Großer kleiner Junge
(Kieler Nachrichten, 21.11.08)
 

Es war fast schon ein bisschen wie Weihnachten, unterm gedämpften Licht im dicht gefüllten Kieler Schloss, in dem Walter Sittler und seine sechsköpfige musikalische Begleitung angetreten waren, Erich Kästners Kindheitserinnerungen zum Leben zu erwecken: "Als ich ein kleiner Junge war"

Überm Maßanzug trägt Walter Sittler den hellen Mantel, der neben Hut und Regenschirm zu Erich Kästners kleidungstechnischer Grundausstattung gehörte. Ansonsten aber macht der Schauspieler, den das Publikum vor allem als TV-Kommissar Anders von Gotland oder Dr. Robert Schmidt aus der RTL-Serie "Nikola" kennt, keinerlei Anstalten, dem kleinen Herrn mit der aufmüpfigen Unterlippe im runden verschmitzten Gesicht, den Lachfältchen um die Augen zu ähneln. Und der Reiz des Abends entsteht genau daraus, dass Sittler sich den Schriftsteller nicht etwa anverwandelt, sondern ihm einfach seine wohltönend warme Stimme leiht. In der hat das naive Kinderstaunen ebenso Platz wie die leise Melancholie der Erinnerung und der den Texten eingebaute Schalk. So wünschten sich Große Gute-Nacht-Geschichten.

Die erzählen vom ehrgeizigen Stubenmädchen Ida und dem findigen Sattlermeister Emil, die ein Ehepaar wurden und die Eltern von Erich Kästner. Sie erzählen mit komischer Verzweiflung vom elterlichen Konkurrenzkampf, der alljährlich so unweigerlich wie wortlos am weihnachtlichen Gabentisch um die Liebe des einzigen Kindes ausgetragen wird. Von den Lehrer-Untermietern, mit denen der Junge schon früh "den fremden Erdteil Sprache" und die Lust am Lernen entdeckte - und von Paul Schurig, der seinen Lebensraum bei den Kästners zeitweise auf zwei der drei Zimmer ausdehnte und mit der Familie auch noch umzog.

Regisseur Michael Mühleis hat Kästners Erzählung klug konzentriert, zu einer Erinnerungsreise zwischen Wehmut und Witz, in der sich Geschichte und Alltagsgeschichten verzahnen. Die treibt das Sextett um Komponist und Saxophonist Libor Sima an, im lustigen Galopp oder verhalten, mit bekannten Liedern spielend und stets scheppernd verschrägt. Die Musik ist Zwischenspiel, Illustration oder Folie, auf der Sittler Kästners Geschichten entfaltet. Der wechselt unangestrengt durch Zeit und Stimmungen, groovt sich ein in den wehmütig leuchtenden Erzählduktus, ist ein bisschen Märchenonkel und ein bisschen Alleinunterhalter. Das leicht stereotype Bewegungsarsenal macht der Fernseh-Star mit Mimik und Stimme wett. Die fällt in den tiefen Bass von Onkel Franz, die müde Resignation von Tante Lina oder die weltoffene Klarsicht des kleinen Jungen. Und manchmal verdunkelt sich sein Blick, findet er einen einfachen Ton für die stille Trauer, mit der Kästner an die Zerstörung seiner Geburtsstadt Dresden erinnert.

Den großen Auftritt hat Sittler nicht nötig, so wenig wie der geradlinige Text, dem der Schauspieler jederzeit den Vortritt lässt. Angenehm altmodisch ist das in Zeiten von Video und Laser-Light-Shows. So altmodisch wie Kästners alte Wahrheiten. Die sind vielleicht nicht originell, sie erzählen einfach nur vom Leben. Kein Wunder, dass das Publikum am Ende so wundersam beglückt nach Hause ging.

© 2008 Kieler Nachrichten