Fanfiction: "Party mit Hindernissen"
(Juni 2004)
 
Ein praktischer Tipp: Diese Geschichte ist wirklich sehr lang (gedruckt sind es 25 Seiten!), also am besten abspeichern und/oder offline lesen.

Und ein kurzer Hinweis: Diese Geschichte kann völlig unabhängig von meiner letzten Geschichte ("Gute Freunde") verstanden werden. Und eigentlich soll sie das auch. Ich wünsche euch allen viel Spaß beim Lesen und würde mich über konstruktives Feedback freuen.

"Das ist doch wohl das Letzte!" "Das kann sie doch nicht einfach so machen, oder?"
Die aufgeregten Stimmen, die zu ihr ins Schwesternzimmer drangen, veranlassten Nikola dazu, den frischgekochten Kaffee für einen Moment sich selbst zu überlassen. Sie verließ den Raum um dem Aufruhr nachzugehen. Im Stationszimmer traf sie auf die drei Schwesternschülerinnen, die in den letzten Wochen auf der Orthopädie beschäftigt gewesen waren. Alle drei tigerten wutentbrannt auf und ab.
"Was ist denn mit euch los, Mädels?", fragte sie neugierig und fing gerade noch rechtzeitig die Patienten-Akte auf, die Schwester Andrea in ihrer Wut beinah vom Schreibtisch gefegt hätte.
"Was los ist?", rief die kleine Barbara entrüstet. "Wir werden hier im Krankenhaus behandelt wie der letzte Dreck, das ist los!" Wütend trat sie gegen den Medikamentenschrank, in dem es beunruhigend zu rumpeln begann.
"Hey, wollt ihr mir hier die ganze Station einreißen?" Nikola warf die Akte auf den Schreibtisch zurück und öffnete den Medikamentenschrank, aus dem ihr sofort ein Dutzend Pillenschachteln entgegenfielen. "Mädels, so geht das nicht...", setzte sie an, während sie mit den Schachteln hantierte, aber sie kam nicht weit.
"Genau! So geht das nicht! Das ist eine Unverschämtheit!", mischte sich nun auch Carolin ein, die dritte im Bunde.
"Ruhe!", brüllte Nikola energisch und merkte mit Genugtuung, dass dies anscheinend direkt Wirkung zeigte. Als sie die erschrockenen Gesichter ihrer jungen Kolleginnen sah, musste sie ein Schmunzeln unterdrücken. Bisher war sie ihnen als Ausbilderin immer freundlich und fair gegenübergetreten und umso überraschter mussten sie nun über den Kasernenhof-Ton sein. "Na also, es geht doch!", sagte sie und lächelte die Mädels ermutigend an. "Und jetzt erzählt mir mal in Ruhe, wo das Problem liegt."
Bevor eine der drei antworten konnte, stürmte Tim auf die Station. "Kinder, habt ihr schon gehört, dass..." Er sah die aufgebrachten Mienen der Schwesternschülerinnen. "Oh, ich sehe, ihr habt schon."
Wortlos nickten die drei, nur Nikola schaute zwischen den Mädels und Tim hin und her. "Ja, aber ich hab anscheinend wieder was verpasst! Was ist denn hier eigentlich los?"
"Du solltest dich mal zur richtigen Zeit am richtigen Ort aufhalten, Schätzchen", antwortete Tim mit allwissendem Lächeln.
"Daran werde ich dich erinnern, wenn ich das nächste Mal zur richtigen Zeit am falschen Ort für dich 'nen Kaffee mitkochen soll!", erwiderte Nikola zuckersüß.
Tim ignorierte diesen Einwand. "Was wollt ihr denn jetzt machen?", fragte er Andrea.
"Keine Ahnung", erwiderte diese achselzuckend. "Was können wir denn schon machen?", fragte Carolin, was ihr Barbara aber direkt beantwortete: "Gar nix können wir machen."
Nikola, die immer noch nicht verstand, worum es eigentlich ging, wurde langsam ungeduldig. "Könnte mir vielleicht mal jemand erklären, warum hier alles so in Aufruhr ist?", fragte sie gereizt.
"Schwester Nikola! Visite!", erschallte in diesem Moment Schmidts Stimme von der anderen Seite des Flures und schon erschien er auf der Bildfläche. Mit einem Blick hatte er erfasst, dass irgendetwas nicht stimmte. "Was ist denn hier los?", fragte er mit strenger Miene. "Warum sind die Schwesternschülerinnen noch nicht bei ihrer Arbeit? Ist das hier ein Kaffeekränzchen oder ein Krankenhaus?"
"Bis gerade eben war's zumindest noch keine Sklaven-Galeere, Dr. Schmidt", antwortete Nikola streitlustig.
Schmidt musterte die Mädels aufmerksam, woraufhin alle drei rot anliefen, allerdings aus den unterschiedlichsten Gründen. Andrea, weil sie sich an ihre Flirts mit Schmidt erinnerte, Carolin, weil sie sich an ihre Tollpatschigkeit erinnerte und die schüchterne Barbara, weil sie einfach immer rot wurde, wenn Schmidt sie musterte. "Also?" Auffordernd sah er Nikola an.
Bevor Nikola auch nur den Mund öffnen konnte, mischte Tim sich ein: "Naja, die Mädels regen sich einfach auf über... " Ein kurzer Blick von Schmidt brachte ihn direkt wieder zum Schweigen. Dieses selbstherrliche Verhalten wiederum brachte Nikola auf die Palme.
"Unsere Schülerinnen haben ein Problem, Dr. Schmidt!", sagte sie kurzangebunden und hoffte sehr, dass er nicht direkt sie nach der Ursache fragen würde. Ihre Hoffnung wurde allerdings umgehend zerstört.
"Und was wäre das für ein Problem?"
"Nun ja...", stammelte Nikola, weil sie Schmidt gegenüber nicht den Eindruck erwecken wollte, dass sie ihre Station nicht im Griff habe. "Es geht um..." Hilfesuchend blickte sie zu Tim, was Schmidt natürlich nicht entgehen konnte.
"Aber es geht doch wohl nicht um Frau Springers Anordnung, oder?" Schmidt schaute fragend von Nikola zu Tim, aber das wütende Aufheulen der drei Mädels war schon Antwort genug.
"Was denn für 'ne Anordnung?", fragte Nikola überrascht. "Und wieso wissen Sie denn davon?"
"... und Sie selbst noch nicht?", erwiderte Schmidt mit überlegenem Lächeln. "Tja, Schwester Nikola, sie sollten mal weniger Kaffee kochen und mehr Ihre Memos lesen." Per Handzeichen befahl er den Assistenzärzten, Nikola und den Schwesternschülerinnen ihm zur Visite zu folgen. Tim, der sich wie selbstverständlich anschließen wollte, von Schmidt aber gleich mit einem eisigen Blick bedacht wurde, stammelte nur noch eine Entschuldigung und verschwand Richtung Fahrstuhl.

"Was ist denn das jetzt für eine Anordnung?", flüsterte Nikola Carolin zu, während Schmidt sich im ersten Zimmer von Dr. Borstel die Beschwerden des Patienten schildern ließ. "Es geht um...", begann Carolin leise, aber sie verstummte sofort, als sie bemerkte, dass Schmidts durchdringender Blick auf ihr ruhte. Bevor sie sich von Nikola noch mal in eine solch gefährliche Lage bringen lassen konnte, entfernte sie sich von ihr und stellte sich - wie in Reih und Glied - zu ihren beiden jungen Kolleginnen.
Im zweiten Patientenzimmer versuchte Nikola Andrea unauffällig auf sich aufmerksam zu machen, so dass ihr diese die Sache erklären konnte. Aber Andrea hing - wie so oft - gebannt an Schmidts Lippen und hatte für nichts und niemanden sonst Augen oder Ohren. Und so nah, wie sie an Schmidt heranrückte - angeblich, um einen besseren Blick auf das fantastisch wiederhergestellte Hüftgelenk des Patienten werfen zu können -, gab es ohnehin keine Chance, sie von Schmidt unbemerkt anzusprechen. Meine Güte, dachte Nikola und verdrehte die Augen, wann wächst endlich eine Generation heran, die diesem Typ nicht sofort auf den Leim geht?
Sie spürte, wie ihr Ärger wuchs. Nicht nur, weil die Schwestern sich in Schmidts Gegenwart wieder einmal wie aufgescheuchte Hühner aufführten. Sondern auch oder besser gesagt insbesondere, weil Schmidt etwas zu wissen schien, was sie selbst noch nicht wusste. Und ganz besonders, weil Schmidt genau diesen Wissensvorsprung so sehr zu genießen schien.
Auf dem Weg ins dritte Patientenzimmer ergriff Nikola ihre letzte Chance. Sie hielt Barbara am Ärmel zurück und wollte sie gerade mit ihrer Frage überfallen, als Schmidt sich auf einmal zu ihnen beiden umdrehte. "Warum ist dieses Zimmer unterbelegt?", fragte er mit strengem Blick auf Schwester Barbara. Diese lief rot an, warf einen Blick ins Zimmer und brachte vor Stottern kein verständliches Wort hervor. Als Nikola Schmidts spöttisches Grinsen bemerkte, riss ihr der Geduldsfaden. Wütend schlug sie die entsprechende Seite in ihren eigenen Unterlagen auf und hielt sie ihm unter die Nase. "Weil SIE Frau Lahmers gestern schon entlassen haben!"
Ohne mit der Wimper zu zucken, winkte Schmidt seine Assistenzärzte herbei um die Visite fortzusetzen. "Danke, Schwester Nikola, aber ich hatte nicht SIE gefragt", meinte er beiläufig und schob die Akte aus seinem Sichtfeld.
"Dr. Schmidt, wir beide?"
Schmidt nickte und wenn Nikola nicht so wütend gewesen wäre, hätte sie sicherlich bemerkt, dass er ihr mit einem sehr selbstzufriedenen Lächeln Richtung Abstellkammer folgte.

Auf dem Weg dorthin liefen sie der Verwaltungsdirektorin in die Arme. "Ach, da sind Sie ja, ich suche Sie schon überall!", begrüßte Frau Springer sie und zog einige Papiere aus ihrer Mappe.
Nikola versuchte sich nicht anmerken zu lassen, dass eine weitere Anordnung von Frau Springer das letzte war, was sie jetzt brauchte, wo sie doch noch nicht mal wusste, worum es sich bei der ersten handelte. Und sie versuchte sich ebenfalls nicht anmerken zu lassen, dass sie sich genau darüber ärgerte. Schmidts Blick zeigte ihr aber, dass sie an ihrem "sich nichts anmerken lassen" noch erheblich arbeiten musste. Ihre Gedanken wurden von Frau Springer unterbrochen. "Sie haben ja meine Anordnung gelesen."
"Ja klar, hab ich", nickte Nikola mit ihrem überzeugendsten Lächeln und versuchte Schmidts Blick zu ignorieren.
"Gut", fuhr Frau Springer fort, bevor Schmidt Nikolas Antwort kommentieren konnte. "Herr Schenk hatte nun die rettende Idee. Wir haben einfach ein paar Finanzmittel für diesen Monat umgeschichtet!" Sie drückte Schmidt ein Papier in die Hand, nickte Nikola noch einmal freundlich zu und verschwand.
Schmidt überflog den Brief und Nikola sah mit Genugtuung, wie sein Lächeln erstarb. "Wie käme ich denn dazu?", rief er Frau Springer hinterher, aber diese war schon außer Reichweite. Wütend drehte er sich zu Nikola um, die zwar noch immer nicht wusste, worum es eigentlich ging, es aber sichtlich genoss, Schmidt so in Aufruhr zu sehen. "Holen Sie mir sofort Herrn Schenk!" Er drückte ihr den Zettel in die Hand und verschwand im nächsten Patientenzimmer, die Assistenzärzte und Schwesternschülerinnen dicht auf den Fersen.
Nikola studierte erst einmal in Ruhe das Schreiben und nun verstand sie endlich auch die Aufregung ihrer jungen Kolleginnen. Laut Anweisung der Verwaltungsdirektorin wurde die alljährliche Abschieds-Party für die Schwesternschülerinnen in diesem Jahr aus Finanzmangel gestrichen. Kein Wunder, dass die durchdrehen, dachte Nikola, denn diese Partys hatten schon immer einen legendären Ruf.
Tim hatte nun den Vorschlag gemacht, einen Teil des Fonds, der jeder Station monatlich zur freien Verfügung stand, für eben diesen Zweck zu nutzen. Mit anderen Worten: Anstatt sich selbst neue Möbel, unnötigen technischen Schnickschnack, überteuerte Spesenabrechungen und dergleichen zu gönnen, sollten die Chefärzte nun mit diesem Geld die Party für die Schwesternschülerinnen finanzieren. Und kein Wunder, dass Schmidt durchdreht, dachte Nikola und grinste.
"Na, was sagst du nun?", Nikola fuhr erschrocken herum. Hinter ihr stand Tim und strahlte wie ein Honigkuchenpferd. "Jetzt müssen nur noch alle Stationen ihr Geld zusammenschmeißen und ich organisiere den Mädels die beste Abschluss-Party, die dieses Krankenhaus je erlebt hat."
"Wenn du überhaupt noch was erlebst, wenn Schmidt mit dir fertig ist", erwiderte Nikola und zog Tim in Richtung Fahrstuhl.
"Toll gemacht Tim, Super Idee! Wäre als alternative Begrüßung auch nicht schlecht gewesen", maulte er.
"Toll gemacht Tim, Super Idee um alle Chefärzte des Krankenhauses gegen sich aufzubringen, insbesondere..."
"Herr Schenk!", schallte es da aus dem Flur.
"... Dr. Schmidt!", beendete Nikola ihren Satz und warf Tim einen "das hast du nun davon" Blick zu.
"Was fällt Ihnen eigentlich ein?!?", fuhr Schmidt Tim an, als er sie beide erreicht hatte, die Assistenzärzte und Schwesternschülerinnen nach wie vor im Schlepptau. "Das machen Sie gefälligst sofort wieder rückgängig!"
"Äh, aber...", begann Tim zu stammeln. Schmidts strenger Blick ließ ihn verstummen.
"Dr. Schmidt, die anderen Chefärzte sehen die Sache nicht ganz so eng wie Sie", wagte Nikola einen Schuss ins Blaue. In der Hoffnung, dass sie zumindest einige der anderen Ärzte gut genug kannte und vor allem in der Hoffnung, dass Tim den Ball, den sie ihm zuspielte, aufnahm.
"Genau", ergänzte Tim erleichtert. "Dr. Graf zum Beispiel ist schon Feuer und Flamme." Nikola hoffte sehr, dass Tim sich damit nicht zu sehr aus dem Fenster lehnte.
"Dr. Graf, dieser Stümper. Wenn er nicht weiß, wohin mit seinem Geld, ist das sein Problem. Ich spiele da nicht mit!"
"Dr. Schmidt", begann Nikola und besann sich auf ihre letzte Trumpfkarte: "Unsere Schwesternschülerinnen wissen es aber garantiert sehr zu schätzen, dass Sie Ihnen die Abschlussparty finanzieren!"
"Sie zahlen unsere Party?" Andrea konnte sich vor Aufregung kaum noch halten und auch die anderen beiden stimmten in den Freudenjubel mit ein. "Das ist ja super!" - "Das hätten wir aber nicht von Ihnen gedacht!"
Von dieser Reaktion überrumpelt blieb Schmidt in diesem Moment nur noch eins übrig.
"Schwester Nikola, wir beide?"
Und wenn er sich auf dem Weg zur Abstellkammer umgedreht hätte, hätte er gesehen, dass diesmal Nikola ihm mit einem zufriedenen Lächeln folgte.

"Ich denk' nicht dran!", machte Schmidt klar, kaum dass Nikola die Tür der Abstellkammer hinter sich geschlossen hatte.
"Dr. Schmidt, was ist denn schon dabei? Die Stationen legen das Geld zusammen, ich passe auf, dass Tim das Geld nicht zum Fenster rausschmeißt und die Mädels kriegen ihre Party. Sie haben sie sich verdient!"
"Aber nicht mit meinem Geld!", erwiderte Schmidt wütend.
"Das ist nicht IHR Geld", erklärte Nikola ruhig, "das ist das Geld, das die Verwaltung Ihnen für Ihre Arbeit zur Verfügung stellt."
"Zu meiner Arbeit gehört aber keine Party für die Schwesternschülerinnen!"
"Keine Sorge, Sie werden schon nicht dran teilnehmen müssen."
"Das wäre ja noch schöner!", rief Schmidt. "Ich bezahle die Party und darf dann noch nicht mal kommen?"
Mit Genugtuung registrierte Nikola den Umschwung in Schmidts Stimmung. "Sie machen es also?"
Sie sah Schmidt an, wie er darüber nachdachte. Zwei Dutzend junger Schwesternschülerinnen, von denen die eine Hälfte einem Flirt mit ihm schon in der Vergangenheit nicht abgeneigt war. Und die andere Hälfte ihm zu Dank verpflichtet, weil er ihre Party finanziert hatte. Die Sache schien ihm langsam zu gefallen.
"Meinetwegen", grummelte er nach einer Weile. "Aber passen Sie auf Herrn Schenk auf!"

Tim war jedoch in diesem Fall für Nikola das geringste Problem, denn mit ihm wusste sie schließlich umzugehen. Und immerhin hatten sie beide sehr ähnliche Vorstellungen davon, wie eine anständige Party auszusehen habe. Mit ihren Kolleginnen von den anderen Stationen wurde es da schon schwieriger. Als Nikola am nächsten Morgen mit ein paar Minuten Verspätung zu der Besprechung erschien, zu der Tim alle Stationsschwestern eingeladen hatte, war die Diskussion schon in vollem Gange. Genauer gesagt, stellte Schwester Dagmar, die neue Stationsschwester von Dr. Graf, gerade ihre Ideen vor. Und verwundert bemerkte Nikola, dass der Rest der Versammlung wie gebannt an ihren Lippen hing.
"Zum Termin habe ich mir folgendes überlegt: Die Party findet schon an diesem Freitag statt, das war der einzige Termin, an dem die meisten Chefärzte Zeit hatten", erklärte Dagmar. In wenigen Sätzen skizzierte sie ihre weitere Planung der Party, die, angefangen beim Termin über die Essens-Auswahl bis hin zur Musik vor allem durch eines gekennzeichnet war: die Wünsche und Vorstellungen der Chefärzte zu berücksichtigen "Noch Fragen?"
"Ist das eigentlich eine Party für die Chefärzte oder für die Schwesternschülerinnen?", meldete sich Nikola zu Wort.
Überrascht drehten sich die anderen zu ihr um. "Wie schön, dass du auch noch die Zeit gefunden hast, dich hier mit einzubringen", begrüßte Schwester Dagmar sie von oben herab. "Was stört dich an meiner Planung?"
"Nun, wenn du mich so fragst…" Nikola erhob sich, um mit Schwester Dagmar immerhin auf einer Augenhöhe zu sein. "Alles! Die Chefärzte hier, die Chefärzte da! Hey, das wird unsere Party! Und wenn die Ärzte dann kommen wollen, ok, sollen sie. Aber wir können doch nicht ernsthaft alles um sie rumplanen."
"Immerhin bezahlen sie aus ihrem Etat dafür", mischte sich Schwester Anneliese ein.
"Deswegen dürfen sie ja auch kommen und mitfeiern", erwiderte Nikola ruhig und ging nach vorne um ihre Kolleginnen besser anreden zu können. "Außerdem ist es der Stations-Etat. Ihr tut ja gerade so, als würden die das aus der Privatkasse zahlen."
"Für manche Ärzte ist das wirklich kein großer Unterschied mehr", war Tims Kommentar und er grinste Nikola an. Allerdings nur solange, bis Schwester Dagmars ihn böse anfunkelte.
"Aber wollt ihr wirklich alle eure Chefs dabei haben?", versuchte Nikola ihre Kolleginnen aufzurütteln.
"Also ich finde, das sind wir ihnen als Ausbilder schuldig", erklärte Schwester Katrin mit beifallheischendem Blick auf Dagmar. "Und es kommen doch noch nicht mal alle", versuchte Schwester Iris die Wogen zu glätten, "so wie's jetzt aussieht, wären es eh nur Graf, Lutz, Meier und Schmidt".
"Und auf den könnten wir wirklich auch noch gut verzichten", ätzte Schwester Dagmar.
Nikola dreht sich direkt zu ihr. "Was soll denn das jetzt heißen?"
"Dass ich auf seine überhebliche Art verzichten kann. Auf seine Show und auf sein Macho-Getue", Schwester Dagmar redete sich in Rage, "und darauf, dass er versucht auch wirklich JEDE Schwester anzubaggern."
"Na, da musst DU dir bei Schmidt wirklich keine Sorgen machen!" Nikola wusste sehr genau, dass Dagmar die letzte Schwester wäre, die Schmidt anbaggern würde. Und sie sah Dagmar an, dass sie selbst das auch wusste. Und vor allem, dass sie wusste, dass auch Nikola dies wusste.
"Ich finde, Dagmar hat recht", mischte sich nun auch Schwester Natalie ein. "Schmidt ist doch 'ne Spaßbremse."
"Das stimmt doch gar nicht!", protestierte Nikola.
"Also hör mal", entgegnete Natalie, "du bist doch damals selbst in die Entbindung gewechselt, weil der Mann einfach unerträglich ist."
"Das war was völlig Anderes", versuchte Nikola sich zu rechtfertigen, "außerdem bin ich ja wieder auf der Orthopädie, also kann's so schlimm ja nicht sein!"
"Aber wo dieser arrogante Schnösel auftaucht, ist doch direkt jede Stimmung im Eimer", protestierte nun auch Anneliese.
"Aber man kann mit Schmidt wirklich 'ne Menge Spaß haben!", rief Nikola engagiert.
Tim beugte sich zu ihr. "Also dass DU schon mal 'ne Menge Spaß mit ihm hattest, weiß ich ja, aber..."
"Tim, halt deine Klappe!", fuhr Nikola ihn an, aber zu spät. Dagmar hatte Tims Kommentar verstanden und nun ein dämlich überlegenes Grinsen im Gesicht.
Na warte, dachte Nikola. "Ich finde, wir sollten darüber abstimmen", forderte sie dann ihre Kolleginnen auf. "Wer ist dafür, dass wir uns bei der Planung vor allem nach dem Schwesternschülerinnen richten und die Ärzte nur als Gäste einladen, wie eben alle anderen Gäste auch?" Sie hob selbst als erstes die Hand und schaute sich erwartungsvoll um. Aber sie war die einzige. Und sie blieb die einzige. Die Kolleginnen wichen ihrem Blick aus und irgendwann zog sie peinlich berührt ihren Arm wieder zurück.
"Gut, das hätten wir dann geklärt!", sagte Schwester Dagmar zufrieden. "Dann sollten wir jetzt darüber abstimmen, welche der Ärzte wir einladen und welche nicht. Wer ist dagegen, Dr. Schmidt einzuladen?" Sie hob sofort ihre Hand und zögerlich folgten ihr nach und nach alle der anderen Schwestern. Nikola konnte ihren Augen nicht trauen. "Wenn Dr. Schmidt nicht kommen darf, dann kommen wir von der Orthopädie ALLE nicht!" Doch auch diese Drohung blieb ohne Wirkung und so rauschte Nikola wutentbrannt aus dem Besprechungszimmer.

"Und? War dir dein Schmidt das wirklich wert?", fragte Tim, als er Nikola nach der Mittagspause in der Kantine vor dem Fahrstuhl traf.
"Erstens ist er nicht MEIN Schmidt", wütend drückte Nikola auf den Fahrstuhlknopf. "Und zweitens, was meinst du überhaupt?"
"Nikola, du hast dich heute morgen gegen alle deine Kolleginnen gestellt", erklärte Tim geduldig, "und das nur, weil die Schmidt nicht so mögen wie du."
"Ich mag Schmidt doch auch nicht!", protestierte Nikola und versuchte Tims Grinsen zu übersehen. "Aber Schwester Dagmar mag ich noch viel weniger. Und ihre Art das zu einer Party für die Chefärzte zu machen mag ich erst recht nicht."
"Und was ist jetzt deine Alternative? Die große Party findet nämlich jetzt wirklich ohne die Orthopädie statt."
"Na und!", erwiderte Nikola schnippisch. "Dann organisieren Schmidt und ich halt 'ne eigene." Tims Grinsen wurde immer breiter. "Für unsere Mädels, verdammt noch mal." Sie wollte gerade anfangen sich zu rechtfertigen, als Schmidt zu ihnen trat.
"Ah, unser Fest-Komitee bei der Arbeit?", begrüßte er die beiden spöttisch. "Ich hoffe, Sie vernachlässigen vor lauter Party-Planung nicht Ihre eigentlichen Aufgaben." Gemeinsam stiegen die drei in den Fahrstuhl.
"Ich ganz sicher nicht", beeilte Tim sich zu erklären. "Bei unserer Party teilen wir uns die Arbeit. Ich weiß ja nicht, wie das bei Nikola und..."
"Danke, Tim!", unterbrach Nikola ihn und ihr Blick sprach Bände. Der Fahrstuhl hielt und Nikola schubste Tim Richtung Tür. "Ich wünsche dann noch viel Spaß zusammen!", verabschiedete Tim sich beleidigt und stieg aus.
"Was ist denn mit Herrn Schenk los?"
"Wieso?", fragte Nikola mit Unschuldsmiene.
"Naja, er ist so..." Schmidt wusste gar nicht, wie er es sagen sollte. Nikola zuckte ratlos die Schultern und Schmidt vertiefte sich wieder in seine Unterlagen.
"Dr. Schmidt, über die Party-Geschichte müsste ich dann aber doch noch mal mit Ihnen reden...", begann Nikola dann, aber bevor Schmidt nach dem Grund fragen konnte, hielt der Fahrstuhl erneut und neben einigen Patienten stieg auch Dr. Graf zu ihnen.
"Schwester Nikola, Dr. Schmidt... stören wir beim... "Spaß haben"?", begrüßte er die beiden süffisant.
Nikola hatte endgültig genug. "Ich bringe diese blöde Kuh um!", zischte sie und drängelte sich an den einsteigenden Leuten hindurch zur Tür.
"Kann mir vielleicht mal jemand erklären, was hier eigentlich vor sich geht?" Schmidt blickte ratlos zwischen ihr und Dr. Graf hin und her.
"Das erkläre ich Ihnen später, Dr. Schmidt!" Nikola baute sich vor Dr. Graf auf: "Und Schwester Dagmar können Sie ausrichten, dass die Party der Orthopädie besser werden wird als der Firlefanz, den sie da organisiert."
"Schwester Nikola, aber ich dachte...", rief Schmidt, aber Nikola hatte den Fahrstuhl schon verlassen. Kurzentschlossen drängelte er sich ebenfalls zwischen den Leuten hindurch nach draußen.
"Ah, Dr. Schmidt?", wurde er beim Verlassen des Aufzugs von einem Kollegen begrüßt, "kommen Sie DOCH endlich mal zur Vorsorge? Ist ja auch ratsam in Ihrem Alter. Oder hatten Sie schon Beschwerden in letzter Zeit?"
"Beschwerden?", antwortete Schmidt verwirrt. "Ich? Welche Vorsorge?" Er sah sich um und bemerkte erst jetzt, dass er auf der Urologie ausgestiegen war. Er machte eine abschätzige Handbewegung und rannte weiter. Im Treppenhaus holte er Nikola ein.
"Schwester Nikola..."
Überrascht drehte Nikola sich um.
"Wir beide?!?"
Nikola nickte wortlos und folgte Schmidt zurück auf die Urologie, wo sie sich einen ungestörten Ort suchten.

"Wieso machen wir eine eigene Party?", fragte Schmidt ebenso streng wie verständnislos. "Ich dachte, es sollte eine Party aller Stationen werden." Nikola schwieg und sah sich scheinbar interessiert in der fremden Abstellkammer um. "Und für eine eigene anständige Party reicht doch der Etat gar nicht", fuhr Schmidt fort. "Und glauben Sie bloß nicht, dass ich da was zuschieße. Und..." Schmidt fiel nichts mehr ein. "Jetzt sagen Sie doch auch mal was!"
"Wir konnten uns über bestimmte Dinge eben nicht einigen", erklärte Nikola ruhig.
"Wer ist wir?"
"Das ist doch vollkommen unwichtig."
"Ich hätte mir denken können, dass es nicht funktioniert, wenn man so wichtige Dinge wie die Organisation einer Party den Schwestern überlässt", erklärte Schmidt überheblich.
"Klar, Sie und Dr. Graf hätten sich sicher sofort über alles einigen können", erwiderte Nikola.
"Allerdings! Und wissen Sie auch, warum? Weil Männer einfach von Natur aus viel sachlicher an Probleme herangehen und sich nicht in Nebensächlichkeiten verheddern." Schmidt fing an zu dozieren. "Wir wären logisch und strukturiert vorgegangen und hätten die Organisation in einer halben, ach was sag ich, höchstens einer Viertelstunde erledigt. Was gibt es da denn schon zu tun? Man braucht ein Büfett, Musik, meinetwegen etwas alberne Dekoration, das finden Frauen ja unverzichtbar, und natürlich ein paar Flaschen anständigen Wein und ein paar Zigarren - schließlich will man als Chefarzt nicht Bowle aus Pappbechern trinken."
"Falls es Sie beruhigt, das hat Schwester Dagmar alles schon berücksichtigt." Nikolas Spott war auch für Schmidt nicht zu überhören.
"Ach so, jetzt geht mir ein Licht auf. Und genau DAS passt ihnen nicht."
"Was jetzt genau?", fragte Nikola betont unschuldig.
"Dass Schwester Dagmar die entscheidenden Dinge im Blick hat."
"Wenn Sie's genau wissen wollen: JA!"
"Das ist ja wieder mal typisch für Sie! Und nur um Recht zu behalten, stellen Sie sich gegen all Ihre Kolleginnen. Und das auf Kosten der Schwesternschülerinnen! Schwester Nikola..." Schmidt hob strafend den Finger, aber Nikola sah ihm an, dass er diese Rolle sehr genoss und fiel ihm ins Wort.
"Dr. Schmidt, SIE waren doch gar nicht dabei..."
"Na Gott sei Dank."
Allerdings, dachte Nikola, als sie sich an das Ende der Besprechung erinnerte. "Ist ja auch egal", versuchte sie dann von diesem Thema abzulenken. "Was machen wir denn jetzt?"
"Wir?"
"Ja, wir! Mit der Party für unsere Mädels."
"Tja, dann überlegen Sie sich mal was Nettes für IHRE Mädels." Schmidt wandte sich zum Gehen, aber Nikola stellte sich ihm in den Weg. "Moment mal, Dr. Schmidt!"
"Schwester Nikola, SIE haben das verbockt, also kümmern Sie sich auch drum. Ich werde auf der Abschlussparty auf jeden Fall meinen Spaß haben, und was Sie mit den drei Mädels machen ist mir dann auch egal."
"Falsch!" Wütend öffnete Nikola die Tür. "SIE werden auf der Abschlussparty keinen Spaß haben, Sie sind nämlich nicht eingeladen!" Ohne ein weiteres Wort verließ sie die Abstellkammer und sah sich kein einziges Mal nach Schmidt um.

Schmidt hatte es ja gleich gewusst: Frauen durfte man mit organisatorischen Dingen nicht allein lassen. Ohne die leitende Aufsicht eines Mannes versank gleich alles im Chaos. Aber viel mehr als die Spaltung der Party interessierte ihn, warum er nicht eingeladen sein sollte. Eine Abschlussparty ohne Ärzte, was für eine Frechheit. Da teilt man großzügig sein Wissen mit dem Nachwuchs, plagt sich monatelang mit begriffsstutzigen Schülerinnen herum, die durch ihre Tollpatschigkeit mehr Schaden anrichten als helfen, und was ist der Dank?, dachte er. Dabei hatten sich einige der Schwesternschülerinnen während ihrer Ausbildung durchaus kooperativ gezeigt - bei dem Gedanken grinste er selbstgefällig -, diese unsinnige Idee, ohne Ärzte zu feiern, hatten bestimmt eifersüchtige Stationsschwestern ausgeheckt. Und Schwester Nikola wahrscheinlich mittendrin.
Innerlich den Kopf schüttelnd, trat er auf der Orthopädie aus dem Aufzug, als Tim ihm entgegenkam. Na, der muss es doch wissen, dachte Schmidt und hielt Tim auf. "Herr Schenk!"
"Ja...?" stotterte Tim.
"Wieso sind wir Ärzte nicht zur Abschluss-Party eingeladen?" Schmidt baute sich vor Tim auf.
"Naja...", begann Tim vorsichtig, "es sind schon einige Ärzte eingeladen."
"Einige...?", fragte Schmidt mit drohendem Unterton.
"Naja, ein paar hatten auch sowieso keine Zeit und keine Lust und...", Tim geriet wieder ins Stottern, "...bei ... bei den anderen wurde über die Einladung abgestimmt."
"Und da hat Schwester Nikola also gegen mich gestimmt? So eine Unverschämtheit! Das ist doch..."
"Hat sie doch gar nicht", unterbrach Tim ihn.
Schmidt hielt irritiert inne. "Aber sie hat gesagt, ich wäre nicht eingeladen."
"Sind Sie auch nicht", traute Tim sich zu beichten und bevor Schmidt wieder wütend werden konnte, fuhr er mit seiner Erklärung fort. "Die anderen Schwestern wollten Sie nicht einladen. Dagmar vor allem."
Schmidt schnaubte verächtlich. "Na das kann ich mir vorstellen. Die würde ich auch nicht einladen!"
Tim ließ sich nicht beirren: "Und Nikola war als einzige nicht dagegen, Sie einzuladen." Schmidts Miene war inzwischen weniger drohend, sondern eher ziemlich verwundert. Und Tim konnte sein Bedürfnis den neuesten Klatsch zu verbreiten mal wieder nicht stoppen. "Naja und dann hat Nikola gesagt, wenn Sie nicht kommen dürfen, kommen von der Orthopädie alle nicht." Er strahlte Schmidt beifallheischend an.
"Das hat Schwester Nikola gesagt?" Tim nickte. "Über MICH?" Tim nickte erneut, aber begann auch so langsam zu realisieren, dass er Schmidt dies alles besser nicht hätte erzählen sollen. Und somit fiel ihm ein Stein vom Herzen, als in dem Moment sein Handy klingelte und er eine gute Entschuldigung hatte, das Gespräch mit Schmidt zu beenden.

"Ja, ich weiß, dass es für übermorgen eine sehr kurzfristige Anfrage ist, aber..." Nikola wartete die Antwort am anderen Ende der Leitung ab. "Alles klar. Ja, kann man nichts machen, trotzdem danke." Frustriert legte sie den Hörer auf. Seit zwei Tagen telefonierte sie nun mit verschiedenen Kneipen, Locations und Party-Services, von den Unterhaltungs-Acts gar nicht zu sprechen. Ohne Erfolg. Hinzu kam, dass der größte Teil der Leute, die sie einladen wollte, schon anderweitig verplant war. So wie es aussah, würde Nikolas Party der absolute Reinfall. Und da inzwischen das Gerücht umging, dass die Chefärzte die Planung der großen Party an sich gezogen hatten, würde ihr Reinfall wohl noch viel peinlicher als er es sowieso schon zu werden drohte.
"Na, was macht die Planung unserer Party?", hörte sie eine freundliche Stimme hinter sich. Irritiert drehte sie sich um, aber sie hatte sich nicht verhört. Hinter ihr stand tatsächlich Schmidt und lächelte.
"Schwester Nikola?"
Nikola starrte ihn noch immer sprachlos an. Er lächelte. Einfach so. Misstrauisch antwortete sie nach einem Moment: "UNSERE Party? Was ist denn mit der Party von Schwester Dagmar?"
"Nun ja, ich hab noch mal drüber nachgedacht", begann Schmidt und trat zu ihr ins Stationszimmer, "vielleicht ist eine eigene Party der Orthopädie gar keine so schlechte Idee."
"Ach, auf einmal? Woher denn der Sinneswandel?"
"Ist das wichtig?" Schmidt lehnte sich an den Tisch und sah sie aufmerksam an.
"Ja!" Nikola stand auf und trat ihm gegenüber. Sie hasste es, wenn er auf sie herabsah. "Sie führen doch was im Schilde..."
"Wieso misstrauen Sie mir eigentlich immer so?"
"Weil ich Sie kenne."
"Das glauben Sie..."
"Das WEISS ich! Also..."
"Nun..." Schmidt druckste ein wenig herum, "wir konnten uns über bestimmte Dinge eben nicht einigen", erklärte er dann.
"Wer ist wir?"
"Das ist doch vollkommen unwichtig."
"War ja klar, dass es nicht funktioniert, wenn die Chefärzte die Organisation so einer Party an sich reißen", erwiderte Nikola und hielt inne, als sie merkte, dass sie eben diesen Dialog vor nicht allzu langer Zeit schon einmal geführt hatten. Sie musste gegen ihren Willen grinsen. Schmidt grinste ebenfalls, lehnte sich zu ihr herüber und senkte die Stimme: "Diese Schwester Dagmar ist wirklich eine Zicke und Dr. Graf frisst ihr aus der Hand, das ist einfach..." Er verzog das Gesicht. "Also, wie läuft's mit Ihrer Planung?"
"Ehrliche Antwort?", fragte Nikola und Schmidt nickte.
"Beschissen!", stellte sie fest. "Für die Sachen, die ich mir vorstelle, reicht das Geld nicht. Und das, was wir uns leisten könnten, ist schon längst ausgebucht. Und die Leute, die ich einladen wollte, haben alle schon was anderes vor. Schwester Dagmar war da wohl einfach schneller."
"Und was machen wir jetzt?"
"Anstatt Fragen zu stellen, sollten Sie vielleicht mal 'nen Vorschlag machen, Dr. Schmidt!"
"Nun ja, wenn wir keine Party machen können...", überlegte er, "ich könnte die Mädels einladen zu einem luxuriösen Abendessen? Ins ‚Chez Henry'?"
"Sie glauben doch wohl nicht im Ernst, dass ich Sie alleine mit den drei Mädels DA hin lasse?"
"Wieso denn nicht?"
"Weil das der Laden ist, in den Sie all ihre neuesten Eroberungen abschleppen. Wie sieht denn das aus, wenn sie da mit den drei Schülerinnen auftauchen? Und überhaupt, da kommen Sie womöglich noch auf ganz falsche Gedanken..."
"Sie können ja gerne als Anstands-Wauwau mitkommen", erwiderte Schmidt mit spöttischem Lächeln, wurde dann aber wieder ernst. "Aber keine Sorge, da es eine Einladung der Station sein soll, hätte ich Sie so oder so mitgenommen."
"Und wie kommen Sie auf die Idee, dass ICH mit Ihnen Essen gehen würde?", fragte Nikola empört.
"Nun ja, immerhin waren wir schon mal zusammen Essen und...", begann Schmidt, aber er wurde sofort von Nikola unterbrochen. "... und das Thema haben wir Gott sei Dank hinter uns."
Nach kurzer Überlegung und dem Gedanken an ihr begrenztes Budget sowie den drängenden Termin lenkte Nikola ein. "Das mit dem Essen ist vielleicht doch gar keine so schlechte Idee. Aber nicht in einem Restaurant. Wir laden die Mädels zu uns nach Hause ein. Ich meine...", Nikola fing an zu stottern, "...zu einem von uns."
"Zu mir", antwortete Schmidt, als sei diese Entscheidung die selbstverständlichste der Welt.
"Auf gar keinen Fall!", protestierte Nikola.
"Was passt Ihnen denn jetzt daran auch schon wieder nicht?"
Nikola zögerte. Sie konnte Schmidt doch auf keinen Fall sagen, dass sie sich geschworen hatte, nie wieder einen Fuß in seine Wohnung zu setzen.
"Meine Wohnung hätte immerhin das richtige noble Ambiente", erklärte Schmidt, "wenn Sie schon in kein Restaurant wollen."
"Zu nobel für diesen Anlass", entschied Nikola dann kurzerhand. "Ich sag den Mädels jetzt Bescheid und wir treffen uns übermorgen 15 Uhr bei mir zum Vorbereiten. Sie kümmern sich um den Wein, ich mich ums Menü. Alles klar?" Sie wandte sich zum Gehen, drehte sich dann aber noch einmal um.
"Und, Dr. Schmidt?"
"Ja?"
"Danke."

Eine knappe halbe Stunde, bevor Andrea, Barbara und Carolin am Abend der Einladung auftauchen sollten, stand Nikola in der Küche und gab dem Menü mit leicht hektischen Handgriffen den letzten Schliff. Die Vorspeisen standen appetitlich angerichtet bereit, der Braten war fast durch, es fehlte nur noch das Gratin, das in Schmidts Ofen vor sich hin arbeitete und das er nachher mitbringen sollte. Bei dem Gedanken, dass dieser Ofen wohl zum ersten Mal seit Jahren für die Zubereitung einer "richtigen Mahlzeit" gebraucht wurde, musste sie schmunzeln. Das letzte Mal hatte sicher sie ihn benutzt, als Dr. Schmidt sie mit ihrem Eindringen in seine Wohnung erpresst hatte, für seine Gäste zu kochen. Das lag nun schon eine halbe Ewigkeit zurück. Sie kontrollierte noch einmal, ob die Panna Cotta die richtige Konsistenz angenommen hatte. Schließlich sollte alles perfekt sein. Wenn sie den Braten im Ofen ein letztes Mal übergossen und den vorbereiteten Salat angemacht haben würde, war gerade noch genügend Zeit, den Bademantel mit einem angemesseneren Outfit zu vertauschen.
Rückblickend konnte sie selbst kaum glauben, dass der Nachmittag mit Schmidt erstaunlich friedlich verlaufen war. Sie lächelte in sich hinein, als ihr klar wurde, dass sie wieder mal gezeigt hatten, dass sie zusammen ein perfektes Team waren, wenn es darauf ankam. Rein professionell natürlich, versuchte sie sich zu beruhigen, denn bei dem Gedanken an alles andere zuckte sie innerlich zusammen. Andererseits, wenn Schmidt öfter mal so wäre wie an diesem Nachmittag... Sie erwischte sich dabei, wie sie sich das vorstellte und erschrak. Schnell verscheuchte sie diesen Gedanken und freute sich nach dem friedlichen und harmonischen Nachmittag auf ein grandioses Menü, leckeren Wein und hoffentlich auch sonst einen in allen Belangen schönen Abend.

Im letzten Moment fiel ihr ein, dass sie Nachtschwester Silke noch kurz an die Besonderheiten einer wichtigen schwierigen Patientin erinnern wollte. Kurzerhand griff sie zum Telefon.
"Hallo Silke, hier ist Nikola, na wie läuft's?"
"So wie immer in der Nachtschicht", erklärte ihre Kollegin gelangweilt. "Warum rufst du an?"
"Hast du schon gesehen, dass Frau Meise wieder mal bei uns ist?"
"Nee, das hat Ela bei der Übergabe nicht erwähnt! Oh Gott!", klagte Silke. "Dann verstehe ich, warum du heute den Dienst tauschen wolltest."
"Hey, ich hab den Dienst getauscht, weil ich für unsere Mädels ein Essen organisiere, nachdem das mit der Party ja nicht so geklappt hat."
"Tja, wenn du dich auch wegen Schmidt mit Dagmar streiten musstest", antwortete Silke und Nikola konnte das Grinsen auf ihrem Gesicht nahezu vor sich sehen.
"Sag mal, hat das jemand ans Schwarze Brett gehängt? Wieso weiß das denn schon wieder jeder?!?!"
"Nikola, du hattest Tim dabei, schon vergessen...?"
Nee, leider nicht, dachte Nikola sich. "Und überhaupt, Schmidt hat sich doch bei der Planung auch mit Dagmar und Graf gestritten...", versuchte sie ihren Auseinandersetzung mit Dagmar zu bagatellisieren.
"Wie kommst du denn da drauf?", fragte Silke erstaunt.
"Das hat er mir so gesagt. Warum hätte er sonst jetzt mit mir das Essen hier organisieren sollen?"
"Keine Ahnung, aber gestritten hat er bei der Planung sicher nicht. Soweit ich weiß, war er gar nicht dabei."
"Wer sagt das?"
"Schwester Anneliese, und die muss es ja wohl wissen", erklärte Silke dann mit besserwisserischem Tonfall. Bevor Nikola darauf antworten konnte, klingelte es an der Tür. Sie schaute überrascht auf die Uhr. Für die Mädels war es viel zu früh und auch Schmidt dürfte erst in ein paar Minuten mit dem Gratin in seiner Wohnung fertig sein, sie hatte ihm extra den Wecker gestellt, damit bei Schmidts Kochkünsten nichts schief gehen konnte. Knochen zusammenflicken war das eine, aber eine warme, essbare Mahlzeit zuzubereiten...
"Stephanie, machst du mal auf!", rief sie.
"Oh Mann, ich bin beim Packen!", drang eine genervte Stimme aus Stephanies Zimmer.
"Und ich telefoniere, also mach hinne!"
Genervt pfefferte Stephanie ein paar Klamotten auf den Tisch und öffnete die Tür. "Hallo Tim!", sagte sie kurz angebunden und verschwand wieder in ihrem Zimmer.
"Aber ich muss jetzt auch echt Schluss machen, Silke", beendete Nikola das Gespräch dann, "ich hab hier noch 'ne Menge zu tun."
"Alles klar, so oder so, wünsche ich euch 'nen schönen Abend!"
"Danke, werden wir haben. Ciao!"
"Was ist denn mit Stephanie los?", fragte Tim neugierig, als er mit Nikola gemeinsam in die Küche trat.
"Sie fährt morgen auf Klassenfahrt und hat noch nicht gepackt", erklärte Nikola, "beziehungsweise packt sie seit Stunden die einen Klamotten ein, dann nach dem Telefonat mit Jessica wieder aus und andere ein und so weiter."
"Ach ja, kenn ich", sagte Tim verständnisvoll. "Wo soll's denn hingehen?"
"Eine Woche Segeln auf dem Ijsselmeer! Dreißig 17-jährige hormongesteuerte Jungs und Mädels zusammen auf ein Schiff zu pferchen", erklärte Nikola. "Die Lehrer müssen doch bekloppt sein!"
"Wieso? Ich stelle mir das romantisch vor und..." Tim seufzte.
"Dein UND will ich mir da lieber nicht vorstellen", erwiderte Nikola trocken. "und die werden da noch Stress genug miteinander kriegen, glaub mir!"
"Und wie läuft's hier so?"
"Super!", antwortete Nikola im Brustton der Überzeugung. "Das Menü ist perfekt, die Deko auch, wir haben uns noch eine nette Danksagung überlegt... also ich freue mich auf den Abend."
"Das sieht man dir an!"
"Wieso?"
"Naja, du bist ja richtig aufgekratzt. Nikola, ich glaube du wirst echt alt. Da steigt 'ne Mega-Party und du freust dich auf 'nen geselligen Abend mit drei jungen Frauen und ... Schmidt."
"Also man kann ja über ihn sagen was man will, aber ein charmanter Gastgeber kann er sein, das musst sogar DU zugeben! Und heute Nachmittag war er sogar richtig...", sie überlegt kurz, "...zahm. Fast schon erschreckend." Nikola grinste Tim an.
"Na, wenn dich ein Abend mit Schmidt so glücklich macht, wünsche ich dir viel Spaß!" Tim lächelte süffisant und probierte ungefragt vom Vorspeisen-Teller. Nikola schlug ihm auf die Finger und sah ihn strafend an. "Du kannst dich doch auf eurer Party satt essen! Und dir so langsam auch mal 'nen neuen Spruch ausdenken!"
"Was du immer hast!", maulte Tim und verschwand beleidigt Richtung Tür.
"Tim!"
"Ja?" Er drehte sich noch mal um.
"Ich wünsch dir auch viel Spaß!", grinste sie ihn an. Tim grinste zurück, winkte ihr noch mal zu und verschwand und Nikola wandte sich gut gelaunt wieder ihrer Arbeit zu.
Kurz danach klingelte schon wieder das Telefon.
"Stephanie, geht's du mal ran?"
"Ey, ich muss ECHT packen!", rief ihre Tochter genervt zurück.
"Du hättest weniger Stress damit, wenn du nicht dauernd mit Jessica telefoniert hättest! Und wahrscheinlich ist sie es jetzt sowieso wieder, also..."
Widerwillig suchte Stephanie das Telefon und wurde im Wohnzimmer fündig.
"Stephanie Vollendorf... Nein, die steht gerade in der Küche... Ja, ok, ich werd's ihr ausrichten. ... Alles klar, gute Besserung. Ciao."
"Wer war das denn?", rief Nikola neugierig.
"Auf jeden Fall NICHT Jessica", antwortete ihre Tochter übertrieben deutlich. "Eine Barbara. Sie hat sich den Fuß verstaucht und kann nicht kommen."
Stephanie stibitzte sich ebenfalls was von den Vorspeisen, ehe Nikola es verhindern konnte und ging zurück in ihr Zimmer, aber nur um kurz danach in die Küche zurückzukehren und Nikola einen knallgelben Zettel auf die Arbeitsplatte zu legen. "Du musst das hier noch unterschreiben."
"Was ist das?"
"Steht drauf!"
"Stephanie, ich hab hier alle Hände voll zu tun und kann das jetzt nicht..." Nikola war gerade mit beiden Händen in einer großen Salatschüssel zugange.
"Na super!" Stephanie verdrehte die Augen. "Ich brauche das aber morgen früh."
"Verrate mir einfach, was es ist und ich überlege mir schon mal, ob ich es unterschreibe", konterte Nikola übertrieben freundlich.
"Das ist die Einverständnis-Erklärung, dass wir in Amsterdam an Land gehen dürfen", erklärte Stephanie genervt.
"Ok, ich denke drüber nach!", sagte Nikola kurz angebunden und bemühte sich ihr Grinsen zu unterdrücken.
"Wie bitte!? Mama, das MUSST du mir unterschreiben! Sonst kann ich ja gleich hier bleiben!"
Nikola war zu gut gelaunt um ihre Tochter länger ärgern zu wollen. "Mache ich doch. Aber jetzt geht's halt nicht, siehst du doch", sagte sie, wobei sie ihre in Salatsoße gebadeten Hände in die Luft streckte. "Leg's mir auf den Nachttisch, ich mache das noch heute Nacht."
"Aber vergiss es bloß nicht." Stephanie nahm den Zettel wieder an sich. "Ich bin übrigens jetzt gleich bei Jessica, ok? Diesen Abend hier muss ich mir ja echt nicht antun."

Als Stephanie kurz danach die Wohnung verließ, stieß sie in der Tür beinah mit Schmidt zusammen, der konzentriert in einer Hand das heiße Gratin und in der anderen Wein und Champagner balancierte. "Und Tschüss", begrüßte sie ihn nur kurz und musterte belustigt seinen mitgebrachten Partybeitrag. Leute in dem Alter haben ja echt 'ne komische Auffassung von 'nem schönen Abend, dachte sie nur.
"Da sind Sie ja endlich", begrüßte Nikola ihn, als er die Sachen in der Küche abstellte.
"Bin ich zu spät?" Er sah schuldbewusst auf seine Uhr.
"Nein, aber ich bin hier noch nicht ganz fertig, der Braten muss noch einmal übergossen werden und ich muss mich noch umziehen."
Schmidt bemerkte erst jetzt, dass Nikola im Bademantel neben ihm stand. Angestrengt betrachtete er die Armatur am Spülbecken, um sie nicht ansehen zu müssen. Am Nachmittag hatten sie noch ganz unbeschwert beisammen gesessen, um den Abend zu planen, und kaum stand diese Frau ihm im Bademantel gegenüber, machte sie ihn wieder von einer Minute auf die andere ganz schön nervös. Erleichtert registrierte er, dass Nikola hingegen ganz unbefangen mit dieser Situation umging. "Machen Sie das hier mal zuende, ok?", überließ sie ihm das Feld und reichte ihm schmunzelnd die Schöpfkelle. "Ach übrigens, Barbara ist krank und hat abgesagt. Also sind wir nur zu viert."
Sie ließ einen etwas verunsicherten, mit Soßenlöffel bewaffneten Dr. Schmidt in der Küche stehen und verschwand in ihrem Schlafzimmer, wo sie als erstes Stephanies Einverständnis-Erklärung, die diese achtlos aufs Bett geworfen hatte, ebenso achtlos auf den Nachttisch legte.
Dann öffnete sie ihren Schrank und holte verschiedene Teile heraus, die sie aufs Bett legte und fing an zu grübeln. Ich sollte nie wieder über Stephanie lästern, dachte sie, als sie sich nach fünf Minuten noch immer nicht entscheiden konnte. Kurzerhand wählte sie dann das neue, sündhaft teure kleine Schwarze, welches weder zu kurz noch zu lang war, einen nicht zu kleinen und nicht zu großen Ausschnitt hatte und von dem Tim behauptete hatte, dass sie darin phänomenal aussähe. Angeblich brächte es die in ihren Augen nicht allzu ausgeprägten Vorteile ihrer Figur besonders gut zur Geltung! Und zudem, die Gelegenheiten, es zu tragen, konnte man an einer Hand abzählen, und nur für den Schrank hätte sie es erst gar nicht kaufen müssen.
"Wie ändern wir denn jetzt die Tischordnung?", hörte sie Schmidt rufen, als sie sich gerade ihren Schmuck anlegte. "Moment, ich komme", gab sie zur Antwort, schlüpfte in ihre Schuhe und trat zu ihm ins Wohnzimmer.

Als Schmidt sie erblickte, verlor er zuerst die Fassung und dann die Kontrolle über das Gedeck, das er gerade abgeräumt hatte. Einen Moment lang stand er wie gelähmt da und wusste selbst nicht, ob es wegen des zerbrochenen Geschirrs oder Nikolas Anblick war. Insgeheim kannte er die Antwort schon, aber sich die einzugestehen, traute er sich nun doch nicht. Gerade noch hatte er ihren unbefangenen Umgang mit ihm bewundert und nun stand sie auch noch mit diesem sexy "kleinen Schwarzen" vor ihm. Es war gar nicht ihre Art, sich für ein Abendessen mit den Schwesternschülerinnen derart in Schale zu werfen. Sie war doch sonst eher eine Frau für das Praktische. Was führte sie denn nun wieder im Schilde?
"Ich hoffe...", fing er dann an zu stottern, "das war kein teures Geschirr, Erbstücke oder so", und kniete sich hin um die Scherben aufzusammeln.
"Dr. Schmidt, SIE haben das Geschirr mitgebracht", antwortete Nikola amüsiert.
"Ach ja, richtig", er sah zu ihr auf, "naja, ich wollte es eh bald entsorgen."
"Aber bevor's im Müll landet, ist es für ein Essen mit den Schwesternschülerinnen ja noch gut genug...?", neckte Nikola ihn.
"Nein, ich meinte...", versuchte er sich zu verteidigen, aber Nikola fiel ihm ins Wort. "Dr. Schmidt, das war ein Scherz. Passen Sie auf, dass Sie sich nicht schneiden." So gut es in dem engen Rock ging, hockte sie sich neben ihn und half, die letzten Scherben aufzusammeln.
"Dito", lächelte er zurück und konnte seinen Blick kaum von ihr abwenden. Ob sie sich ihrer Wirkung auf ihn eigentlich bewusst war? Vielmehr, warum warf ihn das so aus der Bahn, sie war doch nicht die erste Frau im kleinen Schwarzen. Immer noch völlig verwirrt und in Gedanken versuchte er, seine Fassung wiederzufinden. "So, das waren wohl die letzten, den Rest müssen wir zusammenfegen", holte sie ihn in die Realität zurück.
Eh Nikola sich versah, hatte Schmidt ihre freie Hand ergriffen und ihr aufgeholfen. "Danke", sagte sie überrascht und brauchte einen Moment um zu merken, dass er ihre Hand noch immer fest hielt. Schmidt schien es im selben Moment zu realisieren wie sie und peinlich berührt ließen sie einander los.
"Sie sehen heute Abend wirklich bezaubernd aus, Schwester Nikola", sagte er leise, ganz Gentleman aber immer noch sichtlich bemüht, sich unter Kontrolle zu bringen.
Nikola merkte, wie sie kurz davor war zu erröten. Er schaffte es doch immer wieder, sie aus der Fassung zu bringen. Warum musste er aber auch gerade jetzt wieder so charmant sein? "Nochmals Danke", stotterte sie und für einen kurzen Moment fragte sie sich, wie um alles in der Welt sie auf die Idee verfallen konnte, Schmidt ausgerechnet in diesem Kleid unter die Augen zu treten. Da sie die Antwort auf diese Frage aber jetzt lieber nicht ergründen wollte, schlug sie einen geschäftsmäßigen Ton an. "Sie öffnen jetzt am besten mal den Wein und ich fege das hier noch zusammen", sagte sie und versuchte seinem Blick auszuweichen, der immer noch gedankenverloren auf ihr ruhte.
Während Nikola die letzten Splitter zusammenfegte, suchte Schmidt in der Küche erfolglos nach einem Korkenzieher. "Ich glaube, den hab ich bei Tim vergessen", antwortete sie, als Schmidt zu ihr ins Wohnzimmer zurückkam und sie danach fragte. "Seiner war kaputt und..." sie lächelte entschuldigend.
"Ich hole meinen von oben", erklärte Schmidt kurzerhand, in der Hoffnung, auf dem Weg in seine Wohnung wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Wenige Minuten später kehrte er mit dem Korkenzieher zurück, allerdings ohne seine innere Ruhe vollständig wiedergefunden zu haben.
"So oft wie ich heute schon in meine Wohnung gerannt bin", sagte er, während er den Wein öffnete, "hätten wir das Essen doch besser bei mir oben veranstaltet." Ein weiterer Versuch seinerseits, das gefährliche Terrain für's Erste verlassen zu können.
"Ach und dann hätte ich dauernd hier runter laufen müssen, oder haben Sie etwa 'ne Kasserolle für den Braten und ein Handrührgerät in Ihrer Küche?"
"Nein", gab er zu und reichte ihr ein gefülltes Glas, "hab ich nicht. Aber Sie wollten das doch aus irgendeinem ganz anderen Grund nicht oben bei mir machen, oder?" Schon wieder wagte er sich auf unsicheren Boden... war er von allen guten Geistern verlassen?
"Wie kommen Sie denn da drauf?", fragte Nikola und hoffte, dass er das Zittern in ihrer Stimme nicht bemerkte.
"Keine Ahnung...", antwortete er und lächelte. "War nur so ein Gedanke." Er prostete ihr zu. "Auf den hoffentlich schönen Abend."
Nikola nickte und begann nervös an der Tischdekoration herumzuspielen. "Ich hab mir geschworen, nie wieder einen Fuß in Ihre Wohnung zu setzen, Dr. Schmidt!", erklärte sie dann beinahe beiläufig und ohne ihn anzusehen.
"Oh!", sagte Schmidt, ehrlich überrascht angesichts dieser aufrichtigen Antwort. "Verstehe..."
Nikola zog zweifelnd die Augenbraue hoch. "Doch", beeilte sich Schmidt zu sagen, "ich meine, wir..." Er fing an zu stottern und bevor er weiterreden konnte, klingelte das Telefon.
Nikola drückte Schmidt ihr Glas in die Hand und ging in den Flur. "Vollendorf. Oh, hallo Andrea... Oh... ja klar... oh, das ist ja echt blöd... ja, klar verstehe ich das... Nein, schon in Ordnung... Ok... Danke, werden wir haben."
"Sagen Sie bloß, Schwester Andrea kommt auch nicht", empfing Schmidt sie, als sie ins Wohnzimmer zurückkehrte. Nikola nickte und nahm ihr Glas wieder an sich. "Ihre Schwester musste überraschend mit Blinddarmentzündung ins Krankenhaus und sie muss auf ihren Neffen aufpassen."
"Vielleicht hätte ich mit den Mädels doch zu Henry gehen sollen..."
"'at 'enry wirglisch solsche Wunderkräfte?", fragte sie ihn amüsiert. Schmidt sah sie nur irritiert an. "Naja, was hat der Blinddarm von Andreas Schwester mit Henry zu tun?" Nikola schüttelte verständnislos den Kopf.
"Glauben Sie Schwester Andrea diese Geschichte etwa?", fragte Schmidt ungläubig. Sie durchschaute doch sonst jede Ausrede, besonders seine.
"Wieso sollte ich das denn nicht?", fragte Nikola verwundert zurück, während sie das zweite Gedeck abräumte.
"Nikola, ich bitte Sie, das ist doch eine faule Ausrede", lachte Schmidt und Nikola spürte mal wieder so ein Gefühl in sich hochsteigen, dass er sie gerade auslachte. Auf der anderen Seite fehlte allerdings der sonst so abfällige Tonfall in seiner Stimme. Jetzt, wo sie ihm gerade noch ihren Schwur gebeichtet und er sich so von der charmanten Seite gezeigt hatte, konnte er doch nicht schon wieder zum "typischen Schmidt" mutieren. Oder hatten ihre Befürchtungen eigentlich eine andere Ursache? Zwar erschien auch ihr diese zweite Absage ein bisschen seltsam, aber sie wollte sich selbst und vor allem Schmidt gegenüber nicht zugeben, dass er mit dieser Vermutung vielleicht Recht hatte.
"Na und? Die Ausrede hätte sie aber dann sicher auch benutzt, wenn wir zu ‚Chez Henry' gegangen wären", argumentierte sie also engagierter als notwendig.
"Wenn Sie das meinen...", war Schmidts einzige Antwort und in Nikolas Ohren klang das schon wieder Schmidt-typisch überheblich. Bevor sie dies jedoch kommentieren konnte, klingelte erneut das Telefon. "Lassen Sie mich raten", sagte Schmidt, "das ist Schwester Carolin und sie wird auch einen ganz besonders guten Grund haben, heute Abend nicht zu kommen."
Nikola holte das Telefon aus dem Flur und ohne Schmidt weiter zu beachten, ging sie damit in ihr Schlafzimmer. Nur eine halbe Minute später kam sie wieder zurück, ging im Wohnzimmer wortlos an ihm vorbei und brachte das Telefon zurück. Wieder ohne Schmidt auch nur anzusehen.
"Und?", rief er ihr fragend hinterher. Nikola brauchte einen Moment um sich zu sammeln. Mit der dritten Absage dieses Abends war auch sie an dem Punkt angelangt, Schmidt zustimmen zu müssen. Die Mädels hatten sie hängen lassen. Sie atmete einmal tief durch, drehte sich um und sagte lapidar: "Carolin hat auch abgesagt." Und um Schmidts Triumph-Miene nicht sehen zu müssen begann sie die übrigen Gedecke abzuräumen.
"Was machen Sie denn da jetzt?", fragte Schmidt ehrlich erstaunt. Ihm war nicht entgangen, dass Nikola von den Absagen schwer getroffen war und natürlich gefiel ihr nicht, dass er wieder einmal Recht behalten hatte.
"Ich räume das Geschirr zusammen. Wir haben's ja nicht benutzt, Sie können's also direkt wieder mit rauf nehmen. Oder muss ich es vorher spülen?", fragte sie ironisch.
"Soll das heißen..."
Nikola drehte sich zu ihm um. "Dr. Schmidt! Wir hatten ein Abendessen mit unseren Schwesternschülerinnen geplant. Unsere drei Gäste haben abgesagt, also..."
"Aber deswegen können wir beide doch trotzdem..."
"Was?", fiel Nikola ihm ungeduldig ins Wort. Der Abend war für sie schon frustrierend genug verlaufen. Das ständige Auf und Ab ihrer Gefühle bezüglich Schmidt in der letzten halben Stunde, die ganze Arbeit mit der Vorbereitung, der Stress, den sie wegen dieser ganze Geschichte im Krankenhaus gehabt hatte und wofür das alles? Sie wollte jetzt nur noch alleine sein, um sich in aller Ruhe über sich selbst ärgern zu können.
"Glauben Sie wirklich, ich brenne darauf, den Abend hier nun mit Ihnen alleine zu verbringen?" fragte sie ihn spöttisch. Aber als sich ihre Blicke trafen und sie sah, dass ihn ihre Antwort verletzt hatte, bereute sie ihren Tonfall schon fast wieder.
Unter anderen Umständen wäre ihr Verhalten für Schmidt nun Grund genug gewesen, sich wieder beleidigt in sein Schneckenhaus zurückzuziehen, aber angesichts der Absagen der Mädels war ihre Frustration auch für ihn nachvollziehbar und im Grunde verstand er ihre Enttäuschung. Aber den Sündenbock wollte er dann auch nicht geben.
"Nun ja, ich meinte das eher aus rein praktischen Gründen", erklärte er, um einen moderaten Tonfall bemüht, da er die Situation nicht noch weiter aufheizen wollte. "Es wäre schade um den Wein und um das Essen und um die Arbeit, die vor allem Sie sich hier gemacht haben." Inzwischen stand er neben ihr und drückte ihr wieder ihr Glas in die Hand. Sie sah zu ihm auf und war sich nicht sicher, ob er das wirklich ernst meinte. Oder ob er noch ganz andere Gründe für seinen Vorschlag hatte. Aber überraschte bemerkte sie, dass sie große Lust hatte, genau das heute Abend noch herauszufinden.

"Wenn ich mir vorstelle, dass wir jetzt eigentlich auf dieser "Mega-Party" sein sollten...", sagte Nikola, als sie die Reste ihres Nachtischs vertilgend gemütlich mit Schmidt auf dem Sofa saß. Der Abend war dann doch noch sehr harmonisch verlaufen, jeder bemüht darum, den anderen nicht wieder zu reizen. Und nachdem sie die Vorspeisen im Stehen in der Küche beim ersten Glas Wein restlos aufgegessen hatten, natürlich auch das Gratin aus Schmidts Backofen in den höchsten Tönen von ihr gelobt worden war und er sich bei ihrem Braten dafür revanchiert hatte, waren sie zum Dessert mit einer leckeren Flasche Süßwein auf die Couch umgesiedelt. Schmidt hatte getränketechnisch keine Kosten und Mühen gescheut, ging ihr durch den Kopf. Eine Flasche Champagner stand auch noch im Kühlschrank.
"...sein könnten", betonte Schmidt.
"...sein müssten", sagte Nikola und lächelte. "Aber...", sie unterbrach sich selbst, als sie merkte, dass sie kurz davor war, Schmidt zu gestehen, dass sie den Abend mit ihm alleine sehr genossen hatte. Sie erschrak über sich selbst. Nicht weil sie Schmidt dies gestehen wollte, sondern alleine schon darüber, wie sehr ihr dieser Abend gefallen hatte.
"... ich glaube, der Abend hier war schöner als die Party", beendete Schmidt ihren Satz. Nikola versuchte seinen Blick zu interpretieren. Er war schon den ganzen Abend gar nicht so wie sonst, sondern eher so wie damals, als sie beide... Zum ersten Mal seit langem erlaubte sie sich den Gedanken an ihre gemeinsame Nacht, ohne die ansonsten immer aufkommende Reue, sich auf ihn eingelassen zu haben.
"Da müssten wir Dagmar ja direkt dankbar sein, was?", fragte Nikola und beide mussten lachen.
"Dr. Schmidt, ich muss Ihnen was sagen", gestand Nikola dann kurzerhand.
"Ja?"
"Dass unsere Station nicht an der "Mega-Party" teilnimmt, hatte einen ganz bestimmten Grund."
Schmidt lächelte. "Ja, ich weiß."
"Und zwar wollte Dagmar..." Nikola realisierte erst mit Verspätung, was Schmidt gesagt hatte. "Wie bitte?", fragte sie irritiert. "Was wissen Sie?"
"Dass Dagmar und die anderen Schwestern mich nicht einladen wollten, Sie aber schon und dass Sie die Abstimmung darüber verloren haben", erklärte Schmidt in sachlichem Ton, so als mache ihm diese Ablehnung durch die anderen Schwestern nicht das geringste aus. Nikola sah ihm jedoch an, dass dies sehr wohl der Fall war.
"Und woher wissen SIE das?", fragte Nikola verblüfft, aber noch bevor sie zuende gesprochen hatte, wusste sie die Antwort selbst. "Halt!", rief sie also, als Schmidt Anstalten machte zu antworten. "Ich will diesen Namen heute Abend nicht hören!"
Als er ihren wütenden Gesichtsausdruck sah, musste Schmidt lächeln. "Seien Sie ihm doch ausnahmsweise mal dankbar für sein Plappermaul, sonst säßen wir doch jetzt gar nicht hier und..." Er traute sich nicht ihr zu sagen, wie sehr auch er den Abend bis jetzt genossen hatte und prostete ihr daher nur zu. "Ich muss Ihnen übrigens auch was sagen", sagte er dann leise.
"Ah ja?"
"Ich hab mich gar nicht mit Schwester Dagmar und Dr. Graf gestritten", gestand Schmidt.
"Ja, ich weiß", antwortete Nikola lächelnd und genoss es, ihn für einen Moment sprachlos zu sehen. Bevor Schmidt nachfragen konnte, fuhr sie mit ihrer Erklärung fort: "Zumindest hat Silke vorhin am Telefon so was erzählt." Nach einer kurzen Pause, in der beide scheinbar ihren Gedanken nachhingen, fragte sie: "Warum haben Sie das gemacht? Ich meine, Sie hätten doch ohne weiteres einfach auf die große Party gehen können..."
"... und Sie mit dem Problem alleine lassen, für unsere Mädels noch einen würdigen Abschied zu organisieren? Nachdem Sie sich sowieso nur meinetwegen in diese Lage gebracht haben?"
"Soll das heißen, Sie haben das nur für mich getan?", fragte Nikola verblüfft. Schmidt nickte verlegen und Nikola wusste nicht mehr, was sie sagen sollte. So viel Offenheit seinerseits kam dann doch unerwartet.
"Warum wollten mich denn die anderen Schwestern nicht dabei haben?", fragte Schmidt nach einer Weile und als Nikola daraufhin nichts antwortete, fuhr er fort: "Und warum wollten Sie trotzdem, dass ich eingeladen werde?"
"Reine Loyalität gegenüber meinem Arbeitgeber", gab Nikola trocken zurück, aber sie wusste, dass sie ihm nach allem, was heute Abend schon zwischen ihnen gesagt worden war, eine ehrliche Antwort schuldete. "Die anderen Schwestern halten Sie eben manchmal für eine ziemliche Nervensäge", erklärte sie also und beiden war klar, dass sie seine eigentliche Frage bewusst ignoriert hatte.
"Und Sie nicht?", hakte Schmidt vorsichtig nach.
"Doch, ich auch!"
"Ach so...", sagte er etwas enttäuscht. Er hatte gehofft, dass seine aufrichtigen Worte bei ihr endlich einmal Wirkung zeigen würden. Was wollte sie denn noch, dass er tat? Konnte sie nicht wenigstens auch einmal mit offenen Karten spielen?
Nikola bemerkte irritiert, dass Schmidt ein Stück von ihr abrückte. Genauer gesagt, irritierte es sie, dass sie bis zu diesem Zeitpunkt nicht gemerkt hatte, wie nah sie schon aneinander gerückt waren.
"Sie SIND manchmal eine ziemliche Nervensäge", sagte sie in versöhnlichem Tonfall, "aber ich kenne Sie eben auch anders." Schmidt sah sie aufmerksam an und Nikola fügte erklärend hinzu: "Besser als die anderen Schwestern eben."
"Besser als die meisten Menschen", bemerkte Schmidt und Nikola schmunzelte, so als wolle sie sagen, ja, vielleicht auch das. "Manchmal sogar besser, als ich mich selbst kenne", sagte Schmidt dann leise, fast zu sich selbst und starrte nachdenklich in sein Glas.
So verletzlich, wie er in diesem Moment erschien, konnte Nikola gar nicht anders, als ihm vorsichtig sein Glas aus der Hand zu nehmen, es auf den Tisch zu stellen und ehe er wusste wie ihm geschah, gab sie ihm einen sanften Kuss. Perplex erwiderte er ihn zunächst, aber nach einem Moment löste er sich von ihr und sah sie fragend an. Er wusste einfach nicht, wie er ihre Reaktion zu verstehen hatte. Spielte sie mit ihm oder hatte sie die Karten gerade wie erhofft auf den Tisch gelegt? Sie musste doch längst bemerkt haben, wie überwältigt er heute Abend von ihr war. Machte sie sich über ihn lustig, kaum dass er ihr gegenüber etwas mehr Gefühle zeigte? Bevor er seine Offenheit jedoch bereuen konnte, flüsterte Nikola: "Mich selbst kenne ich dafür jetzt gerade gar nicht mehr..." und lächelte. Schmidt erwiderte ihr Lächeln und ohne ein weiteres Wort begann er ihr Gesicht und ihren Hals mit zärtlichen Küssen zu bedecken. Sie spielt nicht mit mir, dachte er und ihm wurde bewusst, wie sehr er ihre Nähe vermisst hatte. Als sich ihre Lippen wieder trafen und Nikolas Küsse fordernder wurden, hielt er jedoch inne.
"Was ist?", fragte Nikola leicht außer Atem.
Schmidt strich ihr sacht übers Haar. "Ich hab einfach Angst, dass ich hier gleich wieder irgendeinen großen Fehler mache!", gestand er und lächelte verlegen. So, wie er sie in diesem Moment ansah, hätte Nikola ihm jeden Fehler verziehen.
"Im Moment machst du alles noch genau richtig", lachte sie leise, amüsiert und gerührt von seiner Besorgnis und begann ihn wieder zu küssen. Diesmal leidenschaftlicher, während ihre Hände seine Hemdknöpfe suchten. Schmidt ließ sich nach hinten sinken und zog Nikola mit sich. Ihre Küsse wurden immer verlangender, aber noch einmal unterbrach er ihre Zärtlichkeiten, nahm Nikolas Gesicht behutsam in beide Hände und sah sie aufmerksam an. "Ich hätte nie gedacht, dass du mir noch mal 'ne zweite Chance gibst."
"Vermassel's bloß nicht wieder", sagte sie leise und als sie merkte, dass er noch etwas sagen wollte, legte sie ihm den Finger auf die Lippen. "Und hör endlich auf zu quatschen", lächelte sie und gab ihm einen langen Kuss.

Als Schmidt am nächsten Morgen erwachte, brauchte er einen Moment um sich zu orientieren. Im Halbdunkel drehte er sich vorsichtig um und merkte, dass die vergangene Nacht wohl doch nicht nur ein Traum war. Liebevoll strich er Nikola, die neben ihm lag und tief und fest schlief, eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Er konnte kaum glauben, was in der letzten Nacht passiert war und wenn er ehrlich war, hatte er nach wie vor große Angst wieder irgendeinen Fehler zu begehen. Auch wenn Nikola ihm in den vergangenen Stunden mehrfach signalisiert hatte, dass er sich in dieser Hinsicht keine Sorgen zu machen brauchte.
Leise, um sie nicht zu wecken, stand er schließlich auf und taperte gähnend in die Küche. Kaffee und ein wunderbares Frühstück im Bett war genau das, was sie beide jetzt brauchten. Ein Blick in den ziemlich leeren Kühlschrank ließ ihn allerdings direkt wieder von der Vorstellung eines opulenten Frühstücks Abschied nehmen. Noch ein Grund mehr, dass sie diesen Abend doch besser bei ihm veranstaltet hätten, aber dann wurde ihm doch klar, dass der Abend in seiner Wohnung mit Sicherheit ganz anders verlaufen wäre. Nikola hätte wahrscheinlich ohne die Rückendeckung der eigenen vier Wände viel schneller wieder einen Rückzieher gemacht. In ihrer gewohnten Umgebung hatte sie ihm schon immer besonders offen und schonungslos die Meinung gesagt, dachte er schmunzelnd. Es gab ihr wohl das Gefühl, mit ihm auf Augenhöhe zu sein. Mal ganz davon abgesehen, dass Nikola seine Wohnung gar nicht erst betreten hätte.
Bei dem Gedanken an ihren Schwur musste er lächeln. Manche mochten so ein Verhalten wie das ihre albern finden, aber er bewunderte Nikola für ihre Konsequenz. In der Hinsicht hatte sie ihm wirklich was voraus. Und in vielerlei anderer Hinsicht auch, wurde ihm in diesem Moment bewusst.
Als er die Kaffeedose öffnete, um ihnen wenigstens den nach dieser kurzen Nacht notwendigen Kaffee zu kochen, sah er, dass auch dieser Vorrat erschöpft war. Er seufzte. So gerne er mit Nikola in ihrer Wohnung frühstücken wollte, alleine schon um ihr zu zeigen, wie ernst es ihm diesmal war, unter diesen Umständen war es einfach nicht möglich. Vorsichtig schlich er in ihr Schlafzimmer zurück und setzte sich auf die Bettkante.
"Nikola?" sagte er leise, aber sie schlief noch immer tief und fest und er brachte es einfach nicht übers Herz sie zu wecken. Nachdenklich sah er sich in ihrem Schlafzimmer um, ergriff dann kurzerhand den gelben Zettel, der auf ihrem Nachttisch lag und hinterließ darauf eine kurze Nachricht:

"Frühstück gibt's bei mir!"

Er zögerte jedoch, es bei dieser kargen Information zu belassen. Sein Blick fiel auf ein gerahmtes Foto von Peter und Stephanie auf dem Nachttisch. An Stephanie hatte er ja überhaupt nicht gedacht. Nicht, dass die jeden Moment auftauchte! Schnell schrieb er unter die erste Zeile noch

"nur wir zwei, ohne Stephanie...
R."

Er legte den Zettel gut sichtbar auf das Kopfkissen und gab Nikola vorsichtig noch einen Kuss auf die Stirn. "Bis gleich", flüsterte er liebevoll, suchte sich seine Klamotten zusammen und verließ so leise wie möglich die Wohnung. In seiner Wohnung angekommen, sprang Schmidt kurz unter die Dusche, setzte danach Kaffee auf und begann den Tisch mit seinem besten Geschirr zu decken. Er schmunzelte, als er an das zerbrochene Gedeck des gestrigen Abends dachte. Das war schließlich der Anfang von allem gewesen. Gut gelaunt vor sich hinpfeifend, machte er sich nun daran, ein perfektes Frühstück für zwei zu zaubern. Auf den Champagner musste er allerdings verzichten, denn die letzte Flasche hatte er am gestrigen Abend für das Abendessen mit den Schülerinnen spendiert. Aber davon hatten sie gestern nacht ja schon genug getrunken, nachdem sie... bei dem Gedanken daran wuchs seine gute Laune.

"Mama, wo hast du denn die Einverständnis-Erklärung?!?!?" Stephanie riss die Tür zum Schlafzimmer ihrer Mutter auf und sah, wie durch den Windzug der von ihr gesuchte gelbe Zettel durch den Raum wehte. Ihre Mutter schien noch den Schlaf der Seligen zu schlafen. Die muss hier ja gestern ganz schön gebechert haben, dachte sie und grinste, als sie sah, dass Nikolas Klamotten durcheinander auf dem Boden verteilt waren. Als sie den Zettel aufhob und schon wieder den Raum verlassen wollte, sah sie, dass die Unterschrift fehlte. "Oh Mann, Mama!", schimpfte sie, setzte sich auf die Bettkante und versuchte Nikola wachzurütteln.
"Mmh", widerwillig drehte sich Nikola weg. In ihrem Traum kuschelte sie sich gerade an einem paradiesischen Sandstrand an Schmidt und verstand überhaupt nicht, wer sie auf dieser einsamen Insel stören könnte.
"Mama!!!!" Stephanie wurde langsam echt sauer.
Dass dieser Jemand auch noch mit Stephanies Stimme sprach, verstand Nikola noch viel weniger.
"Was fällt dir eigentlich ein?!"
Irritiert öffnete Nikola die Augen und sah sich ihrer wütenden Tochter gegenüber.
"Also!?", rief diese fordernd.
"Was willst du denn so früh am Morgen von mir?", fragte Nikola mit verschlafener Stimme. "Warum bist du überhaupt noch hier?" Sie stützte sich auf die Ellbogen und versuchte wach zu werden. Der ziemlich durchgeknallte Traum kam ihr wieder in den Sinn und sie grinste.
"Weil du mir diesen dämlichen Zettel noch nicht unterschrieben hast!", rief Stephanie und wedelte mit ebendiesem, so als wolle sie Nikolas Gehirnzellen auf Trab bringen. Deren Lebensgeister erwachten allmählich und sie erinnerte sich nicht nur an den Traum, sondern an alles andere dieser Nacht. Erschrocken setzte sie sich auf, zog die Decke bis unters Kinn, sah sich suchend in ihrem Bett um und ließ ihren Blick durchs Zimmer schweifen. Von Schmidt keine Spur.
"Bist du alleine hier?", fragte Nikola ihre Tochter dann vorsichtig und sah ihr an, dass diese sie nun endgültig für übergeschnappt hielt.
"Sag mal, spinnst du jetzt komplett? Wer soll denn sonst noch hier sein? Hast du gestern zu viel getrunken, oder was?"
"Sieht ganz so aus", versuchte Nikola einen Scherz.
"Wie konntest du das mit der Unterschrift denn vergessen?!"
Das willst du nicht wirklich wissen mein Kind, dachte Nikola und musste ein erneutes Grinsen unterdrücken. "Gib mir mal den Kuli", sagte sie dann zu ihrer Tochter und kaum dass sie ihre Unterschrift beendet hatte, riss Stephanie ihr den Zettel aus der Hand, faltete ihn und steckte ihn ein.
"Tut mir leid!", sagte Nikola dann geknickt. "Und jetzt verschwinde, sonst kommst du noch zu spät!" Sie zog ihre Tochter kurz an sich, was diese widerwillig über sich ergehen ließ.
"Ciao Mama!"
"Ciao! Und pass auf dich auf!"
Stephanie verdrehte genervt die Augen und stand dann auf. "Und räum hier gefälligst mal deinen Müll weg", grinste sie mit Blick auf das Chaos im Schlafzimmer, winkte ihrer Mutter noch mal zu und verschwand. Nikola wartete, bis sie hörte, wie die Tür ins Schloss fiel.
"Robert?", rief sie fragend in die Wohnung. Sie lauschte einen Moment lang, aber alles was sie hörte war ihr eigenes Herzklopfen. Sie schlüpfte in ihren Bademantel und ging hinaus auf den Flur. "Robert?"
Suchend öffnete sie die Tür zu jedem Zimmer ihrer Wohnung und schaute sogar in die Schränke, in der naiven - wie sie eigentlich selbst wusste, aber es sich nicht eingestehen wollte - Hoffnung, dass er sich irgendwo aufhalten würde. Aber Fehlanzeige. Schmidt war wie vom Erdboden verschwunden. Hatte sie die gestrige Nacht etwa auch nur geträumt? Sie sah die Überreste des Abendessens in der Küche und auch die Weingläser auf dem Wohnzimmertisch. Aber selbst die hätten sich auch noch mehr oder weniger gut mit einem netten aber harmlosen Abend mit Schmidt erklären lassen.
Verwirrt ging sie zurück in ihr Schlafzimmer, zog die Jalousien hoch und schloss gequält die Augen, als das Sonnenlicht sie traf. Als sie ihren Blick wieder dem Zimmer zuwandte, entdeckte sie neben ihrem Bett eine halbvolle Champagnerflasche und zwei Gläser. Ich hab das also wirklich nicht nur geträumt, dachte sie sich und erinnerte sich daran, wie Schmidt mitten in der Nacht den Champagner aus dem Kühlschrank geholt hatte, nachdem sie... Bei der Erinnerung daran musste sie unwillkürlich lächeln, aber das Lächeln verging ihr im nächsten Moment, als sie sich fragte, wo Schmidt nun wohl sein könnte. Er konnte doch wohl nicht so einfach verschwunden sein, so als wäre nichts gewesen? Nicht nach allem was war... oder doch?

Während Nikola in ihrem Schlafzimmer grübelte, sah Schmidt in seiner Wohnung auf die Uhr. Allmählich hätte Nikola wach sein und seinen Zettel finden müssen. Allzu lange würde er also nicht mehr auf sie warten müssen. Sicher konnte er schon einmal die Kerzen anzünden, damit nachher alles perfekt war. Ein Schmidt kann eben nicht komplett aus seiner Haut. Als sie nach ein paar Minuten noch immer nicht erschienen war wurde er aber doch langsam unruhig. Dass Nikola noch immer schlafen würde, erschien ihm eigentlich unwahrscheinlich. Sollte ihr irgendwas dazwischen gekommen sein? Da er gesehen hatte, wie Stephanie morgens das Haus verlassen hatte, konnte sie also schon mal nicht der Grund sein. Und so oder so hätte Nikola ihn doch sicher angerufen, falls etwas passiert wäre.
So langsam fing er an, sich Sorgen zu machen. Nicht nur wegen Nikola, sondern auch über die Frage, welche Bedeutung sie dieser Nacht beimessen würde. Er schwebte noch immer im siebten Himmel, weil sie ihm noch eine zweite Chance gegeben hatte, seinen Fehler von damals wieder gut zu machen. Eigentlich war er sich recht sicher, dass ihm das auch gelungen war. Aber nüchtern und bei Tageslicht besehen... vielleicht hatte sie nach dem schlechten Start des Abends auch einfach ein bisschen Spaß haben wollen? Und er war zur richtigen Zeit am falschen Ort gewesen?
Er erinnerte sich wieder an ihren Schwur; aber das konnte doch nach allem, was war, nicht mehr von Bedeutung sein, oder? Hatte er sie vielleicht vollkommen falsch eingeschätzt? Dass sie auch nach dieser Nacht noch immer keinen Fuß in seine Wohnung setzen wollte, konnte er sich eigentlich nicht vorstellen. Andererseits hätte er sich auch alles, was in dieser Nacht passiert war, nicht vorstellen können, also...

In ihrem Zimmer begann Nikola in der Zwischenzeit ihre Klamotten aufzusammeln und das Chaos in der Wohnung zu beseitigen. Als sie die leeren Weingläser aus dem Wohnzimmer in die Küche räumte und danach automatisch anfing die Überreste des Abends in den Kühlschrank zu packen, verwandelte sich ihr Unverständnis allmählich in Ärger. Was fiel ihm eigentlich ein? Sich einfach so ohne ein Wort aus dem Staub zu machen? Vermutlich sitzt er jetzt da oben und lacht sich ins Fäustchen, weil er mich mit seiner Tour doch wieder rumgekriegt hat, dachte sie sich und warf wütend die Reste seines Gratins in den Müll.

Nach kurzem Zögern entschied Schmidt sich doch dazu, in Nikolas Wohnung zurückzukehren und der Sache auf den Grund zu gehen. Es gab sicherlich einen ganz normalen, guten, wichtigen Grund dafür, dass sie bis jetzt noch nicht bei ihm aufgetaucht war oder angerufen hatte. Ganz in Gedanken stieg er in den Fahrstuhl und fuhr nach unten. Erst das Quietschen der Bremsen, als der Aufzug auf Nikolas Stockwerk hielt, weckte ihn aus seinen Überlegungen.

Während der Aufräumarbeiten steigerte sich Nikolas Ärger noch, gleichermaßen auf Schmidt und auf sie selbst. Kurzentschlossen beendete sie das Aufräumen und ging schnellen Schrittes zu ihrer Wohnungstür. Das wollen wir doch mal sehen, dachte sie sich, das kann er vielleicht mit sonst wem machen, aber nicht mit mir. Sie hatte schon die Hand an der Klinke, als sie das Quietschen des Fahrstuhls auf ihrer Etage hörte und wie erstarrt stehen blieb.
Wer auch immer sich gerade im Treppenhaus aufhielt, sie wollte ihm nicht im Bademantel unter die Augen treten und erklären müssen, warum sie in diesem Aufzug zu ihrem Vermieter hinaufwollte. Vorsichtig schlich sie also zurück ins Wohnzimmer, stieß dabei aber gegen den Wohnzimmertisch, wodurch die leeren Weinflaschen des gestrigen Abends mit einem lauten Krachen umstürzten. "Scheiße!", rief sie und humpelte ins Bad um ihren Fuß zu kühlen. Und ihr Gemüt gleich mit.

Draußen vor ihrer Tür hörte Schmidt das Krachen und ihren Ausruf. Er zögerte einen Moment, ob er klingeln sollte. Auf einmal hatte er die Befürchtung, dass Nikola dies vielleicht als aufdringlich empfinden könnte. Er wollte ihr schließlich nicht nachspionieren, und wenn er ehrlich war, wollte er sich auch nicht anbiedern. Geschweige denn den Eindruck erwecken, er wolle sie bedrängen oder vereinnahmen. Dass sie eine Frau mit einem starken eigenen Willen war, wusste er schließlich. Nicht erst seit der Sache mit dem Schwur. Vielleicht brauchte sie einfach ein bisschen Abstand, um das gestrige Geschehen zu verdauen und für sich einzuordnen, er hatte es ja selbst noch nicht so richtig begriffen und einsortiert. Also entschied er sich dazu erst noch einmal in seine Wohnung zurück zu kehren und dort auf sie zu warten.

Als Nikola im Bad ihren Fuß unter kaltes Wasser hielt, wusste sie noch immer nicht, was sie von der Sache halten sollte. Entweder Schmidt war wirklich einfach so verschwunden, was heißen würde, dass sie ihn doch nicht so gut kannte, wie sie gedacht hatte. Und was ebenfalls heißen würde, dass er ihr gestern nacht was vorgespielt hatte. Bei dem Gedanken daran, was sie in der gestrigen Nacht alles gesagt und getan - vor allem getan - hatte, schloss sie peinlich berührt die Augen. Und das würde auch heißen, Schmidt würde wieder als Sieger vom Platz gehen können. Vor allem wenn sie jetzt raufgehen und ihm eine Szene - welcher Art auch immer - machte. Sie konnte dabei nur verlieren. Geht es darum? fragte sie sich, wer von uns beiden gewinnt und wer verliert? Immer noch? Enttäuscht humpelte sie ins Wohnzimmer und ließ sich aufs Sofa fallen.
Aber ich kann mich doch nicht so getäuscht haben, überlegt sie nach einer Weile. Vielleicht ist irgendwas Wichtiges passiert. Vielleicht musste er weg und wollte mich nur nicht wecken und vielleicht... Hoffnungsvoll setzte sie sich auf. Vielleicht hatte er ja eine Nachricht hinterlassen, bestimmt hatte er das. Nach allem was war, konnte er doch gar nicht anders. Sie biss die Zähne zusammen und humpelte ins Schlafzimmer, wo sie sich ratlos umsah. Wo würde SIE eine solche Nachricht hinterlassen? Sie begann zu suchen.

Wieder in seiner Wohnung angekommen ließ sich Schmidt enttäuscht auf einen der Esszimmerstühle sinken. Ihm kam zum ersten Mal der erschreckende Gedanke, dass sie vielleicht doch wirklich nicht zu ihm nach oben kommen wollte. Räumt da unten in aller Ruhe ihre Wohnung auf, während er hier wie ein Trottel saß und auf sie wartete. Ich hätte mich ja völlig lächerlich gemacht, murmelte er halblaut zu sich selbst. Oder war seine erster Gedanke doch richtig gewesen und sie versuchte beim Aufräumen gerade einen Weg zu finden, trotz ihres Schwures hier oben aufzutauchen, ohne es für sich als Niederlage abbuchen zu müssen? Ratlos begann er an seinem "perfekten Frühstück" herumzuknabbern.

Eine halbe Stunde später hatte Nikola nicht nur in ihrem Schlafzimmer, sondern auch in den anderen Räumen der Wohnung alles auf den Kopf gestellt. Allmählich dämmerte ihr, dass sie sich hier gerade ziemlich zum Affen gemacht hatte. Nicht nur gerade eben, sondern auch gestern Abend schon. Wie hatte sie nur zulassen können, dass es zwischen ihr und Schmidt wieder so weit gekommen war? Nachdem sie alle möglichen Entschuldigungen wie "zu viel Alkohol", "ein zu netter Schmidt" und "sexuellen Notstand" wieder verworfen hatte, musste sie sich eingestehen, dass einzig und allein sie Schuld daran hatte, dass sie nun in dieser Situation war. Naja, genau genommen war noch ein anderer Mensch an dieser Situation schuld und Nikola fasste zum zweiten Mal an diesem Tag den Entschluss ihn zur Rede zu stellen.
Während sie ihre Klamotten anzog, verließ sie allerdings erneut der Mut. Sollte sie sich das wirklich antun? Schmidts überlegene Miene, wenn sie nach dieser Nacht quasi zu ihm nach oben gekrochen käme. Wenn ihn das also alles kalt ließ, sollte es sie das vielleicht auch. Ok, sie wusste, dass es sie nicht kalt ließ, im Gegenteil, aber das musste Schmidt ja nicht erfahren. Ihm gegenüber würde sie sich jedenfalls keine Blöße geben und nicht zugeben, dass diese Nacht für sie mehr Bedeutung gehabt hatte als sonst irgendeine zuvor. Beruhigt darüber, dass sie nun endlich eine Entscheidung getroffen hatte, begann sie die verwüstete Wohnung aufzuräumen. Aus den Augen, aus dem Sinn, dachte sie, als sie die leere Champagnerflasche im Schlafzimmer aufhob.

Als Nikola eine halbe Stunde später noch immer nicht in seiner Wohnung erschienen war, war für Schmidt die Sache endgültig klar. Wütend warf er die Serviette auf den Teller und blies die Kerzen aus. Sie hatte also nicht einmal den Mut, ihm zu sagen, dass das alles WIEDER ein Fehler war, sie seine Wohnung unter KEINEN Umständen mehr betreten und nicht zum Frühstück kommen würde! Genug gewartet, ein Schmidt macht sich doch nicht ganz zum Idioten! Wenn Nikola es so haben wollte, dann bitte, er würde ihr nicht wieder nachlaufen. Er war wohl doch nach einem schönen Abend für sie nur ein netter Zeitvertreib gewesen. Und er hatte sich eingebildet, sie gäbe ihm eine zweite Chance! Wenn er nicht seinen letzten Rest an Ehrgefühl verlieren wollte, musste er sich in Zukunft besser im Griff haben. Er begann sich immer mehr zu ärgern, dass sie ihn mit ihrem "kleinen Schwarzen" so völlig aus der Bahn geworfen hatte. trotz seiner Wut auf sie musste er schmunzeln. Nikola hatte aber auch wirklich phänomenal darin ausgesehen, und er war darauf reingefallen, wie ein kleiner Schuljunge! Während er das fast unberührte Frühstück zurück in die Küche trug, wich sein Ärger langsam und er merkte, wie sich die Enttäuschung darüber, dass das nun wohl seine zweite und letzte Chance gewesen war, überhand nahm. In dieser leicht melancholischen Stimmung tigerte er das ganze Wochenende durch seine Wohnung und traute sich nicht vor die Tür, aus Angst, Nikola über den Weg zu laufen.

Am Montag Morgen war Nikola doch wieder einmal fest entschlossen, Schmidt zur Rede zu stellen. Im Krankenhaus-Fahrstuhl atmete sie noch einmal tief durch und betrat dann die Station. Von Schmidt war weit und breit nichts zu sehen. Sie überlegte kurz, ob sie sich direkt auf die Suche machen sollte, aber entschied sich dann wieder einmal dazu ihre Sache erst noch mal zu überdenken und ging ins Schwesternzimmer um sich umzuziehen. Dort wurde sie bald von Tim überrascht.
"Hey, kannst du nicht anklopfen?", motzte sie ihn an und zog sich ihr Top über den Kopf.
"Ich weiß doch, wie du halb nackt aussiehst", erwiderte Tim kopfschüttelnd. "Was ist denn mit dir los? Schlecht geschlafen?"
"Frag lieber nicht", antwortete Nikola und schlüpfte in ihren Kittel. "Weißt du, wo Schmidt steckt?"
"Nee, keine Ahnung."
Nikola seufzte und ohne Tim weiter zu beachten, verließ sie das Schwesternzimmer. Irritiert rannte Tim ihr hinterher. "Nikola, was hältst du von einem zweiten Frühstück und dabei kannst du mir dann..." Er brach mitten im Satz ab, als er sah, dass Schmidt in dem Moment aus dem Fahrstuhl stieg und fast mit Nikola zusammengestoßen wäre.
"Zweites Frühstück?", fragte er Tim streng, der kurz davor war sich für diesen Vorschlag zu rechtfertigen. Aber dazu kam er gar nicht. Ohne Nikola eines Blickes zu würdigen, fuhr Schmidt fort: "Schwester Nikola hat doch fürs Frühstücken nicht viel übrig." Er wollte seinen Weg Richtung Untersuchungsraum fortsetzen.
"SIE müssen's ja wissen, Dr. Schmidt", rief Nikola ihm spöttisch nach.
Schmidt drehte sich zur ihr um und sah sie aufmerksam an. "Ja, inzwischen weiß ich das."
Nikola, die keine Ahnung hatte, wovon er redete, musste sich sehr beherrschen, um ihm nicht auf der Stelle eine Riesen-Szene zu machen. "Dr. Schmidt, wir beide?"
"Nein, danke!", antwortete Schmidt so höflich ablehnend, als hätte sie ihm einen Kaffee angeboten. Er wollte weitergehen, aber Nikola rannte ihm hinterher und stellte sich ihm in den Weg.
"Oh doch!", sagte sie, lauter als beabsichtigt. Die ersten Patienten blieben stehen und starrten sie und Schmidt an. Auch Schmidt schien dies zu bemerken und da auch er kein Interesse daran hatte, bei diesem Gespräch von allen belauscht zu werden, nickte er widerwillig und folgte Nikola in die Abstellkammer.

"Bis Samstag morgen dachte ich wirklich, dass ich Sie einigermaßen kenne...", begann Nikola wütend, als sich die Tür hinter ihnen schloss, aber Schmidt fiel ihr direkt ins Wort.
"Dito! Aber ich hab mich anscheinend getäuscht! Dass Sie so stur sind, hätte ich nicht gedacht."
"Wie bitte? Ich bin stur?" Nikola verstand überhaupt nichts mehr.
"Ja! Weil Sie selbst nach allem, was in der Nacht war, noch immer keinen Fuß in meine Wohnung setzen wollen. Das ist doch lächerlich!"
"Was hat das denn mit Ihrer Wohnung zu tun? Und überhaupt, machen Sie das immer so: morgens einfach ohne ein Wort aus fremden Betten verschwinden?"
"Wieso ohne ein Wort?" Nun war es Schmidt, der überhaupt nichts mehr verstand.
"Also ICH hab keins gehört", erwiderte Nikola bissig.
"Ach und blind sind Sie auch noch, ja? Oder schreibe ich so unleserlich?" Schmidts Stimme wurde immer lauter. "Merkwürdig, dass Sie die Patientenakten immer lesen können, aber einen Satz auf einem Zettel zu entziffern ist wohl zu viel verlangt."
Nikola gab ein verächtliches Lachen von sich. "Was denn für ein Zettel? Und was soll da überhaupt drauf gestanden haben?"
"Dass ich in meiner Wohnung ein Frühstück vorbereite, weil...", begann Schmidt zu erklären, aber dann unterbrach er sich selbst. "Aber wieso erzähle ich Ihnen das eigentlich?"
"Gute Frage, ich glaub's Ihnen sowieso nicht. Da war nämlich kein Zettel!"
"Soll das etwa heißen, ich lüge?" Schmidts Stimme klang in Nikolas Ohren auf einmal beunruhigend ruhig. Sollte da etwa doch ein Zettel gewesen sein? Aber sie hatte doch genau nachgesehen. Schmidt starrte sie noch immer durchdringend an.
"Wäre ja nicht das erste Mal in den letzten Tagen", versuchte sie, Oberwasser zu behalten, merkte aber gleich, dass der Schuss nach hinten losging. Schmidt nickte unmerklich und für einen Moment glaubte Nikola, wieder diesen verletzten Ausdruck auf seinem Gesicht zu sehen, der sie am Freitag Abend schon so durcheinandergebracht hatte. Ohne ein weiteres Wort öffnete er die Tür, drehte sich dann aber noch einmal zu ihr um. "DIN A 4 und Gelb!" sagte er nur und verschwand.

Tim war im Stationszimmer inzwischen so ausgiebig mit seinem zweiten Frühstück beschäftigt, dass er gar nicht bemerkte, dass Nikola auf einmal neben ihm stand.
"Ich glaube, ich hab 'ne Riesen-Dummheit gemacht", sagte Nikola tonlos.
Tim schreckte auf. "Ja, du hast meine Einladung zu einem zweiten Frühstück abgelehnt", nuschelte er dann mit vollem Mund, aber Nikola schenkte ihm keine Beachtung.
"Nein, sogar ZWEI Riesen-Dummheiten", sagte sie zu sich selbst.
"Hast du etwa auch noch keinen Kaffee gekocht?" fragte Tim entsetzt.
Nikola schien erst jetzt zu bemerken, dass Tim mit ihr redete. "Der Kaffee steht da, wo er immer steht!"
"Na dann ist doch alles halb so wild", plapperte Tim gut gelaunt weiter und war schon auf dem Weg ins Schwesternzimmer.
Nikola folgte ihm und ließ sich dort geschockt aufs Sofa fallen, was Tim überraschte bemerkte, als er sich mit seinem Kaffee zu ihr umdrehte.
"Also doch schlecht geschlafen?", fragte er und setzte sich neben sie. "Oder am Wochenende zu viel Spaß gehabt mit Schmidt?" Nikola sah ihn vernichtend an. "Ok, der Gag ist inzwischen schon strapaziert, ich geb's zu", entschuldigte er sich. "Hast du dich von dem Desaster am Freitag noch nicht erholt?"
"Was weißt du denn davon?" Nikola setzt sich überrascht auf.
"Naja, EURE drei Mädels sind auf UNSERER großen Party erschienen", erklärte Tim und machte sich über das zweite Croissant her. "Alle mit ein klein wenig schlechtem Gewissen, das muss man ihnen zugute halten. Und da der liebe Tim den Chefarzt und die Stationsschwester kennt, fragt er sich natürlich: Hatten sie nun Spaß oder Streit?"
Nikola ließ sich zurück fallen. "Beides!"
"Wie? Beides?"
"Naja, zuerst haben wir ein bisschen gestritten. Dann hatten wir Spaß. Und heute haben wir wieder gestritten."
"Verstehe ich nicht!"
Nikola verdrehte die Augen. So begriffsstutzig war Tim doch sonst nicht. "Tim! Wir hatten Spaß..."
"Ihr hattet...", begann Tim irritiert, aber dann fiel der Groschen. "Oh, ihr hattet..." Er legte angewidert sein Croissant beiseite. "Ach Nikola, wie konnte denn das passieren?" fragte er vorwurfsvoll. "Hast du denn aus dem ersten Mal nichts gelernt?"
"Doch!" Nikola schenkte ihm ein gequältes Lächeln. "Bereue niemals guten Sex!"
"Aber sonst hältst du dich doch auch nie an meine Ratschläge!", klagte Tim. "Und außerdem, hast du deine Antwort schon vergessen?! Du hast gesagt: So gut kann der Sex gar nicht sein..."
"... dass ich dafür den Rest ertrag!", beendete Nikola den Satz. "Ja ich weiß! Ich hab doch gesagt, es war eine Riesen-Dummheit."
"Aber wie konntest du nur ein zweites Mal auf seine billige Masche reinfallen?"
"Wieso billig?"
"Naja, er ist Schmidt und..."
Nikola fühlte sich in ihrer eigenen Ehre gekränkt. "Tim, du tust ja gerade so, als sei ich eine von diesen willenlosen ihn anhimmelnden Dummchen, die er mit seinem Macho-Getue sofort ins Bett kriegt!"
"Immerhin hat er das bei dir jetzt auch schon zum zweiten Mal geschafft."
"Na und!?!? Vielleicht wollte ich ja mit ihm ins Bett!", antwortete Nikola angriffslustig. Tim starrte sie fassungslos an. "Und außerdem war's nicht so wie du denkst", begann Nikola zu erklären, "du kennst ihn eben einfach nicht so, wie ich ihn kenne."
"Ich glaube, so wie du ihn kennst, will ich ihn gar nicht kennen!" Tim schüttelte den Kopf, als wollte er diesen Gedanken so schnell wie möglich loswerden. "Andererseits...", überlegte er dann und grinste, "wenn ich ihn mir so vorstelle... gut gebaut ist er ja."
"Tim, ich meine das ernst! Ich bin doch nicht so wie alle anderen! Oder etwa doch?" Besorgt setzte Nikola sich wieder auf. "Ich meine, wenn Schmidt und ich alleine sind, kann er echt sehr nett sein. Anders eben. Menschlicher, einfühlsamer, verletzlicher...". Für einen kurzen Moment erlaubte sie sich die Erinnerung an den Abend, aber dann riss sie sich wieder zusammen. "Tim, du kennst mich doch!", sagte sie energisch, "ich würde doch mit DEM Schmidt, wie man ihn hier im Krankenhaus kennt, nie ins Bett gehen!"
"Versuchst du gerade mich zu überzeugen, oder dich selber?"
"Mich selber, fürchte ich!" Nikola seufzte.
"Aber wieso herrscht jetzt zwischen euch schon wieder nicht mehr Friede, Freude, Eierkuchen, sondern Streit, miese Stimmung ..." Nikolas strafender Blick verhinderte, dass Tim diesen Vergleich fortführte. "Auf jeden Fall habt ihr gerade in der Abstellkammer ja wohl nur das getan, was ihr da immer tut. Und das ist normalerweise jugendfrei, also..."
"Er war nicht mehr da, als Stephanie mich geweckt hat."
"Na, sei doch froh! Wie hättest du ihr das auch erklären wollen? Schmidt im Bett ihrer Mutter!" Bei der Vorstellung schüttelte Tim erneut konsterniert den Kopf. "Und was hast du dann gemacht?"
"Nix!"
"Wie? Nix? Du bist nicht direkt rauf und hast ihn zur Sau gemacht?"
"Lass mich mal überlegen...", antwortete Nikola gespielt nachdenklich "...erst war ich auf 180, dann hab ich kurz überlegt, ob ich raufgehe und ihn zur Sau mache, dann habe ich gedacht, so weit erniedrige ich mich nicht, dann hab ich gedacht, vielleicht hatte er ja einen guten Grund und dann hab ich gedacht, vielleicht hat er dir ja sogar 'ne Nachricht hinterlassen, dann hab ich die gesamte Wohnung abgesucht und nix gefunden, dann war ich wieder auf 180 und war wieder kurz davor raufzurennen, aber dann hab ich wieder gedacht..."
"Ok, ich hab's verstanden!", unterbrach Tim ihren Redeschwall.
"Heute morgen war ich dann wieder bei "auf 180"!"
"Und was sagt er?"
"Er sagt, er hätte mir einen Zettel hingelegt und mich zum Frühstück in seine Wohnung gebeten."
"Aber du hast doch keinen Zettel gefunden..."
"Das hab ich ihm ja auch gesagt! Und ihn als Lügner hingestellt."
"Und dann?"
"Und dann verließ er mit den Worten ‚DIN A 4 und Gelb' die Abstellkammer." Tim verstand nur Bahnhof, also fuhr Nikola notgedrungen mit ihrer Erklärung fort. "Stephanie hatte mir so einen Zettel auf den Nachttisch gelegt. Die Einverständnis-Erklärung für die Landgänge auf dem Segeltörn. Das hab ich ihr an dem Morgen dann im Halbschlaf unterschrieben und dann ist sie damit verschwunden."
"Ohoh..." war alles, was Tim im Moment dazu einfiel.
"Hast du auch noch 'nen hilfreicheren Kommentar auf Lager?"
"Wann kommt Stephanie denn wieder?"
"Am Samstag." Nikola seufzte. "Was soll ich denn jetzt machen?"
"Ganz einfach", antwortete Tim, als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt. "Du gehst zu Schmidt und entschuldigst dich."
"Spinnst du? Ich weiß doch noch nicht mal, ob das stimmt, was er mir erzählt hat. Vielleicht hat er den Zettel auch da liegen sehen und sich das alles jetzt nur ausgedacht! Außerdem müsste er sich zuerst entschuldigen. Wieso haut der einfach so ab?"
"Vielleicht weil er Stephanie nicht begegnen wollte?"
"Und wieso hat er mich nicht wenigstens geweckt?"
"Vielleicht weil er dich mit diesem besonderen Frühstück überraschen wollte? Vielleicht weil er dir lieber noch ein bisschen Schlaf gönnen wollte..."
Nikola lachte bitter auf. "So denkt doch Schmidt nicht."
"Ich dachte, er ist ganz anders, wenn er mit dir zusammen ist... menschlicher, einfühlsamer...", kommentierte Tim ironisch.
"Tim, was mache ich denn jetzt?", fragte Nikola und Tim erschrak über den verzweifelten Unterton in ihrer Stimme.
"Wieso rufst du Stephanie nicht auf dem Handy an und fragst sie, ob da was auf der Rückseite steht?"
"Klar. 'Stephanie, Schatz, dreh doch bitte mal deine Einverständnis-Erklärung rum. Hat Schmidt mir da 'ne Nachricht hinterlassen, nachdem ich mit ihm geschlafen hab?' Tim, du hast echt 'nen Knall."
"Wenn du meine Ratschläge nicht hören willst, dann frage mich einfach nicht mehr", gab Tim beleidigt von sich. "Und dran halten tust du dich ja eh nicht!"
"Ach komm, Tim, sei nicht sauer."
"Und was genau ist jetzt bitte schön dein Plan?", fragte Tim spitz; noch nicht wieder ganz versöhnt.
"Ich geh Schmidt bis Samstag einfach aus dem Weg", erklärte Nikola bestimmt.
"Und wenn da wirklich eine Nachricht auf der Rückseite steht?"
"Dann wandere ich noch am Samstag aus."

In den nachfolgenden Tagen fragte sich Nikola mehrmals, ob sie nicht besser gleich ausgewandert wäre. Sie versuchte Schmidt aus dem Weg zu gehen, was ihr aber zumindest im Krankenhaus nur mit mäßigem Erfolg gelang. Und ihr Vorhaben das Treppenhaus zu Hause nur so selten wie möglich zu betreten und dann noch möglichst zu Zeiten, in denen sie höchstwahrscheinlich nicht mit Schmidt rechnen musste, machten ihren Alltag auch nicht gerade einfacher. Somit war sie erleichtert, als sie am Samstag Nachmittag in eine von Stephanie schon wieder in Beschlag genommene Wohnung zurückkehrte.
"Hallo Mama", begrüßte ihre Tochter sie beiläufig; in der einen Hand ein belegtes Brötchen, in der anderen das Telefon, das sie sich in diesem Moment ans Ohr hielt. "Hi Jessica, ich bin's... ja, wieder im Lande." Ohne Nikola noch weiter zu beachten spazierte sie ins Wohnzimmer.
"Hast du deine dreckige Wäsche schon ausgepackt?", rief Nikola ihr hinterher.
"Mach ich später...", schallte es vom Sofa zurück.
Das mach ich für dich, dachte Nikola und öffnete die Tasche, die ihre Tochter einfach so auf dem Tisch abgestellt hatte. Nachdem Nikola sich nun eine Woche zusammengerissen hatte, wollte sie es nun doch so schnell wie möglich wissen. Sie fing an in der Tasche zu wühlen und als sie nicht sofort fündig wurde, zog sie die Klamotten ungeduldig heraus und warf sie auf den Boden.
"Bist du krank?"
Nikola erschrak und drehte sich um. "Wieso?"
"Weil du meine Klamotten hier im Flur verteilst."
Nikola lachte verlegen. "Ach, ich dachte, du bist bestimmt erschöpft, da kümmere ich mich mal um deine Wäsche..."
Bevor Stephanie darauf antworten konnte, öffnete sich die Wohnungstür und Peter schlurfte in den Flur. "Hey, was geht?"
"Unsere Mutter will freiwillig meine Sachen waschen."
"Cool!", rief Peter. "Gib mir 5 Minuten!" Er rannte los um seine eigene dreckige Wäsche aus seiner Wohnung zu holen.
Nikola widmete sich wieder Stephanies Tasche, aber immerhin tat sie nun so, als würde sie wirklich die Wäsche sortieren. Als sie die gesamte Tasche ausgeräumt hatte, ohne auch nur einen Schnipsel des von ihr so dringend gesuchten Zettels zu finden, wandte sie sich wieder an ihre Tochter.
"Sag mal Schatz, du hattest doch nicht nur diese Tasche mit, oder?"
"Nee, meinen Rucksack natürlich noch", Stephanie deutete auf den Rucksack, der vor ihrer Zimmertür lag, "wieso?" Im nächsten Moment wurde ihr klar, was Nikola im Sinn hatte und sie versuchte vor ihr an die Zimmertür zu gelangen. Aber sie war nicht schnell genug. "Hey, das ist meiner!", rief sie, als Nikola den Rucksack schon in der Hand hatte.
"Weiß ich!"
"Was da drin ist, geht dich gar nix an!" Stephanie versuchte ihrer Mutter den Rucksack abzunehmen, aber diese schaffte es mit einem geübten Griff Stephanie abzuwehren. Darin hatte sie immerhin jahrelange Übung. "Wann genau wirst du eigentlich noch mal 18?"
"Oh Mann!", maulte ihre Tochter und versuchte noch einmal Nikola davon abzuhalten den Rucksack zu öffnen. Aber erfolglos, denn Nikola fing schon an die Tasche zu durchwühlen.
"Was soll denn das überhaupt?"
"Ich such was", antwortete Nikola ohne aufzusehen.
"Und was?", fragte Stephanie pampig.
Da es Nikola zu lange dauerte, kippte sie den Inhalt des Rucksacks auf dem Tisch aus und mit Kaugummis, Lippenstift, einem Joint, Handy, Notizbuch, Discman, einer Zeitschrift und ein paar Kondomen purzelte der mehr oder weniger übliche Inhalt der Tasche einer 17-jährigen durcheinander.
"Sag mal, spinnst du?!" Stephanie bemühte sich, den Joint und die Kondome unauffällig an sich zu nehmen, aber Nikola schenkte ihr gar keine große Beachtung. In dem Notizbuch fand sie endlich, wonach sie so lange gesucht hatte. Ziemlich mitgenommen und um das untere Drittel mit der Unterschrift, das Stephanie abgetrennt hatte, kürzer, aber er war da.
Sie traute sich kaum, auf die Rückseite zu schauen, aber dann gab sie sich einen Ruck. Im ersten Moment erschien es ihr nur wie Hieroglyphen, aber dann drehte sie den Zettel um 90 Grad und erkannte Schmidts Handschrift. Oh Scheiße, dachte sie und schloss für einen Moment geschockt die Augen. Als sie die Augen wieder öffnete, waren die Buchstaben aber leider immer noch da. Sie atmete tief durch und begann zu lesen:

bei mir
ohne Stephanie
R.

"Scheiße, scheiße, scheiße!", murmelte sie dann nur noch.
"Du bist ja ECHT krank!", bemerkte Stephanie, die die ganze Aktion mit Unverständnis beobachtet hatte.
"Was?" Nikola hatte Stephanie vollkommen vergessen und drehte sich erst jetzt wieder zu ihr um.
"Na, hier!" Ihre Tochter deutete auf die dreckige Wäsche neben und den Inhalt ihres Rucksacks auf dem Tisch.
"Räum deinen Müll gefälligst mal weg!", gab Nikola geistesabwesend zur Antwort, "und vergiss deine dreckige Wäsche nicht!" Und ohne sich noch mal nach dem Chaos umzusehen, verschwand sie in ihrem Schlafzimmer und schloss die Tür hinter sich.

Mehrere Stunden, diverse verworfene Auswanderungs-Ziele und den notwendigen Schnaps später, sah sich Nikola doch endlich in der Lage Schmidt gegenüberzutreten. Da er auf ihr erstes Klingeln nicht reagiert hatte, obwohl sie wusste, dass er zuhause sein musste, wollte sie gerade an die Tür klopfen, als sich diese öffnete und Schmidt ihr gegenüber stand. Ertappt zog sie ihren Arm zurück.
"Guten Abend, Dr. Schmidt."
Wenn Schmidt überrascht war sie zu sehen, ließ er sich dies zumindest nicht anmerken.
"Frau Vollendorf...", begrüßte er sie höflich und schwieg. Hinter seiner bemüht teilnahmslosen Fassade spürte er allerdings schon wieder die Enttäuschung über sie hochsteigen, dass sie ihn als Lügner betitelt hatte. Er war fest entschlossen, dieses Mal Herr der Lage zu bleiben.
Nikola hatte gehofft, er würde es ihr leichter machen, aber dazu schien er nicht bereit. Warum sollte er auch, dachte sie. Kurz bevor das Schweigen zwischen ihnen zu peinlich wurde, fragte sie also: "Darf ich vielleicht 'nen Moment rein..." Sie biss sich auf die Lippen, aber zu spät.
"...reinkommen?", fragte Schmidt gespielt erstaunt, trat einen Schritt beiseite, machte eine übertrieben einladende Geste und gab dabei - ob beabsichtigt oder nicht - den Blick auf einen festlich gedeckten Tisch frei. Für zwei Personen, dachte Nikola und war so aus ihrem Konzept gebracht, dass sie gedankenlos den Fehler machte, tatsächlich seine Wohnung betreten zu wollen. "Aber Halt!", sagte Schmidt theatralisch und stellte sich ihr in den Weg. "Steht dem nicht ein Schwur entgegen?", fragte er mit unverhohlenem Sarkasmus.
Peinlich berührt trat Nikola wieder einen Schritt zurück, allerdings nicht ohne noch mal zu versuchen einen Blick auf den Tisch zu erhaschen.
"Kriegen Sie Besuch?"
"Ja."
"Oh."
Nikola wusste nicht, was sie noch sagen sollte. Mit so etwas hatte sie nicht gerechnet und letztendlich ärgerte sie sich genau darüber. Sie hätte sich doch denken können, dass Schmidt ihr nicht lange hinterhertrauern würde. Und so, wie sie sich ihm gegenüber verhalten hatte, erst recht nicht. Sie fragte sich in dem Moment wieder, warum sie überhaupt vor seiner Tür stand und war kurz davor, sich einfach wieder von ihm zu verabschieden.
"Es gibt nämlich noch weibliche Wesen auf dieser Welt, die meine Gesellschaft sehr wohl zu schätzen wissen", erklärte er dann ungefragt, "im Gegensatz zu... nun ja, eben zu denen, die dies nicht tun."
Nikola zwang sich zu einem Lächeln und wollte etwas erwidern, aber Schmidt ließ ihr keine Gelegenheit. "Das wird sicher ein ganz besonderer Abend. Gutes Essen, leckerer Wein, nette Gesellschaft, anregende Gespräche auf dem Sofa...", begann er ironisch aufzuzählen.
"Dr. Schmidt, warum..." erzählen Sie mir das eigentlich, wollte Nikola einwerfen, aber Schmidt war überhaupt nicht gewillt ihr auch nur einen vollständigen Satz zu gönnen. "...und diese Dame", fuhr er fort, "wird mein Frühstück sicher sehr zu schätzen wissen, auch wenn sie zum ersten Mal hier sein wird!"
Das war der Tropfen, der für Nikola das Fass letztendlich zum Überlaufen brachte. "Na, wenn sie beim ersten Mal bis zum Frühstück bleibt, wird sie ja ein ganz schönes Flittchen sein!" Sie bemerkte mit Genugtuung, dass Schmidts Kinnlade daraufhin förmlich nach unten klappte und es ihm die Sprache verschlug. Wenigstens etwas, dachte sie.
"Interessant zu wissen, dass alle Damen, die hier zum Frühstück bleiben, "Flittchen" sind", konterte Schmidt allerdings schnell und betonte das Wort überdeutlich, "aber darf ich Sie vielleicht daran erinnern, dass Sie selbst auch schon mal hier..."
"Nein, dürfen Sie nicht!", unterbrach Nikola ihn. "Außerdem habe ich noch NIE hier gefrühstückt und ich WERDE auch nie hier frühstücken und ich weiß auch sehr genau, warum!"
"Ich auch!"
"Ah ja?"
"Ja! Weil Sie zu stolz sind und zu stur und zu feige oder was weiß ich, warum Sie den Zettel ignoriert haben!"
Wie für einen Schwerhörigen sprach Nikola jede Silbe ihrer Antwort langsam und laut aus: "Da war kein Zettel!"
"Doch!", beharrte Schmidt wütend. "Da war einer! Und zwar einer ...", er suchte nach den passenden Worten, um diesen verdammten Zettel zu beschreiben, "...einer so wie der mit dem Sie schon die ganze Zeit hier rumfuchteln."
"Ah ja?" Nikola tat so, als bemerkte sie diese Ähnlichkeit erst jetzt. "Dann schauen Sie sich DEN doch mal genau an...", schlug sie mit eiskaltem Lächeln vor, drückte ihm den Zettel in die Hand und wandte sich zum Treppenhaus .
Schmidt erkannte seine Handschrift sofort. "Ach, schau an...", sagte er höhnisch. "Gerade eben hieß es noch, da war keiner! Was soll ICH denn jetzt noch damit?" Ohne sich den Zettel näher anzuschauen, drückte er ihn Nikola aufgebracht wieder in die Hand.
"LESEN!", rief Nikola wütend und hielt ihm die Vorderseite direkt vors Gesicht. Schmidt schenkte dem Zettel nach wie vor keine Beachtung. "Interessiert mich nicht mehr!", sagte er abweisend. "ICH weiß, was drauf steht!" Wutentbrannt kehrte er in seine Wohnung zurück. Bevor er ihr die Tür vor der Nase zuknallen konnte, stellte Nikola jedoch ihren Fuß in die Tür und widerwillig riss Schmidt sie wieder auf. "Was denn noch?", sagte er in scharfem Ton.
"Und der Zettel war nicht DA, als ich aufgewacht bin! Der war eine Woche auf dem Ijsselmeer!" Nikola klatschte ihm den Zettel vor die Brust, drehte sich um und ließ Schmidt stehen. Sollte er doch selbst sehen, was er damit jetzt noch anfing, ihr war inzwischen sowieso alles egal.
In ihrer Wut übersah sie fast die ältere gut gekleidete Dame, die dabei war einen schweren Koffer aus dem Fahrstuhl zu zerren und sie missbilligend anstarrte.
"Was ist?", motzte Nikola sie an. "Noch nie gesehen, wie sich jemand streitet? Was wollen Sie überhaupt hier?!"
Die Dame musterte die aufgebrachte Nikola in ihren schlunzigen Klamotten abschätzig von oben bis unten und Nikola hatte das seltsame Gefühl, dass sie genau diesen Blick schon mal erlebt hatte.
"Kennen wir uns?", fragte Nikola pampig, aber doch schon leicht verunsichert.
"Gott sei Dank nicht!", war die kühle Antwort ihres Gegenübers. Ohne Nikola weiter zu beachten, zerrte die Frau ihren Koffer über den Flur.
"Robert, das nächste Mal erwarte ich, dass du mich unten in Empfang nimmst!", rief sie in herrischem Ton Richtung Schmidts Wohnungstür. "Ich hab bis heute nicht verstanden, warum du damals ausgerechnet in dieses Objekt eingezogen bist. In die Nachbarschaft von so gewöhnlichen Menschen wie... " sie drehte sich zu Nikola um und schenkte ihr einen weiteren abschätzigen Blick.
"Mutter...", Schmidt trat auf den Flur, "... wie schön, dass du mich endlich mal besuchen kommst."
Nikola lehnte sich an die Wand, schloss die Augen und hätte sich am liebsten in ein Mauseloch verkrochen, als ihr einfiel, was sie gerade eben noch zu ihm über seinen Übernachtungsgast gesagt hatte. Bitte, bitte, bitte, lass die beiden jetzt einfach in seine Wohnung gehen, betete sie.
"Schön, dass du da bist", hörte sie Schmidt sagen. Seine Mutter antwortete nicht und Nikola hatte das schreckliche Gefühl, dass zwei Augenpaare auf sie gerichtet waren. Widerwillig öffnete sie die Augen und in der Tat: Schmidt und seine Mutter standen noch vor seiner Tür und starrten sie an. Schmidt mit einer Mischung aus großem Bedauern und Hilflosigkeit, seine Mutter mit mehr Verachtung, als Nikola es bei einer so scheinbar vornehmen Person vermutet hätte.
"Nikola, ich...", sagte Schmidt und streckte ihr die Hand entgegen, in der er noch immer den alles entscheidenden Zettel hielt. Er stockte, als er den strafenden Blick seiner Mutter bemerkte, der es offenbar gar nicht passte, dass ihr Sohn diese gewöhnliche Person so vertraulich anredete. "Ich meine, Frau Vollendorf, wir..."
"Robert, wie lange willst du mich hier noch im Flur stehen lassen!", fiel ihm seine Mutter nun direkt ins Wort.
Nikola entschloss sich dieser Situation ein Ende zu bereiten. "Schönen Abend noch, Dr. Schmidt. Frau Schmidt..." Sie nickte seiner Mutter mit ihrem freundlichsten Lächeln zu, aber diese hielt es nicht für nötig dies zu erwidern, sondern betrat an Schmidt vorbei seine Wohnung.
Schmidt lehnte sich neben Nikola an die Wand, aber er sah sie nicht an. Nach einem Moment wandte er sich zu ihr.
"Dr. Schmidt, es..." - "Nikola, es ..." sagten sie dann gleichzeitig.
"Robert, wo bleibst du mit meinem Koffer?!", schallte es aus seiner Wohnung und Schmidt zuckte zusammen wie auf frischer Tat ertappt. Beide wandten ihren Blick zur Wohnungstür.
"Ich...", begann Schmidt zögerlich
"Sie müssen sich um Ihre Mutter kümmern", beendete Nikola den Satz für ihn.
"Ja, genau", sagte er und Nikola gab es einen Stich, dass er sehr erleichtert klang, so als käme ihm das gerade Recht.
"Ja, wie gesagt, Schönen Abend noch, Dr. Schmidt!", verabschiedete sie sich kurzerhand und hocherhobenen Hauptes stieg sie die Treppe zu ihrer Wohnung hinab.
"Robert!!!"
"Ich komme", sagte er leise, aber er kehrte erst in seine Wohnung zurück, als er die Tür zwei Stockwerke tiefer ins Schloss fallen hörte.

© Juni 2004, liljan98


Wie es sich für eine "richtige" *g* Autorin gehört, gibt es hier im "Nachwort" eine Danksagung an meine phänomenalen Lektorinnen, denn ohne die beiden wäre diese Geschichte nie im Leben zu Stande gekommen. Vielen Dank also an Ulli, die meine Idee am Anfang in die richtige Richtung "geschubst" hat und die am Ende nicht nur fürs Menü gesorgt hat, sondern auch speziell dafür, dass Schmidts Sicht der Dinge nicht zu kurz kam.
Und ganz besonders herzlichen Dank an Simone, die mir gut drei Wochen lang - ich muss fast schon sagen rund um die Uhr - mit "Rat und Tat" zur Seite stand, wenn ich mal nicht weiter wusste. Und die sich immer wieder darum bemüht hat, jeden - und ich meine wirklich JEDEN! - meiner Gedankengänge nachzuvollziehen. Sogar die, von denen ich schon nach kurzer Zeit selbst gar nicht mehr so genau wusste, wie ich das eigentlich gedacht hatte. Wie heißt es noch gleich? War nett, machen wir [definitiv irgendwann] noch mal!

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