| "Hauen, Stechen, Denken" (Süddeutsche Zeitung, 04.11.02) |
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| Der Münchner Studentenfilm "Der Templer" hat in Hof einen Preis gewonnen | |
| Die Geschichte lebt: In Hof wurde in der vergangenen Wocheder Kurzfilm "Der Templer" mit dem Kodak Eastman Filmpreis ausgezeichnet. Die Regisseure und Brüder Sebastian und Florian von Henckel-Donnersmarck nahmen die trophäe für ihren aufwändig gestalteten Historienfilm wie den heiligen Gral entgegen. Sie sind beide Studenten an der Hochschule für Fernsehen und Film in München, wie auch ihre Produzenten Max Wiedemann und Quirin Berg. | ![]() |
| Im Zentrum ihres Filmplots steht - wie in Umberto Ecos Roman
"Baudolino" - Byzanz im Jahr 1204. Dieses Datum hat die alte Welt
mit ihren Werten nachhaltig erschüttert: Christen töten Juden,
töten Muslime, töten am Ende Christen. Kreuzfahrer brandschatzen
die Stadt. Eine barbarische Unterdrückung des "Anderen":
Mit christlichen Abweichlern geht man mit derselben Brutalität um wie
mit äußeren Feinden. Die engstirnige Kreuzzugsmentalität hat die intellektuelle Auseinandersetzung der Christen mit Vertretern anderer Religionen auf lange Sicht hin verhindert. Papst Urbans II. Ideal von selbstlosen Laienorden hat wenig mit der Realität zu tun; die Kreuzzüge wurden als Freibrief benutzt für Plünderungen, Machtmissbrauch, Morden. Aber in diesem Film rennen keine Möchtegern-Ritter in Polyesterstrumpfhosen herum und fuchteln mit Holzschwertern. "Der Templer" ist nicht einfach Hauen und Stechen, Herz und Schmerz; er besticht zwar durch seinen ästhetischen Reiz, doch in ihm steckt auch eine klare Auseinandersetzung mit dogmatischen und kirchengeschichtlichen Fragen. Nicht umsonst hat Sebastian von Henckel-Donnersmarck im Zisterzienserkloster Heiligkreuz bei seinem Onkel, Abt Gregor Ulrich, Anregungen gesucht: Das Regelwerk der Templer stammt schließlich von Bernhard von Clairvaux, dem herausragenden Theologen des Zisterzienserordens. In den Augen des Tempelritters, gespielt von Walter Sittler, spiegeln sich die Flammen, die sich in seine Seele brennen. Er reitet weg, will heimkehren, doch er erlebt Ablasshändel, Aberglauben, Inquisition, innere Einsamkeit. Eine schöne, kräuterkundige Frau, dargestellt von Erika Marozsan, versorgt seine Wunden. Bald wird sie aufgegriffen, soll als Hexe verbrannt werden. Nun weiß der gebrochene Held wieder, wofür es sich zu kämpfen lohnt - doch das Genre des Kurzfilms verlangt überraschende Wendungen, die die Henckel - Donnersmarcks meisterhaft beherrschen, denkt man nur an den mit Preisen überhäuften "Dobermann". Die Verfilmung der brennenden mittelalterlichen Metropole in Südtirol und an der Adriaküste, die Computeranimationen für die Spiegelungen in den Augen des Templers - all dies war aufwändig und machte den Film teuer. trotzdem ermunterten die Produzenten die Brüder Henckel-Donnersmarck, diese Eingangssequenz zu zeigen und nicht simpel mit einem Zwischentitel zu behaupten. Bewusst förderten sie die Qualität des Films, der wie die großen Hollywood-Epen auf Cinemascope gedreht wurde und durch seine intensive Farbigkeit besticht: Eisiges Blau der winterlichen Szenerien kontrastiert mit warmen Gelbtönen in der Hütte am offenen Feuer. Für eindrucksvolle Landschaftspanoramen, von spätromantischen und realistischen Gemälden des 19. Jahrhunderts inspiriert, stellten die einfallsreichen Regisseure einen Kran auf eine Anhöhe und verdoppelten so die Wirkung. Die Filmmusik, die eigens von Nikolaus Schapfl komponiert und vom rumänischen Orchester Brasov eingespielt wurde, erzeugt einen Sog der Emotionen. Pyrotechnische Effekte, aufwändige Masken und Kostüme, actiongeladene Schwertkampf-Choreografien: 2Der Templer" reißt mit. "Da schmeckt das Popcorn im Kino gleich besser", kommentieren Wiedemann und Berg. Die Jungproduzenten, die dieses Großprojekt ermöglicht haben, freuen sich über den Erfolg, können ihre Pokalsammlung aufstocken. "Schneckentraum" von Ivan Sainz-Pardo hat beispielsweise 32 Preise gewonnen. Von ihren Bürofenstern in der Sonnenstraße können die beiden den Stachus überblicken. Die Plakate und Leuchtschriften der großen Kinos locken. Da wollen sie hin mit ihren Filmen. Und sie haben eine Vision: Die Wiederbelebung des europäischen Films, der so lange totgeschwiegen oder als "Europudding" abgetan wurde. Entweder, so die herrschende Lehrmeinung, die auch Bernd Eichinger, ihr Dozent an der HFF, vertritt, produziert man für den deutschen Markt, oder man geht nach Hollywood und dreht in ganz großem Stil, nach dessen Regeln. Wiedemann und Berg setzen indes auf den europäischen Markt. Und sie haben brauchbare Konzepte: universelle, anrührende, glaubwürdige Themen, wie das zarte Liebesdrama zwischen der schüchternen Julia und ihrem Schwarm, dem Buchhändler Oliver in "Schneckentraum". Oder die Musikkomödie "Solo ohne Ende" von Matthias Kutschmann, in der Emotionen durch Melodien und Rhythmen getragen und verständlich werden: "Aus dem Bauch heraus spielt man oft am besten." Die gilt auch für das Thriller-Genre, das die Produzenten neuerdings für sich entdeckt haben. Vor allem aber wollen sie das niveauvolle Historiendrama forcieren, möglichst mit Drehorten an Originalschauplätzen. Hauptszenerie des "Templers" war beispielsweise eine mittelalterliche Ortschaft mit Holzhäusern, wie sie im 13.Jahrhundert gebaut wurden. Gedreht wurde im Museumsdorf Düppel in der Nähe von Berlin mit 80 Komparsen und Nebendarstellern - darunter so prominente wie Michael Habeck und Gilbert von Sohlern. Vermutlich ist es das, was Europa Hollywood voraus hat: Denkmäler, Geschichtsbewusstsein. Studenten der Hochschule für Fernsehen und Film müssen nicht selten Kritik einstecken, weil sie das Erbe von Rainer Werner Fassbinder nicht antreten wollen. Die "Star-trek"-geschädigten Jungfilmer, heißt es gerne, würden sich nur um technischen Schnickschnack kümmern, nicht mehr um Inhalte. Die preisgekrönten vier Studenten zeigen indes nicht nur Know-how, sondern Format in Form und Aussage. Sie wollen die Regeln wirklich beherrschen, um sie dann bewusst brechen zu können - vielleicht demnächst in einem 90-Minüter? © 2002 Süddeutsche Zeitung; Eva Maria Fischer |
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