"Beim Wort Traumfamilie kriegen wir Pickel"
(BamS, 21.10.07)
 

Schauspieler Walter Sittler (54) gilt als vorbildlicher Familienvater. Tochter Lea-Marie (18) verrät, wann er auch mal richtig ausflippen kann

Man liest ja schlimme Sachen über Sie…
Walter:
Ja? Ach, die kann ich aber alle aufklären…

Rot-Kreuz-Helfer, netter Kerl, Gutmensch. Was sagen Sie zu diesen Vorwürfen?
Walter:
Was man in der Öffentlichkeit sieht, bin ja nicht ich. Aber es bleibt bei den Zuschauern hängen.


Ist Ihr Vater denn privat anders als in seinen Rollen?
Lea-Marie: Er ist kein Vater, der rumschreit oder mosert. Eher steht er morgens auf und macht uns Frühstück. Aber er kann auch ausflippen.

Jetzt wird es spannend. Wann denn?
Lea-Marie:
Wenn wir Kinder was kaputt machen und es nicht sagen. Zum Beispiel eine Schranktür (lacht). Und die fällt ihm dann beim Aufmachen entgegen.
Walter: Ja, direkt auf den Fuß!
Lea-Marie: Aber wenn Du richtig wütend bist und kurz mal ausrastest, muss das manchmal einfach sein.

Ist Ihnen mal die Hand ausgerutscht?

Walter: Einmal, bei Benedikt. Das war schlimm. Den Grund weiß ich gar nicht mehr…
Lea-Marie: Aber ich. Der Bene saß in seinem Kettcar. Du wolltest eine neue Kette aufziehen. Er hat dabei immer wieder in die Pedale getreten, obwohl Du immer wieder gesagt hast: "Hör auf." Das hat Bene mir mal erzählt.
Walter: Oh, Sie merken, ich habe das verdrängt. Das tut mir bis heute noch leid. So was darf nicht sein.

Hatten Sie in Ihrer Kindheit wilde Phasen?
Walter: Da war nicht viel mit wild. Ich war in drei verschiedenen Internaten. In einem war ich Schulsprecher, da hatte ich so viel Verantwortung auf dem Buckel, dass ich mich nicht mehr bewegen konnte.

Vorher war der Walter immer ein Musterschüler?
Walter (lacht): Als ich in Berchtesgaden im Internat war, haben wir mal im Kurgarten sämtliche Tulpen abgeschnitten und damit die Schule dekoriert. Der plötzliche Tulpenschwund wurde sogar in der Zeitung gemeldet.

Der erste Artikel über Sie!
Walter: Nicht ganz, denn die hatten damals zum Glück nicht rausgekriegt, dass wir das waren. Das war 1969, das müsste heute verjährt sein.

Für Sie kam es nicht infrage, Ihre Kinder ins Internat zu schicken?
Walter: Ich wollte gern die Zeit, die sie zuhause sind, mit ihnen verbringen. Gegen ihren Willen hätte ich so etwas auch nie entschieden.
Lea-Marie: Wir fanden es ganz gut hier, weil es zu Hause ja auch so schön ist.

Das klingt ja echt nach Traumfamilie…
Walter: Uaaah. Wenn ich das Wort Traumfamilie höre, kriege ich Pickel. Halten Sie mich davon bloß fern!
Lea-Marie: Finde ich auch.

Was macht den Begriff so albtraumhaft?
Walter: Diese Vorstellung, alles ist immer rosa, ist dermaßen kitschig! Bei uns zu Hause läuft es mal toll und mal weniger toll. Traumfamilien gibt es doch nur in schlechten Filmen.

Werden Sie in der Schule angesprochen, wenn Ihr Vater wieder im Fernsehen war?
Lea-Marie: Ja, aber ich bin noch nie hingegangen und habe gesagt: Hey, mein Vater ist Walter Sittler.

Kaum ein Schauspieler war so oft nackt im TV zu sehen, wie Sie!
Walter: O ja. Das war auch ein Teil von "Nikola". Es wurde keine Kollegin ganz nackt gezeigt, aber ich! In den jeweiligen Szenen machte es Sinn, deshalb war es okay.

Fanden Sie das witzig oder peinlich?
Lea-Marie: Manchmal war es schon unangenehm. Ich dachte: Oh Papa, nicht schon wieder!
Walter: Also ich bin nie darauf angesprochen worden.
Lea-Marie: Ich schon!
Walter: Echt?
Lea-Marie: Ja klar: "Hey, ich habe deinen Vater gestern nackt gesehen." Ich habe geantwortet: Ja mei, er ist halt Schauspieler. Aber das war mir tierisch peinlich.

Haben Sie das mitbekommen, dass Ihr Vater eine Art Sexsymbol für viele Frauen ist?
Lea-Marie: Ja, schon. Meistens für Frauen in Mamas Alter. Die finden ihn attraktiv.
Walter: Na ja, Sexsymbol ist vielleicht etwas übertrieben. Til Schweiger ist ein Sexsymbol. Ein Film, in dem mein Oberkörper zwei Minuten zu sehen ist, zieht keinen ins Kino.

Wie findet es Ihre Frau, wenn Sie BHs, Kuschelbären oder Heiratsanträge geschickt kriegen?
Walter: So was gibt es fast nie. Aber: Einmal bekam Sigrid einen anonymen Brief, in dem sie gefragt wurde, ob sie überhaupt wüsste, dass ich bei Dreharbeiten in Köln ständig fremdgehen würde. Da war natürlich nichts dran, aber hart war das schon. Für mich ist das Teil meines Berufs, aber für meine Frau fand ich das sehr schlimm.
Lea-Marie: Den Großteil der Fanpost haben mein Bruder und ich erledigt. Daddy hat die Autogramme geschrieben und Bene und ich haben sie eingetütet.

Freiwillig?
Lea-Marie: Klar, von Daddy gab es auch einen Stundenlohn von 2,50 Euro.

Dann haben Sie ja richtig gutes Geld verdient!
Lea-Marie: Na ja, meistens waren wir spätestens nach 45 Minuten fertig.
Walter: Ach…

Wollen Sie auch Schauspielerin werden?
Lea-Marie: Muss nicht sein, das macht ja schon mein Vater. Ich kann mich noch nicht zwischen Musik und Naturwissenschaften entscheiden. Aber wahrscheinlich werde ich Musiklehrerein. Wenn ich mal Familie habe, will ich nicht so viel unterwegs sein, wie mein Vater.

Liebäugeln Ihre Geschwister mit der Schauspielerei?
Lea-Marie: Jenny studiert in London Fotografie…
Walter: …und Benedikt hat gerade seinen Zivildienst in einem Kindergarten beendet. Er kann toll mit Kindern umgehen. Er würde das vielleicht sogar beruflich machen…

Aber?
Walter: Die Bezahlung von Erziehern ist in Deutschland eine Katastrophe. Je jünger die Kinder, desto schlechter die Bezahlung der Betreuer. Von dem Job kann man keine Familie ernähren. Das ist einer der größten Fehler, die wir im Moment begehen.

Wird in Ihren Augen im Bereich der Erziehung so viel falsch gemacht?
Walter: Ganz viel. Auch bei Lehrern fehlt die Anerkennung. Die machen so einen wichtigen Job und werden dafür gehauen. Die müssen so viele Aufgaben erledigen, die zu Hause versemmelt werden, weil manche Eltern keine Lust haben, nicht aufpassen oder nicht nachdenken. Das ist sehr schade.

Würden Sie Ihren Vater als Glucke bezeichnen?
Lea-Marie: Ich weiß noch, ich bin mit fünf mal mit einer Freundin abgehauen und an den Bach gegangen. Ich kann mich erinnern, dass Daddy Alarm machte und uns suchen wollte.
Walter: Manchmal bin ich zu fürsorglich. Aber ich bemühe mich darum, dass es nicht peinlich wird.

© 2007 BamS, N. Bogdon + M. Nyary