| Die Kraft des Erinnerns (Südwestpresse, 18.01.10) |
|
Walter Sittler ist ein schauspielerisches Multitalent. Er studierte an der Falckenberg-Schule für Schauspiel in München und hatte sein Bühnendebüt 1981 am Mannheimer Nationaltheater. Von 1988 bis 1995 war er am Stuttgarter Staatstheater engagiert. Einem breiten Publikum wurde der in Chicago (Illinois) geborene und in Stuttgart lebende Schauspieler durch zahlreiche Fernsehserien und -filme bekannt, Seit der Prämiere im November 2006 in Dresden ist Sittler mit dem Solo-Programm "Als ich ein kleiner Junge war" auf Deutschland-Tournee. In dem Stück, das auf einem gleichnamigen Buch Erich Kästners basiert, erzählt der berühmte Schriftsteller, Lyriker, Satiriker, Journalist und Moralist aus seiner Kindheit. Die Situation: Ein Raum, Ende der vierziger Jahre in irgendeiner deutschen Stadt. Sieben Menschen, ein Schriftsteller und sechs Musiker, sind hier gestrandet. Während der große deutsche Autor mit den Augen eines Erwachsenen und mit dem Herzen eines Kindes aus dem Füllhorn seiner Erinnerungen zu berichten beginnt, nehmen die Musiker nach und nach ihre Instrumente, begleiten und umrahmen die Geschichten und kommentieren sie auf musikalische Weise. Die autobiographische Erzählung Kästners über seine Kindheit ist als "Stilles Meisterwerk über die Kraft des Erinnerns" tituliert. Denn: "Erinnerungen liegen nicht in der Schublade, sondern leben in uns und unseren Herzen." Es sind zumeist nachdenkliche, mitunter auch heitere Erinnerungen an das Leben eines kleinen Jungen, der die Launen eines eigenartigen Jahrhunderts mit kindlicher Gradlinigkeit und voller Lebensfreude erlebt. "Er war selbst einmal ein Kind, und hat es, im Gegensatz zu den meisten Erwachsenen, nicht vergessen", sagte Kästner über sich selber. Er schildert unter anderem seine Erinnerungen an das Weihnachtsfest in der Familie, den Untergang seiner Geburtsstadt Dresden und kommentiert den Beginn des Ersten Weltkriegs, von dem er sagt: "Der Weltkrieg hatte begonnen, und meine Kindheit war zu Ende." Der 1899 geborene Kästner blickte jedoch auch weiter zurück, indem er etwa die Situation zum Zeitpunkt der Geburt seiner Mutter Ida Kästner im Jahre 1871 beschreibt. Damals habe es, wie so oft im Leben, gerade Krieg gegeben. Der französische Kaiser, Napoleon III., sei auf der Wilhelmshöhe bei Kassel in einem Schloss eingesperrt gewesen und König Wilhelm von Preußen sei in Versailles bei Paris zum deutschen Kaiser proklamiert worden. "Umgekehrt wäre es wesentlich billiger gewesen", mokierte sich Kästner über die Weltgeschichte, die nicht genug kosten könne. "Wenn ein Kolonialwarenhändler in seinem Laden so viele Dummheiten und Fehler machen würde wie die großen Staatsmänner dieser Welt, wäre er in spätestens vier Wochen pleite. Zudem käme er nicht ins goldene Buch der Geschichte, sondern ins Kittchen", meinte er süffisant ironisch. Sittler spielte Kästner in der Monologinszenierung in grandioser Manier. Er bewies souverän seine ausgezeichneten schauspielerischen Talente. Zudem zeigte er, dass er auch ein ebenso guter Geschichtenerzähler ist. Wenn er über Kästners Erinnerungen sprach, geschah das nicht einfach nur in professioneller Routine, sondern mit spürbarer Leidenschaft - fast so, als wäre es seine eigene authentische Biografie. Kästner und Sittler - eine Kombination, die sich gefunden hat und exzellent miteinander harmoniert. Mit seiner charismatischen Eloquenz und hochkonzentrierter Präsenz zog Sittler vom ersten Moment an das Publikum in seinen Bann und entführte es in die Welt der Geschichten und Anekdoten aus dem damaligen Zeitgeschehen. Es war beeindruckend und faszinierend, wie er durchgängig frei sprach, zitierte sowie Geschichten und Anekdoten erzählte. Musikalisch passend umrahmt wurden die Erzählungen von einem sechsköpfigen
"Salonorchester". Das Ensemble präsentierte von dem Saxofonisten
Libor Síma eigens komponierte Musikstücke sowie Gassenhauer,
wie sie für die frühen Jahre des vergangenen Jahrhunderts charakteristisch
waren. Man hätte Sittler und auch dem Musikorchester auch nach rund
eineinhalb Stunden noch gut und gerne eine Weile länger zuhören
können an diesem großartigen Abend, der für das Publikum
noch lange unvergessen bleiben dürfte. |