Zauberhafte Kindheit mit bitterem Beigeschmack
(Reutlinger Zeitung, 16.12.06)
 
Das Werk ist typisch für den Autor. Mit verblüffend einfachen Worten beschreibt Erich Kästner eine komplizierte Zeit. Der Moralist mit humorvoller Ader schafft es, mit seiner autobiografischen Erzählung »Als ich ein kleiner Junge war« weit mehr zu liefern als nur seine Kindheitserinnerungen - es ist ein präzises, liebevolles Porträt einer Zeit und einer Stadt. Walter Sittler bringt das Werk bei einer szenischen Lesung im Sudhaus auf die Bühne. Mit der Unterstützung von sechs Musikern wird der puristisch inszenierte Monolog zu einer stimmigen und gefälligen Vorstellung, die Lust auf Weihnachten macht.
Walter Sittler kommt im Trenchcoat. Seinen Hut hat er schon abgelegt. Er nimmt sich Zeit, in der Rolle des Autors die Geschichte vor dem Publikum auszubreiten. Dass ihm das dann bemerkenswert gut gelingt, hat er nicht zuletzt den Musikern zu verdanken: Libor Sima (Saxofon), Uwe Zaiser (Trompete), Elena Schöttle (Geige), Lars Jönsson (Harmonium), Veit Hübner (Bass) und Meinhard »Obi« Jenne (Schlagzeug).

Diese verfolgen das Stück, sind aber gleichzeitig - auf einer langen Bank sitzend - Teil der Inszenierung von Martin Mühleis. Mit wohldosierten Einspielungen begleiten, untermalen und akzentuieren sie das Gesagte ganz vorzüglich. Die Musik transportiert nicht nur den Zeitgeist, sie kommentiert schmunzelnd, sie lässt den Schnee rieseln oder gibt dem melancholischen Grundton der Geschichte klanglich eine Gestalt.

In der Rolle eines rückblickenden Kästners zieht Sittler das Publikum schnell in eine zauberhafte Kindheit mit bitterem Beigeschmack hinein. Die Dreizimmerwohnung wird mit einem Lehrer als Untermieter geteilt. Im Schlafraum, der als winziges Familienreich bleibt, wird Mutter Ida noch als Friseuse arbeiten. Vater Emil, gelernter Sattler, hat längst das eigene Geschäft aufgeben müssen (»den Kunden gefielen seine Produkte besser als seine Preise«) und sich in der seelenlosen Fabrik verdingt. Immer bringt er zu wenig Geld nach Hause, da sind Geldnöte und Schulden.

Grandios ist die Schilderung des prächtigen Dresdens zwischen 1907 und 1914. Statt Fernweh gab es nur Heimweh. Dreimal zieht die Familie in der Königsbrücker Straße um. »Wir zogen tiefer, weil es mit uns bergauf ging.« Wunderbar die Schilderung eines Aufenthalts in der Villa von Onkel Franz, einem reichen Pferdehändler. Die armen Kästners verstecken sich in der Küche - und werden vom polternden Onkel entdeckt.

Irgendwann kommt die Erkenntnis: »Manches, was man als Kind erlebt, bekommt seinen Sinn erst viel später.« Mit viel Gespür für Stimmungen macht Walter Sittler den Text zum Erlebnis. Meist ist er gespielter Autor und sanfter Erzähler, manchmal schlüpft er für wenige Worte in kleine Rollen. Er intensiviert seinen Auftritt, gestaltet das Ende mit Tragik und Tiefe - aber nicht ohne Hoffnung. Die Mutter, die ihren Sohn so sehr liebte, dass für andere nichts blieb, steht als lebensmüde Wachsfigur auf Brücken. Der Erste Weltkrieg beginnt.

© 2006, Reutlinger Zeitung, Michael Märkle