Mann mit vielen Gesichtern
(Jobtipp, Herbst 2002)
 
Spaß an der Schauspielerei ist die wichtigste Voraussetzung für einen Beruf, bei dem nur die wenigsten Starruhm erlangen. Serienstar Walter Sittler ist einer, der es geschafft hat.
 
Ob smarter Hoteldirektor oder Macho-Medikus, dem Schauspieler Walter Sittler gelingt es perfekt, gegensätzliche Typen zu verkörpern. Millionen Zuschauer leben und leiden in der ZDF-Abendserie "girl friends" jede Woche mit Ronaldo Schäfer in lebensechten Geschichten um Frauenfreundschaften und Berufs-Alltag im Grand-Hansson-Hotel. Eine ebenso große Fangemeinde amüsiert sich in der rasanten RTL-Comedy "Nikola" über Dr. Schmidt und Schwester Nikola, zwei Dickköpfe, die im Krankenhaus ihren persönlichen Geschlechterkampf austragen. Im September startete die sechste Staffel mit 13 Folgen.
Walter

Lebensecht wirken beide Charaktere. Denn Walter Sittler spielt nicht nur eine einstudierte Rolle, vielmehr lebt er seine Figuren. Und gerade darin liegt das Geheimnis seines Erfolges. "Wahre Schauspielkunst zeigt sich in der Vielseitigkeit und Glaubwürdigkeit eines Darstellers. Man darf nicht spüren, dass eine Rolle gespielt wird", sagt Andrea Klingenschmidt, Redakteurin bei "girl friends", die seit dem Start die Serie betreut. "Mein Beruf ist wie ein Handwerk, Werkzeug ist der ganze Mensch. Auch ein Schauspieler muss sein Handwerkszeug erlernen", erklärt Sittler.

Der Sohn eines amerikanischen Professors und eine deutschen Lehrerin absolvierte nach seinem Abitur am Elite-Gymnasium Salem selbst ein vierjähriges Studium an der Otto-Falckenberg-Schule, die den Münchner Kammerspielen angegliedert ist. Nach der Reifeprüfung besuchte er erst einmal für ein Jahr seine im peruanischen Lima lebende Schwester. Eigentlich wollte der gebürtige Amerikaner Arzt werden. "Leider hatte ich den Numerus Clausus und die sich daraus ergebende lange Wartezeit nicht im Blick. So jobbte ich in der Zwischenzeit im Münchner Klinikum Großhadern als OP-Pfleger. Schließlich schreckte mich dann doch die lange Ausbildung von meinem ursprünglichen Berufsziel ab", erinnert sich der "Spätberufene".
Die Initialzündung für seine Berufswahl gab eine Feier der Otto-Falckenberg-Schule, einer Schauspielerschmiede, zu der er einen Freund zufällig begleitet hatte. "Ich war so begeistert, dass ich mich direkt bewarb. Obwohl ich mit 25 Jahren eigentlich schon zu alt für die Aufnahmeprüfung war, haben sie mich trotzdem genommen", freut sich der 50-jährige mit dem jungenhaftem Charme und der natürlichen, unkomplizierten Art, die schon damals die Juroren offensichtlich überzeugt hat. Auch eine gehörige Portion Talent liegt dem jüngsten von acht Kindern wohl im Blut.

Von seiner Begabung sowie der Begeisterung für sein Metier zeugt die Tatsache, dass es in der Regel den wenigsten Bewerbern gelingt, scheinbar mühelos an einer so renommierten Schule angenommen zu werden - und das beim ersten Versuch. Die Aufnahmeprüfung an einer Schauspielschule zu schaffen, stellt heute für junge Leute wohl die größte Hürde dar. Von den jährlich über 700 Bewerbern werden an der Otto-Falckenberg-Schule nur zehn bis zwölft ausgewählt. Wer sich bewirbt, muss aus dem Stehgreif singen oder eine Rede halten können. Die Konkurrenz ist groß und nur die Besten werden schließlich ausgewählt.
"Man sollte sich von einer Absage nicht entmutigen lassen und sich an mehreren Schulen bewerben. Jede Einrichtung legt auf unterschiedliche Aspekte Wert", rät Sittler, der nach seiner Schauspielausbildung mehrere Jahre am Nationaltheater Mannheim, später am Staatstheater Stuttgart im klassischen Bühnenfach arbeitetete.
Die Chancen einen Anfängervertag an einem Theater zu ergattern, stehen heute nicht besonders gut. "Schauspielerei ist ein hartes Brot. Die Konkurrenz ist groß, der Verdienst und die Aussicht auf Popularität eher klein und viele jobben nebenher als Taxifahrer", weiß der Wahl-Stuttgarter. Deshalb ist Spaß am Beruf die wichtigste Voraussetzung, die Hoffnung auf Starruhm das falsche Motiv. Bekannt wird man eher durch Rollen in Fernsehproduktionen und Serien, die ein größeres Publikum ansprechen.

Sittlers Augen strahlen, wenn er von seinen beiden Erfolgsserien berichtet: "Beide Produktionen sind gut. Die Serie "girl friends" ist eher mit Skilanglauf zu vergleichen. Die rasante Comedy-Serie "Nikola" dagegen ist für mich wie ein Abfahrtslauf. Rasant, die ganze Zeit muss man High-Speed fahren und dabei aufpassen, nicht in den Fangzäunen zu landen. Situationskomik mühelos und zufällig wirken zu lassen, das ist sehr schwer zu spielen!"
Gerade diese ständige Herausforderung sowie die Möglichkeit, sich in neue Rollen und damit neue Charaktere hineinzuversetzen, mchen für den "Kombinierer" Sittler den Reiz seines Berufs aus. Mit dieser Unsicherheit, auch was neue Angebote betrifft, muss ein Schauspieler leben können. Eine regelmäßige 5-Tage-Woche mit einem 8-Stunden-Arbeitstag gibt es nicht. Die Drehorte sind oft Hunderte von Kilometern von der Heimat entfernt. So steht Sittler derzeit gemeinsam mit Veronica Ferres für einen Sat1-Zweiteiler in Südafrika vor der Kamera. Privatleben und Hobbies kommen zwangsläufig häufig zu kurz.

Über künftige Angebote muss sich Sittler keine Sorgen machen. Er hat das geschafft, was so wenigen seiner Branche gelingt - zum Star zu werden. Seine sympathische, natürliche Art hat darunter nicht gelitten: Besucher bewirtet er zu Hause mit einem selbst gebrühten Capuccino, ganz im Einklang mit seinem Lebensmotto: "Immer wach bleiben!"

© 2002 Jobtipp; Simone Hellstern