"Sehnsuch nach Wildwest"
(Gong, 12.05.00)
 
Der Wilde Westen liegt im Süden, gleich hinter München - Sendling. Da, wo die grüne Isar in die Floßlände rauscht, entstand - ganz versteckt - eine eigene Welt. Hinter einem nüchternen Eisengitter erstreckt sich das Gelände des "Cowboy Club München 1913". Der Verein ist der älteste seiner Art in Europa. Um jedem Irrtum vorzubeugen: Hier wird nicht karnevalsmäßig Cowboy und Indianer gespielt, hier hegt und pflegt man seit 87 Jahren ganz seriös träume und Traditionen der echten Kerle am Lagerfeuer - genau das richtige Ambiente für ein Treffen mit dem Schauspieler Walter Sittler.

Der 1,94 - Meter - Mann, der hier für einen Tag in die amerikanische Siedlerzeit abtaucht, steht allerdings nicht in dem Ruf, ein Rauhbein zu sein. Im Gegenteil: Sittler soll sich - Ondits zufolge - immer und überall wie ein Gentleman benehmen.

Und wenn der Name des neuen Lieblings-Lovers des deutschen Fernsehens ("Rivalinnen der Liebe", "Die Wüstenrose", "Das Herz des Priesters", "girl friends") auf einer Besetzungsliste auftaucht, prügelt sich der weibliche Stab fast darum, für ihn arbeiten zu dürfen.
Walter im "Wilden Westen" 1
 
Am Eingang des Saloons kommt uns "Foreman und Hilfssheriff Joe Little Crow" alias Josef Egart entgegen, der im wahren Leben als Bühnenbauer beim Bayrischen Rundfunk arbeitet. Ein kräftiger Händedruck zwischen den beiden Männern besiegelt die Freundschaft. Man duzt sich hier ganz selbstverständlich. Stolz präsentiert Josef die kostbaren Kleidungsstücke, die von den Clubmitgliedern getragen werden und wirklich nur ausnahmsweise und für diesen einen Tag an den Schauspieler ausgeliehen werden.
Es ist gar nicht so einfach, das Passende zu finden, denn mit seinem Gardemaß sprengt der Gast den üblichen Rahmen. Aber Kleider machen bekanntlich Leute und in Leder-Breeches, Original - Cowboy Hemd und obligatem Halstuch könnte man Walter Sittler ohne weiteres an den "Rio Bravo" oder "Rio Grande" stellen und jeder Rancher Arizonas oder Texas' würde ihn voller Vertrauen Longhorn-Herden nach Santa Cruz treiben lassen.

Die Vorliebe für Kinofilme über die Vergangenheit der USA ist Walter Sittler vom ersten Augenblick an in den unglaublich blauen Augen abzulesen. Und doch steht er dem Genre auch kritisch gegenüber: "Die wesentlichen Geschichten, die in Europa in Mythen oder Epen weitergegeben wurden, erzählt man sich in Amerika eben im Western", erklärt er seinen Standpunkt. Er steht beileibe nicht auf Kitsch, der die Umbruchzeit verklärt und in rosarote Sonnenuntergangsseeligkeit taucht. "In Wirklichkeit waren die Sitten damals rauh, der Westen brutal und wild und das Leben für viele Menschen ein erbarmungloser Kampf, der nur in den wenigsten Filmen wahrheitsgetreu gezeigt wird."

Es ist erst acht Uhr morgens und eine kalte Märzsonne schickt zögerlich die ersten Strahlen durch die grauen Wolken. Zeit für den Frühstückskaffee. Heiß und schwarz. "Es gibt viele schlechte Western", sagt Sittler. "Die klassische Situation ist doch ‚Gut gegen Böse', aber in einem guten Western darf das Gute nicht einfach nur gut sein." Schwarzweißmalerei ist eben nicht seine Sache. Den alten Haudegen John Wayne mag er deshalb nur in "Der schwarze Falke".
Seine Lieblingshelden sind Gary Cooper und James Stewart. Und Clint Eastwood. Dessen Filme bringen für Sittler das Karge und Hoffnungslose der Zeit zum Ausdruck, mit ihm würde er für sein Leben gern einmal einen Western drehen: "Reiten kann ich, in die Kiste fallen auch, und..." fügt er mit knochentrockenem Humor hinzu, "was ganz wichtig ist: Clint Eastwood lebt noch - im Gegensatz zu den anderen." Damit wären also alle Voraussetzungen geschaffen. Aber Scherz beiseite, für so eine Chance würde er, falls es verlangt würde, ohne mit der Wimper zu zucken "zu Fuß bis Amerika oder Alaska laufen."

Walter Sittlers Liebe zum Genre kommt nicht von ungefähr. Fast könnte man sagen, er sei durch seine Herkunft erblich vorbelastet. Er ist Halbamerikaner, wurde am 5. Dezember 1952 in Chicago geboren, als jüngstes von acht Kindern. Der Vater, ein amerikanischer Professor für Anglistik und Germanistik hatte Walters Mutter während seines Studiums in Berlin kennengelernt. Die beiden verliebten sich und heirateten. Nach der Geburt der ersten vier Kinder zog die Familie in die USA. Hier erblickten vier weitere Sittler - Sprößlinge das Licht der Welt. Als der Jüngste, eben Klein-Walter, sechs Jahre alt war, übersiedelte die Großfamilie wieder nach Deutschland.

Seit damals bereiste der Schauspieler sieben- oder achtmal die Heimat seiner Kindheit: "Drei meiner sechs Geschwister (ein Bruder starb früh, d. Red.) leben heute in Amerika", erzählt Walter Sittler. Jedesmal wenn er sie besucht, hat er das bestimmte Gefühl nach Hause zu kommen: "Ich kenne mich aus, ich bin gerne in dem Land." Die Weite hat es ihm angetan, das Ursprüngliche der Landschaft. Trotzdem kehrt er immer wieder gerne nach Deutschland zurück. Hier wuchs er auf, besuchte das Elite-Internat Salem.
Nach dem Abitur zog es den hoffnungsvollen jungen Mann in die weite Welt. Er reiste viel, lebte ein Jahr bei seiner Schwester in Lima. Um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, ging er den erstaunlichsten Tätigkeiten nach. So baute er eine Kantine auf, richtete in einer Sackleinenfabrik Maschinen und wickelte die Auflösung einer Textilfabrik ab.

Aber das Globetrotter-Dasein befriedigte ihn nicht auf Dauer. Außerdem gab es während seiner Abwesenheit zwei Todesfälle in der Familie zu beklagen. Ein älterer Bruder und sein Vater starben innerhalb eines halben Jahres. Ein traumatisches Erlebnis. Walter Sittler empfindet noch heute den Verlust: "Das sind sehr einschneidende Erinnerungen", sagt er nachdenklich. "Wenn einer aus der Geschwisterschar geht, dann fehlt er einfach - wir stehen uns alle sehr nahe. Früher sind wir oft umgezogen. Wenn man dann gar nichts mehr hatte, hatte man immer noch die Familie."
Auch der viel zu frühe Tod des Vaters hat ihn sehr mitgenommen. "Er war 59 Jahre alt, ich 22. Ich hatte einfach noch nicht genügend mit ihm gesprochen. Ich war zu jung dafür. Gerade, als es losgegangen wäre mit einer engeren Vater - Sohn - Beziehung war er nicht mehr da." Da beide Familienmitglieder während seines Auslandaufenthalts starben, traute sich Walter Sittler lange Zeit nicht, noch einmal zu verreisen. Ihn quälte eine "gewiss irrationale Angst, es könnte wieder etwas passieren."

So kehrte er 1974 nach Hause zurück. Er wollte sesshaft werden und Medizin studieren. Während er auf einen Studienplatz hoffte, jobbte er als Pflegehelfer in der Neurochirurgie und arbeitete im OP im Klinkum Großhadern in München. "Obwohl mein Abitur nicht schlecht war, reichte der Notendurchschnitt nicht." In Italien hätte er eine Chance gehabt, doch die Herzensbindung zu seiner damaligen Freundin hielten ihn von diesem doch sehr einschneidenden Ortswechsel ab.
Nach zwischenzeitlichen Studien-Ausflügen in die Geschichte und Philosophie - die Butter aufs Brot verdiente sich Walter Sittler in dieser Zeit nebenbei als Taxifahrer - nahm ihn Andreas von Studnitz, genau wie er ein "Ehemaliger" aus Salem, mit auf eine Weihnachtsfeier der Otto-Falckenberg-Schule in München. Was Sittler dort sah, gefiel ihm so gut, dass er sich sofort anmelden wollte. Um in das renommierte Institut aufgenommen zu werden, war er aber mit fast 26 Jahren fast schon zu alt. Er schaffte es trotzdem und lacht über seine damalige Naivität: "Ich wusste nicht, dass man sich an mehreren Schulen bewirbt. Als ich ankam, warteten da etwa 400 Leute."

Wie so oft in seinem Leben vertraute Walter Sittler auf sein Glück - mit Recht. Er wurde angenommen. Und, Ironie des Schicksals, kaum ging es in die zweite Runde, erfuhr er, dass es nun auch mit dem Medizinstudium klappen würde. In Berlin. Sittler entschied sich für die Schauspielerei. Einziger Kommentar seine Mutter: "Mein Gott, Walter!" Der Rest der Familie nahm's gelassen. "Als Jüngster läuft man sowieso immer irgendwie mit", grinst Sittler, "keiner hat sich deswegen in den Staub geworfen."

Nach seinem Abschluß im Jahr 1981 erhielt Walter Sittler das erste Engagement am "Mannheimer Nationaltheater". Dort blieb er sieben Jahre und wechselte dann ans "Staatstheater Stuttgart". 15 Jahre Theatererfahrung haben ihn geprägt. "Man hat nur Kulisse, Licht und sich selbst auf der Bühne", beschreibt er seine Liebe zum Theater. "Im Film hat man Großaufnahmen, die Musik, man kann Sachen ein- oder ausblenden. Auf der Bühne geht das nicht."
Etwa zur gleichen Zeit entdeckte ihn auch das Fernsehen. Er gab Gastauftritte in der "Schwarzwaldklinik", im "Tatort", in "Doppelter Einsatz" und in der "Stadtklinik". Dann kamen die "girl friends" und über Nacht wurde Walter Sittler in der Rolle des Hotel-Chefs Ronaldo Schäfer zum Frauenschwarm der Nation. Mariele Millowitsch, eine der Heldinnen in der erfolgreichen ZDF-Serie, ist privat seit vielen Jahren seine beste Freundin. Platonisch, wie er betont, "obwohl uns immer wieder das Gegenteil unterstellt wird."
Seine große und einzige wahre Liebe heißt Sigrid. Mit der Tänzerin und Choreografin ist er glücklich verheiratet. Drei Kinder, Jennifer (14), Benedikt (12) und Lea (10) sorgen für Trubel im Sittler-Haus in Stuttgart und dafür, "dass ich auf dem Boden bleibe." Abgehoben hat der Papa nie - trotz seines Erfolges. "Der kam spät und wenn man eine Familie zu versorgen hat, kann man sich Größenwahn nicht leisten", sagt der 47-jährige bescheiden.

In der Pferdekoppel (von Josef und den anderen mittlerweile eingetroffenen Cowboy-Fans fachmännisch "Corral" genannt) wartet Cora. Die braune Stute ist randnervös, doch Walter Sittler schreckt das nicht. Für den ZDF - Zweiteiler "Die Wüstenrose" hat er Reiten gelernt und ein Gefühl für die großen Tiere entwickelt. Frei nach dem "Pferdeflüsterer" beruhigt er Cora mit ein paar Worten und schwingt sich für die Aufnahmen in den Sattel.
Beruflich fest im Sattel sitzt Walter Sittler spätestens seit dem RTL-Knaller "Nikola". Die Comedyserie um die wortgewaltige Krankenschwester Nikola (mit Mariele Millowitsch in der Hauptrolle) und ihrem Dauer-Zoff mit dem eingebildeten Weißkittel Dr. Robert Schmidt (Walter Sittler) wurde mit dem begehrten Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet und erfreut sich quotenmäßig bester Gesundheit. Zwei neue Staffeln werden dieses Jahr abgedreht (Sendestart 15. September). Mehr will Sittler in diesem Jahr nicht arbeiten, denn "ich will mich mehr meiner Familie widmen."

Walter im "Wilden Westen" 2 Mittlerweile ist es früher Nachmittag geworden. Hunger nagt. Unser Star hat die Auswahl zwischen elegantem Thai-Food und gewöhnlichem Hähnchen mit Pommes. Sittlers Fans lügen nicht: Der Schauspieler ist offenbar frei jedweder Allüren, bestellt Take - Away - Geflügel und hilft beim Tischdecken. Einfach so und ohne Aufforderung. Da muss die Großfamilie in den Genen liegen!
Nachdem er genussvoll einen Hühnerflügel abgenagt hat, erzählt Sittler, dass er für die großen Fernseh - Movies, meist Zweiteiler, die er im letzten Jahr drehte, viel Zeit dran geben musste. Meistens ist er ja der Held in diesen Filmen, der große Liebhaber, der "Gute", der am Schluss das Mädchen kriegt. Erst zweimal war er der Böse in einer TV-Story.
 
Musste er tief in die eigenen Abgründe der Seele hinabtauchen, um einen Schurken glaubwürdig darzustellen? Die Antwort ist verblüffend einfach: "Der Bösewicht empfindet sich ja nicht als solcher. Die anderen tun es." Und weiter: "Es war schon am Theater so. Wenn ich die Rolle des Unsympathen übernehmen sollte, durfte ich ihn nicht unsympathisch finden. Sonst konnte ich ihn nicht spielen. Ich beurteile einen Charakter also nicht, wenn ich ihn spiele, sonst geht das nicht. Was auch immer das für Leute sind, ich versuche rauszukriegen, wie sie sich selber finden. Dann ist man auch von dem Gedanken weg ‚Ich spiele den Bösen'. Wenn ich beispielsweise einen SS-Mann spiele, dann kann ich keine Karikatur geben. Dann muss ich einen Mann darstellen, der auch gemocht wird."

Dass er ein besonderes Talent dafür hat gemocht zu werden, erweist sich auch im Western-Club. Die anwesenden Cowboys hat er längst für sich eingenommen. Quasi als Ehrenbezug bietet ihm Josef ein Armdrücken unter echten Männern an. Ein kurzes Zögern, dann geht's auf. Hilfssheriff Josef gegen Cowboy Walter. Der ältere Hilfssheriff ist geübter und klarer Sieger, doch Walter Sittler gewinnt moralisch auch hier ohne Punktabzug. Die Enttäuschung über den verlorenen Kampf (noch dazu vor den Augen von zwei Frauen!!) huscht nur für einen Bruchteil von Sekunden wie ein Schatten über sein Gesicht, dann ist die gute Laune wieder etabliert.

Hat der Kerl denn überhaupt keine Fehler? "Ich habe eine eindeutige Schwäche, die alles überlagert", sagt Sittler nach einigem Nachdenken. "Ich mache es gerne richtig. Das ist falsch. Das Richtige machen ist gut, aber nicht, es richtig machen zu wollen. Ich versuche manchmal herauszufinden, was die anderen von mir wollen und mache das dann." Er holt tief Luft, die Stimme wird fest: "Manchmal muss man aber auch schwierig werden. Das ist wichtig. Sonst wird man untergebügelt. Wenn man zu entgegenkommend ist, muss man gelegentlich die Bremse anziehen und sagen: Mit mir nicht. Das fällt mir sehr schwer. Mit Harmonie habe ich kein Problem, die kann ich selbst auch überall verbreiten, nur manchmal gehe ich damit baden."

Über dem "Cowboy Club" sinkt die Sonne. Walter Sittler will nicht zu spät nach Hause kommen. Töchterchen Lea ist krank, und am nächsten Tag soll es mit der ganzen Familie in einen Kurzurlaub gehen. Eine ganze Woche hat der Schauspieler drehfrei. Auf dem Weg zum Bahnhof klingelt das Handy: Lea beruhigt den Papi: Es gehe schon viel besser. Sie will nur wissen, wann er nach Hause kommt. Papi beeilt sich noch ein bisschen mehr- und ist plötzlich wieder ganz von dieser Welt. Der Wilde Westen bleibt wie er war an der Münchner Floßlände. Bis zum nächsten Mal.

Hand aufs Herz
Am Ende unseres wöchentlichen Porträts bitten wir die Fernsehprominenz noch, sich ein wenig Zeit für das zu nehmen, was wir die Hand-aufs-Herz-Fragen nennen. "girl friends" Star Walter Sittler konzentrierte sich, hörte aufmerksam zu, ließ sich dann aber nicht lange bitten: Seine Antworten kamen wie aus der Pistole geschossen.
   
Walter im "Wilden Westen" 3 Was denken Sie am Morgen gleich nach dem Aufwachen?
Uaogh!

Was lieben Sie?
Rioja.

Wen lieben Sie?
Meine Frau und meine Kinder - natürlich!

Wie möchten Sie sterben?
Schnell.

Glauben Sie an Gott?
Ja.
 
© 2000 GONG; Renate Schlehhuber