| Walter Sittler spielt Erich Kästner im CCP: Schicksal
des übermäßig geliebten Sohns (Pforzheimer Nachrichten, 11.12.09) |
| Erich Kästner war mehr als nur ein begnadeter Autor von Kinderbüchern
wie dem Fliegenden Klassenzimmer oder Emil und die Detektive,
die sich noch heute großer Beliebtheit erfreuen. Lange war er als
Lyriker unterschätzt. Seine schnörkellose Gedichte der 1920er-
Jahre stellvertretend für den von Realismus, Satire und Ironie geprägten
vorherrschenden neusachlichen Stil der Literatur der Zeit stehen können.
Und nicht nur sein Roman Fabian ist heute noch, seiner literarischen
Bedeutung ebenso wie des genau eingefangenen Zeitkolorits wegen lesenswert.
Welch genauer Beobachter der Zeitläufe Kästner war , kein Wunder, dass er unter den Nazis Schreibverbot hatte unterstreicht auch seine autobiografische Erzählung Als ich ein kleiner Junge war. Eine Hommage an seine Kindheit und das im Bombenhagel untergegangene alte Dresden ebenso wie an seine Eltern, die ihn übermäßig liebende wie dominierende Mutter vor allem. Der populäre Schauspieler Walter Sittler, dessen Bekanntheit zu guten Teilen auf Serien wie Girlsfriends oder Nikola beruht, hat sichdes Werks Als ich ein kleiner Junge war angenommen und spielt seit über drei Jahren den Ich-Erzähler Erich Kästner in einer die Erzählung geschickt komprimierenden Bühnenfassung. Im gut besuchten Mittleren Saal des Pforzheimer CongressCentrums genügen ihm, der anfangs noch den hellen Trenchcoat der Nachkriegszeit über den grauen Dreiteiler trägt, wenige Gesten, um dem Zuschauer die Person Kästners nahe zu bringen. Dank des von Sittler trotz nur mäßiger elektronischer Verstärkung
sprachlich prägnant gestalteten Textes wird die Familiengeschichte
der Kästners, die zugleich auch Zeitgeschichte ist Als
ich ein Junge war endet mit dem Kriegsbeginn 1914 lebendig.
Der Vater, ein Sattlermeister, der seinen Handwerkerstolz überwinden
und den Zeitläufen geschuldet in der Fabrik arbeiten muss, wird ebenso
präzise charakterisiert wie Kästner den Typus der höheren
Tochter mit wenigen Strichen skizziert. Nostalgie und Mitgefühl
klingten mit, wenn Sittler Kästners Schilderung des einsamen letzten
sächsischen Königs vorträgt, dem die Frau mit einem Violinvirtuosen
durchgebrannt ist. Sittler spitzt den Witz und die gesellschaftkritischen
Momente des Textes unaufgeregt zu, übertreibt nicht, stößt
Publikum nicht auf die Parallelen zur Gegenwart, sondern lässt es
sie selbst erkennen. |