Johannes B. Kerner Show
(ZDF, 29.01.02)
 
JBK: Gleich zu Beginn ein "Herzlich Willkommen, Walter Sittler"! Hallo, Guten Abend!

Walter: Hallo.

JBK: Karneval steht vor der Tür: haben Sie schon Kostüme genäht für Ihre Kinder?

Walter: Nein, dieses Jahr nicht, sie sind zu groß geworden dafür. Das wird dann unhandlich mit den Kostümen.

JBK: Aber Sie haben das sonst gemacht?
Walter JBK 4
   
Walter: Einmal. Ja, wenn man Kindern was verspricht, muss man das auch halten und ich konnte im Fundus keines finden. Und habe dann einfach eins genäht.

JBK: So einer sind Sie. Sie haben gesagt, ich mach ein Kostüm für Dich...

Walter:
(protestiert) Nein, Nein, Nein, Moment, Ich hab gesagt, ich besorge ein schönes Kostüm für Dich - ich glaube, einen Fuchs oder irgendwas wollte ich [haben] - weil ich wusste, dass es eins gab. Das war dann aber weg.

JBK:
Weil ein anderer Schauspieler das seiner Tochter versprochen hatte?

Walter:
Vermutlich irgendeiner, der die Garderobiere besser kannte. Und dann habe ich einfach einen Schnitt genommen und ihr eins genäht und es ging gut.

JBK:
Einfach einen Schnitt genommen und eines genäht?

Walter:
Wie am Theater so üblich: man nimmt es und sagt, "Wie soll das gehen?" und dann hat man eine Nähmaschine. Ich hatte auch vorher schon genäht, das muss ich zugeben. Einmal waren allerdings zwei Beine zusammengenäht, das musste ich dann noch mal auftrennen nachts um zwölf, aber morgens um sechs war es fertig.

JBK: Was war das für ein Kostüm?

Walter JBK 5 Walter: Ein Hasenkostüm.

JBK: Ein Hasenkostüm. Und dann sind Sie vorher in die Kurzwarenabteilung, haben Stoffe geholt, haben einen Schnitt draufgelegt und...

Walter:
Ja. Und die Mädchen dort waren sehr nett, weil ich sagte: "ich muss für meine Tochter - damals war sie, glaube ich, fünf - für meine fünfjährige Tochter ein Kostüm nähen" und die waren ganz süß mit mir und haben gesagt: "dann nimm doch dieses oder das, nee, doch lieber dieses" und damit war ich gut beraten.
   
JBK: Sind Sie generell ein Handarbeitenfreak?

Walter:
Ich bin sozusagen Privathandwerker, ja, würde ich sagen.

JBK:
Na, Handwerker ist ja doch noch was anderes.

Walter:
Doch. Die Näharbeiten zu Hause mache ich, aber nichts Kompliziertes. Ich habe hunderttausende von Hosen geflickt und Knöpfe angenäht und so Sachen. Aber so richtig fertige Sachen nähen - da war das [Kostüm], glaube ich, das Einzige.

JBK:
Aber schon außergewöhnlich. Ich stelle mir das so vor: So ein großaufgewachsener Mann über so 'nem Schnitt...

Walter:
Sieht ein bisschen komisch aus, ne?! Aber es funktioniert.

JBK: Und die Tochter fand es total cool. Papa schafft's und Papa hat's gemacht.

Walter: Mit Füßen...und Ohren...und 'nem Puschel und allem.

JBK:
Nur Puschel wäre auch ein komisches Kostüm gewesen...

Walter:
Ja, ne?!

JBK: Geht auch. Ich weiß nicht, wie alt die Tochter jetzt ist, aber das soll jetzt nicht unser Thema sein. Sie sind selbst das Nesthäkchen Ihrer Familie, aus der sie kommen.
Walter JBK 6
   
Walter: Ja, ich bin der Jüngste von acht.

JBK:
Der Jüngste von acht Geschwistern. Sie sind in Amerika geboren.

Walter:
Ja, weil mein Vater ursprünglich Amerikaner war. Und meine ältesten vier Geschwister sind in Deutschland geboren, weil er während des Krieges in Deutschland war und dann ist er zurück und die nächsten vier sind in Amerika geboren, aber erstaunlicherweise in Deutschland dann aufgewachsen.

JBK:
Sie sind dann irgendwann, als Sie sechs waren, wieder zurück nach Deutschland.

Walter:
Genau.

JBK:
Aber haben Sie konkrete Baby- oder Kindheits-, Kleinkind-Erinnerungen an Amerika? Und wo war das da?

Walter JBK 7 Walter: Ja, ganz starke, ganz starke. Wir waren, bevor wir nach Deutschland gekommen sind, im mittleren Westen. Also, in Chicago bin ich geboren, aber da habe ich keine Erinnerungen dran. Und dann sind wir in Illinois rumgefahren. In Springfield haben wir gewohnt und dann in Audland [???] also lauter so Kleinstädte eigentlich, so wie Freiburg oder so was.

JBK: Jetzt gibt's Briefe aus Freiburg, das wissen Sie? Aber gut...

Walter: Ja?
   
JBK: Ja klar. Weil Freiburg: Kleinstadt...

Walter: Ist eine schöne Stadt. Eine schöne, kleine Stadt, ok.

JBK:
Die größte in der Gegend zumindest.

Walter:
Jaaa. Und dann, als ich sechs war, wollte mein Vater für ein Jahr nach Deutschland und wir sind dann geblieben.

JBK:
Was sind das für konkrete Erinnerungen an dieses Amerikanische? Sie haben zu Hause vermutlich immer Deutsch gesprochen. Oder?

Walter:
Nee, wir haben Englisch gesprochen. Ich hab sechs Jahre nur Englisch gesprochen. Ich konnte Deutsch, aber...

JBK:
Aber Ihre Mutter ist doch Deutsche?

Walter:
Meine Mutter ist Deutsch-Engländerin. Sie hat mit uns - also ich, der in Amerika geboren war und dort auch im Kindergarten war und alles - ich habe nur Englisch gesprochen. Aber sie hat abends mit uns auf Deutsch gebetet, weil sie evangelisch ist und christlich und wir mussten ein deutsches Gebet lernen und das jeden Abend aufsagen. Ich weiß nicht mehr, was es war, ich habe es ja auch nicht verstanden, aber ich habe es gesagt.
Und dann kamen wir nach Deutschland, nach Bad Fallenbach in der Nähe von Rosenheim, und nach drei Monaten konnte ich persönlich kein Englisch mehr, weil wir NUR noch Deutsch gesprochen haben. Und das erste Wort, was ich lernte - was ich auch verstand - in der Schule war: Du Depp. Das weiß ich heute noch.

JBK:
Das ist ein kurzes Wort und...

Walter:
Ja, einfach und knackig.

JBK:
...das kann man sich einigermaßen leicht merken. Jetzt haben Sie gesagt, Sie sind in Illinois, in diesem Bundesstaat, einige Male umgezogen. War das immer ein Problem, dass man aus einem Halbfreundeskreis rauskam? Oder war das für Sie einfach, weil Sie ja sieben ältere Geschwister hatten. Das heißt, der engste Freundeskreis war eigentlich immer im Gepäck.

Walter:
Ja, also für mich war das nie ein Problem, weil wir so viele waren und uns konnte auch keiner [was]. Also wenn irgendwas war, sagte ich: "Ich geh einfach heim". Und ich hatte auch noch nicht so viele Freunde, wenn man so klein ist, dann hat man nicht so viele. Für die anderen war's schwieriger, aber auch da... es gab keine Alternative.

JBK: Das muss doch ein spezielles Leben sein, wenn immer viele Menschen drum herum sind, wenn immer am Tisch Radau ist, wenn immer - wie soll ich sagen - keine Ruhe möglich ist... Ich will das jetzt nicht schlecht machen, ich hab dafür durchaus was übrig.

Walter: Ja, das Schöne ist halt, dass man weiß: wenn die Familie funktioniert, dann ist das soziale Gefüge so stark und man lernt soziales Verhalten sehr gut. Und wir waren auch nicht reich, wir hatten auch wenig Geld, das heißt wir mussten auch alles selber machen. Es gab niemand, der im Haushalt half. Das gab es nicht, das haben wir alles selber gemacht. Und dadurch können wir das auch. Also, so wie jetzt: meine Frau schreibt - ich bin jetzt Hausmann und mache jetzt immer das, was sie macht, wenn ich weg bin. Und das ist gut!
Walter JBK 8
   
JBK: Prima aufgeteilt.

Walter:
Ja.

JBK:
Und die Tatsache, dass Sie der Jüngste waren, war auch nicht irgendwie problematisch? So nach dem Motto...

Walter: Naja, man denkt immer: der Jüngste, das ist wie so im goldenen Nest. Das ist ja nicht so.

Walter JBK 9 JBK: Vergöttert von der Mama.

Walter:
(leicht protestierend) Das ist nicht wahr! Also nicht ich! Ich wurde gemocht, die Jungs wurden alle gemocht. Die Mädchen auch, die Jungs noch ein bisschen mehr. Das ist halt die Eigenheit meiner Mutter. Aber was schön ist, ist, dass man aufgehoben ist. Die sind schon auch rau mit mir umgegangen, aber ich war nie allein gelassen. Also, die eine Geschichte, die ich immer gerne erzähle: wir hatten acht Schlitten und wir fuhren zu acht - ich als Letzter. Was passiert in der Schlange? Jeder, der einen Schlitten hat, weiß was passiert: der Achte ist als Erster weg. So war das immer, ABER ich durfte mitfahren. Ich war nie allein und das war gut. Man härtet auch ein bisschen ab.
 
JBK: Sie sind mit 17 Jahren ins Internat gegangen.

Walter:
Nein, viel früher!

JBK:
Viel früher?

Walter:
Ja und zwar bin ich ins erste Internat nach Stuttgart, da war ich 13.

JBK:
Ach so, ich meinte jetzt Salem. Vielleicht sind Sie mit 17 nach Salem.

Walter:
Ich war in zwei anderen Internaten vorher.

JBK:
Und da sind Sie immer geflogen?

Walter:
(zögert kurz) Einmal wäre ich fast geflogen. (er grinst) Nee, ich bin nicht geflogen. Das wäre viel interessanter, wenn ich geflogen wäre, oder? Nee, ich bin nicht geflogen.

JBK:
Rechtzeitig abgemeldet, dann wissen wir schon ...

Walter: So ungefähr. Nee, mein Vater hat das initiiert und ich bin dann in Salem gelandet, weil er meinte, dass sei die beste Schule und wir kriegten da ein Stipendium. Mein Bruder war auch dort.

JBK: Das ist ja nicht nur schwer, sondern eigentlich für Schwerreiche. Das ist doch so ein Elite-Ding. Da sind doch irgendwelche Mitglieder von Königsfamilien ausgebildet worden.

Walter: Das heißt nicht, dass die Elite sind - das heißt, dass sie viel Geld haben. Aber nicht unbedingt Elite. Aber es waren sehr viele da mit verhältnismäßig viel Geld im Hintergrund. Aber Salem hat auch - genauso wie eine andere Schule übrigens, die ein wichtige Rolle in meinem Leben spielt, die Schule "Birklehof", das ist aber eine andere Geschichte - die haben auch eine ganze Menge an Stipendiaten. Die haben ein richtiges Programm, weil sie auch wollen, dass Leute in die Schule kommen, die nicht aus einer reichen Familie kommen. Und das war sehr gut. Und das waren eben zum Teil auch wir. Man musste eine bestimmte Leistung zeigen, das schon. Aber nicht Einser oder so was, sondern wichtig war, dass man sozial funktionierte. Walter JBK 10
JBK: Also die wollten eine Mischung haben.

Walter:
Unbedingt.

JBK:
Und soziale Funktion... da ist natürlich jemand aus einer Großfamilie geradezu prädestiniert.

Walter:
Ja, das wurde dann auch reichlich ausgenutzt.

JBK:
Es ist aber jetzt nicht so, weil Sie sagten, Sie hatten nicht das Geld: Ihr Vater war Universitäts-Professor...

Walter:
Am Ende dann.

JBK:
Am Ende. Vorher immer wissenschaftlich tätig. Also das Geld nicht selbst gedruckt, aber auch nicht gedarbt.

Walter:
Naja sagen wir mal so, es war nicht so einfach. Als wir nach Deutschland kamen war er ja 14 Jahre aus Deutschland weg gewesen. Und da waren die Posten dann schon teils wieder besetzt. Und als er kam, kriegte er erstmal keinen, sondern er hat dann in der Volkshochschule Vorträge gehalten. Es gibt also, glaube ich, nicht einen einzigen Saal in Deutschland, wo er nicht schon war und was gemacht hat. Und an die Universität ist er, glaube ich, erst 1968 oder 1969 gekommen.

JBK:
Und das endete dann mit der Professur sozusagen, das war dann die letzte Stelle. Woher kam der eigene Wille, in ein Internat zu gehen. Denn Sie haben ja vorher...

Walter:
Den gab's nicht, ich wollte nicht ins Internat. Ich wollte NIE ins Internat. Und ich würde auch meine eigenen Kinder nie ins Internat tun. Nicht weil Internat schlecht ist, das meine ich gar nicht. Aber eine funktionierende Familie ist für normalbegabte Kinder besser als ein Internat, auf jeden Fall.

Walter JBK 11 JBK: Und warum sind Sie dann gegangen?

Walter: Mein Vater war damals in Regensburg an der Uni. Und wir wohnten in Siegsdorf, das ist bei traunstein in der Nähe. Und meine Mutter war für eine Weile im Krankenhaus, ich glaube zwei Monate.
Und es ergab sich so, dass mein Vater die Leute dort kannte und er kriegte Stipendien für uns. Und es war ganz gut, dass wir mal von zu Hause weg waren. Und dann bin ich nie wieder nach Hause zurückgekommen. Aber jedes Mal waren die ersten Wochen im Internat scheußlich, jedes Mal. Und dann war's schön. Aber erstmal war's nicht schön, das wollte ich nicht.
 
JBK: Und was man so als Internatsromantik oder so bezeichnen kann, das gibt's schon? Streiche und so was?

Walter: Das gibt's schon, ja sicher. Und wir hatten in Stuttgart an der Merz-Schule, wo ich zuerst war, da hatten wir unglaublich schöne Schulfeste. Richtig tolle! Das gibt es schon. Aber es ist nicht so, dass ich jetzt hingehe und sage: "Oh, damals war das so toll und jetzt ist alles blöd!" Stimmt überhaupt nicht. Es war auch blöd. Es war sehr schön, aber es war auch blöd.

JBK:
Und Sie hatten sich entschieden nach der Schule - ich hoffe, das stimmt - Sie wollten eigentlich erstmal Medizin studieren. Sie hatten zumindest so einen Gedanken, was auch immer...

Walter: (unterbricht ihn) Also ich würde lügen, wenn ich sagen würde, ich hätte gewusst, was ich will.

JBK: Aber es klang gut, wenn man das gesagt hat.

Walter: Es klang gut, ja, aber... nee: ich hatte keine Ahnung, was ich machen sollte. Dann habe ich Militärdienst gemacht, weil mein Bruder das auch gemacht hat und weil das alle machten, die ich kannte und dann wusste ich immer noch nicht. Und dann bin ich nach Lima zu meiner Schwester für ein Jahr und hab dort gearbeitet.
Und das war dann das Jahr - 1975 - wo zuerst mein Bruder starb, der so krank war und mein Vater. Und dann bin ich nicht mehr nach Lima zurück, weil ich dachte: "Jedes Mal, wenn ich weggehe, stirbt einer. Also, so geht das jetzt auch nicht." Und dann hab ich gedacht: "Gut, dann mache ich was ordentliches und werde Mediziner."
Walter JBK 12
   
JBK: Jetzt haben Sie das so lapidar weggesprochen: "Als mein Bruder starb und als mein Vater starb". War das ein Jahr, dass Ihre Familie verändert hat und was Ihr Verhältnis zum Leben und zu diesem Leben in dieser Familie verändert hat?

Walter:
Die Familie auf jeden Fall. Das Verhältnis, das dauert dann ein bisschen, bis man das begreift. Also mein Bruder, der gestorben ist, der war sehr lange krank...

JBK:
Was hat der gehabt?

Walter JBK 13 Walter: Der hat primär chronische Polyarthritis gehabt. Das ist wie Kinderlähmung eigentlich. Und die medizinische Behandlung, die es gibt, oder die es damals gab, die führte bei manchen Patienten dazu, dass sie eine Folgeerkrankung bekamen: eine Veränderung der Eiweiße in den Organen und daran stirbt man dann. Wenn er keine Medizin bekommen hätte, wäre er auch gestorben, also er hatte keine Chance. Das wusste man aber erstmal nicht. Und das war für die Familie insofern ... mein Vater hat es am wenigstens ertragen von allen. Weil er glaubte, dass er Schuld sei.
Denn als wir nach Deutschland kamen, war mein Bruder wahnsinnig glücklich in einem Musik-Internat in Illinois. Und mein Vater hat gesagt: "Unsere Familie geht geschlossen nach Deutschland!" und mein Bruder musste mit. Und ein halbes Jahr später wurde er krank. Und es hängt nicht unbedingt zusammen, aber mein Vater glaubte das.
 
JBK: Dass es psychosomatisch gewesen sei?

Walter:
Ja, was auch immer. Auf jeden Fall hat er sich das angekreidet für den Rest seines Lebens. Und als dann mein Bruder tot war, kriegte er schon zwei Monate später den ersten Herzinfarkt. Und er war nie krank, also er war ganz normal halt. 59, jung im Prinzip.

JBK:
Also Ihr Bruder bekam die Krankheit im jugendlichen Alter. Da muss er 13, 14 gewesen sein, ist aber erst Jahre später gestorben.

Walter:
14 Jahre später, ja.

JBK:
14 Jahre, das heißt, er hat die Krankheit so lange gehabt und Sie haben gelebt mit der Krankheit.

Walter:
Ja, also erst kriegte er sehr viel Cortison und wurde ganz dick und dann kriegte er was anderes und wurde wieder dünn und hat unglaublich viele Sachen gemacht. Also er hat studiert, war in den USA und hatte Freundinnen und alles Mögliche. Und hat in seinem kurzem Leben mehr gemacht als viele andere in ihrem ganzen Leben. Also, das war beeindruckend eigentlich.

JBK:
Und Sie haben mit der Krankheit gelebt.

Walter:
Ja, der war einfach krank, das war so.

JBK:
Wussten Sie - Sie haben das eben so halb angedeutet - dass er nicht alt wird?

Walter:
Nein! Das wusste man erst, als Anfang 1975 die Nieren anfingen zu versagen. Da wusste man, dass es in eine Amyloidose - wie das heißt - übergegangen war und die nicht aufhaltbar ist. Das wusste man. Dann. Aber bis dahin nicht.

JBK:
Das ist jetzt über 25 Jahre her: diese ganzen Fachbegriffe haben Sie aus dieser Zeit einfach noch drauf?

Walter:
Ja, weil das so wichtig war. Und weil er so ein wichtiger Bestandteil der Gruppe ist. Ich meine, er ist nicht mehr da. Aber er ist ... da.

JBK:
Der wievielte war er?

Walter:
Er war der Fünfte.

JBK:
Also ein relativ mittleres Kind. Und Sie waren, als er starb...?

Walter:
1975 war ich 22.

JBK: Anfang 20. Ist Ihr Vater, der ist drei, vier Monate später gestorben...

Walter: (unterbricht ihn) Ein halbes Jahr. Mein Bruder im März, mein Vater im September.

JBK:
Ist der aus trauer gestorben?

Walter: (überlegt kurz) Auch, sicher. Gebrochenes Herz, würde ich sagen. Ganz bestimmt.

JBK:
Weil er nicht drüber hinweggekommen ist, dass ein Kind vorher geht?
Walter JBK 14

Sittlers JBK Walter: Ja. Also mein Vater wollte ja 12 Kinder. Und meine Mutter hat nach acht gesagt: "So, jetzt ist dann gut!" Das war einfach wichtig für ihn. Er hat nicht gesagt, was wir tun sollten oder wie wir leben sollten. Das nicht so.
Aber die Kinder waren wichtig und es war nicht zu ertragen. Ich weiß noch, wie meine Mutter sagte: "Dass ein Kind von einem stirbt, vorher, weil es krank ist, das ist eigentlich nicht auszuhalten." Und ich, der ich selber Kinder habe, weiß genau, wovon sie redet. Der Gedanke alleine, da wird's schwarz. Da darf man gar nicht drüber nachdenken.
   
JBK: Hat das die Familie stärker zusammengeführt? Sie haben ja schon zu diesem Zeitpunkt - ich will nicht sagen in alle Winde verstreut gewohnt- aber doch an sehr unterschiedlichen Orten mit Ihren eigenen Familien, das ist ja nun mal der Gang der Dinge. Hat's einen stärkeren Zusammenhang dadurch gegeben?

Walter:
(überlegt kurz) Wir waren stark zusammen. Nee, ich glaube nicht.

JBK: Stärkeres Kümmern um die Mutter zum Beispiel?

Walter:
Nein, meine Mutter fing dann ein Jahr später wieder an zu arbeiten in Salem eben wiederum. Und die kümmert sich heute noch um alles Mögliche mit ihren 84. Also ein stärkeres Kümmern konnte es überhaupt nicht geben. Nein, wir waren immer schon eng miteinander. Also, nicht dass wir dauernd telefonieren, aber man weiß, was so los ist und es ist wichtig.

JBK: Wenn Familientreffen ist - so wie auf diesem Foto zu sehen - dann können Sie ja im Grunde genommen schon eine mittlere Pension anmieten, um die alle unterzubringen.

Walter:
Wir können eine große Pension anmieten. Das [auf dem Foto] ist ja nur ein Teil. Wenn dann noch die Geschwister von meiner Mutter kämen mit ihren Kindern und die von meinem Vater, dann wären wir über 100.

JBK: Aber bei diesem Foto: Könnten Sie mir bei jedem sagen, wie er heißt und wo er wohnt und zu welchem Teil der Familie er gehört?
Sittlers - Großfamilie
   
Walter: Ja sicher!

JBK: Also es ist nach wie vor sehr eng.

Walter: Ja. Das ist in so einer Familie auch... also, wenn Einzelkinder sagen, die verlieren die Übersicht bei fünf Leuten. Das verliert man nicht. Jeder ist wichtig, auch die, die nicht mehr da sind. Also einer von dem Bild, der lebt nicht mehr. Dann gibt es zwei, von denen sind meine Brüder inzwischen geschieden. Aber die gibt's natürlich noch, klar.

JBK: Sie sind ja überhaupt von den Geschwistern: sieben gibt's ja noch, sechs davon sind geschieden...

Walter: Ja, die Minnie noch nicht, sie lebt aber schon lange getrennt von ihrem Mann.

JBK: Wird sich scheiden lassen, Sie sind der Einzige, der ...

Walter: ... in erster Ehe immer noch ...

JBK: ... verheiratet ist und das ja auch schon seit ein paar Jahren.

Walter JBK 15 Walter: Ja und sehr glücklich auch. Mit großer Freude weiterhin.

JBK: Was haben Sie, was die nicht haben?

Walter: Glück gehabt! (Gelächter und Applaus) Ja, es ist so.

JBK: Die Richtige zu treffen.

Walter: Ja!
   
JBK: Die kommt auch aus einer Großfamilie.

Walter: Ja. Sie ist die dritte von sieben Kindern. Und ihr Vater hat unbestätigten Berichten zufolge 14, aber vielleicht nur 13 Geschwister gehabt. Die Hebammen streiten sich da noch.

JBK: Also, es muss doch irgendwas mit dem sozialen Verhalten und dem sozialen Denken zu tun haben, wenn zwei Menschen mit so einer Vorgeschichte so gut miteinander auskommen.

Walter: Ja und auch, dass wir nicht mehr so jung waren. Also, wenn ich die Sigrid getroffen hätte mit 22, da hätte ich sie wahrscheinlich nicht wirklich wahrgenommen. Weil ich glaube... also bei Frauen weiß ich das nicht, wie das läuft, aber bei Männern weiß ich: jeder Mann hat so ein Bild, wie die Frau sein soll, mit der er leben will, wie seine Ehefrau sein soll. Und bis er das nicht aus dem Kopf hat, trifft er nicht die Richtige.

JBK: War das bei Ihnen so?

Walter: Ja, ja, ich wusste genau, wie sie sein soll...

JBK: Also, Sie hatten so ein Beute-Schema?

Walter: ... und ich hab's auch versucht und dachte: die ist es! Und dann bin ich hin und dann war das ein Desaster.

JBK: Sagen Sie mir mal, was war das Beute-Schema so? Groß? Klein? Blond?

Walter: (windet sich etwas verlegen) Klein... (er lacht) Meine jetzige Frau ist auch klein, aber ich mochte die Kleinen immer und wo man so ein bisschen der Retter sein konnte. Man hat sie so errettet vor der bösen Welt ...

JBK:
... den bösen anderen Männern.

Walter: Den bösen anderen Männern oder was auch immer. Und die Sigrid ist ganz anders. Und das ist richtig! Für mich.
Walter JBK 16
   
JBK: Aber eine interessante Tatsache, dass Sie sagen: man kann sich erst richtig verlieben, wenn man sich frei macht von all dem.

Walter: Ich glaube es. Ja, weil die Vorstellung, die man sich macht, nie dem entspricht, was wirklich da ist. Und wenn ich eine Schablone nehme oder eine Oberfläche, weil man sagt: "Diese Oberfläche gefällt mir!" Dann heißt das noch nicht, dass das dahinter ist, was drauf ist. Es ist ja beim Fernsehen genau dasselbe: es ist nicht immer das drin, was man sieht.
Und wenn man dann aber die Schablone weglassen kann, weil man genügend auf die Nase bekommen hat, dann merkt man: ich gucke erstmal und dann...

Walter JBK 17 JBK: Es ist ja manchmal interessant Menschen zu treffen und bei der Recherche zu merken: das ist nicht ganz gewöhnlich. Da sind Sachen, die sind anders als üblich. Zum Beispiel bei Ihnen: Jetzt sind Sie Schauspieler, mit "Nikola" und "girl friends", also wirklich Serien, die über alle Maßen erfolgreich sind im deutschen Fernsehen. Da denkt man, was weiß ich: drei Haushälterinnen, Palastähnliche Verhältnisse, doch zumindest eine schöne große Hütte. Auf dem Land oder mitten in der Stadt, so eine Stadtvilla... Sie schmunzeln schon.

Walter: (schmunzelnd) Nein. Wir wohnen in derselben Wohnung wie seit 1988, wie vorm Fernsehen.
   
JBK: Mietwohnung?

Walter:
Mietwohnung, also 107 m² - ich kann das ja ruhig sagen - zu fünft. Drei Kinder und wir. Und die Kinder gehen dort zur Schule, sie haben die ganzen Freunde da und sie wollten nicht weg. Und meine Mutter wohnt jetzt seit fünf Jahren um die Ecke von uns und ... Nee, es geht uns gut da.

JBK: Ja, es gibt ja auch keine Veranlassung, es muss ja auch nicht groß sein.

Walter: Irgendwie... nee, das geht nicht. Ich hätte im Prinzip gerne ein Zimmer mehr, also mein Schreibtisch zum Beispiel, der steht einfach in der Ecke irgendwo und das ist der Platz, den ich habe. Aber ich bin's auch nicht anders gewohnt, ich vermisse es auch eigentlich nicht. Es könnte ein bisschen mehr Platz sein, das schon.

JBK: Aber 107 m² immerhin.

Walter: Joo.
Walter JBK 18
   
JBK: "girl friends": Wie lange geht das weiter? Es hat gerade wieder eine Staffel angefangen. Morgen Abend läuft das.

Walter: Jetzt hat die fünfte und für mich letzte Staffel angefangen und die läuft ja nun sehr gut. Und jetzt kommen noch zehn Folgen. Also, morgen ist wieder eine und dieser neue Sendeplatz bewährt sich sehr. Und ich hab die beiden Folgen jetzt auch gesehen und...

JBK: Es hat Ihnen gefallen?

Walter JBK 19 Walter: Es war das, was es vorher war und das gefällt mir. Dass man nicht sagt: "Jetzt machen wir's ganz neu und wir erfinden die 'girl friends' neu!", sondern wir haben zwar ein anderes Format - also 16:9 - und wir es haben auch ein paar neue Leute dabei, aber der Inhalt und das was es sein soll und die schöne Unterhaltung ist es geblieben und das gefällt mir.

JBK: Habe ich gerade gehört, dass Sie aufhören?

Walter: Ich habe vor aufzuhören, ja.
   
JBK: Schade eigentlich, aber offensichtlich nicht zu revidieren.

Walter: Man muss auf dem Höhepunkt aufhören.

JBK: Gut, aber noch sind ja zehn Folgen zu sehen, insofern gucken wir uns die erstmal in aller Ruhe an und beginnen dann mit der trauer. Herzlichen Dank für das Gespräch. Danke, Walter Sittler!

Walter: Ich danke auch.

© ZDF 2002
 
An dieser Stelle gibt auch einen Bericht von Susi, die als Zuschauerin bei der Show war und Walter danach kurz getroffen hat