Momente der Wahrheit
(Teleschau, Oktober 2002)
 
Alle sind sich einig: Es soll eine "neue" Veronica Ferres geben. Der Produzent Nico Hofmann lobt ihre Risikobereitschaft und ihren Willen, sich existenziell in die Rolle einzubringen. Der Regisseur Uwe Janson hat Talente entdeckt, die bislang verborgen geblieben seien. "Hier geht es nicht um schönes Aussehen." Und sie selbst? "Ich kenne keine Schauspielerin, die nicht besser geworden wäre, nachdem sie Mutter wurde. Die Wertigkeiten in meinem Leben sind verschoben, und das wirkt sich zweifellos positiv auf meine Arbeit aus." Lilly, ihre Tochter, ist mit vor Ort beim Dreh in Südafrika, und ihr gehört jede freie Minute.

"Für immer verloren" heißt der Zweiteiler, der derzeit in der Nähe von Kapstadt entsteht. Rund vier Millionen Euro soll die teamWorx-Produktion kosten, deren Dreharbeiten noch bis Ende Oktober dauern und die im kommenden Jahr bei SAT.1 ausgestrahlt wird.
   
Sie ist neben dem "Wunder von Lengede" eines der beiden großen TV-Events des Senders 2003 - und das nicht nur wegen der Starbesetzung, zu der neben Veronica Ferres auch Walter Sittler ("Nikola") und Erol Sander ("Sinan Toprak") gehören, sondern auch aufgrund ihres sensiblen Themas.

Es geht um ein Ehepaar, das mit den drei Kindern den Urlaub seit Jahren an der türkischen Riviera verbringt. Doch kurz vor dem Rückflug findet der Zoll bei der Mutter zwei Kilo Heroin. Sie wird festgenommen und zu 20 Jahren Haft verurteilt. Ihr Mann versucht alles, um seine Frau wieder auf freien Fuß zu bekommen. Aber dann erfährt er von ihrem Doppelleben, offensichtlich betrügt sie ihn seit Jahren.
für immer verloren
   
Ein sehr persönliches Melodram also, aber mit politischem Hintergrund. "Wir haben uns zunächst um einen Dreh in der Türkei bemüht", erklärt Produzent Nico Hofmann. "Aber es wurde deutlich, dass man über mehrere Regierungsstellen Einfluss auf unser Buch nehmen wollte. Irgendwann hatte ich einfach keine Lust mehr. Es ging uns schließlich darum, authentisch und rigoros erzählen zu können, ohne Auflagen."

So entschied sich teamWorx für Südafrika, nicht zum ersten Mal übrigens. "Liebe.Macht.Blind" mit Götz George wurde ebenso dort gedreht wie "Eine Liebe in Afrika" mit Heiner Lauterbach, der in wenigen Wochen im Fernsehen ausgestrahlt wird. In Deutschland, so Hofmann, wären bei einem Film in der Größenordnung von "Für immer verloren" die Kosten klar höher - 20 Prozent etwa.
Und Regisseur Uwe Janson macht weitere, tiefgreifende Unterschiede aus: "Auch zeitlich wäre die Produktion nicht in der gleichen Zeit zu schaffen. Das Team hier in Südafrika beweist Tag für Tag, dass Filmbusiness eine Dienstleistung ist. Die Mitarbeiter zeigen Eigeninitiative, sehen selbstständig, wo sie gebraucht werden. Es ist ein weit effizienteres Arbeiten als in Deutschland, wo Oberflächlichkeit und Allüren häufig an der Tagesordnung sind." Und Veronica Ferres ergänzt: "Die Bedingungen sind glänzend. Hier vereinen sich Kapazität und Professionalität."
Dennoch: Der Druck auf alle Beteiligten ist hoch. Vorübergehend drohte der Rahmen aus den Fugen zu geraten. Man lag hinter dem Drehplan zurück. Doch an der Akribie, mit der Uwe Janson vorgeht, änderte das nichts. Er setzt auf Kontroverse, wo sie ihm angebracht erscheint, um seine Ziele zu erreichen: "Hierarchien am Drehort sind unwichtig. Es muss von allen begriffen werden, dass es für diese Wochen um das Zusammengehörigkeitsgefühl geht." Dabei sieht er sich durchaus auch als eine Art Psychologe, "mit Feingefühl für die private Situation des jeweiligen Schauspielers".
Skeptisch beäugten sich Veronica Ferres und der Filmemacher zunächst. Zu oft sei sie auf die "typischen Frauenrollen" reduziert worden, meint Janson. Und die 37-Jährige selbst wusste, dass diese Rolle besondere Anforderungen an sie stellen würde. "Gerade die vielen Gefängnisszenen verlangen eine andere Kraftanstrengung", gesteht die Schauspielerin, die zur Vorbereitung den Kontakt zu Häftlingen suchte.
Gedreht wurde unter anderem in einem echten Gefängnis mit 750 Insassen, ein Drittel davon Schwerverbrecher. Nur von einer Krankenschwester begleitet, ließ sie sich in einen Raum mit 50 Männern bringen, um mit ihnen zu reden. "Einer von ihnen erzählte mir, dass er lieber hier drin sei. Draußen bekomme er doch ohnehin keine Chance mehr."

Gedreht wurde unter anderem in einem echten Gefängnis mit 750 Insassen, ein Drittel davon Schwerverbrecher. Nur von einer Krankenschwester begleitet, ließ sie sich in einen Raum mit 50 Männern bringen, um mit ihnen zu reden. "Einer von ihnen erzählte mir, dass er lieber hier drin sei. Draußen bekomme er doch ohnehin keine Chance mehr."

Die besondere Verzweiflung, den mentalen Druck begleitet von körperlicher Pein darzustellen, das ist eine der besonderen Herausforderungen für Veronica Ferres, die in diesem Fall fast den ganzen Film über Mut zur Hässlichkeit beweist. Verletzungen am ganzen Körper und in der Seele. Eine Fotomappe, die ihre Entwicklung von der glücklichen Mutter zur geschlagenen Frau optisch belegt, hat sie immer bei sich.
"Solche Frauenrollen gibt es selten", sagt sie. "Ich wollte meinen Sympathiebonus beim Publikum nutzen, um es auf Wege mitzunehmen, die es mir vielleicht nicht so leicht verzeihen wird." Mit Uwe Janson habe sich dabei eine besondere Chemie ergeben: "Er ist leidenschaftlich, unbestechlich, ein Künstler eben. Uwe sagt zwei, drei Worte zu mir, und ich weiß, was er meint."
 
Dabei komme ihr die neue Lebenssituation als Mutter durchaus zugute. "Früher habe ich mir vor großen Produktionen selbst mehr Druck gemacht. Aber nun, da Lilly da ist, nehme ich mich selbst nicht mehr so wichtig." Die Vorbereitungen seien kürzer, aber konzentrierter. "Für immer verloren" ist ihr erster Film seit zwei Jahren. "Ich wollte diese Auszeit einfach haben." Besonderen Druck spüre sie nicht, versichert Veronica Ferres, wenngleich die Ziele der Produktion hoch gesteckt sind. "Der Druck steigt mit der Erwartung, und die ist sowohl bei SAT.1 als auch bei mir selbst groß", sagt Nico Hofmann, der sich 24 Prozent Marktanteil in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen vorgenommen hat. Zum Vergleich: Das ist mehr, als die teamWorx-Produktion "Der Tanz mit dem Teufel" hatte, die kürzlich mit dem Fernsehpreis als bester Film des Jahres ausgezeichnet wurde.
Und der Regisseur, der Idealist Uwe Janson, bekundet: "Für mich ist es wichtig, dass danach niemand glaubt, der Film sei verlorene Zeit für ihn gewesen. Lieber ein einziger Zuschauer, der sich erkennt, der einen Moment der Wahrheit erfährt, als fünf Millionen, die am Ende ausschalten und alles sofort vergessen haben. Sonst wäre diese Mühe hier doch nichts wert."

© 2002 Teleschau; Kai-Oliver Derks