Fanfiction zu "Der neue Job - Das Morgengrauen"
(Oktober 2003)
   
Vorbemerkung der Autorin: Diese Geschichte entstand nachdem ich die Inhaltsangaben der beiden Folgen gelesen hatte. Da kannte ich aber die Pressebilder und die Vorschauen noch nicht, deswegen wird das, was schon zu sehen war, hier nicht so explizit erwähnt ;-)

Doch gerade, als sich alle anscheinend mit der neuen Situation abgefunden haben, passiert das Undenkbare... [Ende Inhaltsangabe Folge 1]

....an einem eigentlich denkbar gewöhnlichen Abend ...

Nikola versuchte mit der linken Hand den Wäschekorb festzuhalten, während sie mit der rechten nach dem Wohnungs-Schlüssel kramte. Vergeblich. Sie runzelte kurz die Stirn, stellte den Korb ab und kramte in der linken Hosentasche. Auch nichts. Irritiert begann sie die Wäsche zu durchwühlen. Als dabei eine der frisch gewaschenen Blusen auf den nicht ganz so frisch geputzten Treppenhaus-Boden fiel, verfluchte sie Schmidt dafür, dass er sich trotz Nebenkosten-Erhöhung noch immer nicht um eine neue Reinigungskraft gekümmert hatte. Aber eigentlich war das im Moment ihre geringste Sorge.
"Das gibt’s doch nicht!"
Der Schlüssel war nicht zu finden. Sie war sich sicher, dass sie ihn auch im Keller nicht vergessen haben konnte, weil sie ihn dort nicht einmal in der Hand gehabt hatte. Nichtsdestotrotz bestieg sie mit dem Wäschekorb wieder den Fahrstuhl und fuhr zurück nach unten.

Zehn Minuten und eine wirklich gründlich durchsuchte Waschküche später stand sie wieder ratlos vor ihrer Wohnungstür. Der Schlüssel war weg. Nein, vermutlich war er gar nicht weg, sondern befand sich nur auf der falschen Seite der Tür. Eine Erkenntnis, die ihr allerdings nicht wirklich weiterhalf. Widerwillig bestieg sie zum 2. Mal den Fahrstuhl; diesmal nach oben. Sie hatte zwar wenig Hoffnung, dass Peter ausgerechnet heute Abend zu Hause sein würde, aber ein wenig Hoffnung war immer noch besser als gar keine.
Als sie im Obergeschoss ausstieg, versuchte sie, sich auf Peters Wohnungstür zu konzentrieren und jeglichen Gedanken an Schmidt, von dem sie wusste, dass er heute Abend ebenfalls zu Hause sein würde, zu verdrängen. Ihr wurde bewusst, dass Schmidt schon seit einigen Wochen ungewohnt häusliche Züge zeigte. Ihr nächster Gedanke erschreckte sie fast: sie konnte sich nicht einmal daran erinnern, Schmidt in den letzten Wochen in weiblicher Begleitung gesehen zu haben. Über die Gründe dafür wollte sie im Moment allerdings nicht weiter nachdenken. Denn das würde sie zwangsläufig an Ereignisse erinnern, die sie nur allzu gerne vergessen wollte. EIN Ereignis genau genommen, dass auch noch direkt hier auf diesem Flur passiert war. Sie schüttelte energisch den Kopf, so als wollte sie sich selbst beweisen, dass das alles nicht weiter von Bedeutung sei.

Als Peter auch nach mehrmaligem Klingeln nicht öffnete, begann sie in ihrer Verzweiflung mit der Faust gegen die Tür zu hämmern und seinen Namen zu rufen.
"Peter!" Keine Antwort. "Peeeeter!"
Sie hörte das Geräusch einer sich öffnenden Tür und ehe sie realisiert hatte, dass es nicht aus Peters Wohnung drang, hörte sie Schmidt schon hinter sich.
"Frau Vollendorf, ich wäre Ihnen wirklich SEHR dankbar, wenn Sie ein bisschen sorgfältiger mit meinem Eigentum umgehen würden!"
Seufzend drehte Nikola sich um. "Damit fange ich an, wenn Sie ein bisschen sorgfältiger darauf achten, dass das Treppenhaus geputzt wird." Sie hielt ihm die dreckige Bluse entgegen.
Seine Augen verengten sich."Die Waschmaschinen stehen im Keller!"
Nikola spürte, wie die altbekannte Wut in ihr aufstieg. Sie wollte mit einer bissigen Bemerkung antworten, aber es war wie verhext. Ihr fiel einfach nichts Passendes ein. Seit sie Schmidt bewusst aus dem Weg ging, war sie diesbezüglich einfach aus der Übung. Also dreht sie sich ohne ein weiteres Wort um, klingelte erneut Sturm und rief: "Peter, mach die Tür auf, wenn du da bist. Ist mir auch egal, wen du zu Besuch hast." Sie war kurz davor auch noch zu beichten, dass sie sich ausgesperrt hatte, biss sich aber noch rechtzeitig auf die Zunge. Schmidt musste schließlich nicht alles wissen.
"Da ich nicht länger mit ansehen kann, wie Sie diese unschuldige Tür misshandeln, sage ich’s Ihnen gleich: Ihr Sohn ist nicht zu Hause! Er wurde vor einer halben Stunde von einer jungen attraktiven Blondine abgeholt. Sonst noch Fragen?"
"Neidisch?" Nikola sah mit Genugtuung, dass es Schmidt daraufhin die Sprache verschlug. Als er wortlos in seine Wohnung zurückkehren wollte, wurde Nikola sich jedoch bewusst, dass er als Hauseigentümer ihre letzte Chance war.
"Dr. Schmidt", sie versuchte ihr charmantestes Lächeln aufzusetzen. "SIE haben nicht zufällig einen Zweit-Schlüssel zu meiner Wohnung?"
"Glauben Sie, ich lass so ohne weiteres fremde Wohnungs-Schlüssel nachmachen?" Schmidt schien ehrlich entrüstet. "Was denken Sie eigentlich von mir?"
Von Nikola erntete er nur einen verständnislosen Blick. "Ich dachte eigentlich mehr so in Richtung: Ihr Haus, Ihre Wohnungen, Ihre Türen, IHRE Schlüssel! Aber da hab ich mich wohl geirrt. Na ja, Tim wird mich sicher für eine Nacht beherbergen können. Schönen Abend noch, Dr. Schmidt!"

Ohne ihn weiter zu beachten, ging Nikola zum Fahrstuhl. Aber schon als sie den Knopf drückte, fiel ihr ein, dass auch Tim nicht zu Hause sein würde. Immerhin hatte er heute morgen im Treppenhaus von nichts anderem geredet als von seinem heutigen Date. Und das wirklich Furchtbare war: Schmidt hatte es ebenfalls gehört. "Nur keine Blöße geben", dachte sie sich und wandte den Blick nicht von der Fahrstuhltür ab. Sie hatte das beunruhigende Gefühl, dass Schmidts Blicke sie regelrecht durchbohrten.
Als sich die Fahrstuhltür öffnete, duftete es verführerisch nach indischem Essen und ein junger Mann stürmte mit einer großen Styropor-Schachtel in der Hand an ihr vorbei. "Tja, die Zeiten ohne Damenbesuch sind wohl auch vorbei", dachte Nikola, denn dass Schmidt diesen Abend mit dem indischem Essen nicht alleine verbringen würde, schien ihr klar. "Aber warum sollte sich für Schmidt auch wirklich was geändert haben?"

Wieder auf ihrer Etage angekommen, fragte sie sich schlecht gelaunt, was sie hier überhaupt noch wollte. Sie ging schon in Gedanken die Bekannten durch, bei denen sie unangemeldet und mit noch unbezahltem Taxi auftauchen könnte, als sich die Fahrstuhltür erneut öffnete. Schmidt stieg zögerlich aus und blickte sich vorsichtig um, als ob ihm hier unten Gefahr drohe. Was genau genommen keine so abwegige Vorstellung war. Nikola war fest entschlossen, bei diesem zweiten Gefecht eine bessere Figur abzugeben, als noch vor wenigen Minuten vor Schmidts Tür. Hier hatte sie immerhin Heimvorteil.
"Und? Haben Sie doch noch einen Schlüssel aufgetrieben?"
"Nein, ich wollte..." Schmidt zögerte.
"Kommen Sie zur Sache, Dr. Schmidt. Ihre Verabredung wird es Ihnen übel nehmen, wenn Sie das Essen kalt werden lassen."
"Welche Verabredung?"
"Das indischen Essen..."
"Oh das...", unterbrach er sie. "Es gibt keine Verabredung."
Nikola sah ihn mit großen Augen an. "Seien Sie mir nicht böse, aber das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen."
"Was? Dass ich nach dem Stress im Krankenhaus einfach mal einen ruhigen netten Abend alleine zu Hause verbringen möchte?"
"Sie verbringen Ihre Abende seit Wochen alleine zu Hause!" Nikola hatte den Satz noch nicht beendet, da bereute sie schon, ihn überhaupt ausgesprochen zu haben.
"Und warum glauben Sie mir dann nicht, dass es auch heute keine Verabredung gibt?"
"Weil Sie sich auch schon lange nichts mehr zu Essen haben kommen lassen." Für ihr vorschnelles Mundwerk hätte Nikola sich in diesem Moment ohrfeigen können.
"Wenn Ihr Hunger nicht allzu groß ist, reicht das Essen auch für zwei!", unterbrach Schmidt ihre Gedanken. Zum zweiten Mal an diesem Abend starrte Nikola ihn verständnislos an.
"Das ist eine Einladung, Schwester Nikola, ich meine... Frau Vollendorf."
Irgendwie gab ihr diese förmliche Anrede einen Stich. "Schwester Nikola ist schon ok. Aber ich warte lieber hier, bis..." Tja, bis wann, wusste sie selbst nicht. Aber sie konnte Schmidts Einladung ja schlecht annehmen. Oder konnte sie?
"Stephanie ist - soweit ich weiß - auf Klassenfahrt und Peter und Tim kommen - so wie ich die beiden kenne - sicher erst mitten in der Nacht zurück. Auf wen wollen Sie also hier im Flur warten?", fragte Schmidt und Nikola vermisste schon fast den spöttischen Unterton, den er bei einer solchen Gelegenheit früher immer an den Tag gelegt hatte. Bevor sie antworten konnte, fuhr er fort: "Ich glaube, wir beide sollten uns wirklich mal in Ruhe unterhalten."
"Da bin ich aber ganz anderer Meinung!", entgegnete Nikola vehement und wollte reflexartig in ihre Wohnung flüchten. Als sie vor der verschlossenen Tür stand, schoss ihr das Blut in den Kopf. In Erwartung eines spöttischen Kommentars, wappnete sie sich vorsorglich schon mal mit einer passenden Antwort und drehte sich peinlich berührt zu Schmidt um.
"Ich meine das ernst", sagte er leise.
"Ich auch!"
Schmidt schien ehrlich überrascht. "Aber ich dachte,..." Nikolas herausfordernder Blick brachte ihn aus dem Konzept. "Ich meine... jetzt, wo wir uns beruflich aus dem Weg gehen, da dachte ich, könnten wir vielleicht..."
"Könnten wir was?" Nikolas Tonfall wurde schärfer.
"Schwester Nikola..."
"Ich bin schon lange nicht mehr Ihre Schwester!"
Schmidt ignorierte diesen Einwand. "SIE haben doch mit diesem ‚Da sind Gefühle zwischen uns‘ angefangen!"
"WAS hab ich?!?!?"
"In der Abstellkammer..."
"Das fing ja wohl nicht erst in der Abstellkammer an! Und überhaupt: das war doch nicht ICH alleine!" Nikola war jetzt echt sauer. Was bildete sich dieser Kerl eigentlich ein?
"Ok, ok", Schmidt hob entschuldigend die Hände. "Lassen wir’s gut sein. Schönen Abend noch... Frau Vollendorf!" Mit langen Schritten verschwand er die Treppe nach oben und Nikola sah ihm nachdenklich nach. Kaum war er außer Sicht, war ihre Wut verflogen. Es war wirklich zum Verrücktwerden.

Eine Viertelstunde später saß Nikola noch immer auf dem Flur vor ihrer Wohnung und war unentschlossen, was sie tun sollte. Sie musste sich widerwillig eingestehen, dass Schmidt nicht unrecht hatte: Sie hatte auf Abstand bestanden, um sich darüber klar zu werden, wie sie zueinander standen. Den Abstand hatte sie, in jeglicher Hinsicht. Und wenn sie ehrlich war, wollte sie sich auch liebend gerne endlich darüber klar werden, wie sie zu Schmidt stand. Oder besser gesagt, er zu ihr. Denn wenn sie in sich hineinhörte, wusste sie sehr genau, was sie für ihn empfand. Diese Erkenntnis erschreckte sie. Als sie kurze Zeit später ihren Magen knurren hörte, verstand sie dies als ein letztes Zeichen, gab sich einen Ruck und bestieg zum zweiten Mal an diesem Abend den Fahrstuhl nach oben.
Schmidts Wohnungstür öffnete sich nach ihrem Klingeln so schnell, als wäre er hinter der Tür auf der Lauer gelegen. Ob dies wirklich so war, konnte Nikola allerdings nicht sicher sagen, denn sein Blick ließ nicht die geringste Gefühlsregung erkennen. Im nächsten Moment bildete sie sich jedoch ein, den Anflug eines Lächelns auf seinem Gesicht zu entdecken. Und als Schmidt wie selbstverständlich Platz machte, betrat sie ohne noch weiter zu zögern seine Wohnung.
Ihr Blick fiel direkt auf den für zwei Personen gedeckten Esstisch. "Also doch!", dachte sie mit einer Mischung aus Enttäuschung und Wut und wollte auf der Stelle kehrt machen.
"Schwester Nikola, wo wollen Sie denn..."
"Ich will Sie und Ihre Verabredung nicht stören!"
"Ich hab Ihnen doch gesagt, es gibt keine Verabredung!"
"Und das da?!?"
"Ich hab gewusst, dass Sie kommen", sagte er schlicht und schloss die Tür hinter ihr. "Na ja, ich hatte es zumindest gehofft." Nun lächelte er definitiv. "Ich hab das Essen warmgehalten. Moment." Er verschwand in der Küche. Unschlüssig blieb Nikola im Flur stehen, bis Schmidt kurze Zeit später mit Schüsseln beladen zurückkam. Er bat sie, Platz zu nehmen, verschwand erneut und kehrte kurz darauf mit einer geöffneten Weinflasche zurück.
Nikola stand immer noch wie angewurzelt im Flur. Sie hatte damit gerechnet, dass Schmidt die Abfuhr, die sie ihm gerade erteilt hatte, nicht unkommentiert lassen würde. Und das jegliche Bemerkung dazu ausblieb, irritierte sie aufs Äußerste. Schmidt bemerkte ihr Zögern. "Schwester Nikola, ich glaube Sie haben ein völlig falsches Bild von mir!" Statt einer Antwort bedachte sie ihn nur mit einem leicht spöttischem Blick, stellte dann aber ihren Wäschekorb ab und ließ sich auf dem Stuhl ihm gegenüber nieder.
Als Schmidt ihr ein gefülltes Weinglas reichte und sie anlächelte, bekam Nikola Angst vor ihrer eigenen Courage. "Eine Bedingung für heute Abend!", sagte sie.
"Ich höre?"
"Wir reden über nichts, was bisher passiert ist! Keine Fragen, keine Erklärungsversuche, kein ‚was wäre, wenn...‘ " Sie sah ihm an, dass er damit nicht gerechnet hatte, denn er schien kurz zu überlegen. Aber dann nickte er.
"Also dann...", Nikola hob ihr Glas. "...Danke für die Einladung, Dr. Schmidt."

Die Zeit verging für Nikola wie im Flug und sie ertappte sich hin und wieder dabei, dass sie den Abend genoss. Sehr sogar. So sehr, dass sie keinen Einwand erhob, als Schmidt vorschlug eine weitere Flasche Wein zu öffnen. Während Schmidt sich um den Wein kümmerte, erbot sich Nikola den Tisch abzuräumen und die Gläser ins Wohnzimmer zu tragen. Denn dass sie mit dieser zweiten Flasche Wein vom Esszimmer ins Wohnzimmer wechseln würden, war beiden klar, ohne dass es einer von ihnen aussprechen musste.

Nikola suchte gerade in einem Küchenschrank nach einem Handtuch, um ihre Hände ab zu trocknen, als Schmidt auf der Suche nach ihr die Tür öffnete und ihr diese unbeabsichtigt vor den Kopf stieß.
"Autsch!"
"Oh Gott, Nikola! Alles in Ordnung? Lassen Sie mich mal sehen." Ehe Nikola protestieren konnte, hatte Schmidt ihr Gesicht vorsichtig in beide Hände genommen und suchte ihre Schläfe nach Verletzungen ab. "Das gibt eine Beule."
"Danke! Da wäre ich jetzt von alleine nicht drauf gekommen." Nikola verzog das Gesicht, als Schmidt die schmerzende Stelle berührte. "Haben Sie irgendwas zum Kühlen?"
"Natürlich!" Schmidt förderte in Windeseile einige Eiswürfel zu Tage, die er ihr in ein Tuch gewickelt auf die Schläfe drückte. "Das wird schon wieder", tröstete er sie. Als sie wegen der Kälte reflexartig versuchte ihren Kopf wegzuziehen, hielt er sie mit dem anderen Arm fest.
Einen Moment lang sagte keiner von beiden ein Wort.
"Erinnern Sie sich noch an den Abend im McDiner?"
"Allerdings." Nikola musste trotz Schmerzen grinsen. Dass sie nicht über die Vergangenheit reden wollte, schien sie vergessen zu haben. "Sie hätten sich wirklich nicht mit diesem Typen anlegen sollen."
"Hab ich doch gar nicht, ich wollte nur... ach, ist auch egal."
Wieder schwiegen sie sich an, bis es aus Nikola herausplatzte: "Warum sind Sie danach nicht zu unserem 2. Date erschienen?" Sie konnte nicht verhindern, dass diese Frage wie ein Vorwurf klang.
"Warum sind SIE danach nicht zu unserem 2. Date erschienen?" erwiderte Schmidt nicht weniger vorwurfsvoll.
"Ich hab zuerst gefragt!"
Schmidt wich ihrem Blick aus und Nikola hatte auf einmal Angst, vor dem, was er womöglich antworten würde. Sie versuchte, von ihm abzurücken und bemerkte erst jetzt, dass er sie mit dem anderen Arm immer noch fest hielt.
Nach einer Weile sagte Schmidt leise: "Ich glaube, ich hatte einfach zu viel Angst vor dem was passieren könnte."
"Dito", flüsterte Nikola.
"Na, Sie machen es sich ja echt leicht." Schmidt lächelte zaghaft.
"Im Gegenteil!" Nikola schlug das Herz inzwischen bis zum Hals.
Um die wachsende Spannung zwischen ihnen zu überspielen, widmete sich Schmidt erneut Nikolas Verletzung. "Sieht doch alles halb so wild aus", meinte er nach gründlicher Begutachtung und legte ihr den Eisbeutel vorsichtig wieder auf die Schläfe. Als Nikola selbst danach griff, berührten sich ihre Finger und ihre Hände ließen einander auch nicht mehr los, als das Eis von beiden unbeachtet zu Boden fiel.
Schmidt beugte sich zu Nikola herab und als sich ihre Lippen berührten, vergaß Nikola jegliche Angst, die sie vorher noch beschäftigt hatte. Sie löste ihre Hand aus seiner, schlang beide Arme um seinen Hals und spürte, wie Schmidt sie daraufhin noch näher an sich heranzog. Ihre zu Beginn noch zaghaften Küsse wurden schon bald leidenschaftlicher und erst als Nikolas Hand langsam unter sein Hemd wanderte, hielt Schmidt irritiert inne. "Du weißt, wohin das hier führen wird, wenn wir jetzt nicht ..." Nikola brachte ihn mit einem Kuss zum Schweigen und machte einfach genau dort weiter, wo sie aufgehört hatte. Schmidt ließ sie gewähren und begann nun seinerseits vorsichtig ihren Körper zu erforschen. Als Nikola kurz darauf begann, sein Hemd aufzuknöpfen hielt er jedoch ihre Hände fest: "Und du bist dir GANZ sicher, dass du das willst?" fragte er außer Atem.
"Ja!" Nikola war sich ganz sicher, dass sie in diesem Moment nichts anders wollte. Und die Art, wie er sie daraufhin anlächelte, war für sie Beweis genug, dass sie genau das Richtige tat.

Als Nikola am nächsten Morgen aufwachte, brauchte sie eine Weile, um sich zu orientieren. Verschlafen drehte sie sich um, stieß gegen Schmidts Brust und erinnerte sich. Lächelnd öffnete sie die Augen, sah zu ihm auf und es schien ihr, als habe er sie schon einige Zeit aufmerksam beobachtet.
Schmidt gab ihr einen zärtlichen Kuss. "Guten Morgen, Nikola."
"Wie lange starrst du mich denn schon so an?"
"Ich starre doch nicht." Liebevoll strich er ihr eine Haarsträhne aus der Stirn. "Ich freue mich einfach nur darüber, neben dir aufzuwachen."
"Ist das deine Standard-Begrüßung nach der ersten Nacht in diesem Bett?"
Schmidt rückte ein Stück von ihr ab und Nikola wurde klar, dass ihre flapsige Bemerkung ihn verletzt hatte.
"Tut mir leid." Sie streckte die Hand nach ihm aus. "Ich bin solche Begrüßungen am frühen Morgen nicht gewohnt. Schon gar nicht von dir." Schmidt sah sie abwartend an und das ermutigte Nikola weiterzusprechen. "Diese ganze Situation hier irritiert mich einfach. Ich meine... Du und ich. Nach allem was war. Das ist der absolute Wahnsinn!"
"Ich dachte wir wollten nicht mehr über die Vergangenheit reden." Schmidt ergriff ihre Hand. Immerhin.
"DU hast gestern die Sache im McDiner ins Gespräch gebracht."
"Zum Glück."
"Allerdings." Nikola kuschelte sich an ihn und war erleichtert, als er ohne zu Zögern den Arm um sie legte. "Aber es ist doch wirklich verrückt, oder? Wir beide. Hier. Zusammen."
"Vielleicht", erwiderte er nachdenklich. "Aber es war doch unausweichlich. Nach allem was war."
"Ich dachte, wir wollten nicht mehr über die Vergangenheit reden."
"Ich fürchte, mein Schatz...", er gab ihr einen Kuss auf die Stirn", "wir kommen irgendwann nicht drum rum..."
"Aber nicht jetzt", bat Nikola. "Das vertrage ich nicht auf nüchternen Magen."
"Dem kann ich abhelfen." Schmidt löste sich aus ihrer Umarmung, was Nikola nur widerwillig geschehen ließ. "Ich mache uns Frühstück."
An der Tür blieb er noch mal kurz stehen und sah sie an. "Ich hab übrigens schon sehr lange keiner Frau mehr gesagt, dass ich mich freue neben ihr aufzuwachen", sagte er kaum hörbar und verschwand.

Ratlos blieb Nikola zurück. Auf was in aller Welt hatte sie sich da eingelassen? Nur ein paar Minuten später hörte sie das Türklingeln und wunderte sich kurz, wer so früh am Morgen wohl stören könnte. Aber dann hing sie wieder ihren eigenen Gedanken nach. Und bei dem Gedanken an die letzte Nacht – vielleicht die schönste Nacht ihres Lebens – lächelte sie gut gelaunt vor sich hin und kuschelte sich wieder in die Kissen.

Schmidts gute Laune hingegen verflog, als er die Tür öffnete.
"Guten Morgen, Dr. Schmidt, ich hab gestern vergessen, Sie diese Anträge unterschreiben zu lassen und ich dachte mir, bevor ich Sie heute Mittag in der Klinik störe..."
"Stören Sie mich lieber morgens früh zu Hause?" Missbilligend zog Schmidt die Augenbrauen hoch, aber nahm Tim dann die Anträge und den Kugelschreiber aus der Hand. Als Schmidt sich kurz umdrehte, um die Anträge zu unterschreiben, fiel Tims Blick auf Nikolas Wäschekorb, der in Schmidts Flur stand. Neugierig schweifte sein Blick durch die Wohnung und als er die blaue Bluse auf dem Fußboden entdeckte, erstarrte er. Nikola war hier. Und ihre Klamotten lagen auf dem Boden verstreut. Aber das würde ja heißen...?
"Äh, Dr. Schmidt..."
"Ja?"
"Sie wissen nicht zufällig, wo Schwester Nikola ist?"
Schmidt schnellte herum und musterte Tim aufmerksam. "Wieso?" Tim antwortete nicht, aber er konnte nicht verhindern, dass sein Blick wieder auf den Wohnzimmerboden abschweifte.
"Ach so, ja", stammelte Schmidt. "Schwester Nikola hat sich gestern Abend ausgesperrt. Peter war nicht zu Hause, SIE waren nicht zu Hause: da hab ich ihr hier quasi "Asyl" angeboten. Nikola im Schlafzimmer, ich auf der Couch."
Tim warf nur einen kurzen Blick auf die eindeutig unbenutzte Couch. Er war fassungslos. "Ich hätte nie im Leben gedacht, dass Sie zu so miesen Tricks fähig sind, Dr. Schmidt. Miese Tricks, ja. Aber SO mies!" Er schüttelte entsetzt den Kopf.
"Ich verstehe nicht ganz..."
"Machen Sie mir doch nichts vor! Ich weiß nicht, wie, aber Sie haben Nikola in Ihr Bett gekriegt. Und dass nur, damit sie als Stationsschwester zurückkommt. Das ist wirklich das Letzte, Dr. Schmidt!"
"Hören Sie, Herr Schenk. Das geht Sie zwar überhaupt nichts an, aber ich sag’s Ihnen trotzdem: Das eine hier hat mit unserem anderen Plan überhaupt nichts zu tun!"
"Das würde ich gerne von Nikola selber hören!" Aber bevor Tim einen Fuß in die Wohnung setzen konnte, hatte Schmidt ihm die Tür vor der Nase zugeschlagen und ging zurück in die Küche.
Bisher hatte er keinen Gedanken daran verschwendet, ob Nikola nun auf seine Station zurückkehren würde oder nicht. Aber die Vorstellung gefiel ihm. Immerhin war sie nicht nur seine beste Schwester, sondern jetzt auch... tja, was war sie?

"Robert?" klang Nikolas Stimme aus dem Schlafzimmer.
"Das mit dem Kaffee dauert noch ein bisschen."
"War das nicht Tim da gerade an der Tür?"
Schmidt seufzte und verließ die Küche. Irgendeine Erklärung musste er Nikola liefern, schließlich war Tim nicht zu überhören gewesen. Im Wohnzimmer hob er ihre Bluse auf und blieb dann an der geöffneten Schlafzimmertür stehen. "Ja, das war Tim."
"Scheiße! Hat er was gemerkt?"
Schmidt nickte. "Dein Wäschekorb steht noch im Flur und..." Er hielt ihre Bluse hoch "...die lag auch noch rum."
"Oh Shit! Aber warum ist er denn so laut geworden? Eigentlich hätte es ihm eher die Sprache verschlagen müssen."
"Tim? Die Sprache verschlagen?"
Nikola grinste. "Ich weiß das klingt wie ein Widerspruch. Aber selbst Tim kann man noch überraschen. Und das hier WIRD ihn überrascht haben."
Schmidt gab ihr darauf keine Antwort. "Sag mal... wie gut gefällt dir eigentlich dein neuer Job?"
"Der Job ist ok. Hab ich doch gestern Abend schon gesagt."
"Besser als der Job bei uns?"
"Es ist einfach anders. Stressfreier." Nikola verließ das Bett und ging zu ihm. "Du bist da nicht mein Chef." Sie lächelte liebevoll und gab ihm einen Kuss auf die Wange. "Ich geh jetzt duschen."
Bevor sie das Zimmer verlassen konnte, hielt Schmidt sie jedoch am Handgelenk fest, worauf hin Nikola ihn fragend ansah.
"Hast du schon mal drüber nachgedacht auf meine Station zurück zu kommen, jetzt wo..."
"Jetzt wo was?"
"Na ja, jetzt wo wir beide..."
Sie entzog ihm ihre Hand, lehnte sich ihm gegenüber an den Türrahmen und musterte ihn aufmerksam. "Wieso fragst du mich das ausgerechnet jetzt?"
"Nur so."
Seine Antwort klang für Nikola nicht wirklich überzeugend. "Sei mir nicht böse, aber das glaube ich dir nicht!" Schmidt schwieg. "So was fragst DU nicht ohne Grund. Du tust nie was ohne Grund!"
"Was soll denn das jetzt heißen?"
Da er einer klaren Antwort auswich, spürte Nikola, wie sich plötzlich ein unbehagliches Gefühl in ihr ausbreitete. Ihr kam der erschreckende Verdacht, in dieser vergangenen Nacht vielleicht den größten Fehler ihres Lebens begangen zu haben. Sie nahm Schmidt ihre Bluse aus der Hand und versuchte, ihm dabei nicht zu nahe zu kommen.
"Nikola, was soll das heißen?"
"Na ja, ich frage mich nur gerade, warum das gestern Abend alles genau so passiert ist. Das bestellte Essen, der für zwei Personen gedeckte Tisch..."
"Jetzt sagst du gleich noch, dass ich deine Schlüssel geklaut hab, damit du nicht mehr in deine Wohnung kommst."
Durch diese Bemerkung fühlte Nikola sich nur bestätigt. "Zuzutrauen wär’s dir! Wer sagt mir denn, dass du das hier nicht bloß inszeniert hast, um mich dazu zu bringen, auf deine Station zurückzukehren?"
"Angenommen... wirklich nur mal angenommen, ich hätte so etwas im Sinn gehabt... wäre das denn nach dieser Nacht für dich wirklich noch von Bedeutung?"
Darauf gab Nikola keine Antwort mehr, sondern stürmte an ihm vorbei ins Wohnzimmer.
"Nikola? Jetzt warte doch mal!"
In Windeseile schlüpfte Nikola in ihre Klamotten. Das durfte doch wohl alles nicht wahr sein. "Wie kann man nur SO BLÖD sein", schimpfte sie auf sich selbst und kämpfte gegen die aufsteigenden Tränen an.
"Nikola..." Sie spürte seine Hand auf ihrer Schulter.
"Lass mich in Ruhe!" Sie schüttelte seine Hand ab und sammelt ihre restlichen Sachen zusammen.
Im Flur stellte sich Schmidt ihr in den Weg. "Du kannst doch jetzt nicht einfach so abhauen!"
"Doch, das kann ich! Und das werde ich! Und dann hoffe ich, dass ich alles, was hier passiert ist, schleunigst wieder vergessen kann!"
"Nikola, nach DIESER Nacht kannst du doch nicht ernsthaft glauben, dass ich das alles aus so niederen Beweggründen inszeniert habe!"
"Wär‘ doch sicher nicht das erste Mal."
"Nikola, bitte..."
" ‘Ich hab übrigens schon sehr lange keiner Frau mehr gesagt, dass ich mich freue neben ihr aufzuwachen‘ ", äffte sie ihn nach. Sie sah ihm an, wie sehr sie ihn damit traf und hatte diesmal nicht das geringste Mitleid. "Und ich IDIOTIN fall‘ auch noch drauf rein!"
Mit versteinerter Miene sah Schmidt sie an. "Und ICH Idiot hab wirklich gedacht, diese Nacht hätte nicht nur für mich was verändert." Er trat zur Seite und öffnete ihr ohne ein weiteres Wort die Tür.
Darüber, wie sehr diese Nacht ihr Leben verändert hatte, wollte Nikola jetzt lieber nicht nachdenken. Sie verließ die Wohnung ohne ihn noch eines Blickes zu würdigen. Und erst als sie hörte, wie sich die Tür hinter ihr schloss, fragte sie sich, mit was genau sie in den vergangenen Stunden nun den größeren Fehler begangen hatte.

© Oktober 2003, liljan98

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