Walter Sittler begeistert beim Erich-Kästner-Abend
am Harburger Theater
Das Publikum des Harburger Theaters ist eher als zurückhaltend bekannt.
Es muss schon einiges geschehen, damit es diese Zurückhaltung aufgibt.
Am Freitagabend, nach der ersten der beiden Vorstellungen von "Als
ich ein kleiner Junge war", war es nicht wiederzuerkennen. Nachdem
Walter Sittler den letzten Satz des Textes von Erich Kästner gesprochen
hatte, die Musik leise ausklang und der Schauspieler zögernd nachdenklich
die Bühne verlassen hatte, rasteten die Harburger völlig aus.
Jubelstürme, rhythmischer Beifall und Bravorufe krönten einen
Abend, über den sich jeder ärgern sollte, der ihn nicht erlebt
hat.
"Als ich ein kleiner Junge war" ist ein untypischer Kästner-Text.
Der Kinderbuchautor, Dichter und Moralist berichtet dabei aus seiner Kindheit
aus seinen Jahren in Dresden bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Er
erzählt von einer Stadt, die es so nicht mehr gibt. Ist sie doch
im Zweiten Weltkrieg in einer einzigen Nacht dem Erdboden gleichgemacht
worden. Kästner erzählt vom sächsischen König, von
den Untermietern seiner Eltern, von seiner Verwandtschaft. Natürlich
verleugnet Kästner auch hier nicht den Satiriker. Aber über
allem liegt ein Hauch von Wehmut.
Dieser Text über die Notwendigkeit der Erinnerung ist ein autobiographischer
Roman. Martin Mühleis hat daraus ein Theaterstück für einen
Sprecher und sechs Musiker gemacht. Theaterstück? Jawohl, denn Walter
Sittler spricht den Text nicht nur, er spielt ihn, er demonstriert ihn,
er wird zu Erich Kästner (obwohl er ihm weder in Statur noch Stimme
gleicht). Sittler erweckt die Menschen um den kleinen Erich herum wieder
zum Leben. Die Zuschauer leiden mit seiner zum Selbstmord neigenden Mutter,
wundern sich über den machohaft polternden Onkel und stehen mit dem
jungen Kästner am Weihnachtsabend vor dem Gabentisch und versuchen,
sowohl Mutter als auch Vater nicht zu enttäuschen.
Sittler benötigt dazu nur wenige Gesten. Er beherrscht die Sprache
und ihre Zwischentöne. Wer ihn bisher nur aus dem Fernsehen kannte,
der weiß jetzt, dass er ein erfahrener Bühnenschauspieler ist.
Er bringt die Zeitlosigkeit und die Poesie des Kästnerschen Textes
zum Greifen nah.
Nun hat Sittler den kleinen Vorteil, dass er während der knapp zwei
Stunden nicht allein auf der Bühne steht. Denn mit ihm agieren sechs
Musiker. Deren Leiter Libor Sima hat eine faszinierende Sphärenmusik
zwischen Hanns Eisler und Gustav Mahler geschrieben, die das Geschehen
kommentiert oder unterstreicht. Niemals drängen sich die Klänge
in den Vordergrund, aber ohne diese Musik scheint das Stück unspielbar.
Ursprünglich sollte "Als ich ein kleiner Junge war" viermal
am Harburger Theater gespielt werden. Aufgrund des schlechten Vorverkaufs
wurden zwei davon gestrichen. Diejenigen, die trotzdem kamen, haben eine
Sternstunde des Theaters erlebt.
© Harburger Nachrichten, Ernst Brennecke
|