"Wenn der Produzent einmal klingelt ..."
Regisseur Stephan Meyer zur Vorgeschichte von "Gegen jedes Risiko"
(ZDF, 11.03.05)
 
Markus Trebitsch rief mich an, mitten in der "Tagesschau". Er darf das. Es war Mitte April. Seit 15 Jahren zanken wir uns, bis die Filme fertig sind. Aber dann gibt er es wenigstens zu, wenn ich Recht hatte. So was verbindet. Produzenten lügen auch mal, das ist der Beruf. Mich hat Markus Trebitsch nie belogen. Zwei Jahre hatte er sich nicht gerührt, wo war der Haken?
Wenige Tage zuvor lief ein Münster-"Tatort", den ich geschrieben und inszeniert hatte, prima Quote, prima Presse, nur: Kein Produzent hatte angerufen - das kränkt.

"Hast du im Juli Zeit?"
Hatte ich eigentlich nicht. Ich schrieb an einem neuen "Tatort", kam aber nicht richtig voran. "Zeit für was?"
"Ein neuer ZDF-Samstagskrimi mit Walter Sittler!"
Sittler kannte ich nur vom Schirm, meist im Doppelpack mit Mariele Millowitsch. Samstags beim ZDF ermitteln die Damen Hoger, Berben, Berger, Kriener, Schwab und Kramer, und die Kerle Pfaff, Stumph, Lansink - in der Liga jetzt also auch Walter Sittler?
"Mutig", hab ich gesagt, "packt er das allein und so ganz ohne Mariele?"
"Spinnst du?", fauchte Markus. "Walter Sittler spielte über 15 Jahre auf den ersten Bühnen, bevor er vor lauter Arbeit überhaupt wusste, was Fernsehen ist! Oder ist das Staatsschauspiel Stuttgart keine erste Bühne?"
Schon, schon. "Was soll er denn spielen?"
"Versicherungsdetektiv. Walter ermittelt für eine große Versicherung kritische Schadensfälle."
Kein Kriminaler also, hoheitlich mit Waffenschein und Handschellen unterwegs, sondern auf sich gestellt und einsam wie der klassische private Dick, nicht schlecht, das gab's länger nicht. Obwohl: Versicherungen. Mir wollten sie zuletzt nach 30 Jahren Hausrat das dritte geklaute Fahrrad binnen vier Jahren kaum glauben - als würde ich unsere Räder selber stehlen.
"Auf wessen Seite steht er denn? Vertritt er die Konzerne oder uns Leute?"
"Blödmann!", wurde Markus mild: "Walter Sittler sucht die Wahrheit. Er findet sie mal auf dieser, mal auf jener Seite."

Klar. Walter Sittler als ehrliche Haut, das passt, das wollte ich gern glauben. Denn eine Versicherung ist im Grunde ja eine gute Sache. Viele Leute zahlen in einen Topf, aus dem im Schadensfall jeder entschädigt wird - der Grundgedanke jeder Solidargemeinschaft. Die Zuschauer wissen also, worum es geht. Wir alle versichern uns gegen alle denkbaren Lebensrisiken. Keinem von uns ist bei Jahr für Jahr höheren Prämien je der Prachtmensch von Schadensregulierer wie im Werbefernsehen begegnet. Sicher wurmt es viele, wenn nix passiert, und man zahlt umsonst, während die Paläste unserer Versicherungen mitten in der City immer prunkvoller werden. Und ganz sicher gibt's darum auch viel Beschiss. Beschiss heißt aber zivil- und strafrechtlich Betrug. Die Versicherung zu betrügen gilt inzwischen als Volkssport.
"Grob jeder zehnte Schaden", wusste Markus, "wird betrügerisch angemeldet, bei einem jährlichen Gesamtschaden von geschätzten vier Milliarden Euro."
Als Zahlenfan war ich platt. "Von wem weißt du das?"
"Wir haben recherchiert!"
"Wer wir?"
"Die Autoren Hüttmann und Jeltsch!"
Auf irgendwen muss er sich ja verlassen. Die zwei hatten Preise, umso besser. "Was für einen Fall klärt Walter Sittler?" Versenkt einer wie der schwer kriminelle Wiener Herr Proksch ein ganzes Schiff mit Mann, Maus und Ladung in der Südsee? Brüchige Lagerhäuser werden abgefackelt, und der Heißsanierer reklamiert hochwertige Elektronik für verkokelten Elektroschrott ?!"
"Nein! Vielleicht später mal!", klang es gequält. "Wir führen Walter behutsam ein. Wir müssen doch erst mal erzählen, aus welchen Lebensumständen er Versicherungsdetektiv wird!"

"Wie wird man das?"
Pause. "Walter war mal Rockmusiker, ein guter, aber nicht sehr erfolgreich. Jetzt ist er Kaufhaus-Detektiv, hat eine reizende Köchin geheiratet, die er sehr liebt, aber die zwei haben Schulden, weil ihr Restaurant Pleite ging." Lange Pause. Ein Pleitier als Held. Da war wohl der Haken.
"Warum wird er Versicherungsdetektiv?"
"Weil sie Schulden haben! Lies das Buch. Machst du das? Für mich?"
Immer erst für ihn, dann für das ZDF, danach für die Menschheit. Alle Produzenten denken für die Menschheit und Sender gleich mit, das muss so sein.
"Wer wird die Frau?"
"Walter Sittler und ich wünschen uns Birge Schade."
Birge Schade ist prima, sofort! Sittler und Schade waren schon ein Paar in der "Wüstenrose", meine Tochter hatte das geliebt. Trotzdem: Hört sich alles eher nach Melodram als nach Krimi an.
"Quatsch! Walters Vorgeschichte ist enorm wichtig, gerade für diesen Fall! Wie er da ausgerechnet mit der eigenen Familie in die Bredouille kommt, so was hab' ich so noch nie gelesen!"
"Stopp. Ehefrau plus jetzt die eigene Familie?! Wo bleibt da die Versicherung?"
"Jeder gute Krimi hat sein Melodram", sprach Markus, wie gemeißelt. Konnte ich kaum widersprechen. "Lies das Drehbuch! Du wirst sehen, wie spannend das wird, mit Melodram und Krimi!"
Markus Trebitsch hatte wieder nicht gelogen. Sybille Canonica und Angelika Bartsch machten mit, die spielstarken Jungs Lucas Gregorowicz und Sascha Göpel auch. Mit Hans Grimmelmann, Kamera, hatte ich seit unserem Preis gekrönten (von RTL heimlich verfluchten) "Bruder Esel" nicht mehr gearbeitet.

Ensemble und Team tun immer ihr Bestes, zuerst für sich und den Film, das ist das Selbe. Diesmal war es Walter Sittlers Party. Aus dem sowieso gebotenen Anfangs-Respekt entwickelte sich bei uns allen für Walter etwas wie echte Zuneigung, fast Liebe. Der Film wurde von Tag zu Tag packender, vor allem dank der Arbeit von Walter Sittler, dessen Intelligenz, Charme, Klugheit und Feingefühl seiner Körperlänge in nichts nach stehen.
Ich blicke gern zu ihm auf, in seine lichten Höhen. Da kommt einer geradlinig, uneitel und ganz ohne schwer bedächtiges Trallala. Der Mann hat die Stärke, sich gelassen unterschätzen zu lassen. Die Kriminaler-Kolleg/Innen sollten sich vorsehen, samstags im ZDF.

© 2005 ZDF; Stephan Meyer (Regisseur von "Gegen jedes Risiko")