| Wickerts (NDR, 04.09.05) |
| Ulrich Wickert: [Zu Gast sind Jürgen Trittin
(Bundesumweltminster), Susanne Birkenstock (Unternehmerin), Hermann Otto
Solms (Finanzpolitischer Sprecher der FDP)] und der Schauspieler und Grimme-Preisträger
Walter Sittler. Er findet es wichtig, als Bürger Stellung zu beziehen
und macht deshalb bei der Aktion "Promis für Schröder"
mit. Guten Morgen, Herr Sittler. Walter: Guten Morgen, Herr Wickert. [....] U. Wickert: Herr Sittler, Sie sind Schauspieler. Sie haben also sozusagen die Kunst gelernt, eine andere Person zu verkörpern. |
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| Walter: So, dass es die anderen glauben, das ist wichtig. U. Wickert: Wie ist Ihrer Meinung nach... Haben Sie das letzte Duell gesehen? Walter: Nein. Da war ich leider in Südafrika. Hab aber gewählt. Briefwahl. U. Wickert: Sehr gut. Aber wenn Sie Politiker im Fernsehen sehen, glauben Sie, dass man sich verstellen kann in einem Duell? |
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Walter: (überlegt kurz) Ich glaube, Politiker
sind - wie fast alle Menschen - in bestimmten Bereichen auch Schauspieler.
Das müssen sie sein, weil sie Rollen spielen. Der eine muss Bundeskanzler
sein und wenn das die Funktion ist, die er am besten kann, dann wird er
am überzeugendsten sein. Wenn das eine Funktion ist, die er eigentlich
nicht ausfüllen kann, wird es nicht wirklich funktionieren. Und ich glaube, wir alle spielen im Leben verschiedene Rollen. Man ist Ehemann oder Ehefrau oder Partner. Man ist Moderator, man ist Bundesumweltminister, man ist finanzpolitischer Sprecher. Man hat verschiedene Rollen zu spielen und so beobachte ich die Leute auch. Die Rolle funktioniert aber nur dann, wenn sie in der Person selber geerdet ist. Wenn sie einen Teil dieser Person darstellt, dann funktioniert es. |
| [....]
Besteht bei einem TV Duell nicht die Gefahr, dass es mehr um die Personen geht und weniger um die Sachthemen? |
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| Walter: [....] Aber weil die Zahlen so kompliziert
sind, muss man sie einer Person oder einer Gruppe von Personen zuordnen
können. Auch emotional. Das ist einfach ein wichtiger Bestandteil.
Das ist vielleicht irrational und ich verstehe sehr wohl, dass Sie [Herr
Solms] sagen: "Am liebsten wäre mir reine Sachlichkeit."
Die ist aber nicht zu haben, weil wir dafür letztlich auch viele Zusammenhänge
gar nicht wirklich verstehen. Das müssen wir auch gar nicht, dafür
haben wir Sie Politiker ja. Und insofern finde ich es nicht gefährlich und die Art des Duells, wie wir es haben... Ich finde das Wort "Duell" auch ein bisschen hochgehängt, wir haben da vier Moderatoren, es ist alles sehr begrenzt. Und sie werden beide versuchen, nicht ihre Person in den Vordergrund zu stellen, sondern ihre politschen Positionen. Insofern sehe ich da kein Problem. |
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Wenn es sich eh immer mehr auf die beiden großen Parteien konzentriert: Brauchen wir die kleinen Parteien überhaupt? Walter: Die Politik ist ja Ausdruck dessen, was in der Gesellschaft auch stattfindet. Insofern brauchen wir die kleinen Parteien, weil es eine ganze Reihe von Menschen gibt, die gerne die FDP wollen, die Bündnis 90/Die Grünen wollen und offenbar auch die WASG, von der ich nicht besonders viel weiß im Moment, weil die noch so neu sind. Die [von der WASG] wollen eh nicht regieren, insofern ist das kein Problem. Nein, wir brauchen die [kleinen Parteien] unbedingt, natürlich. |
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U.Wickert weist darauf hin, dass es in Länder mit Mehrheitswahlrecht
nur zwei große Parteien und somit immer nur eine Regierungspartei
gibt, die dann auch ohne Rücksicht auf Koalitionspartner effektiver
ihr Programm umsetzen kann. Beispiel USA... [....] |
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H.O. Solms versucht mit dem Hinweis auf die neue besseren
(Steuer)Konzepte der FDP / CDU zu punkten...
Walter: Aber das Wesentliche für den Bürger, für
mich zum Beispiel, sind die Grundlagen. Aus welchen Grundlagen oder von
mir aus auch philosophischen Überlegungen treffen Sie überhaupt
Entscheidungen? Wie ist das Menschenbild, das Sie haben? Wie ist das Gesellschaftsbild,
das Sie haben? Das alle Parteien haben. |
| [....] | |
| Walter: Wir diskutieren immer alle möglichen
Einzelheiten und man denkt: "Hedgefonds... Verstehe ich das wirklich?"
Normalerweise versteht man es nicht. Man muss den Menschen glauben, die
das sagen, also den Politikern oder den Finanzexperten. Was ich verstehe
ist: Ist die Politik auf das Wohlbefinden und das Glück der Bürger
ausgerichtet oder nicht? Und darum geht es mir. Und natürlich möchte ich nicht, dass ausländische Investoren das Geld aus Deutschland abziehen. Aber das ist gar nicht das Problem, sondern [es geht um die Frage]: Kümmert sich die Politik darum, dass die Mehrheit - und das sind Mittel- bis Geringverdienende - die Chancen haben in dieser Gesellschaft zu leben, dass ihre Kinder studieren können, dass sie sich weiterentwickeln können oder nicht. Und die andere Frage ist: Wie ist es mit der Friedenspolitik? Ohne wirkliche Friedenspolitik ist die gesamte andere Politik sinnlos. Und wenn Sie das nicht rüberbringen oder das nicht auch wirklich wahr machen, dann interessiert mich das andere auch nicht. |
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[....] Walter: Was ich glaube, was ein bisschen unter die Räder gekommen ist, ist auch die Lust an der Verantwortung in der Gesellschaft. Und ich bin der Auffassung: Wer mehr hat, muss auch mehr zahlen. Ich rede jetzt von mir als Privatmensch, nicht von Unternehmern. Wenn ich viel verdiene, muss ich viel zahlen. Wenn ich viel verdiene, muss ich auch für die Gesundheitsversorgung mehr zahlen. Und wenn ein Staat wie der unsrige nicht in der Lage ist, jedem eine gute Gesundheitsversorgung zu bieten, dann haben wir versagt, weil das ein ganz zentraler Bestandteil unseres Lebens ist. Und da sind die Konzepte, die es gibt, einfach katastrophal im Moment, so geht das nicht. |
| H.O. Solms: 10% der Einkommenssteuerpflichtigen, also
das sind die Höchstverdienenden, zahlen über 50% des Steueraufkommens.
Walter: Das ist ganz normal, die verdienen aber auch 80% des Einkommens. [....] |
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| Walter: Das kommt auf die verschiedenen Bereiche der
Politik an. In der Unternehmenspolitik sagt der normaler Bürger: "Was
weiß denn ich? Ich verstehe das sowieso nicht." Ich verstehe das im Sinn der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit bzw. die Erleichterung der Zeit, die man in der Arbeitslosigkeit ist. Welche Angebote werden mir von meinem Staat gemacht und welche werde von den Arbeitgebern gemacht. Die machen ja auch welche, ist ja nicht so, dass sie nix tun. Es ist in der Gesundheitspolitik. Bin ich geschützt? Bin ich nicht geschützt? Was passiert, wenn mein Leben aus eigenem Verschulden oder aus Fremdverschulden auseinanderfällt? Da sind sie einigermaßen nah dran, aber nicht genug. Denn, wenn in Deutschland vier oder fünf Millionen Kinder unterhalb der Armutsgrenze lebe, finde ich das eigentlich nicht auszuhalten. Und die haben keine Lobby, das stimmt und ich weiß aber, dass die Politik versucht, sich drum zu kümmern. Aber das sind die Punkte wo ich sage: Das sehe ich in meinem Umfeld. Mich betrifft es nicht, ich verdiene gut, mir gehts gut, ich bin privilegiert. Aber da sehe ich die Alleingelassenen, auch in der Gesundheitspolitik Alleingelassenen. |
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| [....] U. Wickert: Sie engagieren sich ja hier in diesem Wahlkampf für Gerhard Schröder. Sind Sie der Meinung der Bürger muss sich mehr politisch engagieren? |
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Walter: (überlegt kurz) Ja! Er muss sich selber mehr politisch engagieren. Und die Politik muss klarer verständlich machen, was sie in der Gesellschaft wirklich will. Nicht die einzelnen Verordnungen. Dass die Politiker das durchführen können, das glaube ich ihnen. Ich glaube auch, dass die Unternehmer Unternehmen führen können, das will ich doch gar nicht bestreiten. Aber wir müssen wissen, in welche Richtung wir gehen wollen. Wollen wir dass jeder Bürger in diesem Land eine Krankenversicherung hat, entweder selber bezahlt oder vom Staat bezahlt? Und wir müssen so was haben, sonst geht die Solidarität unter und ohne Solidarität funktionieren Ihre ganzen Unternehmen nicht. Es muss eine Solidargemeinschaft sein. Denn die Bürger, die ich kenne, die wollen ja arbeiten. Die wollen ihr eigenes Leben gestalten, die wollen auch dafür bezahlen, die wollen nicht alles geschenkt bekommen, das stimmt doch gar nicht. Dass es ein paar gibt, die das ausnutzen werden, das ist logisch, das ist immer so. Das muss man aber als Demokratie ertragen können. Wir können das auch ertragen, wir sind dafür stark genug. |
| [....] Am Ende mussten alle Gäste noch einen Tipp abgeben, wie es am 18. September ausgeht. Walter und Jürgen Trittin glauben weiterhin an rot-grün, Susanne Birkenstock und Hermann Otto Solms sind davon überzeugt, dass es schwarz-gelb werden wird. © 2005 NDR |
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