"Liebesbriefe und Befindlichkeiten"
(Kamenzer Zeitung, 31.01.00)
 
Eva König und Gotthold Ephraim Lessing: Lesung von Barbara Falter und Walter Sittler zeigt weniger bekannte Seiten

Von wegen, Lessing ein fleißiger Schreiber? Den Zahn zogen dem zahlreich erschienenen Publikum am Sonnabend im Stadttheater zwei Schauspieler aus Stuttgart. Barbara Falter und Walter Sittler gaben Eva Katharina König und Gotthold Ephraim Lessing Gestalt - als Lesende ihrer Liebesbriefe. Und natürlich schlüpften sie in ihre Rollen. Und so brachten sie uns die berühmten Menschen nahe: Eva als energische, lebenspraktische und humorvolle Frau, die als 34-jährige (1770) dem um sieben Jahre älteren Lessing ebenbürtig ist, an Intelligenz, im Stil des Schreibens. Lessing, der sich Frauengestalten reihenweise ausdenkt - Sara, Minna, Emilia -, aber hier von der Angebeteten überrumpelt wird - mit Liebenswürdigkeit, Realitätssinn, auch mit Spott. Lessing offenbart sich als gehemmt, melancholisch.
Der große Aufklärer schreibt der Dame seines Herzens zu allem übel ziemlich selten. Er entpuppt sich als Faulpelz, als Geschichtenerfinder, um nicht Lügner zu sagen. Mal will er krank gewesen sein, dann wieder habe ihn der Prinz gequält, dann die Arbeit abgehalten. So fragt sich Lessing am 26. Oktober 1772 sogar selbst, aber immerhin liebevoll: "... ist es in aller Welt möglich, dass ich Ihnen in so langer Zeit nicht geschrieben habe? Dass ich es habe aushalten können, in so langer Zeit nichts von Ihnen zu sehen und zu hören?"
Da war er natürlich bei ihr an die Richtige geraten. Obwohl sie sich wegen des Verkaufs ihrer Seidenfabriken zum Teil mehrere Jahre in Wien aufhält und viel reist, schreibt sie meist regelmäßig nach Wolfenbüttel. Anfängliche Korrespondenz beginnt mit "Meine liebe Madame!", bzw. "Mein lieber Herr Lessing!". Reiseerlebnisse und Lotteriespiel, von Eva äußerst humorvoll beschrieben, sind in der ersten Zeit bevorzugte Themen. Dann sind's die täglichen wichtigen Dinge, die die Charakterstärken der beiden verraten: Zielstrebigkeit, Geradlinigkeit, Menschlichkeit... Behutsam "biegen" sie sich hin: "Meine Liebe!" - "Mein Lieber!" Am 6. Oktober 1776 ist in Wolfenbüttel Hochzeit.

Etwa 180 solcher Briefe gibt es von den beiden. Nur wenige konnten natürlich vorgetragen werden. Aber das reichte, den Zuhörenden und Zusehenden wieder etwas mehr von Eva Katharina König und Gotthold Ephraim Lessing zu zeigen, vor allem von ihrer Liebee und Menschlichkeit für sich und andere. Keines der Dramen von William Shakespeare, von Lessings Freund und Vertrauten Johann Joachim Eschenberg (1743 bis 1826) so hervorragend ins Deutsche übersetzt, hat wohl das tragische widerspiegeln können, was da dem Ephraim mit seiner Eva nur kurze Zeit später passierte.
Am 31. Dezember 1777 schrieb Lesssing an den Freund u.a. "Mein Freude war nur so kurz. Und ich verlor ihn ungern, diesen Sohn! denn er hatte so viel Verstand! so viel Verstand! - Glauben Sie nicht, dass sie wenigen Stunden meiner Vaterschaft mich schon zu so einem Affen von Vater gemacht haben! ... Ich wollte es auch einmal so gut haben wie andere Menschen. Aber es ist mir schlecht bekommen." Zehn Tag später stirbt Eva am 10. Januar 1778.

©  2000, Kamenzer Zeitung; Reinhard Kärbsch

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