"Jetzt!" flüsterte Nikola Schmidt zu, als sie sah, dass
Erik und Borstel am Ende des Flures auftauchte. Wie verabredet brach
Schmidt einen Streit vom Zaun und Nikola mußte sich nicht sonderlich
anstrengen ihm ein Widerwort nach dem nächsten zu geben.
Dr. Borstel und Erik waren nun fast bei ihnen angelangt und bei all
den Andeutungen und Gerüchten, die ihr in den letzten Tagen zugetragen
worden waren, musste es sie natürlich beunruhigen, dass Schmidt
und Nikola wieder einmal leidenschaftlich miteinander stritten.
"Robert?" fragte sie in ihrer immer etwas unterwürfigen
Art. "Gibt's Probleme?"
Sie schaute unsicher zwischen Schmidt, Nikola und Erik hin und her.
Schmidt warf ihr nur einen abschätzigen Blick zu und und so leid
sie Nikola fast auch tat, war dies für sie doch das Signal die
nächste Phase der geplanten Inszenierung zu beginnen.
"Wir beide?!?" Nikola schaute Schmidt herausfordernd an und
dieser nickte energisch mit dem Kopf. Ohne Borstel eines weiteren Blickes
zu würdigen, öffnete er die Tür zur Abstellkammer, ließ
Nikola eintreten, folgte ihr und schloss die Tür von innen.
Borstel schaute Erik hilflos an und war den Tränen nahe. Auch Erik
bekam langsam ein schlechtes Gewissen während der ganze Inszenierung,
aber jetzt gab es kein Zurück mehr. Und schließlich hatte
er Robert versprochen ihm aus dieser Nummer herauszuhelfen und so mußte
er die ihm zugedachte Rolle wohl oder übel weiterspielen.
In der Abstellkammer wussten Schmidt und Nikola beiden
nicht so recht, wie sie die nächste Szene - der Kuss, bei dem sie
von Erik und Borstel erwischt werden sollten - am geschicktesten angehen
könnten.
Schmidt ging zwischen den Regalen auf und ab und Nikola, die dies alles
schnellstens hinter sich bringen wollte, gab sich schließlich
einen Ruck. "Also, können wir?"
Schmidt machte jedoch keine Anstalten sich Nikola zu nähern.
"Dr. Schmidt!" Keine Reaktion.
Langsam wurde Nikola ungeduldig. "Dr. Schmidt! Erik und Dr. Borstel
werden jeden Moment hier reinplatzen - ich bin dafür, dass wir
das jetzt schleunigst hinter uns bringen."
Schmidt nickte zwar zustimmend, aber er schien immer noch unwillig die
Initative zu ergreifen.
Warum mache ich das eigentlich, fragte sich Nikola im Stillen. Aber
über die richtige Antwort auf diese Frage wollte sie in diesem
Moment nicht wirklich nachdenken. Sie trat einen Schritt näher
an Schmidt heran und sah aufmunternd zu ihm auf, so als wolle sie sagen
"Wir schaffen das schon".
Dies schien zu helfen, denn Schmidt schenkte ihr immerhin ein zaghaftes
Lächeln, legte die Arme um sie und beugte sich langsam zu ihr herab.
Schon besser, dachte Nikola. Sie spürte, dass ihr Herz auf einmal
sehr viel schneller schlug, schloß die Augen und wartete. Im nächsten
Moment spürte sie, wie Schmidt sich unsanft aus ihrer Umarmung
löste und sich wieder von ihr entfernte. Leicht verwirrt schlug
sie die Augen auf und sah Schmidt an, der sich inzwischen mit hilflosen
Gesichtsausdruck an die Wand lehnte.
Nikolas Herz schlug immer schneller ... diesmal allerdings nicht vor
Aufregung, sondern vor Wut.
"Was soll denn das jetzt?!?!" Sie wusste nicht, was Schmidt
im Schilde führte, aber sie verspürte nicht die geringste
Lust sich auf irgendeines seiner Spielchen einzulassen.
"Ich kann das nicht!"
"Wie bitte?"
"Ich kann Sie nicht küssen, Schwester Nikola!"
Ungläubig starrte Nikola ihn an. Das war doch der Gipfel. Sie hatte
sich wider besseren Wissens und vor allem wider ihre Gefühle -
zumindest war sie sich diesbezüglich bis gerade eben noch sicher
gewesen - dazu bereit erklärt, diese Spielchen mitzuspielen, um
ihn aus diesem vertrackten Ehe-Versprechen zu retten und jetzt das:
Schmidt machte einen Rückzieher.
"Und warum können Sie mich nicht küssen?"
"Weil... es wäre einfach nicht richtig!" Schmidt schüttelte
den Kopf.
"Das meiste von dem was Sie in den letzten Tagen gemacht haben,
war auch nicht richtig", erwiderte Nikola bissig.
Schmidt ignorierte diesen Vorwurf und ging Richtung Tür.
"Moment! Dr. Schmidt, was haben Sie denn jetzt vor?"
"Ich werde Dr. Borstel jetzt erklären, dass das alles ein
Fehler war und dass ich sie nicht heiraten kann." Und nach einigem
Zögern setzte er hinzu. "Und dann werde ich mich bei ihr entschuldigen."
Nikola glaubte ihren Ohren nicht zu trauen. "Sie wollen jetzt also
tatsächlich da rausgehen und ihr sagen, dass Sie sie nur benutzt
haben um ... "
Sie sprach nicht weiter, weil sie gar nicht genau wusste, wie sie Schmidt
gegenüber erklären sollte, wofür er Borstel ihrer Meinung
nach nur benutzt hatte.
Schmidt schien zu zögern. Er hatte keine Vorstellung
davon, was er Dr. Borstel nun eigentlich wie erklären könnte
oder sollte, aber er wusste auch, dass er Nikola hier und jetzt und
unter diesen Umständen auf keinen Fall küssen konnte.
"Ich kann nun mal nicht einfach so ohne weiteres irgendeine Frau
küssen kann, mit der ich sonst nichts ... also..." Er fing
an zu stottern.
"Das hält Sie doch sonst auch nicht davon ab!"
"Ja aber bei IHNEN schon!"
"Was ist denn an MIR bitte schön anders?" Almählich
verlor Nikola die Geduld. Erik und Borstel würden jeden Moment
hier sein und wenn sie und Schmidt sich dann nicht in den Armen liegen
würden, war der ganze Plan umsonst gewesen.
"Ich kann Sie jedenfalls jetzt nicht küssen!" wiederholte
Schmidt energisch.
"Und warum nicht?!" Nikola verstand die Welt nicht mehr. Irritiert
bemerkte sie, dass sie Schmidts Weigerung sie zu küssen fast schon
persönlich nahm. Aber das war doch Quatsch, oder? Schließlich
hatte sie sich nur überhaupt nur sehr widerwillig auf die ganze
Idee eingelassen.
Schmidt stand noch immer an der Tür, machte allerdings
keine Anstalten die Abstellkammer zu verlassen. Bei dem Gedanken, dass
Schmidt Borstel gegenübertreten und die Verlobung zurücknehmen
müsste, regte sich Nikolas schlechtes Gewissen. Erik hatte ja Recht,
sie war an der ganzen Sache nicht ganz unschuldig.
"Dr. Schmidt... Ich hätte wirklich ein ganz schlechtes Gewissen,
wenn Sie jetzt alle Schuld für diese vertrackte Situation auf sich
nehmen würden. Schließlich bin ich ja auch nicht ganz unschuldig
daran, dass Sie und Borstel ... also ..." Sie war inzwischen zu
ihm an die Tür getreten und legte ihm entschuldigend die Hand auf
den Arm. "Und wenn Sie jetzt da rausgehen und mit Borstel..."
"Es geht doch gar nicht mehr um Borstel, Nikola!" unterbrach
Schmidt sie.
"Um wen denn sonst?"
Schmidt antwortete nicht.
"Dr. Schmidt?!"
"Es geht um Sie."
Nikola sah ihn verständnislos an. "Um mich? Ich weiß
ja, dass ich einen Fehler gemacht habe, aber genau deswegen bin ich
doch auch..."
Mit einer Handbewegung brachte Schmidt sie zum Schweigen und versuchte
eine Erklärung. "Ich meine, es geht um Sie und ... um mich
und..." Nikola verstand offensichtlich noch immer nicht. "
... um uns!" Hilflos schaute er zur Decke, als ob er auf irgendeine
Eingebung wartete, die ihn aus dieser ganzen Situation retten könnte.
Nikola hatte sich inzwischen verwirrt von ihm abgewandt und nun war
sie es die fassungslos in der Abstellkammer zwischen den Regalen auf
und ab ging.
Schmidt konnte sich später nicht mehr erklären, was ihn in
diesem Augenblick dazu veranlasst hatte, aber er nahm all seinen Mut
zusammen und stellte sich ihr in den Weg. "Nikola..."
Sie versuchte an ihm vorbei zu kommen, aber er hielt sie einen Moment
lang an den Schultern fest.
"Nikola, wenn ich Sie irgendwann tatsächlich noch einmal küssen
sollte ..."
Nikola hob schnell den Kopf und sah ihn durchdringend an, aber bevor
sie protestieren konnte, fuhr er mit seiner Erklärung fort.
".... dann sollte das nicht wegen Borstel passieren oder weil Sie
mir einen Gefallen tun wollen oder wegen irgend jemand oder irgend etwas
anderem, sondern... "
"Sondern?" Nikola sah ihn erwartungsvoll an.
Schmidt bemerkte, dass in ihrem Blick weder Spott noch Ärger oder
sonst etwas anders ablehnendes lag, was ihn davon abhalten könnte,
seine Erklärung zu vollenden.
"Wegen uns."
"Wegen uns?", wiederholte Nikola leise. Ihr Herz schlug ihr
wieder bis zum Hals.
"Nur wegen uns", flüsterte Schmidt kaum hörbar.
Nikola wich seinem Blick aus, denn sie wusste genau, dass sie sich hier
in sehr gefährliches Fahrwasser begeben hatte und sie hatte keine
Ahnung, wie sie dies wieder verlassen konnte. Und sie hatte auch keine
Ahnung, ob sie es überhaupt verlassen wollte. Sie spürte wie
Schmidt vorsichtig ihre Hand ergriff und nur für den Bruchteil
einer Sekunde dachte sie noch dran, sie ihm zu entziehen. Aber dann
sah sie zu ihm auf und ihr war klar, dass alles was jetzt vielleicht
noch passieren sollte, wohl einfach passieren musste. Und vor allem,
dass sie in diesem Augenblick nichts sehnlicher wünschte, als dass
es auch passiert.
In dem Moment als sich ihre Lippen berührten,
ging mit einem lauten Knall die Tür auf. Schmidt und Nikola fuhren
erschrocken auseinander und sahen Erik und Dr. Borstel in der Tür
stehen.
"Nikola? Robert? Was macht ihr denn hier?"
"Erik, das ist jetzt nicht so wie's aussieht..." versuchten
Nikola und Schmidt gleichzeitig entschuldigend zu erklären. Dass
sie bei einem gespielten Kuss erwischt werden sollten, schienen sie
ganz und gar vergessen zu haben.
"Robert, wie kannst Du mir das antun!" Dr. Borstels Stimme
überschlug sich fast vor Verzweiflung, als sie die Abstellkammer
betrat.
Schmidt und Nikola sahen Borstel irritiert an, aber erst als Erik hinter
Borstels Rücken ein Grinsen nicht verkneifen konnte und mit "Daumen
hoch" seine Anerkennung für diese Vorstellung signalisierte,
erinnerten sich beide an den ursprünglichen Plan.
Bevor Schmidt jedoch zu einer Erklärung ansetzen konnte, zog Dr.
Borstel ihren Verlobungsring vom Finger und warf ihn Schmidt theatralisch
vor die Füße.
"Ich kann Dich nicht heiraten!" schluchzte sie und verließ
unter Tränen die Abstellkammer.
Schweigend sahen Nikola und Schmidt ihr hinterher. Beide fühlten
sich nicht sehr wohl in ihrer Haut.
Erik hingegen strahlte."Na das lief doch wie nach Plan, oder?"
Erwartungsvoll blickte er von einem zum anderen. Nikola und Schmidt
wußten nicht, was sie dazu noch sagen sollten, aber Erik schien
ihre Sprachlosigkeit nicht zu bemerken.
"Ich hoffe, es war nicht allzu schlimm für dich, mein Schatz",
grinste Erik, als er den Arm um Nikola legte. "Du verstehst mich
ja nicht falsch, Robert, ne?" Er boxte Schmidt freundschaftlich
gegen die Schulter. "Aber du musst schon zugeben, dass Nikola da
ein ziemliches Opfer gebracht hat."
Schmidt versucht ein freundschaftliches Lächeln, aber es gelang
ihm kaum.
Auch Nikola fiel es schwer Erik gegenüber unbekümmert aufzutreten,
aber sie tat ihr Bestes. "Ich hab's ja überlebt, Erik!"
Sie lächelte zaghaft und vermied es in Schmidts Richtung zu schauen.
"Das ist auch besser so", erwiderte Erik lächelnd, zog
sie zu sich heran und gab ihr einen Kuss. Nikola erwiderte seinen Kuss
jedoch nur widerwillig, denn aus ihren Augenwinkeln sah sie Schmidt,
der die beiden aufmerksam beobachtete. Sie löste sich aus Eriks
Umarmung.
"Meinst du nicht, du solltest vielleicht mal nach Dr. Borstel schauen?"
schlug sie ihm vor. "Immerhin sind wir alle drei nicht ganz unschuldig
dran, dass sie jetzt so mit den Nerven am Ende ist. Und Robert, äh,
ich meine Dr. Schmidt und mich möchte sie jetzt sicher nicht sehen!"
Das leuchtete selbst Erik ein. "Ok, also bis später!"
Er lächelte beiden noch mal zu und ließ Nikola und Schmidt
alleine in der Abstellkammer zurück.
"Tja..." begann Schmidt zaghaft.
"Tja..." Auch Nikola wusste nicht, was sie jetzt noch sagen
sollte.
"Nikola..." - "Dr. Schmidt..." sagten sie beide
gleichzeitig und mussten trotz der angespannten Situation kurz lachen.
"Ich kann das nicht!" sagte Nikola nach einem Moment der Stille.
"Wegen Erik und überhaupt..." Sie sah ihn entschuldigend
an.
"Ja, wegen Erik", wiederholte Schmidt nachdenklich und fügte
- fast unhörbar hinzu: "... und überhaupt!"
"Es geht einfach nicht!", wiederholte Nikola mit Nachdruck.
So als müße sie vor allem auch sich selbst davon überzeugen.
"Ich meine... es würde doch einfach nicht gut gehen, oder?"
Sie wagte inzwischen schon nicht mehr Schmidt anzuschauen.
Sanft legte er seine Hand auf ihre Schulter. "Nein, das würde
es wohl wirklich nicht!"
Sie spürte wie er seine Hand wieder von ihrer Schulter nahm und
als sie einen Moment später wagte, sich zu ihm umzudrehen, war
er schon verschwunden.
© November 2000, liljan98
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