Ode an die "Kicherkinder"
(11.10.07 , Esslinger Zeitung)
 

Der Schauspieler Walter Sittler ist unter die Buchautoren gegangen - "Malin" entstand aus Briefen an seine Kinder

Erst vor wenigen Tagen kam Walter Sittler aus Schweden zurück. Er spielte hier einen Kommissar für neue Folgen einer Fernsehserie. Sittler ist ein gefragter Mann. Er ist nicht nur ein beliebter Seriendarsteller und Filmschauspieler, erfolgreicher Solokünstler im Theater, Komödiant und charmanter Frauenschwa rm. Der 54-Jährige verkörpert außerdem den Prototyp des liebenden Ehemanns und Vaters: Er hat drei mittler weile erwachsene Kinder und ist seit 22 Jahren mit der gleichen Frau verheiratet.

Zwischen der Verleihung des deutschen Fernsehpreises, dem Filmfest in Hamburg und einer Theater-Tournee im Winter macht er kurz Zwischenstopp in seiner Wahl- Heimatstadt Stuttgart. Er sitzt in einem Café über dem Stuttgarter Schlossplatz, trinkt einen Cappuccino, schaut auf die Fußgängerzone hinunter und sinniert über das Leben. An den Nachbartischen scheint niemand Notiz davon zu nehmen, dass nur wenige Meter entfernt einer der bekanntesten Schauspieler Deutschlands sitzt: im hellgrauen Hemd, dezentem Streifenanzug und in voller Größe von 1,94 Metern.

In Amerika geboren, kam Sittler Ende der 80er Jahre ans Stuttgarter Staatstheater. Von seiner schwäbischen Wahlheimat ist Sittler immer noch angetan - wohl auch weil ihm Prahlerei und Eitelkeit ein Dorn im Auge sind: "Eine Eigenschaft der Stuttgarter ist das leichte Understatement. Die geben nie damit an, was sie haben und was sie sind. Die gucken, was als nächstes kommt und ruhen sich nicht auf Erreichtem aus", stellt Sittler fest.

Ihm sei es wichtig, Menschen nicht in "Kästchen" zu stecken, wie er es nennt. Denn "Kästchen" sind Vorurteile. Und die verengen den Blick. "Ich versuche, die Menschen so zu nehmen, wie sie sind. Ohne sie zu beurteilen", sagt der Schauspieler. "Ich verstehe schon, dass man ein klares Gerüst in seinem Leben haben will, damit man weiß, wie es funktioniert. Aber das gibt es nicht. Das einzige Gerüst, das man hat, ist man selbst."

Ihn selbst zeichne eine durchweg positive Lebenseinstellung aus, ist der Schauspieler überzeugt. Es sei leicht, diese Einstellung abzuwerten und ihn als "Positivisten" zu bezeichnen, "doch damit lässt es sich gut leben" grinst er und sagt ein kleines bisschen stolz: "Das können nicht so viele." Die meisten Menschen hätten einfach Angst. Eigentlich müssten sie sich seiner Ansicht nach aber nur eine Frage stellen: "Wollen Sie etwas oder nicht? Und wenn Sie etwas wirklich wollen, dann müssen Sie nach Wegen suchen, es zu verwirklichen und es nicht hinter angeblichen Gründen verstecken." Das wollte er auch seinen drei Kindern mitgeben.

Sittler war es wichtig, ihnen Werte zu vermitteln und vorzuleben, was ein guter Mensch ist. Die Gesellschaft und wie die Menschen glücklich in ihr werden können, beschäftigt den Schauspieler ganz besonders. "Wir geben wahnsinnig viel Geld aus für wissenschaftliche Bildung. Aber nichts für die menschliche Bildung", klagt Sittler immer wieder. Man müsse aber in die ethische und persönliche Entwicklung der Kinder investieren, findet Sittler. Und das gehe nur mit Musik, mit Theater, mit Sport.

Auch bei seinem neuesten Streich richtet sich das Augenmerk des Schauspielers auf die Kinder. Der 54-Jährige ist unter die Kinderbuchautoren gegangen. "Malin" heißt das Werk und entstand aus Briefen, die Sittler bereits im Jahr 1991 an seine Kinder schickte, während er auf einer Tournee war. Das Buch erscheint jetzt zur Frankfurter Buchmesse. "Kicherkinder" nennt er seinen Nachwuchs darin zärtlich und erzählt ihnen von einem kleinen Kobold, der ihn auf seiner Reise begleitet. Seine älteste Tochter Jennifer reagierte zunächst ein wenig zurückhaltend auf die Veröffentlichung der Geschichte. "Das gehört doch mir", fand die mittlerweile 22-Jährige. Doch dann gab sie nach: "Ich habe das Erlebnis gehabt, als ich die Briefe bekommen habe. Und das wird ja dadurch nicht geschmälert, dass sie gezeigt werden."

© 2007 Esslinger Zeitung, Catherine Simon