganze war einfach ein Riesenfehler. Ich
hab doch gesagt: ich war kurzzeitig nicht zurechnungsfähig."
Für einen Moment schwiegen sie sich an. "Er hat übrigens
wirklich wenig über dich geschimpft im letzten Jahr", sagte
Erik dann, "und er hat auch nicht viel von anderen Frauen erzählt."
"Erik, was willst du mir denn jetzt damit sagen?" Nikola wusste
sehr wohl in welche Richtung Erik dieses Gespräch drehen wollte,
aber sie hatte keine Lust ihm dahin zu folgen. Erik ließ sich davon
jedoch nicht beirren. "Dass dieser ‚einmalige Ausrutscher‘ zumindest
für Robert vielleicht doch mehr bedeutet hat."
"Das glaubst du doch wohl selbst nicht!", entgegnete Nikola
verächtlich.
"Überleg doch mal: wie viele ansatzweise ernsthafte Beziehungen
hat er seitdem gehabt?"
"Ich hab keine Ahnung!" antwortete sie energisch. "Erik,
ich bin froh, wenn ich von Schmidts Harem nichts mitkriege. Mein einmaliges
Gastspiel da oben hat mir gereicht. Er ist als Mann und Mensch auf Dauer
einfach unerträglich."
"Ach komm, so schlimm ist er nun wirklich nicht. Er kann halt nicht
so einfach aus seiner Haut", versuchte Erik seinen Freund zu verteidigen.
"Klasse Entschuldigung! Auf wessen Seite bist du eigentlich?"
"Ich bin auf gar keine Seite. Aber Robert ist immer noch mein bester
Freund", erklärte Erik geduldig. "Ich mag ihn, auch wenn
er manchmal ein ziemlicher Idiot ist. Und du bist meine liebste Ex-Freundin
und dich mag ich auch. Und deswegen kann ich es kaum mit ansehen, wie
ihr es euch so schwer macht!"
"Erik, es gibt da kein IHR!", protestierte Nikola. "Zumindest
nicht so, wie du es jetzt hindrehen willst. Es gib mich und es gibt ihn
und IHN finde ich unmöglich!"
"Aber du weißt doch, dass in ihm eigentlich ein ganz netter
Kerl steckt", erwiderte Erik. "Und mit diesem netten Kerl warst
du in dieser einen Nacht zusammen. Alles andere ist doch bloß Show.
Er ist doch eigentlich gar nicht so, wie er immer tut."
"Mag sein", gab Nikola zu, "aber solange er immer noch
so tut wie er tut, ist es mir mit ihm zu anstrengend. Ich hab keine Lust
mehr, den "ach so netten" Robert zu suchen. Falls es ihn überhaupt
gibt - was ich ehrlich gesagt inzwischen sehr bezweifele - versteckt der
sich nämlich einfach viel zu gut in diesem selbstherrlichen Schmidt."
Erik ließ sich von Nikolas erklärten Desinteresse an den netten
Seiten von Schmidt nicht beeindrucken. "Also wenn irgendjemand den
netten Kerl auf Dauer ans Licht holen kann dann bist du das!", erklärte
er überzeugt.
"Das klingt gerade so, als wolltest du uns verkuppeln", erwiderte
Nikola misstrauisch. Erik schwieg wie auf frischer Tat ertappt. "Vergiss
es!", sagte Nikola dann mit Nachdruck. "Das mit Schmidt und
mir hat nicht funktioniert. Und das wird’s auch nie."
"Aber vielleicht braucht er jemanden wie dich."
"Aber ich brauche jemanden wie ihn nicht!", antwortete Nikola
heftig. Sie stand auf und fing an, die Gläser und Flaschen abzuräumen,
um Erik zu signalisieren, dass sie dieses Gespräch für beendet
ansah.
Erik seufzte und erhob sich ebenfalls. "Was macht denn dein Liebesleben
sonst so?", fragte er, als er sich im Flur seine Jacke anzog.
"Dem geht’s super", beeilte sich Nikola zu erklären, aber
sie sah Erik an, dass er ihr das nicht im Geringsten glaubte. "Lass
mich raten", sagte sie dann, "Tim hat auch das ausgeplaudert."
Erik nickt schuldbewusst. "Was ich damit doch nur sagen will: so
lange du das mit Robert nicht klärst..." Er sprach nicht weiter,
aber Nikola verstand ihn auch so. Schließlich wusste sie selbst
ganz genau, dass ihre widersprüchlichen Gefühle für Schmidt
immer noch jeder anderen ernsthaften Beziehung im Weg standen.
"Ich mein’s doch nur gut", erklärte Erik und umarmte sie
freundschaftlich zum Abschied.
"Ich weiß", antwortete Nikola, "aber es ist leider
nicht so einfach. Und vor allem gehören dazu immer zwei."
"Keine Sorge, mit Robert rede ich auch noch", erklärte
Erik.
"Unterstehe dich!", drohte Nikola, aber Erik lächelte nur
und verabschiedete sich mit einem Kuss auf ihre Wange. "Ciao!",
sagte er leichthin und nahm die Treppe nach unten. "Erik!",
rief sie ihm nach, "wenn du das tust, rede ich nie wieder ein Wort
mit dir!" Ein lautes Lachen war seine einzige Antwort. "Männer!",
schimpfte Nikola nur noch, ging zurück in ihre Wohnung und knallte
wütend die Tür hinter sich zu.
So leicht wie Erik sich das mit Schmidt reden vorgestellt hatte, war es
allerdings nicht. Er fand er Schmidt an diesem Abend weder in einer ihrer
ehemaligen Stammkneipen, noch erreichte er ihn telefonisch, obwohl er
es bis zu seinem Abflug am späten Samstag Nachmittag immer wieder
versuchte. Im Wartebereich am Gate kurz vor dem Abflug hinterließ
er eine letzte Nachricht auf Schmidts Mailbox.
"Hallo Erik", hörte er Schmidt auf einmal sagen. Allerdings
nicht am Telefon, sondern direkt neben sich. Erschrocken fuhr Erik herum.
"Robert! Wo kommst du denn her? Ich meine wie kommst du hier rein...?"
Verwirrt blickte Erik zurück zur Sicherheitsschleuse.
Schmidt lächelte gönnerhaft. "Das war gar kein Problem.
Siehst du die kleine Blonde da vorne?"
Erik verdrehte die Augen. Das war wieder mal typisch Schmidt. "Du
weilst also tatsächlich noch unter den Lebenden. Wie beruhigend",
erwiderte er also bloß.
"Tut mir leid, dass ich mich nicht gemeldet hab", entschuldigte
Schmidt sich nach einer kurzen Pause.
"Ach, halb so wild", antwortete Erik.
"Ich möchte nicht, dass du in dem Glauben abfliegst, dass Nikola
die Hochzeit damals meinetwegen hat platzen lassen", erklärte
Schmidt ohne weitere Vorrede. "Ich würde doch meinem besten
Freund nie ernsthaft die Frau ausspannen." Erik schwieg perplex.
Solche Freundschaftsbekundungen war er von Schmidt nicht gewohnt. Aber
es war in der Tat so. Schmidt hatte noch nie ernsthaft versucht sich in
eine von Eriks Beziehungen zu drängen.
"Das weiß ich doch", versicherte Erik ihm. Allerdings
fragte er sich auch, ob Schmidt ihn jetzt nur aus Freundschaftsgründen
glauben lassen wollte, dass er bei Nikolas Entscheidung keine Rolle gespielt
hatte. Oder ob Schmidt selbst gar nicht wusste, dass genau das sehr wohl
der Fall gewesen war. Erik hatte auf jeden Fall nicht vor, Schmidt dies
zu verraten und ihm somit irgendeine Art von Genugtuung zu verschaffen.
"Warum hat das mit Olivia denn nun eigentlich nicht geklappt?"
fragte er stattdessen. "Ich meine, wenn das mit Nikola damals nur
der eine Kuss war, hättest du Olivia das doch sicher irgendwie erklären
können. Ich hätte Nikola schließlich auch geheiratet,
obwohl sie dich früher mal auf dem Ärzteball geküsst hat."
"Olivia ist aber anders...", versuchte Schmidt zu erklären.
"Anders als wer?"
"Anders als du. Anders als Nikola. Sie ist mehr so wie ich."
Oh Gott, dachte Erik im Stillen. Dann war es gut, dass es nicht geklappt
hat. Zwei von der Sorte sind ja nicht auszuhalten.
"Und warum hat das mit Nikola nicht geklappt?" fragte Erik dann
weiter. "Deiner Meinung nach?"
"Meiner Meinung nach? Was ist denn ihre Meinung?" fragte Schmidt
neugierig.
Erik schüttelte abwehrend den Kopf. "Ich hab DICH gefragt."
"Ich hab keine Ahnung", antwortete Schmidt nachdenklich. "Sie
versteht mich einfach nicht. Und ich verstehe sie nicht!"
Erik fing so langsam an Nikola ehrlich zu bedauern. Sein bester Freund
war anscheinend wirklich ein hoffnungsloser Fall.
"Wir haben uns an dem Morgen irgendwie direkt wieder gestritten",
fuhr Schmidt fort, "und ich weiß bis heute nicht genau, warum..."
Ich schon, dachte Erik, aber er sprach es nicht aus. Das müssten
die beiden wirklich selbst miteinander klären. "Na, dann solltest
du vielleicht einfach noch mal in Ruhe mit ihr reden", gab er Schmidt
den Tipp.
"Dazu gibt es aber nie die richtige Gelegenheit", jammerte Schmidt,
bockig wie ein kleines Kind und so langsam verlor Erik die Geduld.
"Mein Gott, du bist doch sonst so einfallsreich. Halte sie in der
Abstellkammer fest, oder im Wäsche-Keller oder meinetwegen in deinem
defekten Fahrstuhl."
"Und dann? Sie zerreißt mich doch sofort wieder in der Luft
oder..." Schmidt stockte kurz, bevor er leise hinzufügte: "...oder
sie lacht mich aus."
"Und das Risiko kannst du natürlich nicht eingehen."
"Genau", antwortete Schmidt überzeugt. Die Ironie in Eriks
Bemerkung war ihm wieder einmal entgangen.
"Robert, weißt du, manchmal bist du ECHT anstrengend."
Erik schüttelte entnervt den Kopf und erhob sich. Sein Flug war gerade
zum letzten Mal aufgerufen worden.
"Aber wieso denn...?", fragte Schmidt verwundert.
"Das erkläre ich dir, wenn du mich in sechs Wochen in München
besuchst. Du kommst doch zu meiner Hochzeit, oder?"
"Wenn ich darf..." Schmidt erinnerte sich noch gut an das Chaos,
das er bei Eriks letzter Hochzeit angerichtet hatte. Und er war sich sicher,
dass Erik das auch nicht vergessen hatte.
"Unter der Bedingung, dass du dich aus allen Vorbereitungen raushältst",
grinste Erik. "Mach’s gut." Er umarmte Schmidt zum Abschied
und ging Richtung Gangway.
"Erik?", rief Schmidt ihm nach. Verwundert drehte Erik sich
noch einmal um. "Herzlichen Glückwunsch zur Verlobung."
"Danke", antwortete Erik überrascht, winkte ihm noch einmal
kurz zu und verschwand.
Als Schmidt kurze Zeit später nach Hause zurückkehrte und gerade
in den Fahrstuhl eingestiegen war, hörte er hinter sich ein atemloses
"Halt, ich will auch noch mit." Also hielt er die Tür auf,
was er jedoch im nächsten Moment direkt bereute.
"Schwester Nikola."
"Dr. Schmidt."
Nikola bereute ihre Entscheidung nicht die Treppe zu nehmen ebenfalls,
aber sie wollte sich nun auch keine Blöße mehr geben und betrat
mit hocherhobenen Kopf den Fahrstuhl. Als sie schweigend neben Schmidt
stand, kamen ihr Eriks Wort in den Sinn. "Solange du das mit Robert
nicht klärst..." Er hatte ja wirklich Recht. Seit sie damals
ihren Job bei Schmidt gekündigt hatte, um mehr Abstand zu haben,
war sie in dieser Hinsicht nicht wirklich voran gekommen. Ganz im Gegenteil.
"Ist der Notschalter eigentlich inzwischen repariert?", fragte
sie in die fast unerträgliche Stille, nachdem sich der Fahrstuhl
in Bewegung gesetzt hatte.
"Der Techniker kommt am Montag, ok?" antwortete Schmidt von
oben herab.
Jetzt oder nie, dachte Nikola. Sie atmete noch einmal tief durch und bracht
den Fahrstuhl dann abrupt zum stehen.
"Sind Sie noch zu retten?! Was habe ich denn gerade eben gesagt?"
fuhr Schmidt sie an.
"Das wir jetzt ein paar Minuten Zeit haben uns ungestört zu
unterhalten", erwiderte Nikola ruhig und lehnte sich an die Wand.
Schmidt seufzte genervt. "Hat Erik Ihnen etwa auch den Tipp mit dem
Fahrstuhl gegeben?"
"Auf so was komme ich alleine", antwortete Nikola pikiert. "Aber
Moment mal: wieso überhaupt ‚auch‘ ?"
"Ach, vergessen Sie’s", versuchte Schmidt abzulenken. Im Gegensatz
zu Nikola hatte er im Moment kein Bedürfnis nach einer Aussprache.
Oder besser gesagt, hatte er viel zu viel Angst vor einer solchen Aussprache.
"Oh Nein!" So leicht wollte Nikola sich jedoch nicht abspeisen
lassen. "Wenn Erik Ihnen diesen Tipp gegeben hat, heißt das
ja, dass Sie irgendwas mit mir besprechen wollten."
"Falsch!", triumphierte Schmidt, "das heißt nur,
dass Erik diese wahnwitzige Idee hatte, dass wir beide was zu besprechen
hätten."
"Und das haben wir Ihrer Meinung nach nicht?"
"SIE haben doch den Fahrstuhl angehalten. Also bitte... schießen
Sie los." Schmidt sah demonstrativ gelangweilt auf seine Uhr.
Nikola musterte ihn aufmerksam an. "Warum sind Sie so?"
"Warum bin ich WIE?" fragte Schmidt ehrlich überrascht
angesichts dieser allgemeingütigen Anklage.
"So arrogant! So selbstverliebt! So rücksichtslos! So egoistisch!
So... furchtbar unerträglich!" Nikola fielen auf die Schnelle
keine weiteren Vorwürfe mehr ein.
"Komisch", erwiderte Schmidt betont gelassen, "so war ich
schon immer und das hat Sie bisher doch auch nicht groß gestört.
Das hat Sie noch nicht mal davon abgehalten, mit mir ins Bett zu gehen.
So furchtbar unerträglich können Sie mich dann ja wohl nicht
finden."
Diese Antwort brachte Nikola direkt auf 180. "Falsch! Das alles war
der Grund, warum ich Ihr Bett nach dieser einen Nacht so schnell wieder
verlassen habe. Und ich finde Sie sehr wohl furchtbar. UND unerträglich!"
"Schön, dann hätten wir das ja geklärt. Ist sonst
noch was?" Schmidt gab sich noch immer überlegen, auch wenn
er sich überhaupt nicht so fühlte.
Nikola atmete tief durch und da sie glaubte nichts mehr zu verlieren zu
haben, unternahm sie einen letzten Versuch. "Warum boykottieren Sie
jeden meiner Versuche Ihnen entgegenzukommen? So wie jetzt hier gerade.
Ich versuche, auf Sie zuzugehen und Sie..."
"...und ich jage die Brücke in Luft. Jaja, ich weiß",
beendete Schmidt den Satz höhnisch.. "Ersparen Sie mir doch
diese alte Leier."
"Keine Sorge!", gab Nikola wütend zurück, "Sie
haben die Brücke gerade endgültig zum Einsturz gebracht. Diese
Aussprache war wirklich eine Schnaps-Idee!"
Frustriert schüttelt sie den Kopf und stellte sich mit dem Rücken
zu Schmidt an die Tür. Die paar Minuten bis der Fahrstuhl sich wieder
in Gang setzte, konnte Schmidt ihretwegen warten bis er schwarz würde.
Als er Nikola so sichtbar verletzt, aber dennoch um Haltung bemüht
an der Tür stehen sah, gingen auch Schmidt Eriks Worte durch den
Kopf. Vielleicht war dies hier wirklich die einzige Gelegenheit für
ihn, irgendetwas mit Nikola zu klären. Und vielleicht musste er das
Risiko nun doch einfach eingehen. Nach einer kurzen Pause sagte er also
leise: "Du hast mir keine Chance gegeben."
Nikola glaubte sich verhört zu haben. "Wie bitte?" fragte
sie ungläubig. Es war weniger das plötzliche "Du"
als viel mehr das Bedauern in seiner Stimme, dass sie nicht einordnen
konnte. Sie drehte sich wieder zu ihm um.
"Du hast mir an diesem Morgen keine Chance gegeben, irgendwas wieder
gut zu machen. Du bist einfach abgehauen." Schmidt sagte dies weniger
als Vorwurf, sondern mehr als eine sachliche, aber dennoch bedauerliche
Feststellung.
"Robert, du kannst in 100 Jahren nicht wieder gut machen, was du
im Umgang mit mir schon alles falsch gemacht hast," antwortete sie
und war selbst überrascht, wie leicht ihr das "Du" nun
doch wieder über die Lippen ging.
"Was denn zum Bespiel?", hakte er nach und zum ersten Mal an
diesem Abend klang seine Stimme nicht überheblich, sondern ehrlich
interessiert. Einfühlsam. Genauso wie Nikola ihn in dieser einen
Nacht kennen gelernt hatte. Dieser plötzliche Stimmungs - Umschwung
brachte Nikola durcheinander. Hatte sie ihm wirklich keine Chance gegeben?
Aber: hatte er überhaupt eine Chance verdient? Ganz ruhig bleiben,
dachte sie sich. Jetzt nur nicht wieder schwach werden.
"Du hast dich über meinen Job in der Uni-Klinik lustig gemacht",
begann sie nach kurzer Überlegung. "Du hast meinen Wunsch nach
beruflichem Abstand nicht respektiert. Du respektierst niemanden außer
dir selbst. Du nimmst überhaupt keine Rücksicht auf die Gefühle
anderer." Sie redete sich in Rage. "Du glaubst, es muss immer
alles so laufen, wie es dir gerade in den Kram passt! Sogar jetzt wieder!
Du wolltest nicht über uns reden, als ich es versucht hab. Ok, damit
kann ich leben. Und nur weil du jetzt reden willst, tun wir’s, oder was?
Vergiss es!"
Wütend drehte sie sich zur Tür.
"Du machst es mir aber echt nicht leicht." Inzwischen klang
Schmidt Stimme doch ein bisschen vorwurfsvoll.
Nikola fuhr herum. "Ich DIR?"
"Ok, wir uns beide nicht", sagte Schmidt, für seine Verhältnisse
schon sehr kompromissbereit. Nikola schüttelte fassungslos den Kopf
und kehrte ihm wieder den Rücken zu.
"Ich mach es DIR nicht leicht?", wagte Schmidt einen letzten
zaghaften Versuch und er bildete sich ein, Nikola immerhin ansatzweise
nicken zu sehen.
Nach einer kurzen Pause drehte Nikola sich wieder zu ihm um und sah ihn
nachdenklich an. Die letzten Minuten hatten ihr wieder mal klar vor Augen
geführt, dass der Graben zwischen ihnen beiden anscheinend unüberbrückbar
war. Warum erkannte er das nicht ebenso und ließ es einfach darauf
beruhen?
"Was genau willst du eigentlich von mir?", fragte sie resigniert.
"Ich will dich verstehen, aber ich tu’s nicht", antwortete Schmidt
engagiert.
"Das ist ja mal ‘ne ganz neue Erkenntnis!", spottete sie.
"Nikola, ich meine das ernst. Du bist so anders als alle Frauen,
mit denen ich bisher..."
"Erspar‘s mir noch mal in die Galerie deiner Bettgeschichten eingereiht
zu werden", unterbrach sie ihn. "Und wenn du es genau wissen
willst, war das an dem Morgen übrigens dein größter Fehler.
Dass du mich nach dieser Nacht..." Sie hielt noch rechtzeitig inne,
weil sie nicht auch noch offenbaren wollte, was ihr diese Nacht wirklich
bedeutet hatte.
"Die Nacht war für dich also doch was Besonderes?", fragte
Schmidt erstaunt und er sah Nikola an, dass er sie mit dieser Frage überrascht
hatte. Und er sah ihr auch an, dass sie kurz davor war, zu explodieren,
also beeilte er sich klarzustellen: "Ich meine jetzt gar nicht mal
den Sex. Ich meine alles andere. War das für dich nicht doch auch
was Besonderes?"
Im ersten Augenblick war Nikola irritiert. Meinte er das wirklich ernst?
Und vor allem... was meinte er mit "auch"? Sollte Erik etwa
recht gehabt haben damit, dass diese eine Nacht für Schmidt doch
etwas verändert hatte? Sie lehnte sich zurück und überlegte
einen Moment lang, was sie ihm antworten sollte. So ehrlich erwartungsvoll,
wie er sie ansah, entschied sie sich, es mit der Wahrheit zu riskieren.
"Doch, das war es", sagte sie leise und ihr fiel ein Stein vom
Herzen, als er nicht triumphierte, sondern nur ebenso erleichtert schien
wie sie. "Die ganze Nacht war was Besonderes", fuhr sie fort.
"Du warst was Besonderes. Und sogar der Sex war was Besonderes."
Bei der Erinnerung daran mussten sie beide verlegen lächeln. "Aber
das hast du alles am nächsten Morgen zerstört, weil du dann
wieder so warst, wie du immer bist." Schmidt wollte sich verteidigen,
aber sie ließ ihn gar nicht erst zu Wort kommen. "Diese Nacht
war so eine besondere, weil wir beide völlig gegen unsere Gewohnheit
gehandelt haben. Und genau deswegen sollten wir es auch dabei belassen,
ok?"
"Soll das heißen: keine zweite Chance?", fragte er verblüfft.
"Das mit uns funktioniert nicht, Robert. Nicht so lange du so bist,
wie du bist."
"Aber..." begann er zögernd. "... aber was wäre
denn, wenn ich mich ändere? Du musst zugeben, in den letzten Jahren
hab ich mich geändert. Vielleicht nicht viel, aber doch schon ein
bisschen, oder?" Nikola sagte kein Wort und das immerhin verstand
Schmidt als ein gutes Zeichen. "Vielleicht ist das dein Einfluss?",
fuhr er eifrig fort. "Vielleicht brauche ich dich einfach, um..."
"Robert, hör auf!", unterbrach Nikola ihn sanft, aber bestimmt.
"Genau so funktioniert es aber nicht. Wenn du dich ändern willst,
dann tu das. Aber tu das von dir aus. Es ist nämlich nicht meine
Aufgabe, dich zu dem Menschen zu machen, der du vielleicht sein möchtest!
Es ist mir auch zu anstrengend. DU bist mir zu anstrengend!"
Schmidt zuckte zurück und so geschockt, wie er sie ansah, hatte Nikola
das Gefühl, als hätte auch sie gerade eine Bombe auf ihre Brücke
abgeworfen. Aber sie konnte ihre Worte nun nicht mehr zurücknehmen.
Sie war sich auch nicht sicher, ob sie sie zurücknehmen wollte, auch
wenn ihr klar wurde, dass sie Schmidt gerade verletzt hatte. Denn auf
einmal fragte sie sich beunruhigt, was wohl eigentlich passieren würde,
falls Schmidt es wirklich ernst meinte. Falls er sich wirklich änderte?
Falls der nette Kerl die Oberhand gewinnen würde? Eigentlich sollte
sie sich über diese Aussicht doch freuen. Aber war es wirklich das,
was sie wollte? Oder war es nicht eben genau diese Dr. Jekyll und Mr.
Hyde Mischung, die sie in den letzten Jahren so in den Bann gezogen hatte?
Und falls das der Fall war, was genau, sagte das dann eigentlich über
sie selbst aus?
"Verstehe", hörte sie Schmidt nach einer kurzen Pause sagen.
Sie sah zu ihm auf und ihre Verwirrung wuchs, als sie merkte, dass sie
trotz allem darauf hoffte, dass der Graben zwischen ihnen doch zu überbrücken
sei. Dass er sie davon überzeugen könnte, dass die Brücke
zwischen ihnen noch nicht vollständig zerstört war. Dass er
zumindest den Versuch unternahm sie davon zu überzeugen, dass es
all die Anstrengung wert sei. Dass ER all die Anstrengung wert sei.
Schmidt spürte sehr genau, das Nikola auf eine Reaktion - welcher
Art auch immer – von ihm wartete. Aber nach ihre klaren Abfuhr war er
zu keiner Gefühlsregung mehr in der Lage. Er bereute es zutiefst
diese gemeinsame Nacht überhaupt angesprochen zu haben und er war
fest entschlossen, Nikola gegenüber nie wieder irgendwelche seiner
Gefühle zu offenbaren. Seine Miene wurde undurchdringlich. Kühl,
fast schon abweisend. Nach einer weiteren wie ewig andauernden Sekunde,
fragte er von oben herab: "Und wie geht’s jetzt weiter?"
"Keine Ahnung!", antwortete Nikola schnippisch und bemühte
sich, ihre Enttäuschung darüber zu verbergen, dass er ihr und
ihnen beiden offensichtlich keine Chance mehr geben wollte. Sie versuchte
seinem Blick auszuweichen, als sich im gleichen Augenblick der Fahrstuhl
in Bewegung setzte und sie kurz den Halt verlor. Schmidt fing sie auf
und hielt sie fest. Länger, viel länger als es eigentlich nötig
gewesen wäre. Viel länger als er es selbst eigentlich wollte.
Nikola hatte schon fast vergessen, wie gut sich seine Umarmung anfühlte.
Fast automatisch schlang sie ihre Arme um ihn und ließ ihren Kopf
auf seine Brust sinken. In genau diesem Moment hatte Schmidt seinen gerade
erst getroffenen Entschluss schon wieder vergessen und zog sie näher
zu sich heran.
"Ich hab wirklich keine Ahnung", murmelte Nikola und seufzte.
Sie hatte auch schon fast wieder vergessen, wie gut er roch. Als sie seine
Lippen auf ihrem Haar spürte, erinnerte sie sich jedoch sofort wieder
daran, wie wahnsinnig gut er küssen konnte. Ohne noch weiter nachzudenken,
hob sie den Kopf und als sich ihre Lippen berührten und er ihren
Kuss erwiderte, war alles, was vorher noch gesagt worden war, für
den Moment vergessen.
Erst als der Fahrstuhl mit einem Ruck stehen blieb, fanden sie beide
in die Wirklichkeit zurück, die sie kurzzeitig verlassen zu haben
schienen. Sie sahen sich an und sagten kein Wort, so als wollte keiner
der beiden diesen magischen Moment zerstören. Das Quietschen der
sich öffnenden Fahrstuhltür brachte sie jedoch endgültig
zur Besinnung. Erschrocken ließen sie sich los und gingen ein paar
Schritte auseinander.
"Nikola, zu dir wollte ich gerade", fiel Tim in den Fahrstuhl
ein. "Wie gut, dass ich dich hier schon treffe!" Ohne zu Zögern
drängte er sich zwischen die beiden. "Hallo Dr. Schmidt",
sagte er über die Schulter. Schmidt nickt nur wortlos.
Nikola zwang sich zu einem freundschaftlichen Lächeln. "Hallo
Tim. Was gibt’s denn so Dringendes?", fragte sie, als sich der Fahrstuhl
wieder in Bewegung setzte.
"Pass auf, es geht um Folgendes: Ich hab doch gestern Abend diesen
Typen kennen gelernt..." plapperte Tim los, aber Nikola hörte
ihm nicht zu, sondern suchte den Blickkontakt zu Schmidt, in der Hoffnung
auf irgendein Signal, das ihr erklärte, was nun gerade eigentlich
passiert war. Schmidt jedoch wich ihrem Blick aus. Vielen Dank Tim, dachte
Nikola traurig. Aber andererseits... wahrscheinlich war es wirklich besser
so.
Als der Fahrstuhl ihre Etage erreichte, wand sie Tim ihre volle Konzentration
zu. "...und dann hat er doch tatsächlich gesagt...", hörte
sie ihn aufgeregt erzählen.
"Auf Wiedersehen... Nikola", unterbrach Schmidt Tims Geplapper,
als Nikola die Tür öffnete und den Fahrstuhl verließ.
"Auf Wiedersehen...", antwortete Nikola leise und wusste selbst
nicht, ob sie in Gedanken nun Dr. Schmidt oder Robert hinzufügen
sollte. Tim ließ ihr allerdings keine Sekunde Zeit darüber
weiter nachzudenken, sondern zog sie in Richtung Wohnungstür. Sie
spürte Schmidts Blick in ihrem Rücken, aber als sie sich an
der Tür noch mal zu ihm umdrehte, hatte sich der Fahrstuhl schon
wieder in Bewegung gesetzt und er war verschwunden.
© Januar 2004, S. Dippel
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