| "Er wollte es auch einmal gut haben"
Der Briefwechsel von Gotthold Ephraim Lessing und Eva König (FAZ, 09.03.02) |
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| "Meine liebste Madame": So beginnt der erste Brief
Lessings an Eva König, geschrieben im Juni des Jahres 1770. Zu diesem
Zeitpunkt ist sie Mitte dreißig, Mutter von vier Kindern und seit
einem Jahr Witwe. Er ist Anfang vierzig und steht im Ruf, dass er schon
in jüngeren Jahren nichts hat anbrennen lassen. Man könnte also meinen, dass diese beiden reifen Menschen der Liebe ohne Umschweife begegnen. In gewisser Weise tun sie das auch. Ihre Briefe - knapp zweihundert, davon rund einhundertzehn aus der Feder Eva Königs - zeugen jedenfalls von einem gesunden Realitätssinn auf beiden Seiten. Von Liebensbriefen kann zu Beginn dieser Korrespondenz noch nicht die Rede sein: eher sind es tagebuchähnliche Schilderungen ganz gewöhnlicher Nöte und Sorgen. Der Ton zeugt eher von freundschaftlicher Verbundenheit denn von Gefühlsaufruhr, doch mehr und mehr verrät die liebevolle Beschreibung minutiöser Details, dass diese beiden Menschen größten Anteil am Leben des jeweils anderen nehmen. Dabei sind sie durchaus nicht in ständigem Kontakt; manchmal vergehen sechs bis acht Wochen , ohne dass sie voneinander hören. Eva König und Lessing schreiben sich über einen Zeitraum von sechs Jahren hinweg, einsetzend kurz vor Lessings Übersiedlung als Bibliothekar nach Wolfenbüttel und endend mit ihrer Hochzeit am 8. Oktober 1776. Während dieser Zeit war es ihr in Wien darum zu tun, das Erbe ihres Mannes, bestehend unter anderem aus schwer verkäuflichen Seiden- und Tapetenmanufakturen, zu regeln: er war um eine Stellung bemüht, die es ihm ermöglichen sollte, eine Familie zu ernähren. Sobald Lessing das Wort an seine "liebste Freundin" richtet, fällt der Gelehrte von ihm ab, der Schriftsteller nicht. Sein Talent als Briefschreiber ist nicht verwunderlich, das von Eva König um so mehr. Sie schreibt mit Schwung und zeigt ein Gefühl für Sprache, das auch Lessing manches Mal in Erstaunen versetzt haben dürfte, etwa wenn sie ihn nach einer ungewohnt sehnsuchtsvollen, schwärmerischen Bemerkung seinerseits darauf hinweist, dass der kompimentierende Ton ihm nicht gut anstehe. In ihrem gezügelten Temperament und ihrer Strenge wird sie vollends zu Lessings kongenialer Partnerin: Er ist kein Mann, der über Gefühle schreibt oder gar sein Innerstes offenbart. Dennoch erfährt man, wie man es geht: meistens schlecht. Er vermisst die Hamburger Freunde und fühlt sich einsam, ihn plagen Geldsorgen und Zahnschmerzen. Aber auch sie klingt häufig melancholisch, sorgt sich um ihre Kinder, um die Geschäfte, um ihn. Leider hat es der Verlag versäumt, im Booklet ausführliche Angaben zum Hintergrund dieser Beziehung zu machen. Die Stärke dieses Hörbuchs aber sind seine Stimmen: Mit großer Intensität lesen die Schauspieler Walter Sittler und Barbara Falter die Briefe des Paars. Beim Hören wird man allerdings manches Mal den Eindruck nicht los, dass die Emphase der gelesenen Zeilen die der damaligen Realität um einiges übertrifft. Zwar entsprechen die Themen den zeitgenössischen Gepflogenheiten - dennoch vermisst man den drängenden, dringenden Ton der Liebenden. Nur ab und zu genehmigt sich Lessing zum Abschied Gesten wie "Ich umarme Sie tausendmal." Die Gelassenheit, die diese Briefe verströmen, erklärt sich aus dem Ziel, das ihre Verfasser stets vor Augen haben. Sie sind umfangen von der Gewissheit, einander ihr Wort gegeben zu haben - auch wenn ihre Briefe nur selten von der Aussicht auf die gemeinsame Zukunft handeln. Doch der Wunsch, zusammen zu sein, den sie über Jahre verfolgen, geht nur für kurze Zeit in Erfüllung: Im Januar 1778, nach nur siebzehn Monaten Ehe, sterben Eva König und der Sohn im Kindbett. Lessing schreibt an Eschenburg: "Diese Erfahrung habe ich nun auch gemacht. Ich freue mich, dass mir viel dergleichen Erfahrungen nicht mehr übrig sein können zu machen, und ich bin ganz leicht." Lessings Wunsch, es "auch einmal so gut" zu haben "wie andere Menschen", ging nur für kurze Zeit in Erfüllung. © 2002, Frankfurter Allgemeine Zeitung; Felicitas von Lovenberg zurück zu "Lessings Passion" |