"Ein Fremdgänger mit Heimatliebe"
(Stuttgarter Zeitung, 08.09.00)
 
Es ist vorbei, bye-bye. Wir sehen eine Szene, die sich schon oft abgespielt hat und die sich in immer neuen Versionen wiederholt. Ein Mann macht mit einer Frau Schluss. Schon sagt er gar nichts mehr, will nur noch das Unvermeidliche schnell hinter sich bringen. Die Verlassene streichelt ihm ein letztes Mal die Wange, schluchzt - und schreit unvermittelt: "Nein! Ich hänge!''
Cut! Die Schauspielerin Christiane Klann, eben noch mit fachgerechter Leidensmiene, grinst wie nach 'nem Schülerstreich. Die Szene muss noch mal gedreht werden. Diesmal wegen ihrer Textlücke, zuvor war's ein Martinshorn. Vor der Zahnarztpraxis in der Landhausstraße jubelt wenig später Regisseur Gabriel Barylli dann doch, als sei er dem Zahnarztstuhl ungebohrt entsprungen: "Astrein! Astrein!''

"Eine große Liebe'', so heißt der ZDF-Zweiteiler, der bis Mitte Oktober in Stuttgart gedreht wird. Die große Liebe war's aus männlicher Sicht wohl nicht, die eben auseinander gegangen ist. Zahnarzt will nichts mehr mit Zahnarzthelferin haben. Beim Dreh schauen echte Zahnarzthelferinnen zu - und sie wissen, worum es hier geht. Eine sagt, sie kenne drei Kolleginnen von anderen Praxen, die mal was mit dem Chef hatten. "Das ist noch nie gut gegangen!''
So weit scheint die Story also zu stimmen, die der Österreicher Barylli, Wohnort Ibiza, mit der Hamburger Produktionsfirma Objektiv in Stuttgart in Szene setzt. Warum gerade Stuttgart? Der Hauptdarsteller hat's so gewollt! Hier lebt Grimme-Preisträger Walter Sittler mit Frau und drei Kindern am Waldrand von Vaihingen. 1988 war er mit Schauspieldirektor Jürgen Bosse ans Staatstheater gekommen, als Hoteldirektor gelang ihm dann in der ZDF-Serie "Girlfriends'' der Fernsehdurchbruch als Frauenschwarm.

Bisher musste er für die Kameras immer in die Fremde gehen zum Lieben und Leiden. "Doch nun durfte ich einen Wunsch äußern'', sagt Sittler. Denn die Idee für die Zahnarztliebe stammt von ihm. Barylli schrieb im Nu einen Zweiteiler daraus. Und Sittler darf nun jeden Abend zu seiner Familie nach Hause. "Was für ein Genuss!'' Sein erstes Exposé? "Zumindest das erste, das ich aus der Hand gegeben habe.''
Es ist die Geschichte eines Mannes, der sich mit dem Leben arrangiert hat, aber nicht glücklich damit ist. Seine Frau betrügt ihn mit dem Golflehrer, er betrügt sie mit der Arzthelferin. Dann trifft der Zahnarzt doch noch seine große Liebe - eine italienische Kellnerin, die in ihr Heimatdorf bei Rom zurück muss. Und unser liebender Held lässt alles zurück, all seinen Besitz und seine Sicherheit - und eilt nach Italien.

Wenn es nach Sittler geht, würde er aber öfter in Stuttgart bleiben und hier drehen. "Wir haben doch wunderbare Kulissen.'' Davon überzeugt der TV-Beau gerade das Produktionsteam, das sich in Stuttgart wohl zu fühlen scheint. Ob da womöglich die Liebe zu einem neuen Drehort erwacht?

© 2000 Stuttgarter Nachrichten