"Liebe und Lotto"
(Kölner Stadtanzeiger, 07.05.02)
 
Sechs Jahre lang schrieben sich Lessing und Eva König insgesamt 200 Liebesbriefe - erst dann heirateten sie.

„Liebste Freundin, ich gehe bereits den ganzen Abend im Gedanken mit Ihnen spazieren.“ So begann im Juli 1770 Gotthold Ephraim Lessing, der zu dieser Zeit als Hofbibliothekar in Wolfenbüttel arbeitete, einen Brief an seine spätere Frau Eva König. Sie hielt sich zu diesem Zeitpunkt in Wien auf, wo sie den Nachlass ihres ersten Mannes regeln musste. Erst sechs Jahre später heirateten Lessing und Eva König. Bis dahin führten sie das, was man eine „Fernehe der deutschen Klassik“ nennen könnte, und versicherten sich der Gefühle und Nähe des anderen durch insgesamt zweihundert Liebesbriefe; gemeinsame Spaziergänge in Gedanken.

Das Bild des Spaziergangs ist bezeichnend für das Eheverständnis der Aufklärung. Nicht etwa das vertraute Stelldichein wird ersehnt, sondern der halbprivate Aufenthalt in der Öffentlichkeit. Er habe in seinen Briefen keine Zeile geschrieben, so Lessing, „welche nicht die ganze Welt lesen könne“. Dem Aufklärer Lessing war es wichtig, auch als Privatperson für sein Handeln jederzeit die Verantwortung übernehmen zu können. Anders als Goethe plante er jedoch nicht, seine privaten Briefe zu veröffentlichen, so dass sich viele Details und Episoden in dem Briefwechsel finden, die geeignet sind, dem Bild Lessings neue Facetten hinzuzufügen.
Wer hätte gedacht, dass Lessing, in dessen Stücken es immer wieder um die Wahrung bürgerlicher Tugend geht, ein heimlicher Glücksspieler war und mit Eva König Briefe über das Lottospiel wechselte? Sichtbar wird auch, wie sehr Lessing an seinem Alltag litt. An seinen Geldnöten, seiner Hypochondrie, seinem Jähzorn, seinen Zahnschmerzen. Die Briefe an Eva König waren nicht zuletzt für ihn ein Mittel, all dies literarisch zu bändigen.

Die eigentliche Entdeckung sind jedoch die Texte von Eva König, die Walter Jens einmal als eine der wenigen großen Briefeschreiberinnen des 18. Jahrhunderts bezeichnet hat. Eva Königs trockener Witz und ihr großartiger Stil stehen Lessing in nichts nach, so dass der Briefwechsel nicht nur ein Beleg für die Differenziertheit und den Reichtum der deutschen Sprache ist, sondern auch Ausdruck eines von Respekt und Humor geprägten zwischenmenschlichen Umgangs.

Der Fernsehschauspieler Walter Sittler („GIRLfriends“, „Nikola“ - beide mit Mariele Millowitsch) erhielt diesen Briefwechsel als Abschiedsgeschenk der berühmten Münchner Falkenberg-Schauspielschule mit dem Vermerk, dass er, wenn er eine geeignete Partnerin fände, damit einmal einen Theaterabend gestalten könnte. Am Staatstheater Stuttgart traf er mit Barbara Falter diese Partnerin. Barbara Falter ist in Köln geboren und aufgewachsen, ihre ersten Theatererfahrungen machte sie als Regieassistentin bei Hansgünther Heyme am hiesigen Schauspielhaus.
Falter und Sittler verstehen - wie auch Regisseur Marcel Keller, der den Briefwechsel in eine szenische Lesung umgesetzt hat - ihr Projekt als neuen Zugang zu Lessing. Marcel Keller: „Die Vorurteile über unsere »Klassiker« sind groß, viele erwarten, dass ein großer Denker auch privat ständig nur Erhebendes und Endgültiges absondert. Der Privatmensch Lessing ist, wenngleich geistreich, erfrischend normal. Aber darin steht ihm seine Eva König in nichts nach.“

1776 heirateten Lessing und Eva König. Ihr Glück währte nur kurz. Eva König starb fünfzehn Monate später im Kindbett. Einem Freund schrieb Lessing: „Ich wollte es auch einmal so gut haben wie andere Menschen, aber es ist mir schlecht bekommen.“

© 2002 Kölner Stadtanzeiger; Thomas Böhm

zurück zu "Lessings Passion"