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Schauspieler Walter Sittler sprach und spielte
im Erholungshaus Erich Kästners Jugendbiografie. Sittler entpuppte
sich beim "Besonderen Abend" als großartiger Bühnendarsteller.
Leverkusen - Als er ein klein war, fühlte er sich glücklich
und unglücklich, reich und arm, kindlich und erwachsen zugleich:
Aus der Erinnerung hat Erich Kästner die ersten Jahre seines Lebens
beschrieben. Als ich ein kleiner Junge war heißt diese
Schrift. Sie erschien 1957. Sie endet mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges
1914. Da war Kästner 15 Jahre alt. Die Biografie ist nicht als Bühnen-,
vielmehr als Lesetext verfasst. Und dennoch wurde sie im Erholungshaus
zum dramatischen Ereignis, denn Walter Sittler zeichnete diesen liebevoll-melancholischen
Blick zurück nach.
Auf dem Weg in Kästners Geburtsstadt Dresden begleiteten den Schauspieler
sechs Musiker. Sie untermalten und deuteten Kästners Kleines
Einmaleins des Lebens und schufen die klangsinnliche Atmosphäre
des frühen 20. Jahrhunderts. Sie ließen in kurzen Zitaten und
Eigenkompositionen die bescheidenen Verhältnisse anklingen, in denen
der Satiriker und Kinderbuchautor, der Moralist und Pazifist, der Erzähler
und Lyriker aufwuchs.
Wort und Ton ergänzten sich zum Besonderen Abend, besinnlich,
berührend und bewegend. Denn Sittler, der smarte Bildschirmheld,
entpuppte sich als großartiger Bühnendarsteller. Er rezitierte
den Kästner-Text als wäre er ein Stück von ihm, so selbstverständlich
wie verständlich, so sachlich wie möglich und so theatralisch
wie nötig. Eine Sprechpause, eine Geste, ein Wechsel von einem Stuhl
auf den anderen - mit wenigen Mitteln erreichte er höchste Wirkung.
Regisseur Martin Mühleis hat einen inszenierten Monolog für
einen Schauspieler und sechs Musiker geschaffen und damit eine ganz
eigene, stimmige Form von nachdenklich stimmendem Theater geschaffen.
Und das nicht nur zur Weihnachtszeit, obwohl die tragikomische Schilderung
des Heiligen Abend, an dem die Eltern Ida und Emil mit ihren Geschenken
Jahr für Jahr um die Liebe ihres Sohnes buhlen, zu den traurigsten
Episoden in den Erinnerungen zählt - abgesehen von den Nöten
des kleinen Erich, wenn er auf der Suche nach der suizidgefährdeten
Mutter ist.
Er hatte eine sehr angenehme, ruhige, tiefe, gelassene Stimme,
sagte der Publizist Rudolf Walter Leonardt über seinen Freund Erich
Kästner, der 1974 starb. Bis auf das tief umschreibt
dieser Satz auch Walter Sittlers Sprechart, mit der er Kästners lakonischen
Erzählton im Kern trifft. Die Pointen kommen beiläufig, unterkühlt.
Unaufgeregt, klar, das ist die bildmächtige Sprache dessen, der kein
Lehrer, sondern ein Lerner war und damit bis heute die Seele von
Kindern und Erwachsenen erreicht.
Zu lauschenden Lernern machte das Ensemble die Menschen im Erholungshaus:
Sie lernten, dass Geschichte selten zu Ende erzählt ist, denn zu
Kästners Schwanengesang auf das zerstörte Dresden entstanden
im Kopf der Zuhörer die Bilder der wiedererrichteten Frauenkirche
© 2009 KStA; Ingeborg Schwenke-Runkel
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