Boulevard Bio: Schicksal Sohn
(ARD, 19.03.02)
 
Die anderen Gäste in der Sendung waren Peter Kohl und Dona Kujacinski, die gemeinsam ein Buch über Hannelore Kohl geschrieben haben, sowie Simon Stockhausen (übrigens der Ehemann der Schauspielerin Andrea Bürgin), der seit über sechs Jahren keinen Kontakt mehr zu seinem Vater, dem Komponisten Karlheinz Stockhausen hat.

Alfred Biolek: (zu Walter) Hallo. Wir kennen uns vom Kochen...

Walter:
Ja, das war wunderbar.

A. Biolek: (zu M. Sittler) Wir kennen uns noch nicht, aber ich werde Sie jetzt kennenlernen.
 
M. Sittler: Ja.

A. Biolek: Sie sind wie alt, darf man das sagen? Darf man übers Alter sprechen?

M. Sittler: Ja, das darf man sagen. Jahrgang 1917.

A. Biolek: (lacht) Das ist delikat, so gut rechnen kann ich nicht. Dann wissen wir jetzt nur, dass Sie schon betagt sind.

M. Sittler: Ich werde 85 im Oktober.
Boulevard Bio 1
   
A. Biolek: 85. Und acht Kinder zur Welt gebracht, sieben leben noch. War eigentlich der Walter schon als Kind jemand, von dem man gesagt hat: der wird mal Schauspieler?

M. Sittler:
Nein. Ich wusste nur, dass er geboren werden wollte, das wusste ich. Das achte Kind, Stellen Sie sich das vor. Und wir waren nicht in den leichtesten Verhältnissen damals. Ich dachte "Um Gottes willen, wieder..." Aber ich liebte meine Kinder, Gott sei Dank. Und beim siebten hatte ich an eine Abtreibung gedacht, das hatten Freunde mir so eingeredet.
Und da habe ich mir gesagt: "Du bist doch nicht verrückt! Gucke deine Kinder an, das sind alles fabelhafte Kinder!" Und dann hab ich's gekriegt, das Kind. Und Walter kam noch nachher und da gab es keine Frage: er wollte geboren werden!


Walter - Boulevard Bio 1 A. Biolek: Das wussten Sie. Walter, du bist im Augenblick sehr erfolgreich mit zwei Serien: "Nikola" und "girl friends". Neue Folgen jetzt. Beide Male mit Mariele Millowitsch. Das ist ein Traumpaar sozusagen und du hast sehr sehr gute Quoten. Hörst du es gerne, wenn man immer wieder sagt, du bist der Robert Redford des deutschen Fernsehens?

Walter: Also, meine Mutter sagt gerade "Nee!". (M. Sittler lacht) Mir geht es da anders. Ich finde Robert Redford einen sehr guten Schauspieler, er hat sehr viele schöne Filme gemacht, auch inszeniert. Und es schmeichelt mir sehr... nur er spielt in einer ganz anderen Liga.
   
A. Biolek: Ja, das ist klar.

Walter: Ich wäre gerne in seiner Liga, das ist es nicht.

M. Sittler: (lacht) Das würde ich dir auch wünschen.

A. Biolek: (zu M. Sittler) Aber Sie sind schon stolz auf seinen Erfolg?

M. Sittler: Ich sag immer: ich bin nicht stolz, ich freue mich an den Erfolgen, die meine Kinder haben. Wirklich!

A. Biolek: Beide leben in Stuttgart, ganz in der Nähe voneinander.

M. Sittler: (stolz) Er hat mir eine Wohnung gekauft.

A. Biolek:
Ist ein guter Sohn...

M. Sittler: Hätte ich mir nicht leisten können.
Boulevard Bio 2
   

A. Biolek: Und ich hab auch gelesen, dass du deine Töchter in der Schule jetzt nicht mehr abholst, weil die ganzen Mitschülerinnen so ein bisschen kreischen.

Walter:
Die sind in einer Mädchenschule und die Lea ist jetzt in der 7. und das ist ein Alter, wo die Mädchen... einzeln sind sie ganz wunderbar, aber sobald sie zu viert oder zu fünft auf einem Haufen sind, dann wird das ein Kicherhaufen und dann sehen sie jemanden, den sie gesehen haben und dann (er äfft das ein bisschen nach) "Ahh, Dr. Schmidt, Dr. Schmidt!!!" Und das muss nicht sein.

A. Biolek: Die Aufruhr willst du nicht erleben. [hab das akustisch schlecht verstanden, Anm.d.W.]


Walter - Boulevard Bio 2 Walter: Nein! Hab ich gehabt und es war schön, aber nun ist gut.

A. Biolek: Drei Kinder? Zwei Töchter und einen Sohn.

Walter:
Ja, wir sind Eltern von drei Kindern.

A. Biolek: Und du führst seit 17 Jahren eine skandalfreie Ehe.

Walter:
Ja. Erstaunlich, oder?
   
A. Biolek: Ja, toll. Frau Sittler, war so eine große Familie geplant von Anfang an?

M. Sittler:
Ja, Von Anfang an.

A. Biolek:
Das wollten Sie?

M. Sittler:
Wir wollten gerne Bach-Kantaten singen. (allgemeines Gelächter und Applaus) Ja, das wollten wir.

Walter:
Und sind auch ganz schön weit gekommen.

M. Sittler:
Aber nur mit Madrigalen.

A. Biolek:
Vier der acht Kinder sind in Deutschland geboren und vier in den USA. Ihr Mann ist Amerikaner, Sie waren dann nach dem Krieg in den USA, da warst du, Walter, aber sehr klein?

Walter:
Ja, ich wurde als Letzter erst 1952 geboren.

M. Sittler:
Er ist ja einer, der drüben geboren ist, als Jüngster natürlich.

A. Biolek:
Aber kannst du dich noch ein bisschen erinnern an die Kindheit?

Walter:
Doch, doch. Wir sind ja sehr oft umgezogen, an zwei Häuser erinnere ich mich noch.

A. Biolek:
Und dann 1959 kam die Familie her, aber nicht die ganze. Die Kinder kamen her und Sie, Frau Sittler und Ihr Mann, blieben noch drüben?

M. Sittler:
Ja, ich hatte ein fantastisches Stipendium gekriegt. Ich hatte mir immer gewünscht, mit 40 zu studieren. Nun hatte ich aber diese große Kinderschar. Mein Mann hat mich Gott sei Dank fabelhaft dabei unterstützt. Und in dem Jahr war mein Ältester schon im College, meine älteste Tochter war in Deutschland und ich habe studiert. Mit 40!

A. Biolek: Und um das zu machen, sind die anderen Kinder, die ganzen Orgelpfeifen, sind dann zu einer Tante...?

M. Sittler:
In Amerika gehen sie ja den ganzen Tag in die Schule.

A. Biolek:
Ja, aber dann später, als sie nach Deutschland kamen? Da sind sie doch eine Weile...

M. Sittler:
Ja, weil ich dieses fabelhafte Stipendium kriegte, bin ich dann an die Columbia University gegangen, um meinen "Masters" zu machen. Ich hatte schon meinen Bachelor gemacht an einem sehr netten College und dann wollte ich an die "Columbia".
Und dann sind die Kinder ALLE zu einer sehr guten Freundin. Die hatte in Peru gelebt und sich dann in Bayern ein Haus gekauft und die hatte die Kinder eingeladen.

A. Biolek: Wie lange?

M. Sittler:
Ein ¾ Jahr!

A. Biolek: Aber ich muss ja sagen: dass sie 1959 mit 40 studiert haben, dass ist schon ungewöhnlich. Ein Akt der Emanzipation, der damals nicht so selbstverständlich war.

M. Sittler: Ach, ich weiß nicht. In Amerika brauchten sie Lehrer. Und da haben sie auch mich zugelassen. Und stellen Sie sich vor: ich habe nicht mal Abitur! Sondern ich hab einen Mann geheiratet, der sehr intelligent war und interessant und ich hab immer alles mitgelernt.

A. Biolek:
So brauchten Sie kein Abitur, oder wie? (allgemeines Gelächter und Applaus). Das ist der "Dritte Bildungsweg".
Boulevard Bio 3
   
M. Sittler: Ja, jedenfalls musste ich zur Zulassung zum College so "examination tests" machen über westliche Zivilisation und so. Und daraufhin wurde ich zugelassen.

A. Biolek:
Die wissen in Amerika sowieso nicht was das ist: ein Abitur.

M. Sittler:
Doch, wenn ich das Abitur gehabt hätte, dann hätte ich "legal" ein Jahr studieren können.

A. Biolek:
Dann hätten Sie ohne diese Tests zu machen, studieren können?

M. Sittler:
Ja.

A. Biolek:
Ist Ihnen das schwer gefallen, die Kinder so ein ¾ Jahr...

M. Sittler:
Ja! Ja, es ist mir schon schwer gefallen. Aber es war ein kritisches Jahr und an sich war das natürlich ... es ist ja wie eine neue Geburt, ein neues Leben, wenn man anfängt zu studieren. Nach den Kindern, es war eine solche... ich hab das SO genossen.

Walter - Boulevard Bio 3 A. Biolek: (zu Walter) Ab wann wusstest du, dass du Schauspieler wirst? Oder hattest du einen Berufswunsch sehr früh?

Walter:
Ich hatte verschiedene Berufswünsche. Also, als ich Abitur hatte, wusste ich überhaupt nicht was los war. Dann bin ich nach Südamerika gegangen auf der Suche nach einem Beruf - meine Schwester war damals da - und hab in vielen Firmen gearbeitet und hab auch nicht rausbekommen, was ich machen sollte. Dann starb eben mein Bruder in dem Jahr...

A. Biolek: Wie alt war der?
   
Walter: Der war 27, als er starb, ich war 22.

A. Biolek:
War das ein Unfall, oder...?

Walter:
Nein, nein, er war sehr krank über viele Jahre und ist an den Folgen der Krankheit mit der Medizin zusammen, gestorben. Was nicht absehbar war, dass es so läuft, aber dann...

A. Biolek:
Das war, während du...

Walter:
...während ich in Lima war. Und dann bin ich nach Hause gekommen und dann bin ich wieder zurück. Und im selben Jahr starb dann mein Vater sehr früh mit 59 am Herzinfarkt, am zweiten. Und dann war für mich wichtig: Jetzt muss ich was entscheiden. Also, jetzt ist Schluss mit dem rummachen.
Und dachte - mein Patenonkel war Arzt - dann wirst du Arzt, das ist ein schöner Beruf. Gefällt dir auch. Und ich hatte mich beworben, kriegte aber keinen Studienplatz, weil mein Abitur zwar gut war, aber nicht gut genug. Und dann habe ich sehr lange in Kliniken gearbeitet und da ist mir das Ganze abhanden gekommen. Weil ich zwar überall sehr gut war, aber ich kriegte nur keinen Studienplatz. Und dann dachte ich: "So, dann nicht, dann mache ich was anderes!" Und ich kam eben an die Schauspielschule über einen Freund und nahm an einer Feier teil und dachte: "Boah! Das ist toll! Das ist viel besser. Das mache ich!" Und dann habe ich das einfach angefangen und das war (er überlegt kurz) 1978, da war ich 25.

A. Biolek: Sie [M. Sittler] weiß das alles, sie hat ihm vorhin schon geflüstert, wann was war. (alle drei lachen) Sie hat die Kontrolle?

Walter:
Das hat sie, das ist wohl wahr. Sie hätte sie gerne immer noch.

A. Biolek:
Ohne die, hätte sie das auch gar nicht managen können...

M. Sittler:
Das ist aber eine schlimme Angewohnheit. Ich hab das erst sehr spät gemerkt, dass ich diese Kontrolle ausübe.

A. Biolek:
Ach so? Haben die Kinder das dann irgendwann gesagt?

M. Sittler:
Ja, die Kinder haben mich erzogen schließlich. Oder sie sind noch dabei. (sie lacht)

A. Biolek:
Wie war das, als Sie gehört haben, dass er Schauspieler werden will? Das war nicht der Traum der Mutter, oder?

M. Sittler:
Nee. Ich dachte "Oh Gott! Was jetzt?" Diese Familie ist voller Überraschungen und es sind auch so viele und in alle möglichen Richtungen haben sich ihre Talente entwickelt. Und auf einmal rief er an und damals arbeitete ich in Salem, ich war da Lehrerin, nachdem wir aus Amerika gekommen war. Und da rief er an und sagte zuerst: "Mami, mein Medizin-Licht geht aus." Und er sagt, ich hätte gesagt: "Oh Gott, Walter!" (sie lacht)

Walter:
Ja!

A. Biolek:
Sie hatten sich ihn anders vorgestellt, als renommierten Arzt...

M. Sittler:
Aber dann hat er sich völlig abgenabelt von uns...

A. Biolek: Wie? Gab's da auch mal Funkstille?

M. Sittler:
Nein, er hat mir das gesagt...

Walter:
Es gab auch Funkstille. Also, erst hab ich es gesagt...

M. Sittler:
Es gab Funkstille. Aber nicht böse, sondern er hat mir das einfach mitgeteilt. Und ich konnte mir das gar nicht vorstellen, weil wir eigentlich eine sehr enge Verbindung immer untereinander hatten. Aber so ist es dann gewesen.

Walter:
Es war auch so, ich brauchte dann einfach ...

M. Sittler: Abstand.

Walter: ... weil ich selber merkte, dass ich das, was meine Mutter sich auch gewünscht hätte, obwohl ich das auch wollte - ich macht jetzt etwas, was nicht reinpasste.

M. Sittler:
Ja, ich hätte NIE gedacht, dass er Schauspieler wird.

Walter:
Und da sie eine sehr starke Person ist... sie machte gar nix Schlimmes, aber ich brauchte einfach Ruhe. Ich musste einfach mal ein Jahr oder anderthalb Pause haben und hab gesagt: "Mami, jetzt rufe mich nicht an, jetzt lass mich einfach in Ruhe, ich mache das jetzt!"
Walter Boulevard Bio 4
   
A. Biolek: War sie eine Übermutter?

Walter:
Ach, manchmal schon, aber das ist ja nicht nur schlecht.

A. Biolek:
Nein, nein, nein. Aber so eine Glucke?

M. Sittler: Glucke? Nee!

A. Biolek: Ja, aber das kommt ja aus Liebe, oder?

Boulevard Bio 4 Walter: Nein, eine Glucke nicht, aber sie hat immer aufgepasst und sich immer Sorgen gemacht, wie's einem geht. Und immer geguckt, was kann ich tun, damit es ihnen besser geht und so. Immer!

A. Biolek:
Man muss sich freischwimmen...

Walter:
Man muss ich freischwimmen und das habe ich dann gemacht.

A. Biolek: ...das ist von beide Seiten nicht einfach, das loslösen...
   

M. Sittler: Ja. Mein Mann war auch ein sehr starker Einfluss...

Walter:
Ja.

A. Biolek:
Aber da muss man sehen als Sohn - ich meine, heute ist das ja offensichtlich ein sehr schönes Verhältnis in Stuttgart zusammen.

M. Sittler:
Schon lange.

Walter:
Schon lange. Und ich hatte ja sieben Geschwister über mir. Und es ist ja so: die Vorstellungen der Eltern, wie die Kinder sein sollen, die werden dann ja so langsam abgearbeitet von den älteren Kindern. (Gelächter im Publikum) Ja, so ist es. Bis ich dran kam, war es nicht mehr ganz so schlimm. Und deswegen hatte ich vielleicht die besten Voraussetzungen frei zu kommen.

A. Biolek: Aber so starke Mütter, das ist...

Walter:
Das ist eine Herausforderung, das ist schön.

M. Sittler:
Ich musste wirklich erzogen werden...

A. Biolek:
Sie mussten erzogen werden?

Walter:
So wie wir von unseren Kindern erzogen werden müssen, das ist so.

A. Biolek:
Ja sicher. Aber da haben ja gleich so viele erzogen bei Ihnen.

M. Sittler:
Die machen noch immer lustig über mich, es ist zum Piepen. Wenn ich mal wieder was gesagt habe, was das zeigt, dann...

A. Biolek: Aber jetzt, wo er so erfolgreich ist, jetzt sind Sie doch einverstanden mit seiner Karriere, oder?

M. Sittler:
Wieso? Einverstanden war ich von vorneherein.

A. Biolek:
Oder freuen sich. Ich sage das deswegen: als ich schon sehr erfolgreich war, Bios Bahnhof gemacht habe, da hatte meine Mutter 80. Geburtstag und zufällig war an dem Tag - ich hatte ja nur sechs Sendungen im Jahr und ich hatte auch keinen Einfluss drauf [auf die Termine] - ausgerechnet an diesem Tag war eine Sendung.
Und dann hatte ich sie natürlich da und hab ihr am Schluss gratuliert und hab sie gefragt: "Na, was sagst du? Hier die ganzen Stars...?" und da sagte sie: "Ach ist ja schön, aber mir wäre es lieber gewesen, du wärst Rechtsanwalt geworden." (allgemeines Gelächter) Auch dann noch.

Walter:
Nein, das sagt sie nicht, überhaupt nicht.

M. Sittler:
Eine meiner Töchter ist auch Schauspielerin geworden und noch eine Tochter hätte auch Schauspielerin werden können - also ihrer Veranlagung nach - aber die forscht.

A. Biolek:
Wieviele Enkelkinder haben Sie?

M. Sittler:
(stolz) 19. (Raunen im Publikum)

A. Biolek:
Kennen Sie alle Namen?

M. Sittler:
Ja! Und das sind alles tolle [Enkelkinder].

A. Biolek:
Super. Dann gibt's auch große Familienfeste...

M. Sittler:
Ja, wir haben großes Glück, es ist einfach eine Gnade.

A. Biolek:
(zu Walter) Sie sind beim Dreh zur Zeit? Hier in Köln?

Walter: Ja, "Nikola" - 6. Staffel! Mit großem Vergnügen.


A. Biolek: Grüßen Sie Mariele ganz schön.

Walter: Das werde ich tun morgen.

A. Biolek: Und viel Erfolg weiterhin und Ihnen, Frau Sittler, weiterhin ein so unglaublich erfülltes Leben mit so viel Kraft und Temperament und Gesundheit. Das wünsche ich Ihnen von Herzen.

M. Sittler:
Danke, das wünsche ich Ihnen auch.

© 2002, ARD
Boulevard Bio 5