| "Ich habe eine Verpflichtung zum Gelingen
der Gesellschaft beizutragen" Serienschauspieler mit politischer Botschaft - "Ich bin nicht der Mittelpunkt der Welt" (KiP Radio, März 2005) |
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| Walter Sittler gehört zweifelsohne zur ersten Liga
der deutschen Fernsehschauspieler. Nach fünfzehn Jahren am Theater,
schaffte der heute 52jährige mit der RTL-Comedy-Serie "Nikola"
an der Seite von Mariele Millowitsch den Sprung ins Fernsehgeschäft.
Dabei ist der in Amerika geborene Schauspieler grundbescheiden geblieben.
Mit seiner Frau und seinen drei Kindern lebt Walter Sittler in einem kleinen
Häuschen im Stuttgarter Süden. Von Pomp und Höhenflug hält
er nichts. Am 7. April wird nun um 20:15 bei RTL sein neuer Film "Die
unlösbaren Filme des Herrn Sand" ausgestrahlt. Wir haben mit Walter
Sittler gesprochen. Herr Sittler, Sie haben für RTL einen neuen Film abgedreht, aus dem, bei Erfolg, eine Reihe werden kann. Der Film heißt: "Die unlösbaren Filme des Herrn Sand" - um was geht's in dem Film? Die Hauptfigur dieser möglichen Reihe, der Sebastian Sand, ist ein Polizeiprofiler, der durch einen schrecklichen persönlichen Umstand lange Zeit nicht arbeiten konnte und psychisch in eine andere Verfassung gekommen ist. Dadurch kann er merkwürdigerweise schwierige Fälle lösen, vor denen die Polizei hilflos steht, da sie sie nicht lösen kann. Er ist eigentlich im normalen Sinne nicht arbeitsfähig - weil er so empfindlich ist und weil er bestimmte Dinge nicht anfassen kann. Aber durch das Wissen, das er hat, weil er ein sehr guter Hersteller von Persönlichkeitsprofilen war, haben sich seine Fähigkeiten zugespitzt. Die merkwürdigsten Sachen sieht er und kann dadurch helfen, den Tätern auf die Spur zu kommen. Was hat Sie an der Figur fasziniert? Diese zugespitzte Persönlichkeitsstruktur, die aus einem normalen, verheirateten Vater von zwei Kindern diese besondere Person hervorgehen lassen. Die dennoch versucht - und davon handelt das Zentrum des Film - ein normales Leben zu führen. Was ihm allerdings nicht gelingt. Der Charakter des Sebastian Sand wird als schräg, schrullig, scharfsinnig und ordnungsliebend beschrieben. Gibt es da Parallelen zu Walter Sittler? Ich glaub jeder einzelne Teil hat ein bisschen mit mir zu tun, weil in uns drin ganz viele verschiedene Facetten ruhen. Das ist bei jedem so. Ich habe das Glück Schauspieler sein zu dürfen und darf daher diese vielen kleinen Eigenschaften des Menschen rausholen und lebendig machen. Die meisten kennen Sie als Serienschauspieler aus "Nikola", "girl friends" oder Melodramen. Mit "Die unlösbaren Fälle des Herrn Sand" spielen Sie die Hauptrolle in einem Krimi. Gibt's einen Hang zu Krimis, der bislang nicht ausgereizt wurde? Ich komm ja ursprünglich vom Theater - da ist es so, dass man alles spielt. Es ist nicht so, dass man sagt: "Ich spiele nur große Helden" man spielt auch Loser. Es ist nicht der Hang zu einem bestimmten Genre. Ich mag Comedy sehr gerne, wenn es gut ist, ich mag Melodramen gern, wenn es 'nen schönen Boden hat, Komödie ist wunderbar. Die Rollen müssen gut sein. Ist es notwendig für Sie als routinierten Serienschauspieler mal wieder einen andern Film zu drehen, um aus der Routine etwas auszubrechen? Es ist immer gut als Schauspieler nicht in eine Routine zu verfallen. Jede Szene, jedes Buch, jede Folge, ist eine neue Facette in unserem Tun. Meine Meinung ist, dass jeder Tag eine neue Facette in unserem Leben ist. Wenn ich weiß, wie alles geht, dann kann ich mir einsagen lassen. Wir haben genügend Leute in der Politik, die das glauben, aber in meinem Beruf ist ein ganz wesentlicher Bestandteil, dass man nicht davon ausgeht, dass man weiß wie es geht. Ihre Arbeit als Serienschauspieler habe ich gerade angesprochen. Wenn man so lange in einem Team zusammenarbeitet wie Sie bei Nikola, macht es überhaupt noch Spaß? Es macht sehr viel Spaß, weil wir ein Team von Leuten sind, die gerne spielen, die gern gute Bücher, die wir haben, in Szene setzen und die große Freude an ihrem Beruf haben. Wir sind uns auch menschlich nah und alle Mitspieler gehören zu der Sorte die sich nicht zurücklehnen nach dem Erfolg und sagen: "Wir wissen eh wie es geht, jetzt kann uns keiner mehr." Sondern der Erfolg von gestern ist schön, aber er bedeutet für die Zukunft gar nichts. Wir stehen vor der Herausforderung guten Klamauk zu machen und nicht einfach nur blöd zu sein. Sie sprechen den Klamauk und Komödie an: Wie schwer ist es guten Klamauk oder eine gute Komödie zu produzieren im Vergleich beispielsweise zu einem Melodram? Guten Klamauk oder eine gute Komödie zu machen ist mit das Schwerste, was es in der Branche gibt. Es ist nicht so ganz mit einem Melodram zu vergleichen, weil ein Melodram ganz andere Emotionen anspricht und eine ganz andere Erzählweise hat. Ein guter Film ist immer schwer. Beim Melodram kommt man allerdings mit einem mittelmäßigen Film besser durch als bei Comedy, weil's dort sonst sofort schlecht wird. Ist es denn besonders schwierig bei "Nikola" in diesem sensiblen Umfeld des Krankenhauses, wo ja gelitten und wo auch gestorben wird, Comedy zu machen? Bei "Nikola" ist es so, dass das Zentrum des Geschehens der Chefarzt mit seiner Stationsschwester und deren Freund, eben dem schwulen Tim sind. Wir haben das Krankenhaus gewählt, weil dort die Hierarchiestrukturen so sind, dass es sehr komödienfähig ist. Die Patienten stehen eher im Hintergrund. Wichtig ist, dass das gesamte Pflegepersonal fachlich einwandfrei ist. Denn ein schlechter Arzt, der das falsche Bein amputiert, ist nur begrenzt komisch. Ein Super-Arzt, der angibt mit seinen OPs und währenddessen darauf achtet, dass die Schwestern auch eng genug gekleidet sind, ist komisch. Man kann - siehe "Six feet under" - mit Leichen und Leichenwagen durchaus Komödie machen, wenn man den Geschmack behält und nicht blöd wird. Sie engagieren sich politisch, z.B. für "Promis für Gerhard Schröder". Sie polarisieren dadurch, nehmen es also in Kauf, nicht von allen geliebt zu werden. Mein Ziel ist nicht von allen Menschen geliebt zu werden, sondern die richtigen Sachen zu machen, die mir entsprechen. Nach dem Motto: "Schaut mal her, das kann ich, das kann ich euch anbieten und das geb ich euch." Ich weiß nicht, ob es den Menschen gefällt, aber es ist schön, wenn es vielen gefällt, weil ich dann mehr Arbeit habe. In einer Welt, in der wir leben, ist es wichtig, Stellung zu beziehen. Und ich finde es wichtig, dass man Stellung bezieht. Nicht Stellung beziehen im Sinne dessen, dass man sich einmauert und sagt: "Meine Meinung ist richtig - alle anderen sind falsch!" Ich sehe sehr wohl die Schwierigkeiten, die auch die derzeitige Bundesregierung hat, und die auch die zukünftige CDU-Regierung haben wird, die geben es nur noch nicht zu. Die täten besser dran, wenn sie es zugeben würden, weil man dann besser arbeiten könnte. Aber das scheint politikimmanent zu sein, dass man die wirklichen Schwierigkeiten nicht zuzugeben bereit ist. Ich habe Ihr soziales Engagement gerade angesprochen. Warum ist es Ihnen so wichtig, sich sozial zu engagieren? Ich glaube, der Zustand der Menschen in der Gesellschaft entscheidet über die Qualität der Gesellschaft. Das bedeutet also, dass man, wenn man sehr viel Glück hat, bereit sein sollte, das zu teilen. Weil es genügend Menschen gibt, die das nicht haben. Weil sie krank geworden sind, einen falschen Beruf oder einen falschen Partner gewählt haben; alles Gründe, die ich nicht zu beurteilen habe. Aber ich habe die Verpflichtung meinen Teil zum Gelingen der Gesellschaft beizutragen. Wenn zu viele unglückliche Menschen da sind, wird die gesamte Gesellschaft unglücklich. Wer hat, der sollte auch geben, sonst muss ich mich einmauern, allein schon aus Angst, dass mir alles weggenommen werde könnte. Ich weiß, dass das eine nicht verbreitete Haltung ist, aber das ist mir egal. Es wird trotzdem nicht falsch. Das alles klingt nach einer sehr christlichen Einstellung, Sie haben auch schon in einem anderen Interview (NDR Talkshow) gesagt, das Leben in Ihrer Familie sei von einem christlichem Umgang miteinander geprägt. Wodurch zeigt sich das? Allein dadurch, dass meine Frau und ich in Deutschland aufgewachsen und in normale Schulen gegangen sind, ist das ein christliches Umfeld. Das war damals noch stärker als heute. Die Grundlagen orientieren sich an den zehn Geboten und da steht das Wesentliche drin. Das heißt, wenn du ein Gebot nimmst wie: "Liebe deinen nächsten wie dich selbst", dann tu das gefälligst auch. Das heißt aber auch: Du musst dich selber lieben, damit du die anderen lieben kannst. Und das ist ein ganz schwieriges Kapitel. Mich selber lieben heißt nicht, mich zuschütten mit Zeugs, sondern mich akzeptieren als wertvolles Wesen in der Gesellschaft. Das bedeutet aber auch, den Anderen zu akzeptieren, ob ich ihn verstehe oder nicht, das spielt dabei überhaupt keine Rolle. Es auch akzeptieren zu können, wenn man einen anderen Menschen nicht verstehen kann, bringt eine wache und aufrechte Bescheidenheit mit sich. Keine Bescheidenheit im Sinne von: Gesengtem Kopf und ich bin so klein und nichts wert. Sondern ich bin überhaupt nicht klein; ich bin groß und wertvoll, aber ich bin nicht das Wichtigste auf der Welt. Und das wird manchmal vergessen. Ist diese Bescheidenheit auch Ihr Lebensmotto? Ja, absolut. Meine Lebenseinstellung ist die, dass man nicht das Zentrum der Welt ist, obwohl man jeder für sich ein Zentrum ist. Aber es gibt viele andere auch. Und es gibt wahnsinnig viel, was ich nicht weiß, was mich aber bereichern würde. Ich umgekehrt kann vielleicht für andere auch bereichernd sein, aber das kann ich nicht entscheiden. Also privat das krasse Gegenteil vom Serienarzt Dr. Schmidt, der ja ein große ein Angeber der übelsten Sorte ist. Sie sind seit gut 20 Jahren mit derselben Frau verheiratet, haben drei Kinder und wohnen in einem bescheidenen Häuschen in Stuttgart... Ich hab dieses Häuschen gemietet von einer schwäbischen Familie. Ich wohne gerne schön, aber was brauch ich große Hallen? Ich kann hier Freunde einladen, schöne Feste feiern, was will ich mehr? Ich brauch nicht zu denken, ich bin der Mittelpunkt der Welt, das bringt es nicht. Meine Familie ist mein Mittelpunkt. Die verbreitete Haltung: "Ich allein bin wichtig, alles andere um mich herum ist mir egal", das halte ich für fatal. Würden Sie sich als Christen bezeichnen? Ja. Was bedeutet für Sie Christ-Sein? Das ist im Wesentlichen der Umgang mit dem Anderen. Das man den Anderen so behandelt, wie man selber behandelt werden will. Das ist wieder das "Liebe den nächsten wie dich selbst". Findet im Moment nicht so viel statt in dieser Welt, weiß ich, es gelingt auch nicht immer. Es heißt nicht sich unterzuordnen, sondern dem anderen aufrecht gegenüberzutreten. Ganz egal ob es der Taxifahrer, der Metzger, der Professor, der Produzent oder sonst jemand ist, dass sind alles normale Leute. Und dass man sich nicht verleugnet als Mensch. Gehören Sie noch irgendeiner Konfession an? Mein Vater, der unter anderem evangelische Theologie studiert hat, hat uns Anfang der 1960er Jahre alle aus der Kirche rausgenommen, weil er sie nicht mehr ertragen konnte. Meine Frau ist katholisch, die Kinder sind alle katholisch getauft. Kirche ist irgendwie ein schwieriges Unterfangen. Speziell die katholische Kirche hat, glaube ich, versäumt Schritt zu halten mit dem, was in der Welt so passiert. Weil sie schon so lange da sind oder weil sie soviel Wissen und Macht haben und zum Teil auch, weil sie mit der Hälfte der Menschen nicht so genau wissen sollen, wie sie damit umgehen sollen, mit den Frauen nämlich. Und das gibt ein ganz schwaches Bild ab. Das wollen viele Leute eben nicht mehr mitmachen. Nicht weil sie rebellieren wollen, sondern weil sie sagen: "Das ist hoffnungslos veraltet, da können wir nicht mehr hingehen." Würden Sie sich abgesehen von der Kirche als gläubigen Menschen bezeichnen? Auf jeden Fall. An was glauben Sie? Gibt es einen Gott? Es gibt einen Gott, eine Instanz über uns. Ob Sie das jetzt Gott oder Allah oder Jahwe nennen ist egal, die ist größer als wir. Da passieren Sachen, die ich nicht verstehen kann und auch nicht verstehen werde. Das ist aber auch nicht schlimm. Was wir tun können ist, darauf vertrauen, dass die Sachen schon gut werden, wenn wir das verwirklichen, was wir mitbekommen haben. Das ist das, was wir tun können. Ob dass das Richtige ist, weiß ich nicht, kann ich auch nicht beurteilen, ist auch nicht mein Problem. Gehen Sie zur Kirche? Ganz selten. Wenn, dann in die evangelische oder mit meinen Schwiegereltern in die katholische Kirche, weil die regelmäßig in die katholische Kirche gehen. Ist Beten für Sie ein Thema? Es kommt drauf an, wie man das sieht. Manche sehen Beten so, dass man in die Kirche geht und sich an Gott direkt wendet, das ist eine Form. Sitzen und aufs Meer gucken ist eine andere Form. Und in der Beziehung tu ich das schon. Wenn ich ein Problem habe und nicht zu einer Lösung komme, aber weiß, dass etwas passieren muss, ich weiß nur nicht was, dann versuche ich einfach still zu halten und zu gucken, was passiert. Gibt's eine Bibelstelle, die Sie besonders fasziniert? Nein - es würde wahrscheinlich zehn finden, wenn ich mich drum kümmern würde, aber ich hab die Bibel sehr lang nicht in der Hand gehabt, muss ich zugeben. In der Schule natürlich oder wenn die Kinder getauft werden. Sie haben mir erzählt, dass Ihre Kinder katholisch getauft sind, Ihre Frau ist katholisch, gab es nie Stress, weil Sie jetzt ausgerechnet nicht in der Kirche verwurzelt sind? Nein, warum sollte es Stress geben? Könnte ja sein, dass sich da ein Spannungsfeld aufbaut, nach dem Motto: "Du bist nicht in der Kirche....schlechter Mensch"... Nein, meine Frau hat selber Probleme mit der katholischen Kirche. Da gab es nie was. Sie kommt selbst aus einem Elternhaus, das jeden anderen als das nimmt, was er ist. Er muss nicht in ihr Raster passen. Er muss weder katholisch sein, noch deutsch, noch weiß, noch sonst was. Wen die Kinder mit nach Hause bringen, den bringen sie mit. Das ist ein Gast. Vielleicht sogar ein Freund. Und daher war das nie ein Thema. "Du bist nicht in der katholischen Kirche mit dir kann ich nicht zu Mittag essen!" Was soll das? Wäre blöd. Sie sagten anlässlich Ihres Filmes "Das Herz des Priesters", dass Sie es gut fänden, dass man im christlichen Abendland der Kirche nicht entkommt. Warum? Weil das ein ganz wesentlicher Bestandteil unserer Kultur ist, der viele Hunderte von Jahren zurück geht. Dem man nicht dadurch entkommen kann, das man ihn ignoriert. Den kann man annehmen, versuchen möglichst viel daraus zu lernen, zu wissen, wie das alles zu Stande gekommen ist, damit man an der Weiterentwicklung teilhaben kann. Das ist so tief in unserer gesamten Gesellschaft verwurzelt. Wenn ich das nicht weiß, kapier ich einfach vieles nicht. Ich glaube, je mehr man sich damit befasst, desto offener wird man damit auch. Man lernt, die Stärken und Schwächen der Gesellschaft kennen. Man lernt, das es ganz andere Gesellschaftsentwürfe gibt als wir sie haben, die genauso gut sind und wir haben nicht das allein Selig machende. Ich weiß, dass das die katholische Kirche gerne behauptet, ich halt das für fatal. Ich halte das auch für fatal, wenn andere Religionsgemeinschaften das tun. Das ist unabhängig davon, ob das die westliche ist. Nun lebe ich hier und kenne das am besten. Aber ich weiß, dass die Toleranz untereinander und die Sicht, dass man sich nicht ganz so wichtig nimmt, das Leben sehr viel erträglicher machen würde. Was schätzen Sie denn besonders an der christlichen Kultur? Sie gibt den Menschen eine Art Sicherheit, wie man Leben kann und sollte. Manche Regeln gehen viel zu weit, aber in der Orientierungslosigkeit, in der wir als Menschen nun mal sind, brauchen wir einfach alle Regeln. Wir haben zwar Instinkte, aber die reichen nicht zum Überleben. Wir brauchen soziale Strukturen und Verhaltensweisen. Die christliche Kultur, wenn sie nicht zu sehr eingeengt worden wäre durch die Entwicklung innerhalb der Kirchen, ist gut. Weil sie von Respekt gegenüber den lebenden Wesen gekennzeichnet ist und das gefällt mir gut. Nun bin ich darin verfangen und bin folglich befangen, wenn man es genau nimmt. Aber wenn das in einer Weise gemacht wird, die nicht jemanden bevorzugt, oder die nicht dogmatisch wird, ist es eine gute Form. Welche christlichen Regeln gehen Ihnen zu weit? Dass Frauen keine Priester werden können in der katholischen Kirche, dass gleichgeschlechtliche Partnerschaften des Teufels sind und dass der Papst unfehlbar ist. Unfehlbar gibt's nur "oben" - wir sind nicht unfehlbar, keiner von uns. Das halte ich für ganz falsch. Das ist auch relativ neu in der katholischen Kirche, ich weiß auch nicht, warum die das nicht einfach kippen, das wäre überhaupt kein Problem. Die Regel ist gerade mal 160 Jahre alt, also für das Alter der katholischen Kirche gerade mal ein Augenblick. Alle diese Sachen, die die Entfaltung der Menschen behindern. Und dazu zählt auch die Institution der Ehe, die ja die einzig selig machende sein soll. Wenn man mit Ihnen spricht, dann merkt man, dass Sie nicht nur hohle Phrasen dreschen, sondern sich mit dem Thema auseinander gesetzt haben. Hat das auch damit zu tun, dass Ihr Onkel und Ihr Vater Theologie studiert haben? Sicher ist ein Bestandteil davon, dass die Auseinandersetzung mit der Religion in der Familie eine Rolle gespielt hat und dass mein Vater als Literaturprofessor auch viel damit zu tun hatte. Dass er klassische Musik mochte und dass wir viel, viel Bach gehört haben, was ja immer mit der Kirche zu tun hat. Ich hab das Glück gehabt in dieser Umgebung aufzuwachsen, wo das wichtig war. Sind Sie christlich erzogen worden? Ja, ich war ja allein sieben Jahre lang bei den Münchener Chorbuben, die ja fast ausschließlich in Kirchen aufgetreten sind, à capella, und viele, viele Oratorien und christliche Lieder gesungen haben, mit großem Vergnügen. Sie haben mal gesagt: "Meine Ehe ist mir heilig". Was bedeutet Ihnen das Wort "heilig"? Es fällt schwer ein anderen Wort dafür zu nehmen, damit man das erklären kann. Das ist etwas, das wird nicht angetastet. Nicht weil es unantastbar ist. Ich bin genauso ein normaler Mensch wie jeder andere auch, aber mir ist das so wichtig, dass alles andere eben nicht so wichtig ist wie das Funktionieren meiner Familie. Das ist auch dieses Fundament, das dazu gehört und das "Ja" gilt eben. Das ist nicht "Ja, vielleicht" oder "Ja, vorläufig" oder "mal sehen, ob es 'Ja' wird". Ja ist ja. Sie haben mal erzählt, als Sie in Afrika einen Film gedreht haben, dass man dort leichter und billiger einen Mensch mieten kann, als ein Auto. Das klingt kritisch und moralinlastig zugleich. Woher nehmen Sie all diese Moral, diese Werte? Das ist einfach die Art, wie mein Leben verlaufen ist, meine Schule, was mir sinn- und wertvoll erscheint. Ich bin einfach der Meinung, der Mensch ist mehr wert, als jegliches vom Menschen hergestellte Ding. Das ist genauso, wie ich es nicht verstehen kann, dass ein ganzes Land für Öl zerbombt wird, auch wenn behauptet wird, der Irak sei die jüngste Demokratie der Welt. Das ist gelogen. Eine Demokratie entsteht nicht durch eine Wahl, sondern durch eine Gesellschaft, die erst mal geformt werden muss. Das dauert Jahrzehnte. Aber das kapieren die da drüben nicht. Warum gehen Sie nicht in die Politik? Ich glaube, ich versteh nicht genug von den Strukturen. Ich sehe die Auswirkungen, die Ideen davor oder danach. Aber die Parteien und die Strukturen darin, die versteh ich nicht so ganz. Ich bin kein geborener Politiker, ich bin Schauspieler. Um noch mal auf den Glauben zurückzukommen: Häufig sagt man, dass man religiös wird, wenn der Tod kommt. Glauben Sie an ein ewiges Leben? Was kommt nach dem Tod? Ich hab keine Ahnung, wenn ich ehrlich bin. Ich weiß, dass wir mehr sind als die Materie aus der wir bestehen. Was dann passiert weiß ich nicht. Dass es nicht verloren geht ist auch sicher, weil in unserer Welt gar nichts verloren geht. Gläubig zu werden, wenn man es das ganze Leben lang nicht war, das ist auch ein bisschen Angst, weil man nicht weiß, was da passiert. Es ist auch ein guter Weg da drüber zu kommen, denn es trifft uns ja alle irgendwann. Der bessere Weg ist früher damit anzufangen, dass man weiß, dass es aufhört und das Leben jetzt zu leben. Wenn es vorbei ist, dann mit Freundlichkeit sagen zu können: "Jetzt ist vorbei, ich habe das getan, was ich konnte, anderes habe ich nicht getan, was ich gekonnt hätte". Das geht allen so, aber sich nicht zu verurteilen oder Schutz zu suchen, weil man es versemmelt hat. Man braucht keinen Schutz am Ende, wenn man gut gelebt hat und sich gut verwirklicht hat, es gut hingekriegt hat mit seinem Mitmenschen und mit sich selber. Ist es nicht eine Hoffnung, wenn man sagen kann: "Es geht danach weiter"? Es geht auf keinen Fall so weiter wie hier bei uns, was auch nicht schlimm ist. Ich kann mir sehr viele Welten vorstellen, die besser sind, als das, was wir hier haben. Ich glaube auch, der Urbewegungsgrund des Lebens ist die Veränderung. Wir verändern uns in etwas, was wir nicht wissen. Wir wissen ja auch nicht, was wir morgen sind. Wir wissen auch nicht, wie wir in fünf Jahren sind. Wir glauben es und wir leben danach. Aber wissen tun wir es nicht. Gut wäre, die Neugier zu behalten auf das was kommt. Dann hängt man nicht zu sehr am Alten. Und dieses Festhalten an dem Alten ist ein Problem, das sehen wir jetzt wieder bei reaktionären Politikern wie z.B. in Bayern. Das Aufhalten der Zeit geht nicht, das geht nur mit Zwang und Gewalt und das ist nicht gut. Ihre älteste Tochter ging auf eine katholische Mädchenschule, die jüngste Tochter geht immer noch dahin. Warum? Ich wollte zunächst, dass meine älteste Tochter auf eine andere Schule geht als mein Sohn, damit die nicht immer miteinander verglichen werden. Wir haben verschiedene Schulen angeschaut, als es dann in der vierten Klasse soweit war und die katholische Schule hat ihr am besten gefallen. Dann haben wir mit der Oberschwester gesprochen und alles, was sie erzählt hat, da dachte ich - wunderbar, wie die das machen. Sie sagte: "Unser Ziel ist es, dass wir aus den Mädchen möglichst starke Frauen machen, wenn sie dann die Schule verlassen." Und eins war ganz besonders toll, natürlich auch, weil ich da beruflich befangen bin. Sie sagte: "Bei uns wird Theater gespielt. Und zwar nicht nur, weil wir wissen, dass Theaterspielen pädagogisch sinnvoll ist, sondern weil wir erfahren haben, dass es eine ganze Reihe Mädchen gibt, die erst wenn sie Theater spielen, frei werden, zu dem was sie eigentlich sind." Sie wissen auch nicht genau, was raus kommt, aber sie wissen, dass das die Mädchen unglaublich befördern kann. Sie sagte auch, dass es Mädchen gibt, die nur Abitur machen konnten, weil sie früher Theater gespielt haben. Die hätten es nicht geschafft sonst. Bei mir hat die Oberschwester damit natürlich offene Türen eingerannt und ich sagte zu meiner Tochter: " Super, da musst du hingehen." Sie wollte es aber auch selbst. Die Große ist da aber mittlerweile nicht mehr, sie hat wegen der Sprachenfolge die Schule gewechselt. Die Kleine ist da noch, weil es eine schöne Schule ist, weil dort viel Musik gemacht wird und weil sie ungestört ihre Sachen lernen kann ohne von besserwisserischen Jungs dabei aufgehalten zu werden. Und sie treffen Jungs, dass ist nicht das Problem. Was hat Ihnen der kirchliche Charakter dieser Schule bedeutet? Wenn es eine Klosterschule im eigentlichen Sinne mit sehr engen Regeln gewesen wäre, wären wir da nicht hingegangen. Der kirchliche Charakter an sich, verbunden mit dem wie sie das sehen, also ganz weit vorausdenkend und großzügig im Menschlichen und wissend, was man den Mädchen als Rüstzeug mitgeben kann - das bedeutet auch dass die Kobra [ein Verein zur Beratung, Therapie und Prävention bei sexueller Gewalt oder sexuellen Übergriffen an Kindern und Jugendlichen] damals Aufklärungsarbeit an einer katholischen Schule leisten konnte. Da hab ich gedacht: Leute, was Besseres kann es doch gar nicht geben. Und weil sie eine Sicht haben, was sie für die Mädchen tun wollen. Und nicht sagen: "Ihr lernt da möglichst viel und das passt dann auch." Sondern, die Mädchen sollen viel lernen und die sollen auch menschlich gebildet werden. Und das, was die da durchgeführt haben, das finde ich sehr bemerkenswert. Ich bin froh, dass die Mädchen dort hingehen bzw. hingegangen sind. Sie engagieren sich ja auch für diese Schule. Die wollen gerade ein Haus in Assisi kaufen und Sie halten da um die Weihnachtszeit herum eine Lesung. Das ist richtig. Ich weiß nicht sicher, ob es zu Stande kommt, wenn ja, dann bin ich natürlich dabei. Ich werde eine Geschichte lesen und andere werden musizieren und gemeinsam werden wir versuchen, möglichst viel Geld zu sammeln, damit dieses Haus zu Stande kommt. Das ist ein guter Ort. Ich halte jegliche Form von Meditation, von Gebet, die nicht mit Zwang herausgefordert wird, für gut. Was bedeutet Ihnen das soziale Engagement der Kirchen, das ja auch in diesem Haus in gewisser Weise zum Ausdruck kommt? Wenn wir das soziale Engagement der Kirchen im Bereich der Bekämpfung der Armut, des Umgangs mit Obdachlosen, Krankenversorgung und auch dem Betreiben von Krankenhäuser nicht hätten, sähe es sehr viel schlechter aus in der Gesellschaft. Hingegen halte ich die Abschaffung der Schwangeren-Beratung in der katholischen Kirche für einen großen Fehler. Durch Ihre Rollen in Fernsehserien sind Sie sehr populär geworden, bei allem was ich über Sie gelesen habe haben Sie nicht einmal auch nur annäherungsweise sich selbst in den Mittelpunkt gestellt. Ich stelle es mir schwierig vor, auf dem Boden zu bleiben, wenn ich gleich nach Autogrammen gefragt würde, wenn ich auf die Straße gehe... Manche Leute mögen, was ich mache. Sie kennen aber nur meine Rollen, aber nicht den Menschen. Wenn mich Leute ansprechen, dann wollen sie ein Autogramm oder ein Kompliment loswerden. Wenn es mir schlecht geht, oder ich nicht gut drauf bin, warum sollte ich dann Leute anpflaumen, das geht doch nicht. Dann muss ich eben weg bleiben. Ein Teil des Fernsehdaseins ist es, bei den Leuten im Wohnzimmer zu sein. Das mich die Leute kennen, gehört halt einfach dazu. © 2005 KiP Radio Stuttgart; Marc Weyrich (noch mal ganz herzlichen Dank!!) |