"Ich führe ein luxuriöses Leben"
(Borkener Zeitung, 01.04.10)
 
Der Schauspieler Walter Sittler wurde durch TV-Serien bekannt, in denen er an der Seite von Kollegin Mariele Millowitsch spielte. Am Ostermontag sind die beiden gemeinsam in der ZDF-Komödie „Scheidung für Fortgeschrittene“ zu sehen. Unserem Redaktionsmitglied Petra Noppeney verrät er im Interview, warum ihm so viel an dieser Kollegin liegt.

Ich erinnere mich an einen Film, in dem Sie ebenfalls geschieden wurden ...
Stimmt. Das ist lange her, 2004 oder 2005. „Reife Leistung“ mit Angela Roy und Ina Paule Klink. Das ist einer der Filme, die auch mir in meiner Vita gut gefallen.

Dabei wirken Sie gar nicht wie ein Scheidungstyp.
(Walter lacht) Mein wahres Ich hat mit den Figuren, die ich spiele, nicht viel zu tun. Die Auswahl, wem welche Rolle angeboten wird, wird vom Produzenten mit der Regie getroffen. Die gucken darauf, welche Besetzung gut für die Komödie ist, wer also so eine Rolle spielen kann.

Als Mann für Komödien haben Sie sich schon oft bewiesen. Schön ist, dass Sie auch das Ernste können - den deutschen Kommissar in Schweden etwa.
Ja, das ist das Wunderbare an meinem Beruf, dass man immer wieder in andere Rollen schlüpfen kann, und zwar sowohl im Film wie auf der Bühne. Insofern führe ich ein luxuriöses Leben.

Was muss eine Rolle haben, damit sie Sie interessiert?
Das Drehbuch muss mich anspringen. Ich muss merken: Da habe ich Lust drauf. Und ich muss die Figur, die ich spielen soll, emotional mögen.

Das wird bei der Figur des Jörg Wiedemann nicht allzu schwer gewesen sein.
Stimmt. Ich hatte aber auch Lust, mal wieder mit Mariele Millowitsch zu drehen. Das hatten wir beide schon lange vor, aber es fand sich einfach kein gutes Script.

Sie sind ein geniales Fernsehpaar. Kommt es auch vor, dass Frau Millowitsch spontan bei Ihnen auf eine Tasse Kaffee vorbeischaut?
(Walter lacht) Das ist leider schwierig, weil wir zu weit auseinander wohnen. Aber wir passen schon auf, was beim anderen so los ist. Das geht so weit, dass wir uns auch gegenseitig beraten, was Stücke oder Rollen angeht. Wir haben von Anfang an gut zusammengearbeitet. Es hat niemanden gegeben, mit dem ich so viel zusammen gedreht habe. Das wird auch für die Zukunft gelten.

Wissen Sie eigentlich noch, wie viele Filme es waren?
(Walter überlegt kurz) Wir haben von 1994 an 65 „Girl Friends“-Folgen miteinander gedreht, von 1996 an 111 Folgen der RTL-Serie „Nikola“ - und jetzt diesen Film.

Was verbindet Sie als Künstler mit Ihrer Kollegin Mariele Millowitsch?
Wir wollen beide, dass eine Szene gut wird, dass man miteinander etwas Gutes abliefert. Mariele ist nicht eitel als Schauspielerin. Außerdem verbindet uns unsere Vergangenheit am Theater. Sie hat lange bei ihrem Vater gespielt, ich am Nationaltheater in Mannheim und am Staatstheater in Stuttgart.

Sie sind durch zwei Langlauf-Serien einem größeren Publikum bekannt geworden. Bei manchen Schauspielern sind Serien ja verpönt ...
Ich bin kein Gegner der Serie. Sie ist ein wichtiges TV-Format. Sollte ich noch mal eine Rolle übernehmen, würde ich mir die Serie aber gut anschauen. So etwas gut zu konzipieren, ist schwierig. Mit zwei erfolgreichen Serien bin ich in meinem Schauspielerleben mehr als zufrieden.

Und das Drehbuch zu Ihrem jüngsten Film. Hat Ihnen das gleich zugesagt?
Ja. Wir haben nur noch Kleinigkeiten verändert. Ansonsten mussten man die Geschichte nur mit Leben füllen.

Können Sie die Diskussion zur Qualität des Fernsehens nachvollziehen?
Ich sag´s mit den Worten einer Bekannten: „It´s so easy to be negative.“ Wir haben genauso viel Gutes im Programm wie früher. Es ist nur schwerer zu finden heute, weil das Angebot so groß ist. Hin und wieder gib es auch bei den kommerziellen Sendern Sachen, die gut sind. Dass manches nicht genug Zeit zur Entwicklung bekommt, ist ein Phänomen unserer Zeit. Wir müssen aufpassen, dass wir uns vor lauter Effektivität und Schnelligkeit nicht selbst den Hahn zudrehen.

Sie sind in Amerika geboren. Verfolgen Sie, was unter Präsident Obama dort politisch passiert?
Ich bin grundsätzlich an Politik interessiert, auch an den Vorgängen in Amerika, denn ich habe noch Familie dort. Und vieles von dort färbt auf uns hier ab. Die amerikanischen Geschichte zeigt uns, dass die Demokratie dort keine lang gewachsene ist. Was den Rassismus angeht, leben wir hier im Paradies.

Stimmt es, dass Sie dabei waren, als im Mai 2009 der deutsche Bundespräsident gewählt wurde?
Das stimmt, und zwar auf Einladung der SPD Baden-Württemberg. Das war eine schöne Veranstaltung, aber ich war enttäuscht über die politische Klasse, die die bessere Kandidatin nicht gewählt hat. Der Schwung von Gesine Schwan, ihre Klarheit in der Analyse, hätte uns gut getan.

Sie selbst haben in Jugendjahren drei Jahre lang ein Internat besucht. Wie erleben Sie die aktuelle Missbrauchsdiskussion, die diese Institution ins Gerede gebracht hat?
Zunächst: Dort, wo ich war, im Internat Schloss Salem, habe ich nichts von dem mitbekommen, was man jetzt aus anderen Internaten hört. Dass Kinder und Jugendliche im Internat gezüchtigt oder missbraucht wurden, ist deshalb so schlimm, weil sie Pädagogen und Erziehern anvertraut waren. Meiner Meinung nach müsste bei der Ausbildung dieser Kräfte mehr auf deren Persönlichkeit geschaut werden. Und den Kinder muss man beibringen, Nein zu sagen. Außerdem muss man auch auf dem Feld der Sexualität viel früher viel mehr Aufklärung betreiben. Die sexuelle Revolution in den 60er Jahren hat da noch viel zu wenig bewirkt.

© 2010 Borkener Zeitung, P. Noppeney