Kleines Einmaleins des Lebens
(Kölner Stadtanzeiger, 13.12.09)
 

Schauspieler Walter Sittler sprach und spielte im Erholungshaus Erich Kästners Jugendbiografie. Sittler entpuppte sich beim "Besonderen Abend" als großartiger Bühnendarsteller.

Leverkusen - Als er ein klein war, fühlte er sich glücklich und unglücklich, reich und arm, kindlich und erwachsen zugleich: Aus der Erinnerung hat Erich Kästner die ersten Jahre seines Lebens beschrieben. „Als ich ein kleiner Junge war“ heißt diese Schrift. Sie erschien 1957. Sie endet mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges 1914. Da war Kästner 15 Jahre alt. Die Biografie ist nicht als Bühnen-, vielmehr als Lesetext verfasst. Und dennoch wurde sie im Erholungshaus zum dramatischen Ereignis, denn Walter Sittler zeichnete diesen liebevoll-melancholischen Blick zurück nach.

Auf dem Weg in Kästners Geburtsstadt Dresden begleiteten den Schauspieler sechs Musiker. Sie untermalten und deuteten Kästners „Kleines Einmaleins des Lebens“ und schufen die klangsinnliche Atmosphäre des frühen 20. Jahrhunderts. Sie ließen in kurzen Zitaten und Eigenkompositionen die bescheidenen Verhältnisse anklingen, in denen der Satiriker und Kinderbuchautor, der Moralist und Pazifist, der Erzähler und Lyriker aufwuchs.

Wort und Ton ergänzten sich zum „Besonderen Abend“, besinnlich, berührend und bewegend. Denn Sittler, der smarte Bildschirmheld, entpuppte sich als großartiger Bühnendarsteller. Er rezitierte den Kästner-Text als wäre er ein Stück von ihm, so selbstverständlich wie verständlich, so sachlich wie möglich und so theatralisch wie nötig. Eine Sprechpause, eine Geste, ein Wechsel von einem Stuhl auf den anderen - mit wenigen Mitteln erreichte er höchste Wirkung.

Regisseur Martin Mühleis hat einen „inszenierten Monolog für einen Schauspieler und sechs Musiker“ geschaffen und damit eine ganz eigene, stimmige Form von nachdenklich stimmendem Theater geschaffen. Und das nicht nur zur Weihnachtszeit, obwohl die tragikomische Schilderung des Heiligen Abend, an dem die Eltern Ida und Emil mit ihren Geschenken Jahr für Jahr um die Liebe ihres Sohnes buhlen, zu den traurigsten Episoden in den Erinnerungen zählt - abgesehen von den Nöten des kleinen Erich, wenn er auf der Suche nach der suizidgefährdeten Mutter ist.

„Er hatte eine sehr angenehme, ruhige, tiefe, gelassene Stimme“, sagte der Publizist Rudolf Walter Leonardt über seinen Freund Erich Kästner, der 1974 starb. Bis auf das „tief“ umschreibt dieser Satz auch Walter Sittlers Sprechart, mit der er Kästners lakonischen Erzählton im Kern trifft. Die Pointen kommen beiläufig, unterkühlt. Unaufgeregt, klar, das ist die bildmächtige Sprache dessen, der „kein Lehrer, sondern ein Lerner“ war und damit bis heute die Seele von Kindern und Erwachsenen erreicht.

Zu lauschenden Lernern machte das Ensemble die Menschen im Erholungshaus: Sie lernten, dass Geschichte selten zu Ende erzählt ist, denn zu Kästners Schwanengesang auf das zerstörte Dresden entstanden im Kopf der Zuhörer die Bilder der wiedererrichteten Frauenkirche

© 2009 KStA; Ingeborg Schwenke-Runkel